40.

In dem Moment, als Litvak seinen Stift ablegt, hört man draußen einen Tumult: ein halber Fluch, zerbrechendes Glas, schnaubender Atem. Dann kommt Berko Shemets in das Schlafzimmer spaziert. Den Kopf des kleinen Gold hat er unter den Arm geklemmt wie einen schönen Braten, den Rest von Gold schleift er hinter sich her. Die Absätze des Gannefs pflügen tiefe Furchen in den Teppich. Berko schlägt die Tür hinter sich zu. Er hat seine Scholem hervorgeholt, die wie eine Kompassnadel auf den magnetischen Norden von Alter Litvak zeigt. Auf Berkos Jagdhemd und seiner Jeans ist das Blut von Hertz. Berkos Hut ist so weit nach hinten geschoben, dass sein Gesicht aussieht, als würde es nur aus Brauen und dem Weiß der Pupillen bestehen. Der Kopf von Gold funkelt mehrdeutig in Berkos Armbeuge.

»Du sollst Blut und Eiter scheißen«, psalmodiert Gold. »Du sollst die Krätze kriegen wie Hiob.«

Berkos Pistole schwingt herum, um einen Blick auf das Hirn des jungen Jid in seinem zerbrechlichen Behältnis zu werfen. Gold hört auf zu zappeln, und die Waffe führt ihre einäugige Inspektion von Alter Litvaks Brust fort.

»Berko«, sagt Landsman. »Was soll der Wahnsinn?«

Berko hebt seinen Blick wie eine schwere Last und schaut Landsman an. Er öffnet die Lippen, schließt sie, zieht Luft ein. Er scheint etwas Wichtiges von sich geben zu wollen, einen Namen, einen Zauberspruch, eine Gleichung, die die Zeit dehnen oder die Fäden der Welt entwirren kann. Oder vielleicht versucht er einfach zu verhindern, dass er selbst entwirrt wird.

»Dieser Jid«, sagt er, und dann mit weicher, etwas rauer Stimme: »Meine Mutter.«

Vielleicht hat Landsman einmal ein Foto von Laurie Jo Bear gesehen. Es gelingt ihm, eine undeutliche Erinnerung an einen gekämmten schwarzen Pony, eine rosafarbene Brille und ein durchtriebenes Grinsen heraufzubeschwören. Aber eigentlich ist die Frau für ihn weniger als ein Geist. Früher erzählte Berko Geschichten über das Leben im Indianerland. Über Basketball, Robbenjagd, Betrunkene und Verwandte, Willie-Dick-Geschichten, die Geschichte von einem Menschenohr auf dem Tisch. Landsman kann sich an keine Geschichten über Berkos Mutter erinnern. Wahrscheinlich hat er schon immer geahnt, dass Berko einen hohen Preis dafür gezahlt hat, sich derart von innen nach außen zu kehren, für diese heroische Vergessensleistung. Landsman hat sich bloß nie die Mühe gemacht, sich das als Verlust vorzustellen. Ein blinder Fleck der Phantasie, bei einem Schammes eine größere Sünde, als ohne Deckung in eine Drogenhöhle zu gehen. Vielleicht ist es auch dieselbe Sünde, nur in einer anderen Form.

»Auf jeden Fall«, sagt Landsman und macht einen Schritt auf seinen Kollegen zu. »Ein schlimmer Typ. Eine Kugel wert.«

»Du hast zwei kleine Söhne, Berko«, sagt Bina mit unglaublich flacher Stimme. »Du hast Ester-Malke. Du hast eine Zukunft, die du nicht wegwerfen solltest.«

»Hat er nicht«, sagt Gold oder versucht es zumindest. Berko drückt noch etwas fester zu, und Gold würgt, versucht sich zu drehen, um mit den Füßen Halt zu finden.

Litvak kritzelt etwas hinten in seinen Block, ohne den Blick von Berko abzuwenden.

»Was ist?«, sagt Berko. »Was hat er gesagt?«

Kein Jude hat hier Zukunft

»Ja, ja«, sagt Landsman. »Das wissen wir schon.«

Er nimmt Litvak Stift und Block ab. Er schlägt die letzte Seite um und schreibt auf Englisch SEI KEIN IDIOT! DU FÜHRST DICH AUF WIE ICH! hinein. Dann reißt er das Blatt heraus und wirft Litvak wieder Block und Stift zu. Den Zettel hält er Berko vors Gesicht, damit der ihn lesen kann. Das Argument ist ziemlich überzeugend. Berko lässt Gold los, als der Jid gerade anfängt, blau anzulaufen. Gold fällt zu Boden, ringt nach Luft. Die Pistole in Berkos Faust schwankt.

»Er hat deine Schwester getötet, Meyer.«

»Das weiß ich noch nicht«, sagt Landsman. Er dreht sich zu Litvak um. »Stimmt das?«

Litvak schüttelt den Kopf und beginnt, etwas in seinen Block zu schreiben, doch bevor er es beenden kann, brandet im Vorzimmer lauter Jubel auf. Das aufrichtige, aber aufgesetzte Geheul junger Männer, die etwas Tolles im Fernsehen sehen. Vielleicht ist ein Tor gefallen. Das Bikinioberteil einer Beachvolleyballerin verrutscht. Einen Augenblick später hört Landsman das Echo der Hochrufe, die Geräusche werden durch das offene Fenster wie mit dem Wind aus der Ferne herangetragen, von Harkavy, dem Nachtasyl. Litvak lächelt nur und legt Block und Stift mit einer sonderbaren Endgültigkeit zur Seite, als habe er nichts mehr zu sagen. Als ob seine Beichte lediglich zu diesem Moment führen sollte, ja, nur durch ihn ermöglicht wurde. Gold kriecht zur Tür, zieht sie auf, kommt schwankend auf die Füße und taumelt ins Vorzimmer. Bina geht zu Berko und streckt die Hand aus. Nach einer Weile legt Berko die Waffe in ihre Hand.

Im vorderen Zimmer des Penthouse hüpfen die jungen Gläubigen in ihren Anzügen auf und ab und fallen sich in die Arme. Die Jarmulkes rutschen ihnen vom Kopf. Ihre Gesichter glänzen vor Tränen.

Auf dem großen Fernsehbildschirm kann Landsman den ersten Blick auf ein Bild werfen, das bald auf jeder Titelseite jedweder Zeitung der Welt Furore machen wird.

In der ganzen Stadt wird es von frommen Händen ausgeschnitten und an Haustüren und Fenster geklebt werden. Die Menschen werden es einrahmen und hinter ihre Ladentheke hängen. Unweigerlich wird irgendein kleiner Gauner daraus ein großes Poster machen, 60 x 90: Der Hügel in Jerusalem, voller Häuser und Gassen. Das breite leere Tafelland aus Pflastersteinen. Der zerklüftete Kiefer verkohlter Zähne. Die herrliche Fahne schwarzen Rauchs. Und darunter in blauen Lettern die Legende: ENDLICH! Diese Poster werden beim Schreibwarenhändler für einen Preis zwischen zehn und 12,95 Dollar verkauft werden.

»Gütiger Gott. Was machen die da? Was haben die gemacht?«

Vieles an dem Bild auf der Fernsehmattscheibe bestürzt Landsman, aber am bestürzendsten findet er, dass die Juden von Sitka Einfluss auf ein achttausend Meilen entferntes Objekt genommen haben. Das scheint ihm ein grundlegendes Gesetz der emotionalen Physik zu verletzen. Die Raumzeit in Sitka ist ein gekrümmtes Phänomen; ein Jid mag in jede Richtung greifen, so weit er kann, am Ende klopft er doch nur sich selbst auf den Rücken.

»Was war mit Mendel?«, fragt er.

»Ich nehme an, sie waren schon zu weit, um es noch aufhalten zu können«, sagt Bina. »Ich nehme an, sie haben einfach ohne ihn weitergemacht.«

Es ist grotesk, aber aus irgendeinem Grund findet Landsman das schade für Mendel. Alles und jeder wird von jetzt an ohne ihn weitermachen.

Einige Minuten steht Bina da und sieht zu, wie die Jungs sich freuen. Sie hat die Arme verschränkt, ihr Gesicht ist ausdruckslos, nur in ihren Augenwinkeln ist Leben.

Binas Blick erinnert Landsman an die Verlobungsfeier einer ihrer Freundinnen, an der sie vor vielen Jahren teilnahmen. Die zukünftige Braut heiratete einen Mexikaner, und aus Spaß hatte die Feier das Motto Cinco de Mayo. Im Garten hatte man einen Pinguin aus Pappmache in einen Baum gehängt. Den Kindern wurden die Augen verbunden, dann wurden sie, bewaffnet mit einem Stock, losgeschickt, um den Pinguin so lange zu schlagen, bis er auseinanderbrach. Voller Grausamkeit hieben die Kinder auf den Vogel ein, dann regnete es Süßigkeiten. Es waren Unmengen eingepackter Toffees, Pfefferminz- und Karamellbonbons, Süßigkeiten, wie sie eine Großtante zuverlässigerweise aus der staubigen Falte ihrer Handtasche kramt. Doch als die Bonbons vom Himmel fielen, tanzten die Kinder mit bestialischer Freude. Und Bina stand da und beobachtete sie mit verschränkten Armen und einer Falte in den Augenwinkeln.

Sie reicht Berko seine Scholem zurück und zieht ihre eigene aus dem Holster.

»Schnauze!«, ruft sie, und dann auf Englisch: »Haltet euren beschissenen Mund!«

Einige der jungen Männer haben ihr Shoyfer hervorgeholt und versuchen, jemanden anzurufen, aber das versucht wohl gerade jeder in Sitka. Sie zeigen sich gegenseitig die Fehlermeldungen auf ihren Displays. Das Netz ist überlastet. Bina geht zum Fernseher und tritt gegen das Kabel. Der Stecker reißt aus der Wand. Der Fernseher erlischt.

Dunkler Treibstoff scheint aus den Tanks der jungen Männer zu sickern, als der Fernseher ausgeht.

»Sie sind verhaftet«, sagt Bina liebenswürdig, da sie nun die Aufmerksamkeit aller hat. »Da rüber und die Hände an die Wand. Meyer!«

Landsman tastet die Männer ab, einen nach dem anderen, hockt zu ihren Füßen wie ein Schneider, der die Beinlänge misst. Bei den sechs Personen an der Wand sammelt er acht Handfeuerwaffen und zwei teure Jagdmesser ein. Hat er einen durchsucht, befiehlt er ihm, sich hinzusetzen. Seine dritte Inspektion fördert die Beretta zutage, die Berko ihm lieh, bevor Landsman nach Yakovy aufbrach. Er hält sie hoch, damit Berko sich freut.

»Die kleine Süße«, sagt Berko mit vorgehaltener Scholem.

Als Landsman fertig ist, nehmen die jungen Gläubigen Platz: drei auf der Couch, zwei in den Sesseln und einer auf einem Stuhl, der aus einer Nische gezogen wurde. Auf einmal sehen sie jung und verloren aus, wie sie so dasitzen. Sie sind Kümmerlinge. Zurückgelassene. Alle drehen sich mit gerötetem Gesicht gemeinsam zu Litvaks Schlafzimmertür um, warten auf Anweisungen. Die Tür ist geschlossen. Bina öffnet sie und stößt sie dann mit dem Fuß weit auf. Volle fünf Sekunden steht sie da und schaut hinein.

»Meyer. Berko.«

Das Rollo klappert im Wind. Die Badezimmertür steht auf, das Badezimmer ist dunkel. Alter Litvak ist nicht mehr da.

Sie sehen im Wandschrank nach. Sie sehen in der Dusche nach. Bina geht zu dem klappernden Rollo und reißt es hoch. Die Glasschiebetür ist weit genug geöffnet, um einen Eindringling oder einen Ausbrecher durchzulassen. Sie gehen hinaus aufs Dach und schauen sich um. Sie suchen hinter der Klimaanlage, neben dem Wasserreservoir und unter einer Plane, die einen Stapel Klappstühle trocken hält. Sie spähen über das Gesims. Auf dem Parkplatz ist kein zersprungenes Porträt von Litvak in Öl zu sehen. Sie gehen zurück in die Wohnung auf dem Dach des Blackpool.

Mitten auf dem Bett liegen Litvaks Stift und Block sowie ein abgenutztes metallgraues Zippo. Landsman greift zu dem Block, um die letzten Worte zu lesen, die Litvak schrieb, bevor er ihn zur Seite legte.

Ich habe sie nicht getötet Sie war so ein guter Kerl

»Sie haben ihn rausgeschmuggelt«, sagt Bina. »Diese Schweine. Seine Schweinefreunde von der Army.«

Bina ruft die Männer unten am Hoteleingang an. Keiner von ihnen hat jemanden gehen sehen oder etwas Ungewöhnliches bemerkt, zum Beispiel ein Kommando rußgeschwärzter Krieger, die sich von einem Hubschrauber abseilen.

»Bastards!«, sagt sie erneut, jetzt auf Englisch und mit größerer Schärfe. »Diese verwichsten, bibelhörigen Hurensöhne!«

»Aber, aber, meine Dame!«

»Hoho, immer mit der Ruhe, Ma’am.«

Amerikaner in Anzügen, mehrere, zu viele und zu nah beisammen, als dass Landsman sie korrekt zählen könnte, sagen wir sechs, stehen Schulter an Schulter in der Tür zum Vorzimmer. Wohlgenährte große Männer, die ihre Arbeit lieben. Einer trägt einen schmissigen olivgrünen Staubmantel und ein entschuldigendes Grinsen unter seinem goldweißen Haar. Ohne den Pinguin-Pulli hätte Landsman ihn fast nicht wiedererkannt.

»Gut«, sagt der Mann, der Cashdollar sein muss. »Versuchen wir uns mal alle zu beruhigen.«

»FBI«, sagt Berko.

»So ungefähr«, sagt Cashdollar.

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