Landsman hält einen kleinen Jungen im Arm. Das Baby weint, ohne triftigen Grund. Sein Geheul schnürt Landsmans Herz auf angenehme Weise zu. Erleichtert stellt er fest, dass er ein dickes, hübsches Kind hat, das nach Waffeln und Seife riecht. Er drückt die kleinen Speckfüße, schätzt das Gewicht dieses kleinen Großväterchens in seinen Armen, geringfügig und enorm zugleich. Landsman dreht sich zu Bina um, will ihr die gute Nachricht mitteilen: Es war alles ein Fehler. Hier ist dein kleiner Sohn. Aber es ist keine Bina da, der er es sagen könnte, in Landsmans Nase hält sich nur die Erinnerung an Regen in ihrem Haar. Dann wacht Landsman auf und erkennt, dass das weinende Baby Pinky Shemets ist, dessen Windel gewechselt wird oder der Protest über dieses oder jenes anmeldet. Landsman blinzelt, und die Welt drängt sich ihm in Form eines gebatikten Wandbehangs auf. Als wäre es das erste Mal, höhlt ihn der Verlust seines Sohnes völlig aus.
Landsman liegt im Bett von Berko und Ester-Malke, auf der Seite, mit dem Gesicht zur Wand, und blickt auf die eingefärbte Szene balinesischer Gärten und Wildvögel. Jemand hat ihn entkleidet, bis auf die Unterhose. Er setzt sich auf. Die Haut an seinem Hinterkopf kribbelt, dann strafft sich eine Schnur des Schmerzes. Landsman betastet seine Verletzung. Seine Finger treffen auf einen Verband, ein knittriges Rechteck aus Mull und Pflaster. Drum herum ein sonderbar haarloses Stück Kopfhaut. Klatschend purzeln Erinnerungen übereinander wie die Tatortfotos aus Dr. Shpringers Todeskamera. Ein heiterer Sanitäter von der Notaufnahme, ein Röntgenbild, eine Morphiumspritze, ein dräuender, mit Betadine getränkter Tupfer. Davor: der Lichtstreifen einer Straßenlaterne an der weißen Vinyldecke des Krankenwagens. Und davor, vor der Fahrt mit dem Krankenwagen: violetter Schneematsch. Auf dem Boden verteilte, dampfende menschliche Eingeweide. Eine Hornisse an seinem Ohr. Ein roter Strahl, der aus der Stirn von Rafi Zilberblat schießt. Ein Code von Löchern in einer leeren Gipswand. Landsman flieht so hastig vor der Erinnerung an das, was auf dem Parkplatz des Big Macher geschah, dass er geradewegs in den stechenden Schmerz läuft, den kleinen Django Landsman in seinem Traum verloren zu haben.
»Wehe mir«, sagt Landsman. Er wischt sich über die Augen. Er würde jetzt eine Drüse oder ein kleineres Organ für eine Papiros geben.
Die Schlafzimmertür öffnet sich, und Berko kommt mit einer fast noch vollen Packung Broadways herein.
»Habe ich dir schon mal gesagt, dass ich dich liebe?«, sagt Landsman, wohl wissend, dass er es noch nie getan hat.
»Hast du nicht, zum Glück«, sagt Berko. »Die habe ich von unserem Nachbarn, von Fried. Ich habe gesagt, die Schachtel wäre polizeilich beschlagnahmt.
»Ich bin dir wahnsinnig dankbar.«
»Man beachte das Adverb.«
Dann merkt Berko, dass Landsman geweint hat; eine Augenbraue schießt hoch, schwebt oben und senkt sich wieder wie eine Decke auf einen Tisch.
»Ist der Kleine in Ordnung?«, fragt Landsman.
»Zahnt.« Berko nimmt einen Bügel von einem Haken an der Schlafzimmertür. Auf dem Bügel hängt Landsmans Kleidung, sauber und ausgebürstet. Berko betastet die Seitentasche von Landsmans Sakko und holt ein Streichholzheft hervor. Er stellt sich neben das Bett und hält ihm Papirossen und Zündhölzer hin.
»Ich kann nicht behaupten«, sagt Landsman, »dass ich wüsste, was ich hier tue.«
»Es war Ester-Malkes Idee. Wir wissen ja, was du von Krankenhäusern hältst. Man meinte, du müsstest nicht dableiben.«
»Setz dich doch!«
Es gibt keinen Stuhl im Zimmer. Landsman rutscht zur Seite, und Berko hockt sich auf die Bettkante, was bei den Federn einen Alarm auslöst.
»Ist das wirklich in Ordnung, wenn ich hier rauche?«
»Eigentlich nicht, nein. Stell dich ans Fenster.«
Landsman hievt sich aus dem Bett. Als er die Bambusjalousie hochrollt, wundert er sich ein wenig, dass es draußen in Strömen regnet. Regengeruch weht durch die fünf Zentimeter, die er das Fenster hochgekurbelt hat, und erklärt den Geruch von Binas Haar in Landsmans Traum. Er schaut hinunter auf den Parkplatz des Apartmenthauses und sieht, dass der Schnee geschmolzen und fortgewaschen ist. Auch das Licht kommt ihm völlig falsch vor.
»Wie viel Uhr ist es?«
»Sechzehn Uhr zweiunddreißig«, sagt Berko, ohne auf die Uhr zu sehen.
»Welcher Tag ist heute?«
»Sonntag.«
Landsman kurbelt das Fenster noch weiter auf und schwingt die linke Hinterbacke auf die Fensterbank. Regen fällt auf seinen schmerzenden Kopf. Er zündet die Papiros an, nimmt einen langen Zug und versucht zu entscheiden, ob ihn diese Information verwirrt.
»Ist lange her«, sagt er. »Dass ich einen ganzen Tag geschlafen habe.«
»Dann hast du es wohl gebraucht«, stellt Berko kühl fest. Ein Seitenblick in Landsmans Richtung. »Ester-Malke hat dich übrigens ausgezogen. Nur damit du Bescheid weißt.«
Landsman ascht aus dem Fenster.
»Ich wurde angeschossen.«
»Streifschuss. Die meinten, es wäre eher eine Art Verbrennung. Musste nicht genäht werden.«
»Es waren drei. Rafael Zilberblat. Ein Pischer, ich denke, das war sein Bruder. Und so ’n Huhn. Der Bruder hat mein Auto geklaut, meine Brieftasche. Meine Dienstmarke und meine Scholem. Und mich da liegen lassen.«
»So wurde es rekonstruiert.«
»Ich wollte telefonieren, aber das kleine Rattengesicht hat mir auch mein Shoyfer geklaut.«
Bei der Erwähnung von Landsmans Handy muss Berko grinsen.
»Was ist?«, sagt Landsman.
»Der Pischer ist mit deinem Auto durch die Gegend gekurvt. Nördlich nach Ickes, dann Richtung Yakovy, Fairbanks, Irkutsk.«
»Aha.«
»Dein Telefon klingelte. Der Pischer ging dran.«
»Und du warst dran?«
»Bina.«
»Nicht schlecht.«
»Sie spricht keine zwei Minuten mit dem kleinen Zilberblat und weiß anschließend seinen Aufenthaltsort, seine Personenbeschreibung und den Namen des Hundes, den er mit elf Jahren hatte. Fünf Minuten später wurde er vor Krestov von zwei Latkes aufgegriffen. Dein Auto ist in Ordnung. In der Brieftasche war sogar noch Bargeld.«
Landsman tut so, als finde er es interessant, wie das Feuer aus dem getrockneten Tabak Ascheflocken macht.
»Und meine Dienstmarke und meine Waffe?«, fragt er.
»Ah.«
»Ah.«
»Deine Dienstmarke und deine Waffe sind jetzt in den Händen deiner Vorgesetzten.«
»Hat sie vor, sie zurückzugeben?«
Berko streicht über die Dellen, die Landsman im Bett hinterlassen hat.
»Es passierte doch in Ausübung meiner Pflicht!«, sagt Landsman, und selbst in seinen Ohren klingt es weinerlich. »Ich hab einen Tipp gekriegt wegen Rafi Zilberblat.« Er zuckt mit den Achseln und fährt mit den Fingern am Verband an seinem Hinterkopf entlang. »Ich wollte einfach nur mit dem Jid reden.«
»Du hättest mich anrufen sollen.«
»Ich wollte dich nicht an einem Samstag stören.«
Das ist keine Entschuldigung, und es kommt noch lahmer heraus, als Landsman gehofft hat.
»Nu, ich bin ein Idiot«, gibt er zu. »Und ein schlechter Polizist.«
»Regel Nummer eins.«
»Ich weiß. Ich wollte nur einfach etwas tun, ohne lange zu warten. Ich hab nicht gedacht, dass es so laufen würde.«
»Jedenfalls dieser Pischer«, sagt Berko. »Der kleine Bruder. Nennt sich Micky Zilberblat. Hat für seinen toten Bruder gestanden. Rafi hat Viktor tatsächlich umgebracht. Mit einer halben Schere.«
»Sieh mal einer an.«
»Wenn sich sonst nichts ändert, würde ich sagen, dass Bina guten Grund hat, sich über dich zu freuen. Du hast den Fall sehr effektiv gelöst.«
»Mit einer halben Schere.«
»Das nenne ich einfallsreich!«
»Sehr sparsam.«
»Und das Huhn, das du so grob behandelt hast — das warst du doch, oder?«
»Ja.«
»Nu, gut gemacht, Meyer.« Keine Ironie in Berkos Gesicht oder Stimme. »Du hast Yacheved Flederman eine Kugel verpasst.«
»Kann nicht sein!«
»War kein schlechter Tag für dich.«
»Diese Krankenschwester?«
»Unsere Kollegen von der B-Mannschaft sind ganz entzückt von dir.«
»Die diesen alten Opi umgebracht hat, wie hieß er noch, Herman Pozner?«
»Das war ihr einziger offener Fall letztes Jahr. Die dachten, Flederman wäre in Mexiko.«
»Fuck me«, sagt Landsman.
»Tabatchnik und Karpas haben schon bei Bina ein gutes Wort für dich eingelegt, wie ich gehört habe.«
Landsman drückt die Papiros an der Außenwand des Hauses aus und schnippt sie in den Regen. In Wirklichkeit treten Tabatchnik und Karpas Landsman und Shemets in den Arsch, und zwar so richtig.
»Selbst wenn ich mal Glück habe«, sagt Landsman, »habe ich Pech.« Er seufzt. »Hat man was von Verbov Island gehört?«
»Keinen Mucks.«
»Nichts in der Zeitung?«
»Weder in der Licht noch in der Rut.« Das sind die führenden Tageszeitungen der Schwarzhüte. »Ich habe keine Gerüchte gehört. Niemand redet davon. Nichts. Totenstille.«
Landsman rutscht von der Fensterbank und geht zum Telefon auf dem Nachttisch. Er wählt eine Nummer, die er vor Jahren auswendig gelernt hat, stellt eine Frage, erhält die Antwort und legt wieder auf.
»Die Verbover haben gestern Abend Mendel Shpilmans Leiche abgeholt.«
Das Telefon in Landsmans Hand zuckt und zirpt wie ein Computervogel. Er reicht es Berko.
»Scheint ihm gut zu gehen«, sagt Berko nach einer kurzen Pause. »Ja, ich kann mir vorstellen, dass er Ruhe braucht.
In Ordnung.« Er lässt den Hörer sinken und sieht Landsman an, bedeckt die Sprechmuschel mit dem Daumen. »Deine Ex.«
»Ich höre, es geht dir gut«, sagt Bina, als Landsman sich meldet.
»So sagt man mir«, sagt Landsman.
»Lass dir Zeit«, schlägt sie vor. »Gönn dir eine Pause, Meyer.«
Die Bedeutung ihrer Worte braucht eine Sekunde, bis sie bei ihm ankommt, so liebevoll und beruhigend ist ihre Stimme.
»Das machst du nicht«, sagt er. »Bitte, Bina, sag, dass das nicht stimmt.«
»Zwei Tote, Meyer. Aus deiner Waffe. Keine weiteren Zeugen außer einem Jungen, der nichts mitbekommen hat. Das läuft automatisch so. Suspendiert bei vollem Gehalt, Untersuchung durch die Behörde anhängig.«
»Die haben auf mich geschossen, Bina. Ich hatte einen zuverlässigen Tipp bekommen, bin mit meiner Waffe im Holster hingegangen, zahm wie ein Mäuschen. Und die ballern auf mich los.«
»Du bekommst natürlich die Gelegenheit, deine Geschichte zu erzählen, Meyer. Bis dahin bewahre ich deine Dienstmarke und deine Waffe in der süßen, kleinen rosa Hello-Kitty-Tasche auf, mit der Micky Zilberblat herumlief, in Ordnung? Und du versuchst einfach, wieder gesund zu werden, ja?«
»Das kann Wochen dauern, bis die Sache geklärt ist, Bina«, sagt Landsman. »Bis ich zurück im Dienst bin, gibt es vielleicht gar kein Sitka Central mehr. Bina, es gibt keinen Grund für eine Suspendierung. Das weißt du ganz genau. Unter diesen Umständen kannst du mich im Dienst lassen, solange die Untersuchung läuft, und die Sache völlig nach Vorschrift durchziehen.«
»Es gibt Vorschriften«, sagt Bina. »Und Vorschriften.«
»Red nicht in Rätseln, Bina«, sagt er, und dann: »What the fuck?«
Mehrere Sekunden lang antwortet Bina nicht.
»Chief Inspector Vayngartner hat mich angerufen. Gestern Abend«, sagt sie. »Nicht lange nach Anbruch der Dunkelheit.«
»Aha.«
»Er meinte, er hätte gerade einen Anruf bekommen. Und zwar zu Hause. Und ich nehme an, der geschätzte Herr am anderen Ende war möglicherweise etwas verstimmt über das Benehmen, das Detective Meyer Landsman in der Nachbarschaft dieses Herrn am Freitagabend an den Tag legte. Öffentliche Ruhestörung. Große Respektlosigkeit vor den Anwohnern. Ohne Genehmigung und Rückendeckung.«
»Und was sagte Vayngartner dazu?«
»Er meinte, du wärst ein guter Polizist, aber hättest bekanntlich gewisse Probleme.«
Da ist er, Landsman, der Spruch für deinen Grabstein.
»Und was hast du Vayngartner gesagt?«, fragt er. »Als er anrief und deinen Samstagabend ruinierte?«
»Mein Samstagabend. Der ist wie ein Mikrowellen-Burrito, Meyer. Ziemlich schwer, etwas zu ruinieren, das von vornherein so schlecht ist. Zufälligerweise sagte ich Chief Inspector Vayngartner, dass du gerade angeschossen wurdest.«
»Und was meinte er darauf?«
»Er meinte, angesichts dieser frischen Beweise müsste er seine langgehegten atheistischen Grundsätze doch noch einmal überdenken. Und dass ich alles in meiner Macht Stehende tun sollte, damit es dir gut ginge und du in nächster Zeit viel Ruhe bekämst. Und genau das mache ich. Du bist suspendiert, bei vollem Gehalt, bis auf Weiteres.«
»Bina! Bitte, Bina. Du weißt, wie ich bin.«
»Allerdings.«
»Wenn ich nicht arbeiten kann … Du kannst nicht …«
»Ich muss, Meyer.« Die Temperatur ihrer Stimme fällt so schnell, dass sich Eiskristalle in der Leitung bilden. »Du weißt, wie wenig Entscheidungsfreiheit ich in so einer Situation habe.«
»Du meinst, wenn solche Schurken an den Fäden ziehen, um eine Mordermittlung aufzuhalten? Meinst du so eine Situation?«
»Ich muss mich vor dem Chief Inspector verantworten«, erklärt Bina, als spreche sie mit einem Esel. Sie weiß ganz genau, dass Landsman nichts mehr hasst, als wie ein Dummkopf behandelt zu werden. »Und du musst dich vor mir verantworten.«
»Hättest du mich bloß nicht angerufen, Bina«, sagt Landsman nach einer Weile. »Du hättest mich einfach sterben lassen sollen.«
»Sei nicht so melodramatisch«, sagt Bina. »Ach ja: gern geschehen.«
»Und was soll ich jetzt machen, außer dankbar sein, dass man mir die Eier abschneidet?«
»Das ist deine Sache, Detective. Vielleicht versuchst du mal zur Abwechslung, über die Zukunft nachzudenken.«
»Die Zukunft«, sagt Landsman. »Was meinst du damit, fliegende Autos? Hotels auf dem Mond?«
»Ich meine deine Zukunft, Meyer.«
»Fliegst du mit mir zum Mond, Bina? Hab gehört, da nehmen sie noch Juden.«
»Auf Wiedersehen, Meyer.«
Sie legt auf. Landsman unterbricht die Verbindung ebenfalls und steht eine geschlagene Minute lang da. Berko beobachtet ihn vom Bett aus. Landsman spürt, wie eine letzte Welle von Wut und Begeisterung durch ihn hindurchrollt, so als würde ein Rohr von einem Dreckpfropfen gereinigt. Dann ist er leer.
Er setzt sich aufs Bett. Er schlüpft unter die Decke, wendet das Gesicht der balinesischen Szene an der Wand zu und schließt die Augen.
»Ähm, Meyer?«, sagt Berko. Aber Landsman antwortet nicht. »Hast du vor, noch länger in meinem Bett zu bleiben?«
Landsman sieht null Prozent Wahrscheinlichkeit, die Frage zu beantworten. Nach einer Minute springt Berko von der Matratze auf. Landsman spürt, dass er die Lage abschätzt und die Tiefe des schwarzen Wassers zu ergründen versucht, das ihn von seinem Kollegen trennt, dass Berko versucht, die richtige Entscheidung zu treffen.
»Nur dass du’s weißt«, sagt Berko schließlich. »Bina war auch in der Notaufnahme.«
Landsman stellt fest, dass er keine Erinnerung an ihren Besuch hat. Sie ist fort, genauso wie der Druck des Babyfußes gegen seine Handfläche.
»Du warst ziemlich vollgepumpt«, sagt Berko. »Hast eine Menge Blödsinn erzählt.«
»Hab ich mich in eine peinliche Lage gebracht?«, stößt Landsman mit schwacher Stimme hervor.
»Ja«, sagt Berko. »Ich fürchte, ja.«
Dann zieht er sich aus seinem eigenen Schlafzimmer zurück und lässt Landsman allein, um sich den Kopf über die Frage zu zerbrechen — falls er denn die Kraft aufbringt —, wie tief er noch sinken kann.
Landsman kann hören, wie sie mit unterdrückter Stimme über ihn reden, eine normalerweise für Verrückte, Arschlöcher und ungewollte Gäste reservierte Lautstärke. Den Rest des Nachmittags und als sie zu Abend essen. Während des Tohuwabohus von Baden, Popopudern und einer Gutenachtgeschichte, die von Berko Shemets verlangt, wie ein Esel zu schreien. Landsman liegt mit der brennenden Wunde am Hinterkopf auf der Seite und fällt zum Regengeruch von draußen, zum Gemurmel und Gezeter der Familie nebenan von einer Ohnmacht in die nächste. Jede Stunde wird Landsmans Seele durch ein winziges Loch mit einem zusätzlichen Zentner Sand gefüllt. Zuerst kann er seinen Kopf nicht mehr von der Matratze heben. Dann bekommt er die Augen nicht mehr auf. Aber als seine Augen geschlossen sind, kann er nicht richtig schlafen; die Gedanken, die ihn plagen, sind scheußlich, aber keine richtigen Träume.
Irgendwann mitten in der Nacht kommt Goldy ins Zimmer getapert. Er geht schwerfällig, trampelt, der Schritt eines Babymonsters. Goldy steigt nicht einfach ins Bett, er quirlt sich unter die Decke, so wie ein Schneebesen einen Teig quirlt. Es ist, als würde er vor etwas fliehen, erfüllt von Panik, aber als Landsman ihn anspricht, ihn fragt, was los sei, antwortet der Junge nicht. Er hat die Augen geschlossen, sein Herz klopft langsam und gleichmäßig. Wovor auch immer er weggelaufen ist, er hat Zuflucht im Bett seiner Eltern gefunden. Das Kind schläft tief und fest. Es riecht wie eine langsam vor sich hin faulende Apfelspalte. Beharrlich und gnadenlos gräbt Goldy seine Zehen in Landsmans Kreuz. Er knirscht mit den Zähnen. Es klingt wie eine stumpfe Schere, die ein Blech schneiden soll.
Nach einer Stunde derartiger Behandlung beginnt gegen halb fünf das Baby zu schreien, draußen auf seinem kleinen Balkon. Landsman hört, wie Ester-Malke es zu trösten versucht. Normalerweise würde sie es mit ins Bett nehmen, aber das geht heute nicht, und sie braucht lange, um das Großväterchen zur Ruhe zu bringen. Als Ester-Malke mit dem Baby im Arm ins Schlafzimmer kommt, schnieft es nur noch leise und ist fast eingeschlafen. Ester-Malke legt Pinky zwischen seinem Bruder und Landsman ab und verschwindet wieder.
Vereint im Bett ihrer Eltern, veranstalten die Shemets-Jungen mit den körpereigenen Ventilen ein Gepfeife, Gegrummel und Geblöke, das die große Orgel im Tempel Emanu-El beschämen würde. Die Jungen vollführen eine Manöverübung, ein schlummerndes Kung-Fu, das Landsman an den äußersten Rand des Bettes treibt. Sie hauen auf ihn ein, stechen ihn mit ihren Zehen, grunzen und knurren. Sie kauen an den Fasern ihrer Träume. In der Dämmerung passiert etwas Schreckliches in der Windel des Babys. Es ist die furchtbarste Nacht, die Landsman je auf einer Matratze verbracht hat, und das will schon etwas heißen.
Gegen sieben beginnt die Kaffeemaschine mit dem Abhusten. Mehrere tausend Moleküle Kaffeedampf stürzen ins Schlafzimmer und alarmieren die Härchen in Landsmans Nase. Er hört Schlappen über den Teppich im Flur schlurfen. Lange kämpft er vehement gegen den Impuls, zur Kenntnis zu nehmen, dass Ester-Malke in der Schlafzimmertür steht und ihn und jede Anwandlung von Mitleid ihm gegenüber verwünscht, die sie je empfunden hat. Es ist ihm egal. Warum sollte es ihn kümmern? Zuletzt erkennt Landsman, dass in seinem Bemühen, sich um nichts zu kümmern, der paradoxe Same der Niederlage liegt: okay, na gut, es kümmert ihn. Er öffnet ein Auge. Ester-Malke lehnt im Türrahmen, die Arme um sich geschlungen, und besichtigt den Ort der Zerstörung, ehemals ihr Bett. Wie auch immer das Gefühl heißt, das der Anblick der niedlichen Kinder in einer Mutter auslöst, es konkurriert mit dem erschreckten Entsetzen beim Anblick von Landsman in seiner Unterhose.
»Du musst raus aus meinem Bett«, flüstert sie. »Und zwar schnell und langfristig.«
»Gut«, sagt Landsman. Er taxiert seine Verletzungen, seine Schmerzen und die vorherrschende Richtung seiner Laune und setzt sich auf. Trotz der Qualen der vergangenen Nacht fühlt er sich sonderbar besänftigt. Irgendwie wacher in seinen Gliedern, seiner Haut und seinen Sinnen. Vielleicht irgendwie ein klein wenig realer. Seit über zwei Jahren hat er nicht mehr mit einem anderen Menschen im Bett geschlafen. Er fragt sich, ob das eine Erfahrung ist, auf die er besser nicht hätte verzichten sollen. Er nimmt seine Klamotten vom Haken hinter der Tür und zieht sie an. Mit den Socken und dem Gürtel in der Hand folgt er Ester-Malke den Flur hinunter.
»Obwohl, die Couch hat so ihre Vorteile«, fährt Ester-Malke fort. »Zum Beispiel liegen da keine Babys oder Vierjährige.«
»Eure Kinder haben ein ernsthaftes Problem mit den Fußnägeln«, sagt Landsman. »Außerdem ist irgendwas in der Windel vom Kleinen gestorben und rottet da vor sich hin, ich glaube, es ist ein Seeotter.«
In der Küche schenkt Ester-Malke ihnen eine Tasse Kaffee ein. Dann geht sie zur Tür und holt die Tog von der Matte, auf der »HAU AB« steht. Landsman sitzt auf dem Barhocker an der Theke und starrt in die Düsternis des Wohnzimmers, wo sich die Masse seines Kollegen wie eine Insel vom Boden erhebt. Die Couch ist ein Wrack voller Decken.
Gerade will Landsman zu Ester-Malke sagen, Solche Freunde wie euch habe ich nicht verdient, als sie mit der Zeitung in die Küche kommt und sagt: »Kein Wunder, dass du so lange geschlafen hast.« Sie läuft gegen den Türrahmen. Auf dem Titelblatt steht etwas Gutes oder Schreckliches oder Unglaubliches.
Landsman greift zu seiner Lesebrille in der Jackentasche. Der Steg ist gebrochen, die Gläser sind voneinander getrennt. Jetzt sind es zwei Monokel mit Stiel. Aus der Schublade unter dem Telefon holt Ester-Malke Isolierband, gelb wie ein Warnschild. Sie klebt Landsmans Brillengläser zusammen und gibt ihm seine Lesehilfe zurück. Der Klebebandknubbel ist so dick wie eine Haselnuss. Er zieht den Blick des Trägers auf sich, sodass man schielt.
»Das sieht bestimmt richtig gut aus«, sagt Landsman und greift zur Zeitung.
Zwei große Meldungen führen die Nachrichten in der morgendlichen Tog an. Die eine berichtet über eine Schießerei auf dem verlassenen Parkplatz des Outlet-Centers Big Macher, bei dem zwei Personen ums Leben kamen. Hauptdarsteller waren ein einsamer Beamter der Mordkommission, Meyer Landsman, 42, und zwei Verdächtige, die schon lange von den Gesetzesvertretern Sitkas im Zusammenhang mit zwei augenscheinlich unabhängigen Morden gesucht wurden. Die andere Überschrift lautet:
»JUNGER TZADDIK« TOT IN HOTEL GEFUNDEN
Der Begleittext webt ein Netz von Wundern, Ausflüchten und kompletten Lügen um das Leben und Sterben von Menachem-Mendel Shpilman am späten Donnerstagabend im Hotel Zamenhof auf der Max Nordau Street. Nach Angaben der Rechtsmedizin — der Rechtsmediziner selbst sei nach Kanada verzogen — ist die vorläufige Feststellung der Todesursache in Märchenkreisen unter der Bezeichnung »Unfall unter Drogeneinfluss« bekannt. »Auch wenn der Außenwelt kaum bekannt«, schreibt der Mann von der Tog, »wurde Mr. Shpilman in der abgeschirmten Welt der Gläubigen einen Großteil seines Lebens als Wunderkind und heiliger Lehrer verehrt, ja möglicherweise sogar als der lange versprochene Erlöser. In Mr. Shpilmans Kindheit war das alte Haus der Shpilmans in der S. Ansky Street in Harkavy oft von Besuchern und Bittstellern umlagert. Die Gläubigen und Neugierigen kamen sogar aus Buenos Aires und Beirut angereist, um den begabten Jungen zu sehen, der am schicksalhaften neunten Tag des Monats Aw geboren wurde. Wenn man wieder einmal munkelte, in Bälde würde er ›sein Königreich ausrufen‹, hofften viele, bei diesem Ereignis dabei zu sein, und richteten es entsprechend ein. Aber Mr. Shpilman gab nie derartige Erklärungen ab. Vor dreiundzwanzig Jahren tauchte er am Tag vor der mit der Tochter des Shtrakenzer Rebbe geplanten Hochzeit unter, und in seinen schmachvollen letzten Lebensjahren war die frühere Hoffnung so gut wie vergessen.«
Die Spreu aus dem Büro des Gerichtsarztes sei die einzige Mitteilung, die einer Erklärung der Todesursache nahekomme. Hotelmanagement und Polizeibehörde sollen jeden Kommentar abgelehnt haben. Am Ende des Berichts erfährt Landsman, dass es keinen Gottesdienst in der Synagoge geben werde, sondern nur die Beisetzung als solche auf dem alten Friedhof Montefiore, die der Vater des Toten leiten werde.
»Berko hat erzählt, er hätte ihn verstoßen«, sagt Ester-Malke, die über Landsmans Schulter mitliest. »Der Alte wollte nichts mehr mit seinem Sohn zu tun haben. Offenbar hat er seine Meinung geändert.«
Bei der Lektüre des Artikels wird Landsman Opfer einer von Mitleid gemilderten Neidattacke auf Mendel Shpilman. Viele Jahre litt Landsman unter dem Gewicht der väterlichen Erwartungen, aber er hat keine Vorstellung, wie es ist, sie zu erfüllen oder gar zu übertreffen. Isidor Landsman, weiß er, hätte gerne einen so begabten Sohn wie Mendel gehabt. Landsman kann sich des Gedankens nicht erwehren, dass sein Vater, hätte sein Sohn Schach spielen können wie Mendel Shpilman, eventuell das Gefühl gehabt hätte, einen Grund zum Leben zu haben, einen kleinen Messias, der ihn erlöst. Landsman denkt an den Brief, den er seinem Vater in der Hoffnung schickte, von der Last des Lebens und der Erwartungen befreit zu werden. Er bedenkt die Jahre, in denen er glaubte, schuld am tödlichen Kummer von Isidor Landsman gewesen zu sein. Wie schuldig fühlte sich Mendel Shpilman? Hatte er geglaubt, was man von ihm behauptete, glaubte er an seine Begabung oder Berufung? War Mendel, als er sich von der Last zu befreien versuchte, der Ansicht, nicht nur seinem Vater, sondern allen Juden der Welt den Rücken kehren zu müssen?
»Ich glaube nicht, dass Rabbi Shpilman je seine Meinung ändert«, sagt Landsman. »Ich glaube, das hat jemand anders für ihn getan.«
»Wer denn?«
»Wenn ich raten müsste? Dann würde ich sagen, es war vielleicht die Mutter.«
»Gut für sie. Auf eine Mutter kann man sich verlassen, damit der Sohn nicht einfach wie eine leere Flasche fortgeworfen wird.«
»Auf eine Mutter kann man sich verlassen«, sagt Landsman. Er betrachtet das Foto des fünfzehnjährigen Mendel Shpilman in der Tog: Mit Bartflaum und wehenden Schläfenlocken leitet er kühl eine Konferenz junger Talmudisten, die um ihn herumwuseln und schmollen. DER »TZADDIK HADOR« IN BESSEREN TAGEN lautet die Bildunterschrift.
»Woran denkst du, Meyer?«, fragt Ester-Malke in zweifelndem Tonfall.
»An die Zukunft«, sagt Landsman.