Das Institut Moriah ist der einzige Mieter im sechsten und obersten Stockwerk des Hotel Blackpool. Der Korridor ist frisch gestrichen, auf dem Boden liegt ein makelloser malvenfarbener Teppich. Am hinteren Ende neben der Tür von 606 nennen kleine schwarze Buchstaben auf einem unauffälligen Messingschild den Namen des Instituts auf Englisch und Jiddisch, darunter steht in Großbuchstaben: SOL UND DOROTHY ZIEGLER CENTER. Bina drückt auf eine Klingel. Sie blickt ins Objektiv der Sicherheitskamera, die auf die beiden herabschaut.
»Du erinnerst dich an die Abmachung«, sagt Bina zu Landsman. Es ist keine Frage.
»Ich soll den Mund halten.«
»Das ist nur ein kleiner Teil davon.«
»Ich bin nicht mal hier. Ich existiere gar nicht.«
Sie klingelt erneut, und als sie gerade die Hand zum Klopfen heben will, öffnet Buchbinder die Tür. Er trägt eine andere riesige kornblumenblaue Sweatshirtjacke mit blassgrünen und lachsroten Punkten, dazu weite Chinos und ein Sweatshirt der Bronfman University. Er hat Tinten- oder Fettflecken im Gesicht und an den Händen.
»Inspector Gelbfish«, sagt Bina und zeigt ihm ihren Ausweis. »Sitka Central. Ich suche Alter Litvak. Ich habe Grund zur Annahme, dass er sich hier aufhält.«
Ein Zahnarzt ist in der Regel kein Mann der Tücke. An Buchbinders Gesicht lässt sich klar und deutlich ablesen, dass er mit ihnen gerechnet hat.
»Es ist schon sehr spät«, versucht er es. »Wenn Sie nicht —«
»Alter Litvak, Dr. Buchbinder, ist er hier?«
Landsman sieht, wie Buchbinder mit der Mechanik, der Flugbahn und der Windscherung einer Lüge ringt.
»Nein. Nein, er ist nicht hier.«
»Wissen Sie, wo er ist?«
»Nein. Nein, Inspector, das weiß ich nicht.«
»Aha. Gut. Könnte es sein, dass Sie mich belügen, Dr. Buchbinder?«
Es folgt eine kurze, schwere Pause. Dann schlägt Buchbinder ihnen die Tür vor der Nase zu. Bina klopft, ihre Faust der unermüdliche Schnabel eines Baumspechts. Kurz darauf öffnet Buchbinder wieder die Tür, lässt schnell sein Shoyfer in der Jackentasche verschwinden. Er nickt, und Wangen, Kiefer und das Zwinkern in seinen Augen machen einen freundlichen Anschein. Jemand hat einen kleinen Trichter geschmolzenen Eisens in sein Rückgrat gegossen.
»Kommen Sie doch herein!«, sagt er. »Mr. Litvak empfängt sie. Er ist oben.«
»Ist das hier nicht das oberste Stockwerk?«, fragt Bina.
»Es gibt noch eine Dachwohnung.«
»Absteigen haben so was nicht«, sagt Landsman. Bina wirft ihm einen Blick zu. Er soll unsichtbar, unhörbar sein, ein Geist.
Buchbinder senkt die Stimme. »Ich nehme an, da hat früher der Hausmeister gewohnt. Aber die Wohnung ist renoviert worden. Hier entlang, bitte, es gibt eine Hintertreppe.«
Die Innenwände sind herausgerissen worden, Buchbinder führt sie durch die Galerie des Ziegler Centers. Es ist ein kühler, dunkler, jüngst weiß gestrichener Raum, ganz anders als der schmuddelige ehemalige Papierwarenladen auf der Ibn-Ezra Street. Das Licht stammt von Glas- oder Plexiglaswürfeln, die auf viereckigen, mit Teppich bespannten Säulen stehen. Jeder Würfel stellt ein Objekt zur Schau, einen silbernen Löffel, eine Kupferschale, ein unerklärliches Kleidungsstück, das aussieht, als sei es in einer Weltraumoper vom sorvoldanischen Botschafter getragen worden. Es müssen weit über hundert Ausstellungsstücke sein, viele davon mit Gold und Edelsteinen verziert. Jedes verkündet den Namen der amerikanischen Juden, durch deren Großzügigkeit die Herstellung ermöglicht wurde.
»Sie haben es weit gebracht«, sagt Landsman.
»Ja, es ist herrlich«, sagt Buchbinder. »Ein Wunder.«
Ein Dutzend großer Lattenkisten steht am hinteren Ende des Raumes, Locken von Kiefernspänen quillen aus ihnen hervor. Aus der Holzwolle ragt ein zierlicher, mit Gold ziselierter Silbergriff. Auf einem großen flachen Tisch in der Mitte des Raumes verschluckt das maßstabsgetreue Modell eines steingefurchten, nackten Hügels das Licht von einem Dutzend Halogenstrahlern. Die Bergspitze, wo Isaak darauf wartete, dass sein Vater ihm den Lebensmuskel aus dem Leib riss, ist so flach wie ein Platzdeckchen. An den Hängen finden sich Steinhäuser, Steingassen, kleine Oliven- und Zypressenbäume mit struppigem Laub. Winzige, in Minigebetsschals gehüllte Juden betrachten die Leere auf der Bergspitze, so als veranschaulichten oder demonstrierten sie das Prinzip, dass jeder Jude seinen persönlichen Messias hat, der nie kommt, denkt Landsman.
»Ich sehe den Tempel nicht«, sagt Bina in einem Ton, als würde sie lieber den Mund halten.
Buchbinder stößt ein sonderbares Grunzen aus, animalisch und zufrieden. Mit der Schuhspitze drückt er auf eine Taste im Boden. Es gibt ein sanftes Klicken, dann summt ein kleiner Ventilator. Und dann kehrt der maßstabsgetreu nachgebaute Tempel — errichtet von Salomon, zerstört von den Babyloniern, wieder aufgebaut und umgestaltet vom König Judäas, der Christus zum Tode verurteilte, zerstört von den Römern, versiegelt und bebaut von den Abbasiden — zurück an seinen rechtmäßigen Platz am Nabel der Welt. Die Technik, die diese Erscheinung möglich macht, verleiht dem Modell ein wundersames Leuchten. Der Tempel schimmert wie eine Fata Morgana. In seiner praktischen Ausführung zeugt der Dritte Tempel von zurückhaltender Steinmetzkunst mit seinen Kuben, Säulen und windigen Plazas. Hier und dort verleiht ihm ein gemeißeltes sumerisches Ungeheuer eine Spur Urtümlichkeit. Dies ist der Zettel, den Gott den Juden in die Hand gab, denkt Landsman, das Versprechen, dessentwegen wir ihm seither auf den Geist gehen. Der Turm, der sich im Endspiel der Welt um den König kümmert.
»Und jetzt lassen wir die Puff-Puff-Eisenbahn fahren«, sagt Landsman.
Hinten im Raum befindet sich eine schmale Treppe, an einer Seite frei, an der anderen gegen die Wand gedrückt. Sie führt hinauf zu einer schwarzlackierten Stahltür. Buchbinder klopft vorsichtig an.
Der junge Mann, der die Tür öffnet, ist einer der Großneffen aus dem Einstein, der Fahrer des Caudillo, der schwere, breitschultrige Amerikaner mit dem rosa Nacken.
»Ich glaube, Mr. Litvak erwartet mich«, sagt Bina fröhlich. »Ich bin Inspector Gelbfish.«
»Sie haben fünf Minuten«, sagt der junge Mann in zweckmäßigem Jiddisch. Er kann nicht älter als zwanzig sein. Sein linkes Auge ist nach innen gerichtet, auf seinen Babywangen sind mehr Aknenarben als Barthaare. »Mr. Litvak ist ein viel beschäftigter Mann.«
»Und wer sind Sie?«
»Sie können mich Micky nennen.«
Sie tritt auf ihn zu und reckt ihr Kinn gegen seine Kehle.
»Micky, ich weiß, dass mich das in deinen Augen zu einem schlechten Menschen macht, aber mir ist wirklich egal, wie beschäftigt Mr. Litvak ist. Ich rede so lange mit ihm, wie ich es für richtig halte. Jetzt bring mich zu ihm, mein Süßer, sonst wirst du für sehr lange Zeit überhaupt keine Beschäftigung mehr haben.«
Micky wirft Landsman einen Blick zu, der besagt Wow, ist die hart. Landsman tut so, als verstehe er nicht.
»Wenn Sie mich bitte entschuldigen würden«, sagt Buchbinder und verbeugt sich vor allen. »Ich habe noch sehr viel zutun.«
»Wollen Sie irgendwohin, Doktor?«, fragt Landsman.
»Ich habe Ihnen das bereits erklärt«, sagt der Zahnarzt. »Vielleicht sollten Sie sich so was besser aufschreiben.«
Das Penthouse auf dem Hotel Blackpool ist nichts Besonderes. Ein Zweizimmerapartment. Im vorderen Raum befinden sich eine Schlafcouch, eine Bar mit fließendem Wasser und ein Minikühlschrank, ein Sessel und sieben junge Männer mit dunklen Anzügen und schlechten Frisuren. Die Betten sind weggeklappt, aber man riecht, dass in diesem Raum junge Männer geschlafen haben, vielleicht tatsächlich sieben. Ein biesenbesetztes Bettlaken späht aus dem Ritz eines Sitzkissens wie ein im Reißverschluss gefangener Hemdschoß.
Die jungen Männer sitzen vor einem besonders großen Fernseher, in dem Satellitennachrichten laufen. Auf dem Bildschirm gibt der Premierminister der Mandschurei gerade fünf mandschurischen Astronauten die Hand. Die Kiste, in der der Fernseher geliefert wurde, steht neben seinem ehemaligen Inhalt auf dem Boden. Flaschen mit Energiegetränken und Tüten mit Sonnenblumenkernen stehen auf dem Couchtisch neben Verwehungen von Sonnenblumenschalen. Landsman kann drei automatische Pistolen ausmachen, zwei im Hosenbund, eine in einem Socken. Vielleicht den Kolben einer vierten unter einem Oberschenkel. Niemand freut sich, die Polizeibeamten zu sehen. Ganz im Gegenteil wirken die jungen Männer mürrisch, gereizt. Bestrebt, irgendwo anders zu sein, nur nicht hier.
»Zeigen Sie uns Ihren Durchsuchungsbeschluss.« Das ist Gold, die angespitzte kleine Feile von Mexikaner aus Peril Strait. Er schält sich von der Couch und kommt auf Bina und Landsman zu. Als er Landsman erkennt, hebt sich seine durchgehende Augenbraue an ihrem Scheitelpunkt. »Madam, der da hat kein Recht, hier zu sein. Schicken Sie ihn raus.«
»Immer mit der Ruhe«, sagt Bina. »Wie heißen Sie?«
»Das ist Gold«, sagt Landsman.
»Ah so. Gold, sehen Sie mal: Ihr seid zu eins, zwei, drei, zu siebt. Wir sind zu zweit.«
»Ich bin nicht mal da«, sagt Landsman. »Ich bin nur eine Illusion.«
»Ich bin hier, um mit Alter Litvak zu sprechen, und dafür brauche ich kein Blatt Papier, mein Schejner. Selbst wenn ich ihn verhaften wollte, könnte ich den Beschluss immer noch nachreichen.« Sie wirft Gold ihr gewinnendes, leicht angestaubtes Lächeln zu. »Ehrlich.«
Gold zögert. Er will die Sache mit seinen sechs Kameraden besprechen, will wissen, was er ihrer Meinung nach tun soll, aber irgendetwas an seinem Vorhaben oder am Leben im Allgemeinen erscheint ihm sinnlos. Er geht zur Schlafzimmertür und klopft. Auf der anderen Seite gibt ein zerlöcherter Dudelsack ein ersterbendes Keuchen von sich.
Der Raum ist so spartanisch und aufgeräumt wie Hertz Shemets’ Hütte, bis hin zum Schachbrett. Kein Fernseher. Kein Radio. Nur ein Stuhl und ein Bücherregal und ein Klappbett in der Ecke. Ein bis zum Boden reichendes Stahlrollo klappert im Wind des Golfes. Litvak sitzt auf dem Bett, die Knie zusammengedrückt, ein aufgeschlagenes Buch im Schoß, und trinkt durch einen knickbaren grünen Strohhalm eine Art Vitaminshake aus einer Dose.
Als Bina und Landsman eintreten, stellt Litvak die Dose ins Bücherregal neben seinen Block mit marmoriertem Papier. Er legt einen Faden in das Buch und klappt es zu. Landsman sieht, dass es eine alte Hardcoverausgabe von Tarrasch ist, wahrscheinlich 300 Schachpartien. Dann blickt Litvak auf. Seine Augen sind zwei glanzlose Pennys. Sein Gesicht besteht aus Höhlen und Vorsprüngen, ein Kommentar im gelben Leder seines Schädels. Er wartet, als seien sie gekommen, um ihm einen Kartentrick vorzuführen. Mit seinem schwer lesbaren großväterlichen Gesichtsausdruck ist er bereit, enttäuscht zu werden und sich gleichzeitig erfreut zu geben.
»Ich bin Bina Gelbfish. Sie kennen Meyer Landsman.« Ich kenne dich auch, sagen die Augen des alten Mannes.
»Reb Litvak kann nicht sprechen«, sagt Gold. »Er hat einen verkrüppelten Kehlkopf.«
»Verstehe«, sagt Bina. Sie mustert die Schäden, die Zeit, Verletzungen und Physik dem Mann zugefügt haben, mit dem sie vor siebzehn, achtzehn Jahren auf der Hochzeit von Landsmans Cousine Shefra Sheynfeld eine Rumba tanzte. Ihr forsches Lady-Schammes-Auftreten hat sie abgelegt, ohne es aufgegeben zu haben. Aufgeben tut sie es nie. Vielleicht schiebt sie es ins Holster, entsichert es, eine Hand mit angewinkelten Fingern an der Hüfte. »Mr. Litvak, ich habe von meinem Detective hier ein paar ziemlich wilde Geschichten über Sie gehört.«
Litvak greift zu seinem Block, auf dem quer die schlanke ebenholzschwarze Zigarre seines Waterman liegt. Er schlägt den Block mit den Fingern einer Hand auf, legt ihn auf sein Knie und studiert Bina so, wie er das Schachbrett im Einstein-Club studierte, sucht nach einer Eröffnung, sieht zwanzig Möglichkeiten, eliminiert neunzehn. Er schraubt seinen Füller auf. Er ist auf der allerletzten Seite. Er schreibt.
Sie machen sich nichts aus wilden Geschichten
»Ja, Sir, das stimmt. Ich bin schon seit vielen Jahren bei der Polizei und kann an den Fingern einer Hand abzählen, wie oft eine wilde Geschichte über den Hergang eines Falls sich hinterher als nützlich oder wahr entpuppt hat.«
Hartes Los — sich einfache Erklärungen in einer Welt voller Juden zu wünschen
»Zugegeben.«
Also schweres Schicksal ein jüdischer Polizist zu sein
»Mir gefällt’s«, sagt Bina schlicht und gefühlvoll. »Es wird mir fehlen, wenn es vorbei ist.«
Litvak zuckt mit den Schultern, wie um anzudeuten, dass er sein Beileid ausdrücken würde, wenn er nur könnte. Seine harten, hellen, rotgeränderten Augen gleiten zur Tür und stellen Gold mit einer erhobenen Augenbraue eine Frage. Gold schüttelt den Kopf und geht dann wieder Fernsehen gucken.
»Ich nehme an, es ist nicht leicht«, sagt Bina. »Aber nehmen wir mal an, Sie erzählen uns, was Sie über Mendel Shpilman wissen, Reb Litvak.«
»Und über Naomi Landsman«, fügt Landsman hinzu.
Wenn Sie glauben ich hätte Mendel getötet haben Sie genauso wenig Ahnung wie er
»Ich glaube überhaupt nichts«, sagt Bina.
Ihr Glück
»Das ist ein Talent von mir.«
Litvak schaut auf die Uhr und gibt ein brüchiges Geräusch von sich, das Landsman für einen geduldigen Seufzer hält. Er schnippt mit den Fingern. Als Gold sich zu ihm umdreht, winkt er mit seinem vollgeschriebenen Block. Gold geht ins Vorderzimmer und kehrt mit einem neuen Block zurück. Er durchquert den Raum und reicht ihn Litvak mit einem Blick, der dem Alten anbietet, die störenden Gäste mit einer Vielzahl interessanter Methoden zu dispensieren oder zu entsorgen. Litvak schickt den Jungen fort, wedelt ihn mit der Hand zurück zur Tür.
Dann rutscht er zur Seite und klopft auf den geräumten Platz neben sich. Bina öffnet den Reißverschluss ihres Parkas und setzt sich. Landsman zieht den Wiener Stuhl heran. Litvak schlägt den Block auf der ersten, jungfräulichen Seite auf.
Jeder Messias versagt, schreibt Litvak, sobald er versucht sich selbst zu erlösen