»Ja«, sagt sie, »ich habe von ihm gehört. Hin und wieder. Ich möchte nicht, dass es zynisch klingt, Detective, aber es war meistens, wenn er Ärger hatte oder Geld brauchte. Umstände, die in seinem Fall — möge sein Name zum Segen sein — oft gemeinsam auftraten.«
»Wann war das letzte Mal?«
»Früher im Jahr. Im Frühling. Ja, jetzt weiß ich wieder, dass es der Tag vor Erew Pessach war.«
»Im April also. So um —«
Madame Rudashevsky holt ein schickes Masik-Shoyfer hervor, drückt auf mehrere Tasten und nennt das Datum des Tages vor dem ersten Abend von Pessach. Ein wenig überrascht stellt Landsman fest, dass es ebenfalls der letzte vollständige Tag im Leben seiner Schwester war.
»Von wo aus rief er an?«
»Vielleicht aus einem Krankenhaus. Ich weiß es nicht. Ich konnte eine Ansage hören, einen Lautsprecher im Hintergrund. Mendel sagte, er würde untertauchen. Er müsse eine Weile fort, er würde nicht anrufen können. Er bat mich, Geld an einen Briefkasten in Povorotny zu schicken, den er manchmal benutzte.«
»Hörte es sich an, als hätte er Angst?«
Der Schleier zittert wie ein Theatervorhang, die Bewegungen dahinter bleiben verborgen. Langsam nickt Mrs. Shpilman.
»Hat er gesagt, warum er untertauchen müsse? Hat er gesagt, er würde verfolgt?«
»Ich glaube nicht. Nein. Nur dass er Geld brauchte und verschwinden würde.«
»Und das war’s.«
»Soweit ich weiß — nein. Ich habe ihn gefragt, ob er etwas gegessen hätte. Manchmal … vergessen sie zu essen.«
»Ich weiß.«
»Und er sagte, keine Sorge, meinte er, ich hab gerade ein riesengroßes Stück Kirschkuchen gegessen.«
»Kuchen«, wiederholt Landsman. »Kirschkuchen.«
»Sagt Ihnen das etwas?«
»Man weiß nie«, sagt er, aber er spürt, wie sein Brustkorb unter seinem hämmernden Herzen vibriert.
»Mrs. Shpilman, Sie haben gerade erzählt, Sie hörten im Hintergrund eine Ansage. Halten Sie es für möglich, dass er von einem Flughafen aus anrief?«
»Jetzt, wo Sie fragen: ja.«
Das Auto wird langsamer und hält an. Landsman rückt vor und blickt durch das geschwärzte Glas. Sie stehen vor dem Hotel Zamenhof. Mrs. Shpilman fährt ihr Fenster mit einem Schalter herunter, und der graue Nachmittag weht in den Wagen. Sie hebt den Schleier und späht die Hotelfassade hinauf. Lange betrachtet sie das Gebäude. Zwei kaputte Kerle, Alkoholiker, schwanken aus der Hotellobby, halten einander umschlungen, ein menschliches Bollwerk gegen den Regen. Landsman hielt den einen mal davon ab, versehentlich dem anderen in den Hosenaufschlag zu pinkeln. Sie führen eine kleine Tanznummer mit einem Zeitungsblatt und dem Wind auf, dann taumeln sie weiter in die Nacht, zwei verbrannte Motten. Die Königin von Verbov Island lässt ihren Schleier wieder hinunter und fährt die Scheibe hoch. Landsman spürt die vorwurfsvollen Fragen durch den schwarzen Stoff brennen. Wie kann er in so einem Drecksloch leben? Warum hat er nicht besser auf ihren Sohn aufgepasst?
»Woher wissen Sie, dass ich hier wohne?«, fällt ihm plötzlich ein. »Ihr Schwiegersohn?«
»Nein, Detective, der hat mir das nicht erzählt. Ich habe es von dem anderen Detective Landsman erfahren. Mit dem Sie verheiratet waren.«
»Sie hat Ihnen von mir erzählt?«
»Sie rief heute an. Vor vielen Jahren hatten wir einmal Probleme mit einem Mann, der Frauen verletzte. Ein sehr böser Mann, ein kranker Mann. Das war damals in Harkavy, auf der S. Ansky Street. Die Frauen, die verletzt worden waren, wollten nicht mit der Polizei sprechen. Ihre Exfrau hat mir damals sehr geholfen, ich stehe immer noch in ihrer Schuld. Sie ist eine gute Frau. Eine gute Polizistin.«
»Zweifellos.«
»Sie gab mir zu verstehen, dass es nicht völlig falsch wäre, Ihnen ein wenig zu vertrauen, falls Sie zufällig vorbeikommen sollten.«
»Das war lieb von ihr«, sagt Landsman völlig aufrichtig.
»Sie hat in höheren Tönen von Ihnen gesprochen, als ich mir vorgestellt hätte.«
»Wie Sie schon sagten, Ma’am: Sie ist eine gute Frau.«
»Trotzdem haben Sie sie verlassen.«
»Nicht weil sie eine gute Frau ist.«
»Sondern weil Sie ein schlechter Mann sind?«
»Ich denke schon«, sagt Landsman. »Sie war nur zu höflich, das zu sagen.«
»Es ist viele Jahre her«, sagt Mrs. Shpilman. »Aber so wie ich mich erinnere, ist Höflichkeit nicht unbedingt eine große Stärke dieser speziellen Jüdin.«
Sie betätigt den Knopf, der die Verriegelung aufhebt. Landsman schiebt die Tür auf und steigt aus der Limousine.
»Ich bin jedenfalls froh, dass ich dieses grässliche Hotel noch nicht kannte, sonst hätte ich Sie niemals in meine Nähe gelassen.«
»Es ist nicht viel«, sagt Landsman, und der Regen prasselt auf seinen Hut. »Aber es ist mein Zuhause.«
»Nein, ist es nicht«, sagt Batsheva Shpilman. »Aber es macht es bestimmt einfacher für Sie, sich das vorzustellen.«