31.

Landsman erwacht aus einem Traum, in dem er sein rechtes Ohr in die Propellerblätter einer Cessna 206 hält. Er reckt sich unter einer feuchtkalten, nicht angeschlossenen Heizdecke in einem Zimmer, das nicht viel größer ist als das Feldbett, auf dem er ausgestreckt liegt. Mit einem vorsichtigen Finger betastet er seinen Kopf. Wo Fligler ihn ursprünglich bewusstlos schlug, ist die Haut geschwollen und feucht. Seine linke Schulter tut ebenfalls höllisch weh.

Durch das schmale Fenster über dem Feldbett lässt ein Rollo aus Metallrippen das enttäuschte Grau eines Novembernachmittags in Südostalaska sickern. Es ist weniger ein hereinsickerndes Licht als vielmehr ein Lichtrückstand, ein Tag, der von der Erinnerung an die Sonne gequält wird.

Landsman versucht, sich aufzusetzen, und stellt fest, dass seine Schulter derart stark schmerzt, weil jemand so freundlich war, sein linkes Handgelenk an ein Metallbein des Bettrahmens zu ketten. Im Schlaf hat Landsman den Arm über den Kopf gerissen und seine Schulter durch Herumwerfen und -wälzen mit einer brutalen Methode chiropraktisch bearbeitet. Dieselbe freundliche Seele, die ihn ankettete, war zuvorkommend genug, seine Hose, sein Hemd und seine Jacke zu entfernen, sodass er, wieder einmal, nicht mehr als ein Mann in Unterhose ist.

Am Kopfende kommt er auf die Füße. Dann schiebt er sich rückwärts von der Matratze, damit er so kauern kann, dass sich der linke Arm in einem natürlicheren Winkel befindet. Die gefesselte Hand ruht auf dem Boden. Der Boden ist aus gelbem Linoleum, es hat die Farbe eines gebrauchten Zigarettenfilters und ist so kalt wie das Stethoskop eines Arztes. Es wartet mit einer umfangreichen Sammlung von Wollmäusen, perückenähnlichen Staubflocken und einer schwarzen Sichel toter Kriebelmücken auf. Die Wände bestehen aus Hohlziegeln, die in einem schweren, hochglänzenden Zahnpastablau gestrichen wurden. An der Wand direkt neben Landsmans Kopf hat eine vertraute Hand in dem Mörtel zwischen zwei Hohlziegeln eine kleine Botschaft für ihn hinterlassen: HAFTZELLE GESTIFTET VON NEAL UND RISA NUDELMAN, SHORT HILLS, NEW JERSEY. Er möchte lachen, aber beim Anblick der drolligen Buchstaben seiner Schwester an diesem Ort richten sich seine Nackenhaare auf.

Abgesehen vom Bett ist der einzige weitere Gegenstand ein Mülleimer aus Metall in der Ecke hinter der Tür. Er ist für Kinder, blau und gelb, darauf tollt ein Comichund über eine Gänseblümchenwiese. Lange starrt Landsman den Mülleimer an, denkt an nichts, denkt an Kindermüll und Comichunde. Zum Beispiel an das mulmige Gefühl, das Pluto immer in ihm auslöste, ein Hund in Besitz einer Maus, tagtäglich konfrontiert mit dem grausam mutierten Goofy. Ein unsichtbares Gas umwölkt Landsmans Gedanken, Abgase von einem Bus, der mit laufendem Motor mitten in seinem Hirn parkt.

Er kauert noch eine weitere Minute oder länger neben dem Bett, sammelt sich wie ein Bettler, der auf dem Bürgersteig verstreute Münzen aufklaubt. Dann schleppt er das Feldbett zur Tür und setzt sich darauf. Mit nackten Fersen tritt er gegen die Tür, systematisch und unkontrolliert zugleich. Es ist eine hohle Stahltür, die beim Dagegentreten ein donnerndes Geräusch erzeugt. Anfangs ist es erfreulich, aber die Freude verblasst schnell. Als Nächstes versucht es Landsman mit dem wiederholten lauten Ruf: »Hilfe, ich habe mich geschnitten und verblute!« Er schreit, bis er heiser ist, und tritt, bis seine Füße pochen.

Irgendwann ist er des Tretens und Schreiens müde. Er muss urinieren. Dringend. Er betrachtet den Mülleimer, dann die Tür. Vielleicht ist es der Rest des Medikaments in seinem Blut oder der Hass, den er auf dieses winzige Zimmer verspürt, in dem seine Schwester ihre letzte Nacht auf Erden verbrachte, der Hass auf diese Männer, die ihn nackt darin anketteten. Vielleicht hat sein wütendes Geschrei ihn tatsächlich wütend gemacht. Aber die Vorstellung, in einen Mülleimer von Shnapish dem Hund pinkeln zu müssen, macht Landsman sauer.

Er schleppt das Bett zum Fenster und drückt die klappernden Jalousienstäbe zur Seite. Die Fensterscheibe ist aus geriffeltem Glas. Eine wellenförmige, grüngraue Welt in einem schweren Metallrahmen. Irgendwann — vielleicht noch vor Kurzem — gab es einen Riegel, aber seine zuvorkommenden Gastgeber haben ihn entfernt. Jetzt ist das Fenster nur noch auf eine Art zu öffnen. Landsman geht zum Mülleimer und zieht das Bett dabei hinter sich her wie ein handliches Symbol. Er hebt den Mülleimer hoch, zielt und schleudert ihn gegen das geriffelte Glas. Der Eimer prallt ab, fliegt zu Landsman zurück und trifft ihn mitten auf der Stirn. Kurz darauf schmeckt er zum zweiten Mal an diesem Tag Blut, das ihm die Wange hinunter in den Mundwinkel rinnt.

»Shnapish, du Sau«, sagt er.

Er schiebt das Bett durch das Zimmer zur langen Wand und kippt mit der freien Hand die Matratze aus dem Rahmen. Er lehnt sie an die gegenüberliegende Wand. Dann ergreift er den nun nackten Bettrahmen an beiden Enden, drückt die Knie durch und hievt ihn hoch. Kurz steht er so da, den klapprigen Rahmen parallel zum Körper. Er schwankt unter dem unerwarteten Gewicht, das gar nicht so groß ist, aber seine Kraft dennoch strapaziert. Er macht einen Schritt zurück, senkt den Kopf und schleudert den Rahmen durch das Fenster. Nebel und grüner Rasen platzen in Landsmans geblendeten Blick. Bäume, Krähen, sirrende Hornissen zerbrochenen Glases, das gewehrlaufgraue Wasser der Meerenge, ein strahlend weißes, rot abgesetztes Schwimmflugzeug. Dann reißt sich der Bettrahmen von Landsman los und springt durch die klaffenden gläsernen Fangzähne hinaus in den Morgen.

Als Schulkind hatte Landsman immer gute Noten in Physik. Newton’sche Mechanik, Körper in Ruhe und in Bewegung, Aktion und Reaktion, Schwerkraft und Masse. Physik ergab mehr Sinn als alles andere, was man Landsman je beizubringen versuchte. Beispielsweise die Vorstellung von Triebkraft, die Neigung eines in Bewegung befindlichen Körpers, in Bewegung zu bleiben. Daher sollte Landsman eigentlich nicht allzu überrascht sein, als der Bettrahmen sich nicht damit begnügt, das Fenster zu zerschmettern. Heftig reißt er an Landsmans Schulter, reißt sie fast aus dem Gelenk, und wieder wird er von dem namenlosen Gefühl ergriffen, das ihn beim Einstieg in Mrs. Shpilmans fahrende Limousine befiel: Die plötzliche Erkenntnis, wie eine umgekehrte Satori-Erfahrung, dass er einen schlimmen, wenn nicht gar tödlichen Fehler begangen hat.

Landsmans Glück ist: Er landet in einem Schneehaufen. Es ist eine hartnäckige Stelle, tief im Schatten auf der Nordseite der Wohnheime oder Kaserne versteckt. Der einzig sichtbare Schnee der gesamten Anlage, und Landsman fällt mitten hinein. Seine Kiefer knallen aufeinander, und jeder Zahn lässt seinen eigenen reinen Ton erklingen, derweil Landsmans Hintern auf dem Erdboden auftrifft und mit Landsmans Knochen sein Newton’sches Spiel veranstaltet.

Er hebt den Kopf aus dem Schnee. Kalte Luft streicht ihm über den Nacken. Zum ersten Mal, seit er sich in die Luft schwang, stellt er fest, dass er friert. Er richtet sich auf, noch immer summt sein Kiefer. Sein Rücken ist vom Schnee gezeichnet wie von den Striemen einer Stacheldrahtpeitsche. Unter dem Gewicht des Bettrahmens taumelt und wankt Landsman nach links. Der Rahmen lädt ihn ein, sich wieder zu ihm in den Schnee zu setzen. Darin zu versinken, den schmerzenden Kopf in den sauberen kalten Schneehaufen zu stecken. Die Augen zu schließen. Loszulassen.

In eben diesem Moment vernimmt Landsman das weiche Scharren von Sohlen, die um die Ecke des Gebäudes kommen, zwei Gummisohlen, die die Spuren ihres eigenen Voranschreitens ausradieren. Ein fehlerhafter Gang, das Hoppeln und Schlurfen eines hinkenden Mannes. Wieder ergreift Landsman den Bettrahmen und hievt ihn empor, dann drückt er sich mit dem Rücken gegen die schindelbedeckte Seite des Wohnheims. Als er einen Wanderstiefel und den Tweedaufschlag von Fliglers Hosenbein sieht, schleudert er den Rahmen von sich. Als Fligler um die Ecke biegt, trifft ihn die Metallkante des Rahmens mitten ins Gesicht. Eine Hand roten Blutes spreizt ihre Finger über seine Wangen und Stirn. Sein Gehstock schnellt in die Höhe und trifft mit einem Marimbaton auf dem Pflaster auf. Als traue sich der Bettrahmen nicht ohne seinen besten Freund, zerrt er Landsman hinter sich her. Der Geruch von Fliglers Blut erfüllt Landsmans Nase. Er rappelt sich auf und entwindet mit seiner freien Hand die Scholem Fliglers schlaffen Fingern.

Er hebt die Automatik und erwägt, den am Boden liegenden Mann mit schwarzer Bereitwilligkeit zu erschießen. Dann schweift sein Blick zum Haupthaus hinüber, hundertfünfzig Meter weiter. Dunkle Gestalten bewegen sich hinter den Terrassentüren. Sie stoßen sie auf, und die o-lippigen Visagen von großen jungen Jids in Anzügen füllen die Türrahmen. Landsman beneidet sie um ihre jugendliche Fähigkeit des Staunens, hebt aber dennoch die Pistole in ihre Richtung. Sie ducken sich und ziehen sich zurück, wodurch ein großer, schlanker, hellhaariger Mann ins Blickfeld gerät. Der Neuankömmling, frisch aus dem Bauch seines strahlend weißen Wasserflugzeugs. Sein Haar ist wirklich auffällig, wie ein Sonnenstrahl auf einer Metallplatte. Pinguin-Pullover, weite Kordhose. Kurz runzelt der Mann im Pinguin-Pullover die Stirn und schaut verwirrt drein. Dann zerrt ihn jemand von der Tür fort, weil Landsman ihn anvisiert.

Die Handschelle schneidet in Landsmans Handgelenk, sie ist so scharf, dass sie seine Haut abscheuert. Er überlegt es sich anders und zielt mit der Pistole auf seinen linken Arm. Vorsichtig gibt er einen einzigen Schuss ab, und die Handschelle löst sich, baumelt an seinem Gelenk. Mit leichtem Bedauern stellt Landsman den Bettrahmen ab, als sei es der Körper eines wichtigtuerischen, aber loyalen Faktotums, das den Landsmans treue Dienste erwiesen hat. Dann macht er sich auf in Richtung Wald, steuert auf eine Lücke zwischen den Bäumen zu. Es müssen mindestens zwanzig gesunde junge Juden hinter ihm her sein. Sie schreien, fluchen, erteilen Befehle. In der ersten Minute rechnet er damit, den verzweigten Blitz eines Schusses in seinem Hirn zu sehen und im langsamen Donnergrollen niederzusinken. Aber es geschieht nichts; es gab wohl Anweisung, nicht zu schießen.

Das Letzte, was er will, ist irgendeine Schweinerei.

Landsman stellt fest, dass er über einen Feldweg läuft, akkurat angelegt und gut gepflegt, gesäumt von roten Reflektoren an Metallstäben. Er erinnert sich an den fernen Streifen Grüns, den er aus der Luft erblickte, hinter dem Wald, betupft mit Schneehaufen. Er nimmt an, dass dieser Weg dorthin führt. Irgendwohin muss er ja führen.

Landsman läuft durch den Wald. Auf dem Weg liegen Tannennadeln, sie dämpfen den Aufprall seiner nackten Fersen. Fast kann er sehen, wie die Wärme aus seinem Körper weicht, wie er sie in schimmernden Wellen hinter sich herzieht. Hinten im Mund hat er einen Geschmack, der dem Geruch von Fliglers Blut ähnelt. Die Glieder der zerschossenen Kette baumeln klirrend an der Handschelle. Irgendwo hämmert sich ein Baumspecht die Seele aus dem Leib. Landsmans Seele ist ebenfalls schwer beschäftigt, will aus diesen Männern und ihren Angelegenheiten schlau werden. Aus diesem verkrüppelten Professorentyp, dessen TEC-9 Landsman jetzt bei sich trägt. Aus dem Arzt mit der Betonstirn. Aus den verlassenen Zimmern in den Wohnheimen. Aus dieser Besserungsanstalt, die keine ist. Aus den strammen Jungs auf dem Gelände, die ungeduldig mit den Hufen scharren. Aus dem goldenen Mann im Pinguin-Pulli, der keine Schweinerei will.

Derweil ist ein anderer Teil seines Hirns mit der Einschätzung der Außentemperatur beschäftigt — circa zwei, drei Grad — und macht dann weiter mit der Berechnung oder dem Abruf von Tabellen mit Zeitangaben, die Landsman einmal gesehen haben mag, wie lange es dauert, bis ein jüdischer Polizist in Unterhose an Unterkühlung stirbt. Doch die kommandoführenden Zellen seines großen ruinierten Organs, betäubt und verwirrt, befehlen ihm zu laufen, einfach nur weiterzulaufen.

Abrupt endet der Wald, und Landsman steht vor einem Maschinenschuppen, graues Stahlblech, keine Fenster, gewelltes Plastikdach. Ein skrotales Paar Propangastanks drückt sich an die Außenwand des Gebäudes. Der Wind ist hier noch schneidender, Landsman spürt ihn wie kochend heißes Wasser auf der Haut. Er läuft auf die andere Seite des Schuppens, der am Rand einer kahlen, mit Stroh bedeckten Fläche steht. Weit in der Ferne löst sich ein Streifen grünen Grases im wabernden Nebel auf. Ein Kiesweg führt entlang dem nackten Strohfeld vom Schuppen weg. Fünfzig Meter weiter gabelt sich der Weg. Ein Zinken führt nach Osten, auf den Grünstreifen zu. Der andere verläuft geradeaus und verschwindet zwischen dunklen Bäumen. Landsman dreht sich wieder zum Schuppen um. An der Seite ist ein großes Rolltor. Donnernd schiebt Landsman es auf. In Einzelteile zerlegte Kühler, kryptische Maschinenteile, eine mit arabischen Schriftzeichen aus schwarzen Gummischläuchen bedeckte Wand. Und direkt neben dem Tor dieser kleine dreirädrige elektrische Wagen namens Zumzum (nach Mobiltelefonen der Marke Shoyfer der zweitgrößte Exportartikel des Distrikts). Dieses Gefährt verfügt über eine Ladefläche, die wiederum von einem Ring schlammbeschmierten schwarzen Gummis umgeben ist. Landsman klettert hinters Lenkrad. So kalt sein Hintern und der vom Yukon herüberwehende Wind auch sind — der Vinylsitz des Zumzums ist noch kälter. Landsman drückt auf den Startknopf. Er tritt auf das Pedal, und mit einem Bumm und einem Surren des Differenzialgetriebes geht es los. Er rumpelt hoch bis zu der Weggabelung und kann sich nicht entscheiden zwischen dem Wald und dem heiteren grünen Band, das wie ein Versprechen von Friedlichkeit im Nebel verschwindet. Dann drückt er das Pedal durch.

Kurz bevor er die Tannen erreicht, schaut er sich um und sieht, dass die Jids von Peril Strait ihm auf den Fersen sind. Ein großer schwarzer Ford Caudillo rast um den Lagerschuppen, dass der Kies nur so spritzt. Landsman hat keine Ahnung, woher das Auto gekommen ist oder wie es überhaupt hierhergelangte; aus der Luft hat er keine Wagen gesehen. Es ist fünfhundert Meter hinter Landsmans Zumzum und holt schnell auf.

Im Wald weicht der Schotter einem schlichten Pfad, der vorbeihuscht an hübschen Sitka-Fichten, erhaben und verschwiegen. Während Landsman dahinsurrt, erblickt er einen hohen Maschendrahtzaun zwischen den Tannen, gekrönt von bunt blitzenden Stacheldrahtlocken. Der Maschendraht ist mit grünen Plastikstäben durchwoben. An einigen Stellen sind Lücken im grünen Gewebe des Zauns.

Durch diese Schlitze erhascht Landsman einen Blick auf eine weitere Metallblechhütte, eine Lichtung, Pfähle, Querbalken, verflochtene Kabel. Ein großer Rahmen, in den ein Gepäcknetzgespinst gespannt ist, geschwollene Stacheldrahtspulen, Schaukeln. Es könnte eine sportliche Einrichtung sein, ein therapeutischer Spielplatz für genesende Menschen. Na klar, und die Leute in dem Caudillo wollen Landsman nur seine Hose bringen.

Der schwarze Wagen ist jetzt keine zweihundert Meter mehr entfernt. Der Passagier auf dem Beifahrersitz lässt die Fensterscheibe hinunter und klettert heraus, setzt sich in die Tür. Mit einer Hand hält er sich an der Dachreling fest. Die andere Hand, beobachtet Landsman, ist damit beschäftigt, eine Feuerwaffe zu betätigen. Sie gehört einem lieblichen, jungen, bärtigen Mann mit kurzem Haar, der einen schwarzen Anzug und eine nüchterne Krawatte trägt wie Roboy. Er nimmt sich Zeit mit dem Schuss, rechnet die schwindende Entfernung ein. Um seine Hand herum erblüht ein Blitz, und dann explodiert das kleine Zumzum mit einem Knall in einem Regen aus Fiberglassplittern. Landsman stößt einen Schrei aus und nimmt den Fuß vom Gaspedal. So viel zum Thema »keine Schweinerei«.

Drei oder fünf Meter trägt ihn der Schwung noch rumpelnd weiter, dann ist Schluss. Der junge Mann im Fenster des Caudillo hebt den Schussarm und nimmt sich kurz Zeit, um die Wirkung seines Schusses zu prüfen. Das gezackte Loch in der Fiberglaskarosserie des Zumzums enttäuscht den armen Kerl wahrscheinlich ein wenig. Aber er wird sich freuen, dass sein bewegliches Ziel jetzt stehen geblieben ist. Der nächste Schuss wird deutlich einfacher sein. Der Junge lässt seinen Arm fast ostentativ, fast grausam geduldig und langsam wieder sinken. In seiner Sorgfalt und seinem sparsamen Umgang mit Patronen erkennt Landsman das Gütesiegel harter Ausbildung und das sportliche Verständnis von Ewigkeit.

Kapitulation entrollt sich um Landsmans Herz wie der Schatten einer Flagge. Er kann dem Caudillo nicht entkommen, nicht in einem zerschossenen Zumzum, das an einem guten Tag maximal fünfundzwanzig Stundenkilometer gemacht hat. Eine warme Decke, vielleicht eine heiße Tasse Tee — das erscheint Landsman jetzt die angemessene Entschädigung für sein Versagen. Der Caudillo schießt auf ihn zu und kommt in einer Gischt von Tannennadeln zum Stehen. Drei Türen schwingen auf, drei Männer steigen aus, schwerfällige junge Jids in schlecht sitzenden Anzügen und meteoritenschwarzen Schuhen. Sie richten ihre Automatikwaffen auf Landsman. Die Pistolen scheinen in ihren Händen zu summen, als seien sie wilde Tiere oder als sei ein Kreisel in ihnen verborgen. Die Schützen können sie kaum noch bändigen. Harte Kerle mit fliegenden Schlipsen und sauber getrimmten Bärten und kleinen Jarmulkes, gehäkelten Untertassen.

Die hintere Tür auf Landsmans Seite bleibt fest verschlossen, aber dahinter macht er den Umriss einer vierten Person aus. Die harten Kerle mit den ernsten Frisuren und den einheitlichen Anzügen nähern sich Landsman. Er steht auf und dreht sich mit erhobenen Händen um.

»Ihr seid Klone, stimmt’s?«, sagte er zu den dreien, die ihn umringen. »Am Schluss sind es immer Klone.«

»Shut up«, sagt der harte Kerl, der ihm am Nächsten ist, und Landsman will ihm gerade beipflichten, als er ein Geräusch hört. Es klingt, als würde etwas Faseriges und gleichzeitig Glitschiges langsam entzweigerissen. In der Zeit, die er braucht, um in den Augen der harten Kerle zu erkennen, dass auch sie es hören, wird das Geräusch eindringlicher und schwillt zu einem steten Klatschen an, wie ein Blatt Papier in einem Ventilator. Das Geräusch wird lauter und differenzierter. Wird zum trockenen Husten eines alten Mannes. Zu einem schweren Schraubenschlüssel, der auf einen kalten Betonboden scheppert. Zu den Blähungen eines im Wohnzimmer aufgeblasenen und dann losgelassenen Luftballons, der eine Lampe umwirft. Durch die Tannen hindurch erscheint ein kleines Licht, taumelnd und torkelnd wie eine Hummel, und plötzlich weiß Landsman, was das ist.

»Dick«, sagt er nur, nicht ohne Verwunderung, und erschaudert bis auf die Knochen. Das Licht stammt von einer alten Sechsvoltleuchte, nicht stärker als eine große Taschenlampe, schwach flackernd in der Düsternis des Tannenwalds. Der das Licht zu der Gruppe von Juden treibende Motor ist ein Zweizylinder, eine Spezialanfertigung. Man hört die Federn in der Vordergabel, die jeden Stoß im Boden abfangen.

»Das Arschloch«, murmelt einer der harten Kerle. »Mit seinem verfluchten Spielzeugmotorrad.«

Landsman hat verschiedene Geschichten über Inspector Willie Dick und sein Motorrad gehört. Manche sagen, es sei eine Spezialanfertigung für einen ausgewachsenen Millionär aus Bombay mit einem besonders kleinen Körperbau gewesen, andere behaupten, es sei ursprünglich dem Prinzen von Wales zum dreizehnten Geburtstag geschenkt worden, und wieder andere verbreiten, es habe einst einem waghalsigen Draufgänger in einem Zirkusdorf unten in Texas oder Alabama oder an einem ähnlich exotischen Ort gehört. Auf den ersten Blick ist es eine übliche Royal Enfield Crusader aus dem Jahr 1961, Metallgrau im Sonnenlicht, die herrlichen Chromteile aufwendig restauriert. Man muss sich auf die Maschine setzen oder sie neben einem normal großen Motorrad sehen, um zu erkennen, dass sie in Zweidrittelmaßstab gebaut ist. Willie Dick ist zwar ausgewachsen und siebenunddreißig Jahre alt, aber nur ein Meter achtunddreißig groß.

Er rattert am Zumzum vorbei, hält quietschend an und lässt den ältlichen britischen Motor ersterben. Dann steigt er ab und stolziert auf Landsman zu.

»Was soll der Scheiß?«, sagt er und zieht dabei die Handschuhe aus, schwarze Lederhandschuhe von der Art, wie sie Max von Sydow tragen könnte, wenn er Erwin Rommel spielt. Im Gegensatz zu Dicks jungenhafter Gestalt ist seine Stimme erstaunlich volltönend und tief. Er beschreibt einen langsamen, abschätzenden Kreis um die Blume des jüdischen Gesetzesvollzugs. »Detective Meyer Landsman!« Dann wendet er sich den harten Kerlen zu, inspiziert demonstrativ ihre Härte. »Meine Herren.«

»Inspector Dick«, sagt derjenige, der Landsman befahl, den Mund zu halten. Er hat eine verstohlene, gefeilte Knastattitüde, eine zu einem Ausbruchswerkzeug geschliffene Zahnbürste. »Was führt Sie in unsere abgelegene Ecke?«

»Bei allem Respekt, Mr. Gold — so heißen Sie doch, oder? Ja —, das hier ist verdammt nochmal meine abgelegene Ecke.« Dick tritt aus der Gruppe um Landsman. Er schaut ins Auto, um einen Blick auf die dunkle Gestalt zu werfen, die im Caudillo sitzt und alles beobachtet. Landsman ist sich nicht sicher, aber derjenige, der da sitzt, scheint nicht groß genug für Roboy oder den goldenen Mann im Pinguin-Pulli zu sein. Ein zusammengekauerter kleiner Schatten, heimlichtuerisch und wachsam. »Ich war vor euch hier, und ich bin noch hier, wenn ihr Jids längst wieder weg seid.«

Detective Inspector Wilfred Dick ist ein Vollblut-Tlingit, ein Nachfahre von Chief Dick, der für das letzte Todesopfer in der Geschichte der Beziehungen zwischen Russen und Tlingit verantwortlich war. Er gab einen tödlichen Schuss auf einen übriggebliebenen, halb verhungerten russischen U-Boot-Matrosen ab, den er 1948 dabei erwischte, wie er in der Stag Bay seine Krabbenkörbe plünderte. Willie Dick ist verheiratet und hat neun Kinder mit seiner ersten und einzigen Frau, die Landsman noch nie gesehen hat. Natürlich ist sie angeblich eine Riesin. 1993 oder ’94 schloss Dick das Schlittenhunderennen von Iditarod erfolgreich ab, kam als neunter von siebenundvierzig Teilnehmern ins Ziel. Er hat einen Doktor in Kriminologie von der Gonzaga University in Spokane, Washington. Dicks erste Amtshandlung als erwachsener Mann seines Stammes war, mit einem alten Bostoner Walfänger von seinem Dorf in Stag Bay zum Präsidium der Stammespolizei in Angoon zu fahren, um den Superintendenten dort zu überzeugen, in seinem Fall die minimal erforderliche Größe für Polizeibeamte abzusenken. Die Geschichten, wie er das erreichte, sind verleumderisch, obszön, unglaubhaft oder eine Kombination dieser drei Adjektive. Willie Dick besitzt alle bekannten schlechten Eigenschaften von sehr kleinen, sehr intelligenten Männern: Er ist eitel, überheblich, krankhaft ehrgeizig und hat ein gutes Gedächtnis für Unrecht und Kränkung. Gleichzeitig ist er ehrlich, hartnäckig und furchtlos, und er schuldet Landsman einen Gefallen; Dick hat auch ein gutes Gedächtnis für Gefallen.

»Ich versuche mir vorzustellen, was ihr verrückten Hebräer im Schilde führt, aber jede meiner kleinen Theorien ist beschissener als die nächste«, sagt er.

»Der Mann ist Patient bei uns«, sagt Gold. »Er wollte nur ein bisschen früher gehen, mehr nicht.«

»Deshalb wollten Sie ihn erschießen«, sagt Dick. »Das sind ja vielleicht heftige Therapiemethoden, Jungs. Verdammt! Strikt nach Freud, was?«

Er dreht sich wieder zu Landsman um und mustert ihn von oben bis unten. Dicks dunkles Gesicht ist auf gewisse Weise schön, er hat leidenschaftliche Augen, die aus der Deckung einer klugen Stirn operieren, dazu ein Grübchen am Kinn und eine gerade, gleichmäßige Nase. Als Landsman Dick zum letzten Mal sah, musste der Tlingit mehrmals eine Lesebrille aus der Hemdtasche holen und aufsetzen. Jetzt hat er dem Alter nachgegeben und Gefallen gefunden an einem schicken italienischen Modell aus gebürstetem schwarzem Metall, eine Brille, wie sie alternde britische Rockgitarristen gerne in nachdenklichen Interviews zur Schau stellen. Er trägt eine steife schwarze Jeans, schwarze Cowboystiefel und ein rot-schwarz kariertes Hemd mit offenem Kragen. Über seinen Schultern trägt er, wie immer, eine Art Kurzmantel, festgezurrt mit einem geflochtenen Rohledergürtel, der aus dem Fell eines von ihm selbst gejagten und erlegten Bären gefertigt wurde. Er ist ein affektierter Mensch, dieser Willie Dick — er raucht schwarze Zigaretten —, aber er ist ein guter Kriminalbeamter.

»Herrgott nochmal, Landsman. Du siehst aus wie der Schweinefötus, den ich mal eingelegt in einem Glas gesehen hab.«

Mit den Fingern einer Hand löst er den Flechtgürtel und streift den Mantel ab. Dann wirft er ihn Landsman zu. Im ersten Moment ist er kalt wie Stahl auf Landsmans Haut, dann herrlich warm. Dick behält das höhnische Grinsen bei, löscht aber in Landsmans Interesse — nur er kann es sehen — jede Spur von Humor aus seinem Blick.

»Ich hab mit deiner Exfrau gesprochen«, sagt er, fast im Flüsterton. Es ist die Stimme, mit der er Verdächtige bedroht und Zeugen einschüchtert. »Nachdem ich deine Nachricht bekommen habe. Du hast weniger Recht, hier zu sein, als eine blinde afrikanische Strandratte, Landsman.« Dick hebt fast theatralisch die Stimme. »Detective Landsman, was, habe ich gesagt, würde ich mit Ihrem jüdischen Arsch tun, wenn ich Sie noch einmal dabei erwische, wie Sie unbekleidet im Indianerland herumlaufen?«

»W-weiß ich nicht mehr«, sagt Landsman, ergriffen von einem heftigen Zittern der Dankbarkeit und der Hilflosigkeit. »Sie h-haben so viel gesagt.«

Nun geht Dick zum Caudillo hinüber und klopft an die Tür, als wolle er eintreten. Die Tür öffnet sich, und Dick unterhält sich mit gesenkter Stimme mit demjenigen, der im Wagen sitzt und es warm hat. Nach einer Weile kommt Dick zurück und sagt zu Gold: »Der Verantwortliche will Sie sprechen.«

Gold geht um die offene Tür herum, um mit dem Verantwortlichen zu sprechen. Als er zurückkommt, sieht er aus, als seien seine Nebenhöhlen durch die Ohren herausgezogen worden und als sei Landsman schuld daran. Er nickt Dick zu, einmal.

»Detective Landsman«, sagt Dick. »Es tut mir verdammt leid, aber ich muss Sie verhaften.«

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