Eine Brosche aus Gras, ein an das Schlüsselbein eines Berges geheftetes grünes Abzeichen auf einem weiten schwarzen Mantel aus Tannen. In der Mitte der Lichtung steht ein runder Brunnen, um den speichenförmig ein halbes Dutzend in braune Schindeln gekleidete Gebäude gruppiert sind, verbunden durch Pfade und getrennt durch wattierte Rasen- und Kiesflächen. Am hinteren Ende ein Spielfeld, abgekreidet für Fußball, umrundet von einer ovalen Laufbahn. Das Ganze hat die Atmosphäre eines Internats, einer hinterwäldlerischen Akademie für ungeratene Söhne aus besseren Kreisen. Ein halbes Dutzend Männer in kurzen Hosen und Sweatshirts kreist über die Laufbahn. Andere sitzen oder liegen ausgestreckt auf dem Rasen, dehnen sich vor dem Training, Arme und Beine im Winkel auf dem Boden. Ein über ein grünes Blatt verstreutes Alphabet junger Männer. Als das Flugzeug über dem Spielfeld eine Tragfläche senkt, richten sich die Kapuzen der Sweatshirts wie die Mündungen einer Flugabwehrkanone auf seinen Rumpf. Von oben ist es schwer zu sehen, aber nach Landsmans Urteil dehnen diese Männer ihre blassen langen Beine und bewegen sich, als wären sie jung und bei hervorragender Gesundheit. Ein weiterer Mann in einem dunklen Overall kommt aus den Falten des Waldes. Er verfolgt den Flug der Cessna. Den rechten Arm im Ellenbogen angewinkelt und gegen das Gesicht gedrückt, gibt er den Ruf aus: Wir haben Gesellschaft. Hinter den Wäldern erhascht Landsman ein Flackern fernen Grüns, ein Dach, vereinzelte weiße Klumpen, die auch Schneehaufen sein können.
Kitka zieht das Flugzeug mit einem Schaudern, einem Rasseln und einem Stöhnen herum, dann fallen sie urplötzlich vom Himmel, danach nur noch langsam, und schließlich treffen sie mit einem letzten Klatschen auf dem Wasser auf. Vielleicht war es Landsman, der gestöhnt hat.
»Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde«, sagt Kitka, als er den Lycoming-Motor in Leerlauf schaltet und die beiden ihre eigenen Gedanken hören können. »Aber sechshundert Dollar scheinen mir doch nicht genug zu sein.«
Eine halbe Stunde hinter Yakovy beschloss Landsman, den gemeinsamen Flug durch eine wohlüberlegte Gabe Erbrochenes zu würzen. Die Kabine wurde von einem Geruch nach zwanzig Jahre altem, fauligem Elchfleisch und Landsman von Gewissensbissen gepeinigt, seinen nach Naomis Tod abgelegten Schwur gebrochen zu haben, nämlich von Reisen in sehr kleinen Flugzeugen Abstand zu nehmen. Seine Demonstration von Luftkrankheit ist bemerkenswert angesichts der Tatsache, wie wenig er in den letzten Tagen gegessen hat.
»Tut mir leid, Rocky«, sagt Landsman und versucht, seine Stimme aus seinen Socken zu holen. »Ich denke, ich war noch nicht wieder bereit zum Fliegen.«
Seine letzte Flugreise unternahm Landsman in der Super Cub seiner Schwester, ohne irgendeine nachteilige Wirkung. Aber das war ein ordentliches Flugzeug, und Naomi war eine geschickte Pilotin, das Wetter war gut und Landsman betrunken. Diesmal forderte er den Himmel in einem bitteren Zustand der Nüchternheit heraus. Drei Becher schlechten Motelkaffees attackierten sein Nervensystem. Er war der vereinten Gnade einer vom Yukon hereinwehenden steifen Brise und eines schlechten Piloten ausgesetzt, dessen Vorsicht ihn leichtsinnig und dessen Selbstzweifel ihn kühn machten. Landsman schaukelte im Segeltuchgewebe der müden alten 206, die die Geschäftsleitung von Türkei Regional Airways als geeignet erachtete, sie Rocky Kitka anzuvertrauen. Das Flugzeug rumpelte, vibrierte und zitterte. Alle Dübel und Bolzen in Landsmans Skelett lösten sich, sein Kopf wurde nach hinten gedreht, die Arme fielen ihm ab, sein Augapfel rollte unter die Kabinenheizung. Irgendwo über den Moore Mountains kam Landsmans Vorsatz ins Stocken.
Kitka wirft die Tür auf und springt mit der Festmacherleine auf die schwimmende Plattform. Landsman schwankt aus der Kabine und stürzt auf die ergrauten Zedernplanken. Da steht er, blinzelt, taumelt, atmet in tiefen Zügen die Luft mit ihrem reinigenden Geruch von Kiefernnadeln und Seetang ein. Er richtet seine Krawatte und setzt den Hut auf den Kopf.
Peril Strait ist eine Ansammlung von Booten, eine Zapfsäule und eine Reihe verwitterter Häuser von der Farbe verrosteter Motoren. Die Häuser hocken auf ihren Pfählen wie dünnbeinige Damen. Ein schäbiger Plankenweg tastet sich an den Häusern vorbei, um zu der Slipanlage dahinter hinabzuwandern und sich dort zur Ruhe zu begeben. Alles scheint von einem Gewirr aus Trossen, verhedderten Angelschnüren und einem zerrissenen Ringwadennetz mit verkrusteten Schwimmern zusammengehalten zu werden. Das gesamte Dorf mag lediglich aus Treibholz und Draht bestehen, Strandgut einer fernen, versunkenen Stadt.
Der Flugzeugponton hat offenbar nichts mit dem Holzsteg oder dem Dorf Peril Strait zu tun. Er ist solide, kräftig gebaut und wirkt neu, weißer Beton und grau gestrichene Planken. Stolz kündet er von der Ingenieurskunst und den logistischen Bedürfnissen reicher Männer. Am Ufer endet er vor einem Stahltor. Hinter dem Tor ist eine Metalltreppe in den Hang gestickt, die sich bis zu einer Lichtung hinaufwindet. Entlang der Treppe schneidet sich eine steile Eisenbahn geradewegs bergauf. Eine mit einem Geländer umgrenzte Plattform soll nach oben befördern, was nicht die Treppe nehmen kann. Ein kleines, in die Reling des Pontons geschraubtes Metallschild verkündet auf Jiddisch und Englisch REFUGIUM BETH TIKKUN, darunter, nur auf Englisch: PRIVAT-BESITZ. Landsman fixiert die jiddischen Buchstaben. An diesem wilden Flecken von Baranof Island wirken sie fehl am Platz und erinnern an zu Hause, eine Versammlung torkelnder kleiner jüdischer Polizisten in schwarzen Anzügen und Filzhüten.
Kitka füllt seinen Stetson mit Wasser aus einem Hahn am Ponton und lässt es in das Flugzeug klatschen, einen Hut untrinkbaren Wassers nach dem anderen. Landsman schämt sich bis auf die Knochen, diese Arbeit notwendig gemacht zu haben, aber Kitka und Kotze scheinen alte Bekannte zu sein. Der Mann büßt sein Grinsen nie ganz ein. Mit dem Rand einer laminierten Karte, die die Wal- und Fischarten Alaskas aufführt, wischt der Pilot ein Gemisch aus Vomitus und Seewasser aus der Kabinentür. Er spült die Karte ab, schüttelt sie. Dann steht er in der Tür, hängt mit einer Hand im Türbogen und schaut hinab zu Landsman auf dem Ponton. Das Meer plätschert gegen die Schwimmer der Cessna und das Pfahlwerk. Der vom Stikine River herunterwehende Wind summt in Landsmans Ohren und rüttelt an der Krempe seines Hutes. Drüben im Dorf erhebt sich die raue Stimme einer Frau, sie staucht ihr Kind oder ihren Mann zusammen. Es folgt das parodierende Kläffen eines Hundes.
»Nehme an, die wissen, dass Sie kommen«, sagt Kitka. »Die Leute da oben.« Sein Grinsen wird dümmlich, verengt sich fast zu einem Schmollmund. »Nehme an, dafür haben wir gründlich gesorgt.«
»Ich habe diese Woche schon jemandem einen Überraschungsbesuch abgestattet, der lief nicht besonders gut«, sagt Landsman. Er holt Berkos Beretta aus der Tasche, zieht den Ladestreifen heraus, prüft das Magazin. »Ich bezweifle, dass man die hier wirklich überraschen kann.«
»Wissen Sie, wer die sind?«, fragt Kitka, die Augen auf die Scholem gerichtet.
»Nein«, sagt Landsman und schiebt das Magazin wieder hinein. »Weiß ich nicht. Sie?«
»Ehrlich, Kumpel«, sagt Kitka. »Ich würd’s Ihnen sagen. Auch wenn Sie mir in die Maschine gekotzt haben.«
»Egal, wer die sind«, sagt Landsman. »Die haben vielleicht meine kleine Schwester umgebracht.«
Kitka bedenkt diese Aussage, als suche er nach Schwachpunkten oder Schlupflöchern.
»Ich muss um zehn in Freshwater sein«, sagt er mit aufgesetztem Bedauern.
»Okay«, sagt Landsman. »Verstehe ich.«
»Sonst würde ich Ihnen Rückendeckung geben, echt, Kumpel.«
»He, schon gut. Was reden Sie da? Ist doch nicht Ihr Problem.«
»Ja, aber ich meine, Naomi. Die war ein echt harter Typ.«
»Da sagen Sie was.«
»Genau genommen hat sie mich nicht besonders gern gemocht.«
»Sie konnte extrem launisch sein«, sagt Landsman und steckt die Pistole in seine Jackentasche. »Manchmal.«
»Na gut«, sagt Kitka und kickt mit der Spitze seines Roper-Stiefels einen Schwung Wasser aus dem Flugzeug. »Hey, seien Sie vorsichtig, ja?«
»Ich weiß nicht, wie man das macht«, gibt Landsman zu.
»Das hatten Sie wohl gemein«, sagt Kitka. »Sie und Ihre Schwester.«
Landsman stapft über den Ponton und versucht aus Spaß, am Knauf des Stahltors zu drehen. Dann wirft er seine Tasche auf die andere Seite, erklimmt das Gatter und schwingt sich hinüber. Dabei verfängt sich ein Fuß in den Gitterstäben. Sein Schuh fällt herunter. Landsman schlägt auf der anderen Seite mit einem fleischigen Geräusch auf. Er beißt sich auf die Zunge, schmeckt sein salziges Blut. Er staubt sich ab und schaut zurück zum Ponton, um sich zu vergewissern, dass Kitka auch alles mitbekommen hat. Landsman winkt, um ihm zu zeigen, dass alles in Ordnung ist. Nach einem Moment winkt Kitka zurück. Er schließt die Kabinentür. Klackernd erwacht der Motor zum Leben. Der Propeller verliert sich im dunklen Schimmer seiner eigenen Rotation.
Landsman beginnt den langen Anstieg die Treppe hinauf. Soweit das möglich ist, befindet er sich jetzt in einem noch schlechteren Zustand als am Freitagmorgen, als er versuchte, die Treppe im Mietshaus der Shemets’ zu erobern. In der vergangenen Nacht hat er wach auf dem harten, knirschenden Paket einer Motelmatratze gelegen. Vor zwei Tagen wurde er im Schnee angeschossen und zusammengeschlagen. Alles tut ihm weh. Er keucht. Er verspürt einen geheimnisvollen Schmerz in den Rippen und einen anderen im linken Knie. Auf halbem Wege muss er innehalten, um eine mahnende Zigarette zu rauchen. Er dreht sich um und sieht die Cessna summend in die niedrigen morgendlichen Wolken taumeln. Sie überlässt Landsman einem, wie es sich im Moment anfühlt, einsamen Schicksal.
Landsman hängt am Geländer, hoch über dem verlassenen Strand und Dorf. Tief unten auf dem krummen Holzsteg sind einige Menschen aus ihren Häusern gekommen, um seinen Aufstieg zu beobachten. Er winkt ihnen zu, höflich winken sie zurück. Dann tritt er auf das Ende seiner Papiros und stapft gleichmäßig weiter nach oben. Gesellschaft leisten ihm das Rauschen des Wassers in der Meeresbucht und das ferne Kreischen der Krähen. Dann verklingen diese Geräusche. Er hört nur noch seinen eigenen Atem, das Läuten seiner Sohlen auf den Metallstufen der Treppe und den knarzenden Riemen seiner Tasche.
Oben flattern zwei Fahnen an einem weißen Mast. Eine ist die Flagge der Vereinigten Staaten von Amerika. Die andere ist eine bescheidene weiße Ausgabe, geschmückt mit einem blassblauen Davidsstern. Der Fahnenmast ragt aus einem Ring weißer Steine empor, wiederum umringt von einer Betonschürze. Auf dem Fundament des Mastes verkündet eine kleine Metalltafel FAHNENMAST GESTIFTET VON BARRY UND RHONDA GREENBAUM, BEVERLY HILLS, KALIFORNIEN. Ein Gehweg führt von der ringförmigen Schürze zum größten Gebäude, das Landsman schon aus der Luft gesehen hat. Die anderen sehen aus wie Crackerpackungen, verkleidet mit Zedernholz, aber das Hauptgebäude versucht es mit so etwas wie Stil. Das Dach aus Rippenstahl ist dunkelgrün gestrichen. Die Fenster haben Sprossen und Mittelpfosten. Eine tiefe Veranda umschließt das Gebäude von drei Seiten, sie steht auf Tannenstämmen, die noch ihre Rinde tragen. Breite Stufen führen von dem betonierten Weg hinauf zur Mitte der Veranda.
Zwei Männer stehen auf der obersten Stufe und sehen Landsman entgegen. Beide haben dicke Bärte, aber keine Schläfenlocken. Keine Strümpfe, keine schwarzen Hüte. Der linke ist jung, höchstens dreißig. Er ist groß, fast hochgewachsen, mit einer Stirn wie ein Betonbunker und einem Kiefer wie ein Fundament. Sein Bart ist renitent, neigt zu schwarzen Kringeln, jede Wange ziert ein Wirtel nackter Haut. Seine großen Hände baumeln seitlich herab, zucken wie zwei Kopffüßer. Er trägt einen großzügig geschnittenen schwarzen Anzug und eine dunkle Ripskrawatte. Landsman bemerkt ein sehnsüchtiges Zucken in den Fingern des großen Mannes und tastet mit den Augen dessen Weste nach dem Umriss einer Waffe ab. Als Landsman näher kommt, kühlen die Augen des Großen zu einem lichtlosen Schwarz ab.
Der andere Mann hat ungefähr das gleiche Alter, die gleiche Größe und Statur wie Landsman, ist schlank fast bis zur Schmächtigkeit, aber mit breiten Schultern. In der Mitte ist er weicher als Landsman, er stützt sich auf einen aus einem dunklen, glänzenden Holz gefertigten, geschwungenen Stock. Sein Bart sieht aus wie Holzkohle, gestutzt, fast lässig. Er trägt einen Tweedanzug, komplett mit Weste, und pafft nachdenklich an einer Pfeife. Er wirkt zufrieden, wenn nicht sogar erfreut, Landsman auf sich zukommen zu sehen, neugierig, ein Arzt, der eine leichte Anomalie oder einen Makel in der üblichen Präsentation erahnt. An den Füßen trägt er Mokassins, geschnürt mit Ledersenkeln.
Landsman hält auf der untersten Stufe inne und stellt seine Tasche ab. Ein Baumspecht rappelt mit seinem Knobelbecher. Einen Augenblick lang sind das und die zischend fallenden Tannennadeln die einzigen Geräusche. Sie könnten die letzten drei Männer in Südostalaska sein. Aber Landsman spürt andere Augen, die ihn durch geteilte Gardinen, durch Visiere, Periskope und Gucklöcher beobachten. Er spürt, dass das Leben dieses Ortes, die morgendlichen Übungen, das Spülen von Kaffeetassen unterbrochen wurde. Er kann in Butter angebrannte Eier riechen, getoastetes Brot.
»Ich weiß nicht, wie ich Ihnen das sagen soll«, sagt der große Mann mit dem ungleichmäßigen Bart. Seine Stimme scheint zu lange in seiner Brust herumzuhüpfen, ehe sie herauskommt. Die Worte lösen sich nur schwer, werden langsam mit einer Kelle geschöpft. »Aber Ihr Taxi ist gerade ohne Sie abgeflogen.«
»Will ich irgendwohin?«, sagt Landsman.
»Hier bleiben Sie jedenfalls nicht, mein Freund«, sagt der Mann im Tweedanzug. Bei dem Wort Freund scheint jegliche Freundlichkeit aus ihm zu sickern.
»Aber ich habe reserviert«, sagt Landsman, ohne die ruhelosen Hände des großen Kerls aus den Augen zu lassen. »Ich bin jünger, als ich aussehe.«
Ein Geräusch wie Knochen in einem Eimer, irgendwo im Wald.
»Gut, ich bin kein Kind mehr, und ich habe auch nicht reserviert, aber ich habe wirklich ein Alkoholproblem«, sagt Landsman. »Das ist doch schon mal was.«
»Mister —«, sagt der Mann im Tweedanzug und steigt eine Stufe tiefer. Landsman kann den bitteren Tabak in seiner Pfeife riechen.
»Hören Sie«, sagt Landsman. »Ich hab von der guten Arbeit gehört, die ihr hier macht, okay? Ich habe alles versucht. Ich weiß, es ist verrückt, aber ich weiß wirklich nicht mehr weiter und habe keine Ahnung, wo ich sonst hingehen soll.«
Der Mann im Tweedanzug dreht sich zu dem großen Kerl weiter oben um. Die beiden scheinen keine Ahnung zu haben, wer Landsman ist oder was sie von ihm halten sollen. Der ganze Spaß der vergangenen Tage, insbesondere der marternde Flug von Yakovy hierher, hat offensichtlich den Nos ein wenig von Landsmans Ausstrahlung genibbelt. Er hofft und fürchtet, dass er wie ein Loser aussieht, der sein Pech in einer Tasche mit sich herumschleppt.
»Ich brauche Hilfe«, sagt er, und zu seiner Überraschung werden seine Augen heiß von Tränen. »Mir geht’s dreckig.« Seine Stimme bricht. »Das gebe ich gerne zu.«
»Wie heißen Sie?«, sagt der große Mann langsam. Seine Augen sind warm, aber ohne Freundlichkeit. Sie bedauern Landsman, ohne sich sonderlich für ihn zu interessieren.
»Felnboyger«, probiert Landsman. Den Namen zieht er aus einem alten Festnahmeprotokoll. »Lev Felnboyger.«
»Weiß jemand, dass Sie hier sind, Mr. Felnboyger?«
»Nur meine Frau. Und der Pilot natürlich.«
Die beiden Männer schauen sich an, und Landsman merkt, dass sie sich gut genug kennen, um sich, ohne zu sprechen oder etwas anderes als die Augen zu bewegen, einen heftigen Streit liefern zu können.
»Ich bin Dr. Roboy«, sagt der Lange schließlich. Er schwenkt eine Hand in Landsmans Richtung wie eine Kranladung am Ende eines Seils. Landsman will ihr aus dem Weg gehen, ergreift aber dennoch die kühle, trockene Masse. »Bitte, Mr. Felnboyger, kommen Sie doch herein.«
Er folgt den beiden über die geschliffenen Tannenbohlen der Veranda. Oben in den Balken entdeckt er ein Wespennest, und kurz sucht Landsman es auf Lebenszeichen ab, aber es wirkt so verlassen wie jedes andere Bauwerk auf diesem Berg.
Sie gelangen in einen leeren Empfangsraum, der mit weichen beigen Schaumstoffquadern eingerichtet ist wie eine Fußpflegepraxis. Langweiliger, niederfloriger Teppich, eierkartongrau. An der Wand hängen abgedroschene Markenzeichen des Lebens in Sitka, Lachsboote und Jeschiwa-Jungmänner, die Café-Gesellschaft auf der Monastir Street, ein swingender Klezmer, der ein stilisierter Nathan Kalushiner sein könnte. Wieder hat Landsman das unbehagliche Gefühl, dass das alles erst am Morgen so hergerichtet wurde. In den Aschenbechern ist keine einzige Ascheflocke. Das Regal mit dem Informationsmaterial ist gut bestückt: Drogenabhängigkeit — Wer braucht das? Und Leben: geborgt oder für immer? Ein Thermostat an der Wand seufzt, als leide es unter der Eintönigkeit. Der Raum riecht nach neuem Teppich und gelöschter Pfeife. Über der Tür zu einem mit Teppich ausgelegten Flur steht auf einem Schild: EINRICHTUNG DES EINGANGSBEREICHS GESTIFTET VON BONNY UND RONALD LEDERER, BOCA RATON, FLORIDA.
»Nehmen Sie bitte Platz«, sagt Dr. Roboy mit seiner schweren schwarzen Sirupstimme. »Fligler?«
Der Mann im Tweedanzug geht zurück zur Eingangstür, öffnet den linken Flügel und prüft die Verriegelung oben und unten. Dann schließt er ihn wieder, verriegelt die Tür und steckt den Schlüssel ein. Er geht an Landsman vorbei, streift ihn mit seiner gepolsterten Tweedschulter.
»Fligler«, sagt Landsman und greift vorsichtig nach dem Arm des kleinen Mannes. »Sind Sie auch Arzt?«
Fligler schüttelt Landsmans Hand ab. Er holt ein Streichholzheft aus der Tasche.
»Und wie«, sagt er ohne jede Aufrichtigkeit oder Überzeugung.
Mit den Fingern der rechten Hand schält er ein Streichholz aus dem Heftchen, reißt es an und hält es an den Kopf seiner Pfeife, alles in einer fließenden Bewegung. Während die rechte Hand Landsman mit dieser kleinen Vorstellung unterhält, taucht die linke in die Tasche von Landsmans Sakko und holt die ‚22 hervor.
»Das hier ist Ihr Problem, genau das«, sagt Fligler und hält die Waffe hoch, sodass jeder sie sehen kann. »Und jetzt sehen Sie sich den Arzt an.«
Landsman schaut gehorsam zu, wie Fligler die Waffe hebt und sie mit dem scharfen Blick eines Mediziners mustert. Doch eine Minute später schlägt eine Tür irgendwo in Landsman Kopf zu, und danach wird er — eine halbe Sekunde lang — vom Summen Tausender Wespen abgelenkt, die durch die Veranda seines linken Ohres hereinfliegen.