»Du hast es im Schach nie weit gebracht, Meyerle, weil es dich nicht genug stört zu verlieren.«
Hertz Shemets liegt, dem Krankenhaus mit einer hässlichen Fleischwunde entsprungen und umgeben von einem Hospitalgeruch aus Zwiebelbrühe und Wintergrünseife, auf der Wohnzimmercouch seines Sohnes. Seine dünnen Unterschenkel staken wie zwei ungekochte Nudeln aus seinem Pyjama. Ester-Malke hat ein Abo auf Berkos großen Ledersessel, Bina und Landsman hocken auf den billigen Plätzen — dem Klappstuhl und der Lederottomane, die zum Sessel gehört. Ester-Malke sitzt schläfrig und unkonzentriert in ihrem Bademantel da. Ihre linke Hand spielt mit etwas in der Tasche. Landsman vermutet, es ist der Schwangerschaftstest von letzter Woche. Binas Hemd hängt aus der Hose, ihr Haar ist durcheinander, es sieht ein wenig aus wie ein Gebüsch, wie eine Art Zierhecke. Landsmans Gesicht im Wandspiegel ist ein Impasto aus Schatten und Schorf. Nur Berko Shemets, der auf dem Couchtisch hockt, macht zu dieser frühen Morgenstunde in seinem säuberlich hochgekrempelten und zerknitterten nashorngrauen Schlafanzug, über dessen Tasche seine Initialen in mausgrauem Crewelgarn gestickt sind, einen wachsamen Eindruck. Das Haar gekämmt, die Wangen für alle Zeiten unvertraut mit Haaren oder Klingen.
»Eigentlich verlier ich lieber«, sagt Landsman. »Um ehrlich zu sein. Wenn ich anfange zu gewinnen, werde ich misstrauisch.«
»Ich hasse es. Am schlimmsten war es für mich, gegen deinen Vater zu verlieren.« Onkel Hertz’ Stimme ist ein bitteres Krächzen, die Stimme seiner eigenen Großtante, die aus dem Grab oder aus der Weichsel nach ihm ruft. Er ist durstig, müde, reumütig und hat Schmerzen, hat jede Medizin abgelehnt, die stärker ist als Aspirin. In seinem Kopf muss es sirren, als hätte man die Motorhaube eines Autos zugeschlagen. »Aber gegen Alter Litvak zu verlieren, das war fast genauso schlimm.«
Die Augenlider von Onkel Hertz flattern, dann senken sie sich über seine Pupillen. Bina klatscht in die Hände, einmal, zweimal, und die Augen springen wieder auf.
»Erzähl, Hertz!«, sagt Bina. »Bevor du müde wirst oder ins Koma fällst oder so. Du hast Shpilman gekannt.«
»Ja«, sagt Hertz. Seine geprellten Augenlider glänzen geädert wie purpurner Quartz oder Schmetterlingsflügel. »Ich kannte ihn.«
»Wo hast du ihn kennengelernt? Im Einstein?«
Er will nicken, doch dann neigt er den Kopf zur Seite, überlegt es sich anders.
»Ich habe ihn schon als kleines Kind gekannt. Aber ich habe ihn nicht wiedererkannt. Als ich ihn wiedersah. Er hatte sich zu stark verändert. Als Kind war er klein und dick. Als Mann nicht mehr. Dünn. Ein Junkie. Er kam im Einstein vorbei, spielte um Drogengeld. Da habe ich ihn hin und wieder gesehen. Frank. Er war kein 08/15-Patzer. Hin und wieder, keine Ahnung, verlor ich fünf oder zehn Dollar gegen ihn.«
»Hast du das auch gehasst?«, fragt Ester-Malke, und obwohl sie überhaupt nichts von Shpilman weiß, scheint sie die Antwort zu ahnen oder zu raten.
»Nein«, sagt ihr Schwiegervater. »Seltsamerweise machte mir das nichts aus.«
»Du mochtest ihn.«
»Ich mag niemanden, Ester-Malke.«
Hertz schiebt die Zunge vor, fährt sich über die Lippen.
Berko erhebt sich vom Stuhl und nimmt einen Plastikbecher vom Couchtisch. Er hält ihn seinem Vater an die Lippen, die Eiswürfel im Becher klirren. Berko hilft Hertz, den Becher zur Hälfte zu leeren, ohne etwas zu verschütten. Hertz dankt ihm nicht. Lange liegt er einfach da. Man kann das Wasser in ihm plätschern hören.
»Letzten Donnerstag«, sagt Bina. Sie schnippt mit den Fingern. »Los! Du bist in sein Zimmer gegangen. Im Zamenhof.«
»Ich ging zu seinem Zimmer. Er hatte mich eingeladen. Er hatte mich gebeten, Melekh Gaystiks Waffe mitzubringen. Er wollte sie sehen. Ich weiß nicht, woher er wusste, dass ich sie habe, ich hab’s ihm nicht gesagt. Er schien eine Menge über mich zu wissen, das ich ihm nie erzählt hatte. Und er erzählte mir die ganze Geschichte. Dass Litvak ihn bedrängte, wieder den Tzaddik zu spielen, um die Schwarzhüte mit ins Boot zu bekommen. Dass er sich vor Litvak versteckt hielt, aber es langsam satthätte. Er hätte sich sein Leben lang versteckt. Also ließ er sich von Litvak finden, bedauerte es aber sofort. Er wusste nicht, was er tun sollte. Er wollte nicht mehr fixen. Er wollte nicht aufhören. Er wollte nicht sein, was er nicht war, er wusste nicht, wie er sein sollte, was er war. Deshalb fragte er mich, ob ich ihm helfen würde.«
»Wie helfen?«, fragt Bina.
Hertz schürzt die Lippen, zuckt schwach mit den Achseln, und sein Blick schleicht sich davon in eine dunkle Ecke des Zimmers. Er ist fast achtzig Jahre alt, und bisher hat er noch niemals etwas gestanden.
»Er hat mir sein verfluchtes Problem gezeigt, es geht um Matt in zwei Zügen«, sagt Hertz. »Er meinte, er hätte es von einem Russen. Er meinte, wenn ich es löste, würde ich verstehen, wie ihm zumute sei.«
»Zugzwang«, sagt Bina.
»Was ist das?«, fragt Ester-Malke.
»Wenn man keinen guten Zug mehr hat«, sagt Bina. »Aber trotzdem ziehen muss.«
»Ah«, sagt Ester-Malke und verdreht die Augen. »Schach.«
»Seit Tagen treibt mich das in den Wahnsinn«, sagt Hertz. »Ich schaffe kein Matt in weniger als drei Zügen.«
»Läufer auf C2«, sagt Landsman. »Ausrufezeichen.«
Hertz braucht, wie Landsman findet, ziemlich lange, um es mit geschlossenen Augen nachzuvollziehen, doch schließlich nickt sein Onkel.
»Zugzwang«, sagt er.
»Warum, alter Mann? Warum sollte er glauben, du würdest das für ihn tun?«, sagt Berko. »Ihr kanntet euch doch kaum.«
»Er kannte mich. Er kannte mich sehr gut, ich weiß wirklich nicht, woher. Er wusste, wie ungern ich verliere. Dass ich Litvak mit dieser Torheit nicht durchkommen lassen konnte. Das konnte ich einfach nicht. Alles, wofür ich mein Leben lang gearbeitet habe.« Er hat einen bitteren Geschmack im Mund, verzieht das Gesicht. »Und ihr seht ja, was passiert ist. Sie haben’s getan.«
»Bist du durch den Tunnel reingekommen?«, fragt Meyer. »Ins Hotel?«
»Was für ein Tunnel? Ich bin einfach reingegangen. Ich weiß nicht, ob dir das schon aufgefallen ist, Meyerle, aber das ist nicht gerade ein Hochsicherheitstrakt, da, wo du wohnst.«
Zwei oder drei lange Minuten winden sich von der Spule. Draußen auf dem geschlossenen Balkon murren und fluchen Goldy und Pinky und hämmern auf ihre Betten ein wie Gnome an ihren Schmiedeöfen tief unter der Erde.
»Ich habe ihm geholfen, sich einen Schuss zu setzen«, sagt Hertz schließlich. »Ich habe gewartet, bis er weg war. Weit, weit weg. Dann habe ich Gaystiks Pistole genommen. Hab sie ins Kopfkissen gewickelt. Gaystiks ‚38 Detective Special. Hab den Jungen umgedreht, auf den Bauch. In den Hinterkopf. Ging schnell. Er hat nichts gespürt.«
Wieder leckt er sich über die Lippen, und Berko ist mit einem weiteren kühlen Schluck zur Stelle.
»Zu schade, dass du bei dir selbst nicht genauso tüchtig warst«, sagt Berko.
»Ich dachte, ich würde das Richtige tun, ich könnte Litvak damit aufhalten.« Der alte Mann klingt wehleidig, kindisch. »Aber dann haben die Schweine einfach weitergemacht und es ohne ihn versucht.«
Ester-Malke nimmt den Deckel von einem Glas mit gemischten Nüssen auf dem Beistelltisch und stopft sich eine Handvoll in den Mund. »Glaubt nicht, dass mich das alles nicht völlig verstören und entsetzen würde, Freunde«, sagt sie und hievt sich auf die Füße. »Aber ich bin eine müde Dame im ersten Drittel, und ich gehe jetzt ins Bett.«
»Ich bleibe bei ihm sitzen, Süße«, sagt Berko. Er fügt hinzu: »Falls er nur so tut und dann den Fernseher klaut, wenn wir schlafen.«
»Keine Sorge«, sagt Bina. »Er ist bereits verhaftet.«
Landsman steht neben der Couch und beobachtet, wie die Brust des alten Mannes sich hebt und senkt. Hertz’ Gesicht hat die Hohlkehlen und Facetten einer blättrigen Pfeilspitze.
»Er ist ein schlechter Mensch«, sagt Landsman. »War er schon immer.«
»Ja, aber er hat es wiedergutgemacht, indem er auch ein furchtbarer Vater war.« Lange betrachtet Berko Hertz voller Zärtlichkeit und Verachtung. Mit seinem Verband sieht der Alte wie ein verrückter Swami aus. »Was hast du vor?«
»Nichts, was meinst du damit, was ich vorhabe?«
»Weiß nicht, bei dir zuckt es wieder so. Du siehst aus, als hättest du was vor.«
»Was denn?«
»Das frage ich dich.«
»Ich tue gar nichts«, sagt Landsman. »Was soll ich schon tun?«
Ester-Malke bringt Bina und Landsman durch den Flur zur Wohnungstür. Landsman setzt seinen Filzhut auf.
»So«, sagt Ester-Malke.
»So«, sagen Bina und Landsman.
»Ich stelle fest, dass ihr beide zusammen geht.«
»Willst du, dass wir getrennt gehen?«, sagt Landsman. »Ich kann die Treppe nehmen und Bina den Fahrstuhl.«
»Landsman, ich will dir mal was sagen«, sagt Ester-Malke. »Die Leute, die da im Fernsehen überall in Syrien, Bagdad, Ägypten und so randalieren. In London, ja? Autos brennen. Botschaften werden angesteckt. Oben in Yakovy, hast du gesehen, was da passiert ist? Die haben getanzt, die bescheuerten Irren, die haben sich so über diesen ganzen Wahnsinn gefreut, dass der Fußboden durchgebrochen ist und sie in die Wohnung darunter gefallen sind. Zwei kleine Mädchen schliefen im Bett, die wurden zerquetscht. Das ist die Scheiße, auf die wir uns jetzt freuen dürfen. Brennende Autos und mörderische Tänze. Ich habe keine Ahnung, wo mein Kind geboren wird. Mein Schwiegervater, ein Mörder und Selbstmörder, schläft bei mir im Wohnzimmer. Und zwischendurch bekomme ich so komische Schwingungen von euch beiden. Ich will nur kurz sagen, falls Bina und du vorhaben solltet, wieder zusammenzukommen, tut mir leid, aber das kann ich jetzt echt nicht gebrauchen.«
Landsman denkt darüber nach. Jedes Wunder scheint ihm möglich. Dass die Juden sich aufrappeln und Segel setzen ins Gelobte Land, um sich an riesigen Weintrauben gütlich zu tun und den Wüstenwind in ihren Bärten spielen zu lassen. Dass der Tempel wieder errichtet wird, in unseren Tagen schiere. Der Krieg wird ein Ende finden, und überall werden Friede und Überfluss und Gerechtigkeit herrschen, und die Menschheit wird regelmäßig in den Genuss des Schauspiels kommen, den Löwen beim Lamm liegen zu sehen. Jeder Mann wird ein Rabbi sein, jede Frau ein heiliges Buch, und jeder Anzug wird mit zwei Hosen verkauft werden. Schon jetzt mag Meyers Same durch die Dunkelheit auf die Erlösung zuwandern, gegen die Membran stoßen, die das Erbe der Juden, die ihn geschaffen haben, von dem Erbe der Juden trennt, deren Fehler, Kummer, Hoffnungen und Katastrophen in die Erzeugung von Bina Gelbfish einflossen.
»Vielleicht ist es besser, wenn ich die Treppe nehme«, sagt er.
»In Ordnung, Meyer, mach das«, sagt Bina.
Aber als er schließlich unten angelangt ist, steht sie am Treppenabsatz und wartet auf ihn.
»Warum hast du so lange gebraucht?«, fragt sie.
»Ich musste zwischendurch ein-, zweimal stehen bleiben.«
»Du musst mit dem Rauchen aufhören. Zum zweiten Mal.«
»Mache ich. Werde ich.« Er fischt seine Packung Broadways hervor, fünfzehn sind noch drin, und befördert sie wie eine Münze, die man mit einem Wunsch in einen Brunnen wirft, in hohem Bogen in den Mülleimer der Lobby. Ihm ist ein wenig schwindelig, ein wenig tragisch zumute. Landsman ist reif für die große Geste, den opernhaften Fehler. Manisch ist wahrscheinlich das passende Wort. »Aber deshalb bin ich nicht stehen geblieben.«
»Du bist doch verletzt. Erzähl mir nicht, dass du nicht verletzt bist, wie du hier rumläufst und einen auf harten Kerl machst, obwohl du eigentlich im Krankenhaus liegen müsstest.« Mit den Fingern beider Hände umfasst Bina seine Gurgel, wie eh und je bereit, das Leben aus Landsman zu würgen, um ihm zu zeigen, wie viel er ihr bedeutet. »Hast du schlimme Schmerzen, du Idiot?«
»Nur in meiner Seele, meine Schejne«, sagt Meyer. Auch wenn er es für möglich hält, dass Rafi Zilberblats Kugel etwas mehr als nur seinen Schädel streifte. »Ich musste nur ein paar Mal stehen bleiben. Um nachzudenken. Oder nicht um nachzudenken, ich weiß nicht. Jedes Mal, wenn ich versuche zu atmen, nur mal zehn Sekunden lang, ja, und diese Sache liegt in der Luft, mit der wir sie davonkommen lassen, keine Ahnung, dann habe ich das Gefühl, als würde ich ein klein bisschen ersticken.«
Landsman lässt sich auf ein Sofa fallen, dessen blutergussfarbene Kissen einen starken Sitka-Geruch von Schimmel, Zigaretten und komplizierter Salzigkeit verströmen, teils stürmische See, teils der Schweiß im Innenband eines dicken Filzhuts. Die Lobby des Dnyeper besteht aus blutrotem Samt und vergoldeter Kruste, geschmückt mit vergrößerten handkolorierten Postkarten aus den großen Schwarzmeerurlaubsorten zu Zarenzeiten. Damen mit Schoßhündchen auf sonnenbeschienener Promenade. Grand Hotels, die nie einen Juden beherbergten.
»Er liegt mir wie ein Stein im Magen, dieser Pakt, den wir geschlossen haben«, sagt Landsman. »Liegt schwer da rum.«
Bina verdreht die Augen, Hände in den Hüften, und schaut zur Tür. Dann kommt sie zu ihm, lässt ihre Tasche fallen und sich neben ihn plumpsen. Wie oft, fragt er sich, hat sie schon genug von ihm gehabt und doch immer noch nicht ganz genug?
»Eigentlich kann ich gar nicht glauben, dass du damit einverstanden warst«, sagt sie.
»Ich weiß.«
»Ich bin doch der Arschkriecher.«
»Da sagst du was.«
»Der Speichellecker.«
»Es macht mich fertig.«
»Wenn ich mich nicht mehr darauf verlassen kann, dass du den hohen Tieren sagst, sie könnten dich mal, Meyer, warum behalte ich dich dann noch?«
Da versucht er sie ihr zu erklären — seine Überlegungen, die ihn zu seiner eigenen, persönlichen Version eines Paktes führten. Er nennt einige kleine Gründe — die Konservenfabriken, die Geiger, die Markise des Baranof Theater —, er erklärt, dass es ihm Freude machte, an Sitka festzuhalten, als er sich mit Cashdollar einigte.
»Du und dein bescheuertes Herz der Finsternis«, sagt Bina. »Den Film gucke ich mir nie wieder an.« Sie zieht ihre Lippen zu einem harten kleinen Punkt zusammen. »Du hast was vergessen, du Arschloch. Auf deiner süßen kleinen Liste. Dir fehlt da was, würde ich sagen.«
»Bina.«
»Ist auf deiner Liste kein Platz für mich, Meyer? Ich hoffe nämlich, dass du weißt, dass du auf meiner ganz oben stehst.«
»Wie kann das sein?«, sagt Landsman. »Ich verstehe nicht, wie das sein kann.«
»Warum nicht?«
»Weil ich, du weißt schon. Ich habe dich im Stich gelassen, Bina. Ich habe dich enttäuscht. Ich habe das Gefühl, dich unglaublich enttäuscht zu haben.«
»Womit denn?«
»Weil ich … wegen dem, zu was ich dich gezwungen habe. Mit, ich meine, du weißt schon. Mit Django. Ich weiß nicht, wie du es überhaupt aushältst, mich anzusehen, Bina.«
»Mich gezwungen? Meinst du … Glaubst du, du hast mich gezwungen, unser Kind umzubringen?«
»Nein, Bina, ich —«
»Ich will dir mal was sagen, Meyer.« Sie nimmt seine Hand und gräbt ihre Fingernägel in sein Fleisch. »Wenn du jemals mein Verhalten so unter Kontrolle haben solltest, dann nur, wenn dich jemand fragt, ob ich mir einen Kiefernsarg oder ein schlichtes weißes Hemd gewünscht habe.« Sie legt seine Hand zur Seite, ergreift sie dann wieder und streicht über die feurigen Halbmonde, die sie in sein Fleisch gedrückt hat. »Ach, du liebe Güte, deine Hand, Meyer, es tut mir leid. Tut mir leid.«
Natürlich tut es Landsman auch leid. Er hat sich bereits bei ihr entschuldigt, mehrmals, unter vier Augen und in Anwesenheit von anderen, mündlich und schriftlich, formell in wohlgesetzten Phrasen und in ungehemmtem Gestammel: Es tut mir leid, es tut mir so leid, es tut mir so unglaublich leid. Er hat sich für seine Verrücktheit entschuldigt, für seine Unberechenbarkeit, für seine Schwermut und seine Schwipse, für das jahrelange Hin und Her zwischen Begeisterung und Verzweiflung. Er hat sich entschuldigt, sie verlassen zu haben und sie angefleht zu haben, ihn wieder zurückzunehmen, die Tür ihrer alten gemeinsamen Wohnung eingetreten zu haben, als sie sich seiner Bitte verweigerte. Er hat sich erniedrigt, seine Kleider zerrissen, ist vor ihr auf dem Boden gekrochen. Meistens hat Bina, gute und treusorgende Frau, die sie ist, Landsman die Worte geschenkt, die er hören wollte. Er hat sie um Regen angefleht, und sie hat ihm kühle Schauer geschickt. Aber tatsächlich braucht er eine Flut, die seine Schlechtigkeit vom Angesicht der Erde spült. Oder den Segen eines Jids, der nie wieder jemanden segnen wird.
»In Ordnung«, sagt Landsman.
Bina steht auf, geht zum Mülleimer und fischt Landsmans Broadways-Packung heraus. Dann holt sie ein verbeultes Zippo aus ihrer Jackentasche, das das Abzeichen des 75. Ranger-Regiments trägt, und zündet ihm und sich eine Papiros an.
»Wir haben das getan, was uns damals richtig erschien, Meyer. Wir hatten nur wenige Fakten. Wir kannten unsere Grenzen. Wir dachten, wir hätten die Wahl. Aber wir hatten wirklich keine Wahl. Wir hatten nur, keine Ahnung, drei beschissene Fakten und die Landkarte unserer eigenen Grenzen. Wir wussten, womit wir nicht klarkommen würden. Welche Linien wir nicht überschreiten würden.« Sie holt ihr Shoyfer aus der Tasche und reicht es Landsman. »Und wenn du mich fragst, und irgendwie habe ich das Gefühl, dass du das tust, hast du jetzt eigentlich auch keine Wahl.«
Er sitzt einfach da, mit ihrem Telefon in der Hand, sodass sie es aufklappt, eine Nummer wählt und es ihm wieder in die Hand drückt. Er hebt es ans Ohr.
»Dennis Brennan«, sagt der wichtigste und einzige Mitarbeiter der Sitka-Zweigstelle einer großen amerikanischen Tageszeitung. »Brennan, hier ist Meyer Landsman.«
Landsman zögert erneut. Er legt den Daumen auf die Sprechöffnung des Handys.
»Sag ihm, er soll mit seinem Riesenschädel herkommen und zusehen, wie wir deinen Onkel wegen Mordes verhaften«, sagt Bina. »Sag ihm, er hat zwanzig Minuten Zeit.«
Landsman versucht, das Schicksal Berkos, seines Onkels Hertz, Binas, der Juden, der Araber, das Schicksal des ganzen unseligen, heimatlosen Planeten gegen das Versprechen abzuwägen, das er Mrs. Shpilman und sich selbst gegeben hat, obwohl er den Glauben an das Schicksal und an Versprechen verloren hat.
»Ich hätte nicht auf dich warten müssen, als du deinen jämmerlichen Balg die lausige Treppe runtergeschleppt hast«, sagt Bina. »Das weißt du. Ich hätte einfach durch die verfluchte Tür abhauen können.«
»Ja, warum hast du das nicht getan?«
»Weil ich dich kenne, Meyer. Ich hab gesehen, was dir durch den Kopf ging, als du da oben saßest und Hertz zugehört hast. Ich hab gesehen, dass du etwas sagen musstest.« Sie drückt ihm das Telefon an die Lippen und streicht mit ihren über seine. »Jetzt mach und sag es endlich. Ich bin das Warten leid.«
Tagelang hat Landsman geglaubt, er hätte seine Chance mit Mendel Shpilman verpasst. Ohne es zu ahnen, hätte er im Exil des Hotel Zamenhof seine einzige Chance auf so etwas wie Erlösung vertan. Aber es gibt keinen Messias von Sitka. Landsman hat keine Heimat, keine Zukunft, kein Schicksal außer Bina. Das Land, das ihm und ihr versprochen wurde, ist von den Fransen ihres Hochzeitsbaldachins begrenzt, von ihren eselsohrigen Mitgliedskarten einer internationalen Bruderschaft, deren Mitglieder ihr Erbe in einer Tasche über der Schulter und ihre Welt auf der Zungenspitze tragen.
»Brennan«, sagt Landsman. »Ich habe eine Story für Sie.«