39.

Sie hatten einen eigenen Piloten, einen guten, einen Veteran aus Kuba namens Frum, der im Pendelverkehr von Sitka flog. Frum hatte in Matanzas und im blutigen Debakel von Santiago unter Litvak gedient. Er war gleichzeitig gläubig und ohne eine Spur von Glauben, eine Kombination von Charakterzügen, die Litvak schätzte, da er oft gezwungen war, sich auf allen Seiten mit der manchmal vorsätzlichen Treulosigkeit von Gläubigen herumzuschlagen. Der Pilot Frum glaubte nur das, was sein Armaturenbrett ihm sagte. Er war sachlich, akribisch, fachkundig, ruhig, hart. Wenn er eine Ladung Rekruten in Peril Strait absetzte, verließen die Jungs Frums Flugzeug mit einer gewissen Ahnung, was für eine Art Soldat sie werden wollten.

Schickt Frum, schrieb Litvak, als sie vom Sachbearbeiter Mr. Cashdollar die Nachricht von einer wunderbaren Geburt in Oregon erhielten. Frum flog an einem Dienstag los. Am Mittwoch — wie soll das reiner Zufall sein, würden die Gläubigen sagen — stolperte Mendel Shpilman in Buchbinders Kuriositätenkabinett im sechsten Stock des Hotel Blackpool und sagte, er wäre bei seinem letzten Segensspruch angekommen und bereit, den an sich selbst zu verschwenden. Inzwischen befand sich der Pilot Frum schon tausend Meilen weiter auf einer Ranch vor Corvallis, wo Fligler und Cashdollar, eingeflogen aus Washington, Probleme hatten, sich mit dem Züchter des magischen roten Tieres auf einen Preis zu einigen.

Es gab natürlich noch andere Piloten, die Shpilman nach Peril Strait hätten fliegen können, aber es waren Außenstehende oder junge Gläubige. Einem Außenstehenden konnte man nicht vertrauen, und Litvak sorgte sich, Shpilman könne für einen jungen Gläubigen eine Enttäuschung sein. Dann würden die bösen Zungen loslegen. Shpilman sei in einem sehr schlechten Zustand, wie Dr. Buchbinder sagte. Er sei aufgekratzt und mürrisch oder schläfrig und teilnahmslos und wiege nur noch fünfundfünfzig Kilo. Wirklich, als Tzaddik mache er nicht mehr viel her.

Innerhalb einer so kurzen Frist fiel Litvak nur ein anderer Pilot ein, eine Person, die ebenfalls gänzlich ohne Glauben war, aber diskret und zuverlässig. Außerdem hatte sie eine alte Verbindung zu Litvak, auf die er seine Hoffnungen zu setzen wagte. Zuerst versuchte er, den Namen aus seinem Kopf zu verbannen, aber er kehrte immer wieder. Er hatte Angst, Shpilman wieder zu verlieren, wenn er zu lange zögerte; schon zweimal hatte der Jid das Versprechen gebrochen, sich von Dr. Roboy in Peril Strait behandeln zu lassen. Deshalb ließ Litvak diesen ungläubigen, zuverlässigen Piloten auftreiben und bot ihm einen Auftrag an. Der Pilot, eine Frau, war einverstanden, forderte aber tausend Dollar mehr, als Litvak eigentlich hatte zahlen wollen.

»Eine Frau«, sagte der Arzt und setzte seinen Königsturm, ein Zug, der ihm keinen für Litvak erkennbaren Vorteil brachte. Nach Litvaks wohlüberlegter Meinung hatte Dr. Roboy ein Laster, das vielen Gläubigen eigen war: Er war ganz Strategie und null Taktik. Er neigte dazu, sich nur um der Bewegung willen zu bewegen, war zu sehr auf das Ziel konzentriert, um sich mit dem Weg dorthin zu beschäftigen. »Hier. An diesem Ort.«

Sie saßen im Büro im ersten Stock des Hauptgebäudes mit Blick auf die Meerenge, auf das indianische Dorfgesindel mit seinen Netzen und dem gesprungenen Plankenweg, auf den ins Meer ragenden Finger des brandneuen Anlegers für das Wasserflugzeug. Es war Roboys Büro, in der Ecke stand ein Schreibtisch für Moish Fligler, falls er einmal da war und länger an einem Tisch gehalten werden konnte. Alter Litvak verzichtete lieber auf den Luxus von Schreibtisch, Büro und Heim. Er schlief in Gästezimmern, Garagen, auf der Couch fremder Menschen. Sein Schreibtisch war ein Küchentisch, sein Büro das Übungsgelände, der Schachclub Einstein oder das Hinterzimmer des Instituts Moriah.

Wir haben hier Männer, die nicht so männlich sind wie sie, schrieb Litvak in seinen Block, Ich hätte die Frau längst engagieren sollen

Er schnappte sich Roboys letzten Läufer und schlug damit eine plötzliche Bresche in die Mitte der weißen Figuren. Er sah, dass er Roboy auf zwei verschiedenen Wegen in vier Zügen mattsetzen konnte. Der greifbare Sieg machte ihn überdrüssig. Er fragte sich, ob er sich jemals wirklich etwas aus Schach gemacht hatte. Litvak griff zu seinem Stift und verfasste eine Beleidigung, obwohl es sich in den letzten fünf Jahren als unmöglich erwiesen hatte, Roboy zu provozieren.

Wenn wir hundert solcher Frauen hätten würde ich Ihnen jetzt auf einer Terrasse über dem Ölberg die Fresse polieren

»Hm«, sagte Dr. Roboy, befingerte einen Bauern und beobachtete Litvaks Gesicht, während Litvak in den Himmel blickte.

Dr. Roboy saß mit dem Rücken zum Fenster, eine dunkle, das Schachbrett umklammernde Parenthese, das lange, vorspringende Gesicht erschöpft vom Bemühen, die Trostlosigkeit seiner unmittelbaren Schachzukunft zu erraten. Der Westhimmel hinter ihm war ein Gemisch aus Marmelade und Rauch. Die zerdrückten Berge, die grünen Falten, die schwarz wirkten, und das Purpur, das schwarz wirkte, dazu die leuchtend blauen Spalten weißen Schnees. Im Südwesten ging der Vollmond früh auf, scharf geschnitten und grau, er sah aus wie ein in den Himmel geklebtes, hochaufgelöstes Schwarzweißfoto seiner selbst.

»Jedes Mal, wenn Sie aus dem Fenster gucken«, sagte Roboy, »denke ich, jetzt ist er da. Hören Sie doch bitte auf damit. Sie machen mich ganz nervös.« Er legte seinen König hin, schob sich vom Schachbrett fort und entfaltete Gelenk um Gelenk seines langen Heuschreckenkörpers. »Ich kann nicht spielen, tut mir leid. Sie haben gewonnen. Ich bin zu aufgedreht.«

Er begann, im Büro auf und ab zu laufen.

Ich verstehe nicht warum Sie sich solche Sorgen machen Sie haben die einfache Aufgabe

»Ach ja?«

Sie müssen nur ihn erlösen, er ganz Israel

Roboy blieb stehen und drehte sich zu Litvak um, der seinen Stift beiseiteschob und sich anschickte, die Schachfiguren in das Ahornkästchen zurückzulegen.

»Dreihundert junge Männer sind bereit, für ihn zu sterben«, sagte Roboy verdrießlich. »Dreißigtausend Verbover werden ihr Leben und ihr Glück auf diesen Mann setzen. Heimatlos werden, ihre Familien gefährden. Wenn noch mehr folgen, reden wir über Millionen. Ich bin froh, dass Sie darüber Witze reißen können. Ich bin froh, dass es Sie nicht nervös macht, aus dem Fenster zu schauen, den Himmel zu beobachten und zu wissen, dass er nun endlich unterwegs ist.«

Litvak unterbrach sich beim Einräumen der Figuren und schaute wieder aus dem Fenster: Kormorane, Möwen und ein Dutzend phantasievoller Varianten der gemeinen Ente, die keinen Namen auf Jiddisch haben. Jeden Moment mochte man eine von ihnen mit ausgebreiteten Flügeln vor der untergehenden Sonne für die herannahende Piper Super Cub halten, die tief von Südwesten kam. In den Himmel zu schauen, machte auch Litvak nervös. Doch das Projekt war per definitionem keines, das Männer mit einer Vorliebe fürs Warten anzog.

Ich hoffe wirklich, er ist der T h-D

»Nein, das hoffen Sie nicht«, sagte Roboy. »Das ist gelogen. Sie machen einfach nur mit. Weil es eine Herausforderung ist.«

Nach dem Autounfall, der Litvak Frau und Stimme raubte, war es Dr. Rudolf Buchbinder gewesen, der verrückte Zahnarzt von der Ibn-Ezra Street, der Litvaks Kiefer wieder aufgebaut und das Mauerwerk mit Acryl und Titan restauriert hatte. Und als Litvak feststellte, dass er abhängig von Schmerzmitteln war, war es ebenfalls der Zahnarzt gewesen, der ihn zur Behandlung an seinen alten Freund Dr. Max Roboy verwies. Als Cashdollar seinen Mann in Sitka Jahre später um Hilfe bat, die göttlich inspirierte Mission des amerikanischen Präsidenten zu erfüllen, dachte Litvak sofort an Buchbinder und Roboy.

Deutlich länger hatte es gedauert, hatte Litvak buchstäblich seine letzte Unze Chuzpe gekostet, Heskel Shpilman ins Boot zu bekommen. Endloses Pilpul und Geschacher über Baronshteyn. Erbitterter Widerstand der Karrieristen im Justizministerium, die in Shpilman und Litvak — zu Recht — einen Warlord und seinen Henker sahen. Nach Monaten voller Absagen und falschem Alarm dann schließlich das Treffen mit dem gewaltigen Mann in der Badeanstalt auf der Ringelblum Avenue.

Ein Dienstagmorgen, Schneeflocken fielen in matschigen Spiralen vom Himmel, zehn Zentimeter frischer Schnee auf dem Boden. Zu neu, zu früh für den Pflug. An der Ecke von Ringelblum und Glatshteyn Avenue stand ein Maronenverkäufer mit einem verschneiten roten Schirm, seine Röstkiste glühte und zischte, die parallelen Furchen seiner Räder rahmten seine verwischten Fußspuren ein. Es war so still, dass man die Uhrwerke in den Ampelanlagen ticken und den Pager an der Hüfte des Bewaffneten neben der Tür vibrieren hören konnte. Zwei Bewaffnete. Diese großen roten Bären, die sich die Verbover halten, um den massigen Körper ihres Rebbe zu bewachen.

Während die Rudashevsky-Biks an der Tür Litvak die Betontreppe mit den Vinylstufen hinauf, und dann den schachtgleichen Korridor zur Eingangstür des Bades entlangführen, wölbten sich ihre zur Faust geballten Gesichter um ein kleines Licht. Übermut, Mitleid und das Frohlocken eines Witzbolds, eines Folterers, eines Priesters, der sich bereit macht, den Kannibalengott zu enthüllen. Was den uralten russischen Kassierer in seinem Metallverschlag oder den untersetzten Wärter in seinem Bunker voll weißer Handtücher betraf — diese Jids hatten keine Augen, soweit Litvak bekannt war. Sie hielten die Köpfe gesenkt, geblendet von Angst und Vorsicht. Sie waren irgendwo anders, tranken Kaffee im Polar-Shtern, waren noch zu Hause im Bett bei ihrer Frau. Zu dieser Stunde war die Badeanstalt noch gar nicht geöffnet. Es war niemand da, überhaupt keiner, und der Wärter, der Litvak über den Tresen zwei verschlissene Handtücher zuschob, war ein Geist, der einem Toten ein gewundenes Laken reichte.

Litvak zog sich aus und hängte seine Kleidung an zwei Stahlhaken. Er konnte die Gezeitenströmung der Badeanstalt riechen, Chlor und Achselschweiß und schweren Salzdampf, der beim zweiten Nachdenken auch von der Einmachfabrik im Erdgeschoss stammen mochte. Für ihn hatte es nichts Peinigendes, sich nackt zu zeigen, falls das die Absicht gewesen sein sollte. Er hatte zahlreiche Narben, einige davon waren furchtbar, sie verfehlten nicht ihre Wirkung. Er hörte ein tiefes Pfeifen von einem der beiden Rudashevskys in der Umkleidekabine. Litvaks Körper war ein von Schmerz und Gewalt beschriebenes Pergament, das sie nur ansatzweise exegetisch behandeln konnten. Er zog seinen Block aus der Tasche seiner Jacke, die am Haken hing.

Gefalle ich euch?

Die Rudashevkys konnten sich nicht auf eine gemeinsame Antwort einigen. Der eine nickte, der andere schüttelte den Kopf. Dann tauschten sie die Reaktionen, ohne dass es einen von ihnen befriedigt hätte. Schließlich gaben sie es auf und schickten Litvak durch die vernebelte Glastür in den Dampfraum zum Treffen mit dem von ihnen gehüteten Körper.

Jener Körper in seinem Schrecken oder seiner Herrlichkeit, nackt wie ein gewaltiger blutunterlaufener Augapfel ohne Augenhöhle. Litvak hatte ihn zuvor nur einmal gesehen, vor Jahren, gekrönt mit einem Filzhut und wie ein Tabakklumpen aus Pinar del Rio in einen steifen schwarzen Mantel gerollt, der über die Spitzen seiner schicken schwarzen Stiefel schwang. Nun ragte er schwer aus dem Dampf hervor, eine mit einer Flechte schwarzen Haares überzogene Platte nassen Kalksteins. Litvak fühlte sich wie ein Flugzeug, das in den Nebel steuert und vom Aufwind überraschend gegen eine Bergflanke gedrückt wird. Der Bauch schwanger mit Elefantendrillingen, die Brüste schwer hängend, jeweils mit der rosa Linse einer Brustwarze versehen. Die Oberschenkel zwei große, handgerollte, marmorierte Halva-Laibe. Im Schatten dazwischen ein dicker Nabel aus gräulich braunem Fleisch.

Litvak senkte die unisolierte Rüstung seines Körpers auf das heiße Fliesengitter gegenüber dem Rabbi. Als er damals Shpilman auf der Straße begegnet war, hatten die Augen des Mannes in dem Schattenreich gelegen, das die Sonnenuhr seiner Hutkrempe warf. Jetzt waren sie auf Litvak und seinen verwüsteten Körper gerichtet. Es waren freundliche Augen, dachte Litvak, oder aber Augen, deren Dienstherr sie in den Vorzügen der Freundlichkeit geschult hatte. Sie studierten Litvaks Narben, den gerunzelten purpurnen Mund auf seiner rechten Schulter, die samtroten Striemen auf seiner Hüfte, die Delle in seinem linken Oberschenkel, in die man eine Unze Gin gießen konnte. Die Augen des Rebbe entboten Mitleid, Beachtung, ja, Dankbarkeit. Der Krieg in Kuba war berüchtigt gewesen für seine Sinnlosigkeit, Brutalität und Verschwendung. Die Veteranen hatte man bei ihrer Rückkehr gemieden. Niemand hatte ihnen Vergebung, Verständnis oder eine mögliche Heilung angedeihen lassen. Heskel Shpilman bot Litvak und seinem kriegszerfressenen Balg all das zusammen.

»Die Art Ihrer Behinderung«, sagte der Rebbe, »wurde mir erklärt, sowie der Inhalt Ihres Angebots.« Seine vom Dampf und den Porzellankacheln gedämpfte, mädchenhafte Stimme schien nicht aus der Kesselpaukenbrust zu kommen. »Ich sehe, dass Sie trotz meiner klaren Anweisung, nichts bei sich zu tragen, Ihren Block und Stift mitgebracht haben.«

Litvak hielt die dampfbeperlten beanstandeten Gegenstände hoch. Er fühlte die Verwerfungen, die Krümmung in den Blättern des Blocks.

»Sie werden ihn nicht gebrauchen.« Die vogelgleichen Hände hockten sich auf den Fels seines Bauches, und der Rebbe schloss die Augen, entzog Litvak seine ehrliche oder vorgetäuschte Sympathie und ließ ihn ein, zwei Minuten lang im Dampf schmoren. Litvak hatte Dampfbäder schon immer gehasst. Aber dieses Schwitz im alten Harkavy, profan und schmuddelig, war der einzige Ort, an dem es der Verbover Rebbe bewerkstelligen konnte, abseits seines Hofstaats, seines Gabbai, seiner eigenen Welt, Privatangelegenheiten zu regeln. »Ich habe nicht vor, weitere Fragen oder Antworten von Ihnen zu fordern.«

Litvak nickte und wollte aufstehen. Sein Kopf sagte ihm, dass Shpilman sich nicht die Mühe gemacht hätte, ihn zu diesem nackten, einseitigen Gespräch zu bestellen, wenn er ihm hätte absagen wollen. Aber im Bauch spürte er, dass dieser Auftrag verdammt war, dass Shpilman ihn in die Ringelblum Avenue gerufen hatte, um die Absage mit der elefantesken Autorität seiner Person zu überbringen.

»Sie sollen wissen, Mr. Litvak, dass ich Ihren Vorschlag sehr gründlich erwogen habe. Ich habe versucht, seine Logik aus jedem Blickwinkel zu betrachten.

Beginnen wir mit unseren Freunden im Süden. Wenn es nur darum ginge, dass sie etwas wollten, eine greifbare Attraktion oder Ressource … Öl, zum Beispiel. Oder wenn sie eher strategisch von ihren Sorgen in Bezug auf Russland oder Persien angetrieben wären. In beiden Fällen würden sie uns offensichtlich nicht brauchen. Wie schwierig eine Eroberung das Heiligen Landes auch wäre — unsere körperliche Anwesenheit, unser Kampfeswille, unsere Waffen können für deren Schlachtplan keinen großen Unterschied machen. Ich habe mich mit deren Behauptung beschäftigt, die jüdische Sache in Palästina unterstützen zu wollen, ich habe deren Theologie studiert, und soweit möglich, habe ich versucht, mir auf Grundlage von Rabbi Baronshteyns Berichten eine Meinung über diese Christen und ihre Ziele zu bilden. Und ich komme zu dem Schluss, dass sie es so meinen, wenn sie sagen, dass sie Jerusalem wieder unter jüdischer Herrschaft sehen wollen. Die Begründung dafür, die sogenannten Prophezeiungen und Apokryphen, deren angebliche Autorität diesem Wunsch zugrunde liegt, die kommt mir mitunter gar lachhaft vor. Sogar abscheulich. Ich bemitleide diese Christen ob ihres kindlichen Vertrauens in die bevorstehende Wiederkehr von einem, der überhaupt nie gegangen ist, geschweige je gekommen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie uns ebenfalls wegen unseres unpünktlichen Messias bemitleiden. Als Grundlage einer Partnerschaft sollte man gegenseitiges Mitleid nicht verachten.

Was Ihre Rolle in dieser Sache angeht, so ist das einfach, nicht? Sie sind ein Söldner. Sie genießen die Herausforderungen und die Verantwortung eines Feldherrn. Das verstehe ich. Wirklich. Sie kämpfen gerne, und Sie töten gerne, solange es nicht Ihre Leute sind, die sterben. Und ich wage zu sagen, dass Sie nach all den Jahren mit Shemets und danach auf eigene Faust längst Routine darin haben, die Amerikaner zufriedenzustellen.

Für die Verbover ist es ein großes Risiko. Wir könnten bei diesem Abenteuer unsere gesamte Glaubensgemeinschaft verlieren. Wir könnten innerhalb weniger Tage ausgelöscht werden, wenn Ihre Trappen schlecht vorbereitet sind oder schlicht und einfach, was nicht unwahrscheinlich ist, in der Unterzahl. Aber wenn wir hierbleiben, nun ja, dann sind wir auch erledigt. In alle Winde verstreut. Unsere Freunde im Süden haben das ganz klar gesagt. Das ist die Zwickmühle. Die Reversion ist das Feuer, das uns unterm Hintern gemacht wird, nicht wahr? Und das neue Jerusalem der Eimer mit Eiswasser. Einige unserer jungen Männer plädieren dafür, hier die Stellung zu halten, unsere Vertreibung zu riskieren. Aber das ist Wahnsinn.

Andererseits: Wenn wir unsere Zustimmung geben und Sie erfolgreich sind, dann erhalten wir einen Schatz von so unermesslichem Wert — ich spreche natürlich von Zion —, dass allein die Vorstellung ein lange verriegeltes Fenster in meiner Seele öffnet. Ich muss meine Augen vor dieser Helligkeit schützen.«

Er hob den linken Handrücken vor die Augen. Sein schmaler Ehering war von seinen Fingern verschluckt wie eine im Fleisch eines Baumes verschwundene Axt. Litvak spürte ein Pochen in seinem Hals, einen Daumen, der immer wieder über die tiefste Saite einer Harfe fuhr. Schwindel. Ein ballonartiges Gefühl in Armen und Beinen. Es musste die Hitze sein. Er machte zaghafte, flache Atemzüge in der schweren, brennenden Luft.

»Mich blendet diese Vision«, sagte der Rebbe. »Vielleicht bin ich davon auf meine Art so geblendet wie die Evangelikalen. So wertvoll ist dieser Schatz. So unermesslich süß.«

Nein. Es war nicht die Hitze und Schwere des Schwitz, die Litvaks Puls pochen ließen und ihn schwindelig machten, jedenfalls nicht nur. Er war nun von seinem Bauchgefühl überzeugt: Shpilman wollte seinen Vorschlag zurückweisen. Aber als die wahrscheinliche Absage näher rückte, dämmerte ihm eine neue Möglichkeit, durchfuhr ihn regelrecht. Es war die Spannung einer brillanten Idee, eines blendenden Zugs.

»Dennoch reicht es nicht«, sagte der Rebbe. »Ich sehne mich nach Messias mehr als nach allem anderen auf dieser Welt.« Er stand auf, und sein Bauch schwappte über seine Hüften und Leisten wie kochende Milch, die am Topf herunterschäumt. »Aber ich habe Angst. Ich habe Angst vorm Scheitern. Ich habe Angst vor großen Verlusten unter meinen Jids und vor der völligen Zerstörung von allem, für das wir in den letzten sechzig Jahren gearbeitet haben. Am Ende des Krieges gab es noch elf Verbover, Litvak. Elf. Auf dem Totenbett habe ich dem Vater meiner Frau versprochen, nicht zuzulassen, dass uns jemals wieder solch eine Zerstörung widerfährt.

Und schließlich und endlich, Litvak, habe ich Angst, es könnte ein Metzgergang sein. Es gibt zahlreiche, einleuchtende Warnungen davor, die Ankunft von Messias auf irgendeine Weise zu beschleunigen. Jeremia verurteilt es. Ebenso die Schwüre Salomons. Natürlich möchte ich meine Jids in einer neuen Heimat sehen, mit finanziellen Bürgschaften der USA, mit Hilfsangeboten und Zugang zu den unvorstellbar großen neuen Märkten, die Ihre Unternehmung im Erfolgsfall schaffen würde. Und ich wünsche mir Messias so sehr, wie ich mir nach dieser Hitze wünsche, in das kühle dunkle Wasser der Mikwe im nächsten Zimmer zu sinken. Aber, Gott vergebe mir meine Worte, ich habe Angst. So viel Angst, dass selbst der Vorgeschmack von Messias auf meinen Lippen nicht ausreicht, Litvak. Und das können Sie denen sagen, da unten in Washington. Sagen Sie ihnen, der Verbover Rebbe habe Angst.« Die Vorstellung von Angst schien den Rebbe in ihrer Neuigkeit völlig hinzureißen, wie einen Jugendlichen, der an den Tod, oder eine Hure, die an die reine Liebe denkt. »Was?«

Litvak hob den rechten Zeigefinger. Er hatte noch etwas, das er dem Rebbe anbieten konnte. Eine weitere Klausel im Abkommen. Er hatte keine Ahnung, wie er sie vortragen würde oder ob sie überhaupt vorgetragen werden konnte. Doch als sich der Rebbe anschickte, seinen massigen Rücken Jerusalem und der überwältigenden Ungeheuerlichkeit des Handels zuzukehren, den Litvak monatelang vorbereitet hatte, spürte er diese Klausel wie eine Art Schrei in sich aufsteigen, versehen mit zwei Ausrufezeichen. Hastig schlug er seinen Block auf. Er kritzelte zwei Wörter auf das erste leere Blatt, aber in seiner Eile und Panik drückte er so fest auf, dass sein Stift das feuchte Papier zerriss.

»Was ist das?«, sagte Sphilman. »Haben Sie noch mehr anzubieten?«

Litvak nickte einmal, zweimal.

»Mehr als Zion? Als Messias? Als eine Heimat, als Glück?«

Litvak stand auf und tappte über die Fliesen, bis er direkt neben dem Rebbe stand. Zwei nackte Männer, die die Geschichten ihrer verhunzten Körper trugen. Jeder von ihnen auf seine Art beraubt, allein. Litvak streckte die Hand aus und schrieb, ermächtigt und inspiriert von dieser Einsamkeit, mit der Fingerspitze zwei Wörter in die Kondenstropfen einer viereckigen weißen Kachel.

Der Rebbe las sie und sah auf. Es sammelten sich neue Tropfen, dann waren die Wörter verschwunden.

»Mein Sohn«, sagte der Rebbe.

Es ist mehr als ein Spiel, schrieb Litvak im Büro in Peril Strait, während er mit Roboy auf die Ankunft dieses ungeratenen, unerlösten Sohnes wartete. Ich kämpfe lieber um einen noch so zweifelhaften Preis als darauf zu warten welche Brosamen man mir hinwirft

»Ich nehme an, irgendwo darin ist ein Credo versteckt«, sagte Roboy. »Vielleicht gibt es doch noch Hoffnung für Sie.«

Als Gegenleistung für die Versorgung mit Kriegern, dem Messias und Geldmitteln, die die kühnsten Träume seiner Geschäftspartner übertrafen, hatte Litvak sich von seinen Kunden, Auftraggebern und Verbündeten einzig und allein erbeten, dass man niemals von ihm erwartete, den Quatsch zu glauben, den die anderen glaubten. Wo sie die Früchte göttlicher Wünsche in einem neugeborenen roten Kälbchen sahen, erkannte er nur das Ergebnis von Millionen Steuerdollar, die heimlich für Bullensamen und In-vitro-Befruchtung ausgegeben worden waren. In der zukünftigen Verbrennung dieser roten Kuh sahen sie die Reinigung ganz Israels und die Erfüllung eines Millionen Jahre alten Versprechens; Litvak sah darin höchstens einen notwendigen Zug in einem alten Spiel — dem Überleben der Juden.

Ach so weit würde ich nicht gehen

Es klopfte an der Tür, und Micky Vayner steckte den Kopf herein.

»Ich wollte Sie erinnern, Sir«, sagte er in seinem braven amerikanischen Hebräisch.

Ausdruckslos schaute Litvak in das rosa Gesicht mit den blättrigen Augenlidern und dem Kinn aus Babyspeck.

»Fünf Minuten vor Sonnenuntergang. Ich sollte Sie erinnern.«

Litvak ging zum Fenster. Der Himmel war nun rosa, grün und so leuchtend grau gestreift wie die Haut eines Lachses. Gewiss sah er einen Stern oder Planeten. Dankend nickte er zu Micky Vayner hinüber. Dann klappte er das Kästchen mit den Schachfiguren zu und schloss die Spange.

»Was ist bei Sonnenuntergang?«, fragte Roboy. Er drehte sich zu Micky Vayner um. »Was ist heute?«

Micky Vayner zuckte mit den Achseln; soweit er wusste, war es nach dem Mondkalender ein ganz normaler Tag im Monat Nissan. Auch wenn er wie seine jungen Kameraden ausgebildet worden war, an die vorbestimmte Wiedereinsetzung des biblischen Königreichs Judäa und an das Schicksal Jerusalems als ewige Hauptstadt der Juden zu glauben, befolgte er die Vorschriften nicht strenger oder besser als die anderen. Die jungen amerikanischen Juden in Peril Strait feierten die großen Feste und hielten sich größtenteils an die Ernährungsvorschriften. Sie trugen ihre Jarmulkes und das Vier-Ecken, stutzten ihre Bärte aber militärisch kurz. Sie vermieden Arbeit und Training am Sabbat, aber es gab Ausnahmen. Nach vierzig Jahren als weltlicher Krieger konnte Litvak damit umgehen. Selbst nach dem Unfall, als seine Sora ihm genommen war, als der Wind durch das Loch pfiff, das sie in Litvaks Leben hinterlassen hatte, als er nach Bedeutung dürstete und nach Sinn hungerte, nach einem leeren Becher und einem nackten Teller, hätte Alter Litvak keinen Platz unter wahrhaft frommen Männern einnehmen können. Beispielsweise hätte er nie unter den Schwarzhüten glücklich werden können. Tatsächlich konnte er sie nicht ausstehen und hatte seit jenem Treffen in der Badeanstalt seinen Kontakt zu den Verbovern auf ein Minimum beschränkt, während sie sich in aller Heimlichkeit darauf vorbereiteten, en masse nach Palästina geflogen zu werden.

Heute ist nichts, schrieb er, ehe er seinen Block einsteckte und das Zimmer verließ. Rufen Sie mich wenn sie kommen

In seinem Zimmer nahm Litvak das Gebiss heraus und ließ es mit einem Würfelklappern in ein Trinkglas fallen.

Er schnürte seine Stiefel auf und sackte auf das Klappbett. Wenn er nach Peril Strait hinausflog, schlief er immer in diesem winzigen Zimmer — im Grundriss war es als Abstellkammer ausgewiesen — im Flur hinter Roboys Büro. Seine Kleidung hängte er an einen Haken hinter der Tür, sein Gepäck verstaute er unter dem Bett.

Er lehnte sich gegen die kalte Wand aus gestrichenen Hohlziegeln und schaute auf die Wand über dem Metallregal, das sein Glas mit den Zähnen trug. Der Raum hatte kein Fenster, daher stellte sich Litvak einen frühen Stern vor. Eine zurückfliegende Ente. Den fotografierten Mond. Den Himmel, der langsam die Farbe eines Gewehrs annahm. Und ein Flugzeug, das tief von Südost hereinkam und den Mann mit sich brachte, der nach Litvaks Plan Gefangener und Dynamit zugleich war, Wehrturm und Falltür, Zielscheibe und Pfeil.

Langsam erhob sich Litvak mit einem schmerzenden Ächzen. Er hatte Schrauben in den Hüften, die Hüften schmerzten; seine Knie pochten und gongten wie die Pedale eines alten Klaviers. In den Scharnieren seines Kiefers knirschte es unablässig. Mit der Zunge fuhr er sich über die leeren Flächen im Mund, sie fühlten sich an wie glatter Kitt. Er war an Schmerzen und Bruchstellen gewöhnt, doch seit dem Unfall schien sein Leib nicht mehr zu ihm zu gehören. Er war etwas, das aus diversen Einzelteilen zusammengezimmert und -geschraubt worden war. Ein Vogelhäuschen aus Sperrholz, auf einen Pfahl gepfropft, in dem seine Seele wie eine panische Fledermaus flatterte. Wie jeder Jude war er in die falsche Welt geboren worden, in das falsche Land, zur falschen Zeit, und jetzt lebte er auch noch im falschen Körper. Am Ende mochte es dieses Gefühl von Irrigkeit sein, diese Faust in seinem jüdischen Bauch, die Alter Litvak an die Sache der Jids band, deren Feldherr er nun sein sollte.

Er ging zum in der Wand verankerten Metallregal unter dem imaginären Fenster. Neben dem Trinkglas mit dem Beweis von Buchbinders Genialität stand ein zweites Glas. Es enthielt einige Unzen Paraffin, erhärtet um einen weißen Faden. Litvak hatte die Kerze nicht ganz ein Jahr nach dem Tod seiner Frau in einem Supermarkt mit der Absicht gekauft, sie am Jahrestag ihres Todes anzuzünden. Inzwischen waren mehrere Jahrestage gekommen und gegangen, und Litvak hatte seine eigene seltsame Tradition entwickelt. Jedes Jahr holte er die Jahrzeit-Kerze hervor, betrachtete sie und überlegte, sie zu entzünden. Er stellte sich das scheue Flackern der Flamme vor. Er malte sich aus, wie er in der Dunkelheit lag und das Licht der Gedenkkerze über seinem Kopf tanzte, ein schattenhaftes Alef-Bejs an die Decke der kleinen Kammer malte. Er sah vor sich, wie das Glas nach vierundzwanzig Stunden leer wäre, der Docht verzehrt, das Paraffin verbrannt, das winzige Metallplättchen am Boden in Wachs ertränkt. Und danach — aber an diesem Punkt verließ ihn immer seine Vorstellungskraft. Litvak wühlte in den Taschen seines Anzugs nach dem Feuerzeug, nur um die Möglichkeit, die Option zu haben, herauszufinden, was es bloß bedeuten mochte — sollte er sich denn dazu entschließen —, die Erinnerung an seine Frau anzuzünden. Das Feuerzeug war ein Zippo, auf einer Seite war in abgenutzten schwarzen Strichen ein Rangers-Abzeichen eingraviert, die andere war tief eingedrückt. Dort hatte das Feuerzeug einen herandrängenden Teil des Autos, der Straße oder der Traubenkirsche davon abgehalten, Litvaks Herz zu durchbohren. Seinem Hals zuliebe rauchte Litvak nicht mehr; das Feuerzeug war nur noch eine Gewohnheit, ein Symbol seines Überlebens, ein ironischer Glücksbringer, der nie seinen Platz neben dem Bett oder in Litvaks Hose verließ. Aber jetzt war es weder hier noch dort. Mit der dümmlichen Art eines hilflosen alten Mannes klopfte er sich von oben bis unten ab. Rückwärts ging er seinen Tag durch, arbeitete sich zurück bis zum Morgen, als er wie gewöhnlich das Feuerzeug in seine Jackentasche hatte gleiten lassen. Etwa nicht? Auf einmal konnte er sich nicht erinnern, am Morgen das Zippo eingesteckt oder es am Abend zuvor auf das Metallregal gelegt zu haben, als er schlafen ging. Vielleicht hatte er es schon seit Tagen nicht mehr bei sich. Es könnte zu Hause in Sitka sein, im Hinterzimmer des Hotel Blackpool. Es könnte überall sein. Litvak ließ sich zu Boden fallen, zerrte sein Gepäck unter dem Bett hervor und durchwühlte es mit klopfendem Herzen. Kein Feuerzeug. Auch keine Streichhölzer. Nur eine Kerze in einem Saftglas und ein Mann, der nicht wusste, wie er sie entzünden sollte, selbst wenn er eine Feuerquelle hätte. Litvak drehte sich zur Tür um, da hörte er jemanden näher kommen. Ein zartes Klopfen. Er ließ die Jahrzeit-Kerze in seiner Jackentasche verschwinden.

»Reb Litvak«, sagte Micky Vayner. »Sie sind da, Sir.«

Litvak setzte sein Gebiss ein und schob das Hemd in die Hose.

Alle auf die Zimmer ich will nicht dass ihn jetzt jemand sieht

»Ist er nicht bereit?«, sagte Micky Vayner ein wenig unsicher, wollte beruhigt werden. Er kannte Mendel Shpilman nicht, hatte ihn noch nie gesehen. Er hatte lediglich Geschichten über Wunder aus seinen Knabentagen gehört und vielleicht den stechenden Geruch verdorbener Ware bemerkt, der manchmal aufstieg, wenn Shpilmans Name erwähnt wurde.

Es geht ihm nicht gut aber wir werden ihn heilen

Es war weder Teil der Doktrin noch notwendig für den Erfolg von Litvaks Plan, dass Micky Vayner oder einer der anderen Juden von Peril Strait glaubte, Mendel Shpilman sei der Tzaddik ha-Dor. Ein Messias, der tatsächlich kommt, nutzt niemandem. Eine erfüllte Hoffnung ist schon eine halbe Enttäuschung.

»Wir wissen, dass er nur ein Mensch ist«, sagte Micky Vayner pflichtgemäß. »Das wissen wir alle, Reb Litvak. Nur ein Mensch, nicht mehr, und das, was wir tun, ist größer als jeder Mensch.«

Es ist nicht der Mann um den ich mir Sorgen mache, schrieb Litvak. Alle auf die Zimmer

Als er auf dem Dock für das Wasserflugzeug stand und zusah, wie Naomi Landsman Mendel Shpilman aus dem Cockpit ihrer Super Cub half, dachte Litvak, wenn er es nicht besser wüsste, würde er die beiden für ein altes Paar halten. Die Art, wie sie seinen Oberarm ergriff, seinen Hemdkragen aus dem Revers seines zerknitterten Nadelstreifenblazers fischte und ihm einen Streifen Zellophan aus dem Haar zupfte, hatte etwas Forsch-Vertrautes. Sie beobachtete sein Gesicht, während Shpilman Roboy und Litvak beäugte, nur sein Gesicht, zärtlich wie ein Ingenieur, der nach Rissen, nach Materialermüdung sucht. Es schien unvorstellbar, dass die beiden sich, soweit Litvak wusste, nicht einmal drei Stunden kannten. Drei Stunden. Länger hatte sie nicht gebraucht, um ihr Schicksal an seines zu ketten.

»Willkommen«, sagte Dr. Roboy, der mit im Wind flatternder Krawatte neben einem Rollstuhl stand. Gold und Turteltoyb, ein Junge aus Sitka, sprangen aus dem Flugzeug auf den Anleger. Turteltoyb war so schwer, dass der Boden klingelte wie ein tortgeschleudertes Telefon. Das Wasser klatschte gegen die Pfähle. Die Luft roch nach verrotteten Netzen und brackigen Pfützen in alten Booten. Es war jetzt fast dunkel, im Schein der Flutlichter oben an den Pfeilern sahen alle leicht grün aus, nur Shpilman nicht, der wirkte weiß wie eine Feder und ebenso leicht. »Sie sind von Herzen willkommen.«

»Sie hätten kein Flugzeug schicken brauchen«, sagte Shpilman. Er hatte eine verzerrte, bühnenreife Stimme und eine aufgesetzte, pointierte Aussprache mit der tiefen, weichen Basslinie der klagenden Ukraine. »Ich hätte sehr gut selbst fliegen können.«

»Ja, ähm —«

»Röntgenblick. Schussweste. Das ganze Brimborium. Für wen ist der Rollstuhl, für mich etwa?«

Er breitete die Arme aus, setzte die Füße affektiert nebeneinander und unterzog sich selbst einer sorgfältigen Musterung, darauf vorbereitet, durch den eigenen Anblick erschreckt zu werden. Ein schlechtsitzender Nadelstreifenanzug, kein Hut, eine lose geschlungene Krawatte, ein heraushängender Hemdschoß, etwas Jugendliches in den ungebärdigen blondroten Locken. Unmöglich, in dieser zerbrechlichen, zarten Gestalt, in diesem schläfrigen Gesicht, auch nur das Geringste des monströsen Vaters zu erkennen. Höchstens vielleicht ein wenig um die Augen. Sphilman drehte sich zu der Pilotin um, gab sich überrascht, ja verletzt durch die Andeutung, er sei so durch den Wind, dass er einen Rollstuhl brauche. Aber Litvak merkte, dass die Geste aufgesetzt war, dass er seine tatsächliche Überraschung und Verletzung überspielte.

»Sie haben gesagt, ich sähe okay aus, Miss Landsman«, sagte Shpilman, zog sie auf, rief sie an, flehte sie an.

»Du siehst super aus, Junge«, sagte die Landsman. Sie trug eine Jeans, die in hohen schwarzen Stiefeln steckte, ein Herren-Oxfordhemd und eine alte Jacke vom Schießstand von Sitka Central, über deren Brusttasche LANDSMAN stand. »Du siehst toll aus.«

»Oh, du lügst, du Lügnerin.«

»Du siehst mir nach dreitausendfünfhundert Dollar aus, Shpilman«, sagte die Landsman nicht unfreundlich. »Können wir es dabei belassen?«

»Ich werde den Rollstuhl nicht brauchen, Herr Doktor«, sagte Shpilman ohne jeden Vorwurf. »Aber danke, dass Sie daran gedacht haben.«

»Sind Sie bereit, Mendel?«, fragte ihn Dr. Roboy auf seine sanfte, salbungsvolle Art.

»Muss ich denn bereit sein?«, sagte Mendel. »Wenn ich bereit sein muss, müssen wir das Ganze vielleicht noch mal um ein paar Wochen verschieben.«

Die Worte entrangen sich Litvaks Kehle wie ein verbales Staubgewöll, eine Böe aus Sand und Schlamm, ungebeten. Ein grässliches Geräusch, wie ein brennender Gummipfropf, der in einen Eiseimer fällt.

»Sie müssen nicht bereit sein«, sagte Litvak. »Sie müssen nur hier sein.«

Alle waren schockiert, entsetzt, selbst Gold, der sonst beim Licht eines brennenden Menschen fröhlich ein Comicheft lesen konnte. Langsam drehte sich Shpilman um, ein schwaches Lächeln im Mundwinkel wie ein auf der Hüfte getragenes Baby.

»Alter Litvak, nehme ich an«, sagte er und streckte die Hand aus. Er funkelte Litvak böse an, gab sich hart und männlich auf eine Weise, die Härte und Männlichkeit und seinen jeweiligen Mangel an beiden Eigenschaften verhöhnte. »Was für ein Handschlag, oj, wie ein Fels.«

Sein Griff hingegen war weich, warm, nicht ganz trocken, der eines ewigen Schuljungen. Etwas in Litvak wehrte sich gegen diese Wärme und Weichheit. Er war selbst entsetzt vom saurierhaften Echo seiner eigenen Stimme, von der Tatsache, überhaupt gesprochen zu haben. Er war entsetzt zu sehen, dass Mendel Shpilman etwas besaß — sein aufgedunsenes Gesicht und sein billiger Anzug, sein Wunderkindgrinsen und sein tapferer Versuch, seine Angst zu verbergen —, dass in alldem etwas war, das Litvak zum ersten Mal seit Jahren zum Sprechen verleitet hatte. Litvak wusste, dass Charisma eine tatsächliche, wenn auch undefinierbare Eigenschaft war, ein chemisches Funkeln, das gewisse halbglückliche Menschen umgab. Wie jedes Funkeln oder Talent war es amoralisch, weder gut noch schlecht, verlieh weder Macht noch Stärke, noch war es nützlich. Als er Shpilmans heiße Hand schüttelte, wurde ihm klar, wie robust seine Taktik war. Wenn Roboy Shpilman wieder ans Laufen bekam, konnte der Bursche nicht nur einige Hundert bewaffnete Gläubige oder dreißigtausend schwarzbehütete Gauner auf der Suche nach einem neuen Betätigungsfeld begeistern und führen, sondern ein ganzes verlorenes Volk, das seit Urzeiten auf Wanderschaft war. Litvaks Plan würde funktionieren, weil Mendel Shpilman etwas besaß, das einen Mann mit einem kaputten Kehlkopf veranlasste, wieder zu sprechen. Gegen dieses gewisse Etwas in Shpilman wehrte sich angeekelt das gewisse Etwas in Litvak. Er verspürte den Drang, diese Schuljungenhand in seiner zu zerquetschen, jeden Knochen darin zu brechen.

»Was ist, Jid?«, sagte die Landsman zu Litvak. »Lange her.«

Litvak nickte und gab ihr die Hand. Er war, wie schon immer, hin- und hergerissen zwischen seiner unwillkürlichen Reaktion, einen Experten bei der tüchtigen Ausübung seines komplizierten Handwerks zu bewundern, und dem Verdacht, dass diese Frau lesbisch sei, eine Kategorie von Mensch, die er schon fast aus Prinzip nicht verstand.

»Na gut«, sagte sie. Noch immer hielt sie Shpilman fest, und als der Wind auffrischte, drängte sie sich näher an ihn heran und legte den Arm um seine Schulter, zog ihn an sich, drückte ihn. Sie suchte die grünlichen Gesichter der Männer ab, die darauf warteten, dass sie ihnen ihr Gepäck gab. »Ihr kommt also zurecht?«

Litvak schrieb etwas in seinen Block und reichte ihn Roboy.

»Es ist schon spät«, sagte Roboy. »Und dunkel. Sie können heute Nacht hierbleiben.«

Lange schien die Pilotin versucht, das Angebot auszuschlagen. Dann nickte sie.

»Gute Idee«, sagte sie.

Am Fuße der langen, sich windenden Treppe blieb Shpilman stehen, um den Aufstieg und die Plattform des schrägen Aufzugs in allen Einzelheiten in sich aufzunehmen. Er schien Bedenken zu haben — ein Vorbeben, ein plötzlicher Einblick in alles, was von nun an von ihm erwartet würde. Mit einer gewissen Dramatik sank er in Roboys Rollstuhl.

»Ich habe meinen Umhang zu Hause vergessen«, sagte er.

Als sie oben ankamen, blieb er im Rollstuhl sitzen und erlaubte der Landsman, ihn ins Hauptgebäude zu schieben. Die Anstrengung der Reise oder des Schrittes, den er nun endlich getan hatte, oder der fallende Heroingehalt in seinem Blut machte sich allmählich bemerkbar. Aber als sie den Raum im Erdgeschoss erreichten, der für ihn vorbereitet war — ein Bett, ein Schreibtisch, ein Stuhl und ein edles englisches Schachspiel —, da riss er sich zusammen. Er fasste in die Tasche seines zerknitterten grauen Anzugs und holte ein schwarz-knallgelbes Pappkästchen hervor.

»Nu, ich denke, ein Masel-tow ist in Ordnung?«, sagte er und verteilte ein halbes Dutzend feiner Cohiba-Zigarren. Obwohl sie nicht entzündet und einen Meter von Litvaks Nasenlöchern entfernt waren, reichte ihr Geruch, um ihm ein Versprechen wohlverdienter Erlösung zuzuflüstern, ein Versprechen sauberer Laken, heißen Wassers, brauner Frauen und stiller Nachwehen brutaler Schlachten. »Hab gehört, es ist ein Mädchen.«

Im ersten Moment wusste niemand, wovon er sprach, dann lachten alle nervös, nur Litvak und Turteltoyb nicht, dessen Wangen die Farbe von Borschtsch annahmen. Turteltoyb wusste wie jeder andere, dass Shpilman keine Details des Plans erfahren sollte, auch nicht vom neugeborenen Kalb. Erst wenn Litvak den Befehl erteilte.

Litvak schlug Shpilman die Zigarre aus der weichen Hand. Er warf Turteltoyb einen bösen Blick zu, konnte ihn durch die blutrote Brühe seines Zorns kaum erkennen. Die Sicherheit, die er unten am Anleger gespürt hatte, dass Shpilman ihren Erfordernissen gerecht würde, war abrupt auf den Kopf gestellt. Ein Mann wie Shpilman, eine Gabe wie die seine, konnte niemals jemandem dienlich sein; sie konnte nur angedient werden, zuvorderst von dem, der sie besaß. Kein Wunder, dass sich das arme Schwein so lange versteckt hatte.

Raus

Sie lasen seine Mitteilung und marschierten nacheinander aus dem Zimmer, als Letztes die Landsman, die nachdrücklich fragte, wo er schlafen würde, und dann Mendel nachdrücklich versicherte, dass sie sich am Morgen wiedersehen würden. Damals hatte Litvak den vagen Verdacht, sie wolle ein Stelldichein arrangieren, aber da er in ihr eine Lesbierin sah, annullierte er den Verdacht wieder, ehe er länger darüber nachdenken konnte. Es kam ihm nicht in den Sinn, dass die Jüdin mit ihrer Abenteuerlust bereits das Fundament für die waghalsige Flucht legte, die zu versuchen Mendel noch gar nicht beschlossen hatte. Die Landsman riss ein Streichholz an und sog an der Zigarre, um sie zu entzünden. Dann schlenderte sie aus dem Zimmer.

»Machen Sie dem Jungen keinen Vorwurf, Reb Litvak«, sagte Shpilman, als sie allein waren. »Die Leute neigen dazu, mir Dinge zu erzählen. Aber das haben Sie bestimmt schon gemerkt. Bitte, nehmen Sie eine Zigarre! Hier, die ist sehr gut.«

Shpilman hob die Corona auf, die Litvak ihm aus der Hand geschlagen hatte, und als Litvak sie weder annahm noch ablehnte, führte der Jid sie Litvak an den Mund und schob sie ihm vorsichtig zwischen die Lippen. Dort hing sie und verströmte ihren Geruch nach Bratensaft, Kork und Mesquite, mösenhafte Gerüche, die alte Begierden entfachten. Es gab ein Klicken und ein Kratzen, dann beugte Litvak sich erstaunt vor und hielt das Zigarrenende in die Flamme seines eigenen Zippos. Er spürte den flüchtigen Schock eines Wunders. Dann grinste er und bedankte sich nickend, empfand eine Art schwindelnder Erleichterung über das verspätete Eintreten einer logischen Erklärung: Er musste das Feuerzeug in Sitka vergessen haben, wo Gold oder Turteltoyb es gefunden und mit nach Peril Strait genommen hatten. Im Flugzeug hatte Shpilman es sich ausgeliehen und mit einem Junkieimpuls in die eigene Tasche gesteckt, nachdem er sich eine Papiros angezündet hatte. Ja, gut.

Mit einem Knistern fing die Zigarre Feuer und loderte auf. Als Litvak vom glühenden Tabak hochschaute, blickte Shpilman ihn mit seinen sonderbar mosaikartigen, gold- und grüngefleckten Augen an. Gut, sagte Litvak zu sich. Eine sehr gute Zigarre.

»Bitte«, sagte Shpilman. Er drückte Litvak das Zippo in die Hand. »Bitte, Reb Litvak. Zünden Sie die Kerze an. Man muss dabei nicht beten. Man muss nichts tun oder empfinden. Zünden Sie sie einfach an. Bitte.«

Als die Logik aus der Welt floss und nie wieder ganz zurückkehrte, griff Shpilman in Litvaks Jackentasche und holte das Glas mit dem Wachs und dem Docht hervor. Für diesen Trick konnte Litvak einfach keine Erklärung finden. Er nahm Shpilman die Kerze ab und stellte sie auf den Tisch. Mit einem Kratzen des Daumens entzündete er den Feuerstein. Er spürte die intensive Wärme von Shpilmans Hand auf seiner Schulter. Die Faust um sein Herz begann ihren Griff zu lockern, so wie sie es an dem Tag tun könnte, wenn er endlich das Haus beträte, in dem zu leben ihm bestimmt war. Es war ein bestürzendes Gefühl. Er öffnete den Mund.

»Nein«, sagte er mit einer Stimme, die zu seiner Verwunderung eine Spur Menschlichkeit enthielt.

Er ließ das Feuerzeug zuschnappen und fegte Shpilmans Hand mit solcher Brutalität zur Seite, dass Shpilman das Gleichgewicht verlor, stolperte und sich den Kopf am Metallregal schlug. Die Wucht des Aufpralls riss die Kerze aus dem Glas und schleuderte sie auf den Kachelboden. Das Glas zersprang in drei große Scherben. Der Wachszylinder wurde gespalten.

»Ich will es nicht«, krächzte Litvak. »Ich bin nicht bereit.«

Aber als er auf Shpilman hinabsah, der ausgestreckt und benommen am Boden lag und aus einer Wunde an der rechten Schläfe blutete, da wusste er, dass es bereits zu spät war.

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