28.

Auf allen Fotos, die die Landsman-Sprösslinge über einen längeren Zeitraum in ihrer Kindheit zeigen, posiert Landsman mit dem Arm um die Schultern seiner Schwester. Auf den frühen Bildern reicht Naomis Kopf gerade bis zu seinem Bauch. Auf dem letzten ist der Geist eines Schnurrbarts auf Landsmans Oberlippe erkennbar, und er ist seiner Schwester nur noch vier, fünf Zentimeter voraus. Auf den ersten Fotos wirkt diese Geste noch niedlich: Der große Bruder kümmert sich um seine kleine Schwester. Sieben oder acht Bilder später bekommt die beschützende Haltung etwas Drohendes. Nach einem Dutzend macht man sich allmählich Sorgen um diese Landsman-Geschwister. Zusammengedrängt unter dem beschirmenden Arm lächeln sie tapfer in die Kamera wie zwei Kinder in der Adoptionsrubrik einer Zeitung, die ein neues Zuhause verdient haben.

»Waisen einer Tragödie«, sagte Naomi eines Abends, als sie in einem alten Fotoalbum blätterte. Die Seiten waren aus gewachstem Karton und mit einer knittrigen Polyurethanfolie überzogen, damit die Bilder nicht herausfielen. Die Plastikschicht verlieh der im Album dargestellten Familie etwas Konserviertes, als sei sie wie ein Asservat aufbewahrt worden. »Zwei liebenswerte Blagen suchen ein Zuhause.«

»Bloß war Freydl da noch nicht tot«, sagte Landsman, wohl wissend, dass er seiner Schwester damit eine dicke Vorlage gab. Ihre Mutter war nach kurzem, erbitterten Kampf gegen den Krebs gestorben, hatte gerade so lange gelebt, dass Naomi ihr mit dem Abgang vom College das Herz brechen konnte.

Naomi sagte: »Musst du gerade sagen.«

Wenn Landsman in letzter Zeit diese Bilder betrachtet, kommt es ihm vor, als wollte er seine Schwester festhalten, sie davor bewahren, fortzufliegen und an einem Berg zu zerschellen.

Naomi war ein robustes Kind, viel robuster, als Landsman je sein musste. Sie war zwei Jahre jünger, also nah genug dran, um alles, was Landsman tat oder sagte, als Leistungsmarke zu sehen, die übertrumpft, oder als Theorie, die widerlegt werden musste. Sie war jungenhaft als Mädchen und männlich als Frau. Wenn ein betrunkener Narr sie fragte, ob sie lesbisch sei, antwortete sie gerne: »In jeder Hinsicht, nur nicht sexuell.«

Und tatsächlich hatte sie sich von einem frühen Freund den Fliegervirus eingefangen. Landsman fragte Naomi nie, was sie daran so attraktiv fand, warum sie so lange und hart gearbeitet hatte, um die Fluglizenz zu bekommen und die homophobe Welt männlicher Buschpiloten zu erschüttern. Für nutzlose Spekulationen war sie nicht zu haben, seine forsche Schwester. Aber so wie Landsman es versteht, kämpfen die Tragflächen eines Flugzeugs unablässig gegen die sie umschließende Luft, krümmen, täuschen und verwinden sie, drücken und weisen sie ab. Bekämpfen die Luft, so wie der Lachs gegen die Strömung des Flusses kämpft, in dem er sterben wird. Wie beim Lachs — jener Zionist des Wassers mit seinem ewigen Traum von der tödlichen Heimat — war es Naomis Art, ihre Kraft und Energie im Kampf zu verbrennen.

Aber nicht dass sich diese Anstrengung je in ihrer gradlinigen Art, ihrem anmaßenden Auftreten, ihrem Lächeln niedergeschlagen hätte. Wie Errol Flynn machte sie nur bei Scherzen ein ernstes Gesicht und grinste wie ein Lottogewinner, wenn es richtig ernst wurde. Hätte man dieser Jüdin einen kleinen Bleistiftschnurrbart angemalt, hätte sie sich, den Säbel in der Hand, vom Rigg eines Dreimasters schwingen können. Sie war unkompliziert, Landsmans kleine Schwester, und in dieser Hinsicht einzigartig unter den Frauen, die er kannte.

»Die war total durchgedreht«, sagt der Flugverkehrsleiter vom Informationsdienst des Flugplatzes Yakovy. Er heißt Larry Spiro, ein magerer, buckliger Jude aus Short Hills, New Jersey. Ein »Mexikaner«, wie die Juden von Sitka ihre Verwandten aus dem Süden nennen; die Mexikaner wiederum nennen die Sitka-Juden »Eisberge« oder auch »die Eiserwählten«. Spiros dicke Brille gleicht eine Hornhautverkrümmung aus, seine Augen dahinter flackern skeptisch. Drahtiges, graues Haar steht ihm vom Kopf ab wie Zornesstrahlen in einem Zeitungscomic. Er trägt ein weißes Oxfordhemd mit seinem Monogramm auf der Brusttasche und eine rote Krawatte mit goldenen Streifen. In Erwartung des Whiskeys vor sich schiebt er langsam die Ärmel hoch. Seine Zähne haben dieselbe Farbe wie sein Hemdkragen.

»Christ!« Wie die meisten im Distrikt arbeitenden Mexikaner klammert sich Spiro unheimlich an die englische Sprache. Für einen Ostküstenjuden ist der Distrikt Sitka das Exil aller Exile, Hotzeplotz, der Hinterhof von Nirgendwo. Englisch zu sprechen bedeutet für einen Juden wie Spiro, weiter in der realen Welt zu leben, sich selbst zu versprechen, dass er bald zurückkehren wird. Er lächelt. »Ich habe noch nie eine Frau gesehen, die so viel Ärger hatte.«

Sie sitzen in Ernie’s Skagway Bar and Grill in dem flachen Aluminiumklotz, der das Terminal beherbergte, als der Flughafen noch eine Piste am Rande der Wildnis war. In einer weiter hinten gelegenen Ecke warten sie auf ihre Steaks. Viele behaupten, dass es bei Ernie’s Skagway das einzig vernünftige Steak zwischen Anchorage und Vancouver gebe. Ernie fliegt das Fleisch täglich von Kanada ein, blutig und auf Eis gepackt. Die Einrichtung ist so minimalistisch wie in einer Pommesbude: Vinyl, Laminat und Stahl. Die Teller sind aus Plastik, die Servietten so knittrig wie das Papier auf dem Untersuchungstisch eines Arztes. Man bestellt das Essen an der Theke und setzt sich mit einem Zettel, auf dem eine Nummer steht, an einen Tisch. Die Kellnerinnen sind berühmt für ihr fortgeschrittenes Alter, ihre schlechte Laune und die körperliche Ähnlichkeit mit dem Führerhaus eines Trucks. Die Atmosphäre des Etablissements ist das Ergebnis seiner Schankerlaubnis und seiner Stammgäste: Piloten, Jäger und Fischer und die übliche Yakovy-Mischung aus Schtarkern und Untergrundtricksern. An einem Freitagabend in der Hochsaison kann man von Elchfleisch bis zu Ketaminen alles kaufen oder verkaufen und einige der unglaublichsten Lügen hören, die je ersonnen wurden.

Um sechs Uhr an einem Montagabend sind es hauptsächlich Flughafenmitarbeiter und ein paar vereinzelte Piloten, die die Bar am Laufen halten. Ruhige Juden, hart arbeitende Menschen, Männer mit Strickkrawatten und ein mäßig Jiddisch sprechender amerikanischer Buschpilot, der gerne behauptet, er habe einmal erst nach dreihundert Meilen gemerkt, dass er auf dem Kopf flog. Die Theke selbst ist ein unförmiger Koloss aus Eiche, pseudo-viktorianisch, gerettet aus dem ruinierten Franchise-Betrieb einer amerikanischen Steakhauskette mit Cowboymotto unten in Sitka.

»Ärger«, sagt Landsman. »Bis zum bitteren Ende.« Spiro runzelt die Stirn. Er war in Yakovy der Verantwortliche vom Dienst, als Naomis Flugzeug gegen Mount Dunkelblum prallte. Spiro hätte nichts tun können, um den Absturz zu verhindern, aber das Thema tut ihm weh. Er zieht seine Nylonaktentasche auf und holt einen dicken blauen Ordner hervor. Er enthält ein von einer großen Büroklammer zusammengehaltenes dickes Dokument und einige lose Blätter.

»Ich habe mir die Zusammenfassung noch mal angeguckt«, sagt er in feierlichem Tonfall. »Das Wetter war ordentlich. Die nächste Wartung ihres Flugzeugs war fällig. Ihre letzte Meldung war Routine.«

»Hm«, sagt Landsman.

»Suchen Sie einen neuen Anhaltspunkt?« In Spiros Ton klingt kein Mitleid mit, aber die Bereitschaft, es im Notfall zu zeigen.

»Ich weiß nicht, Spiro. Ich gucke nur.«

Landsman nimmt den Ordner und blättert schnell durch das dicke Dokument, eine Kopie des Abschlussberichts der Flugaufsichtsbehörde, legt es beiseite und greift zu einem der losen Blätter.

»Das ist der Flugplan, nach dem Sie gefragt haben. Für den Morgen vor dem Absturz.«

Landsman liest das Formular, das die Absicht der Pilotin Naomi Landsman bekräftigt, ihre Piper Super Cub mit einem Passagier von Peril Strait in Alaska nach Yakovy, Distrikt Sitka, zu fliegen. Das Formular sieht wie ein Computerausdruck aus, die Kästchen säuberlich gefüllt in Times New Roman, 12 Punkt.

»Sie hat den Flug also telefonisch angemeldet, ja?« Landsman prüft die Zeitangaben. »Am Morgen, fünf Uhr dreißig.«

»Sie hat das automatische System benutzt, ja. Machen die meisten.«

»Peril Strait«, sagt Landsman. »Das ist wo? Draußen bei Tenakee, oder?«

»Südlich davon.«

»Das heißt, wir sprechen hier von — was, einem Zweistundenflug von dort nach hier?«

»Mehr oder weniger.«

»Da war sie wohl ziemlich optimistisch«, sagt Landsman. »Sie hat ihre voraussichtliche Ankunftszeit mit Viertel nach sechs angegeben. Eine Dreiviertelstunde nach Einholen der Flugerlaubnis.«

Spiro hat ein Hirn, das von Anomalien angezogen und abgestoßen wird. Er nimmt Landsman den Ordner ab und dreht ihn um. Er blättert durch den Stapel von Unterlagen, die er zusammengesucht und kopiert hat, nachdem er Landsmans Einladung zu einem Steak annahm.

»Sie ist aber wirklich um Viertel nach sechs eingetroffen«, sagt er. »Steht hier im Logbuch des Fluginformationsdienstes. Sechs Uhr siebzehn.«

»Also, entweder — verstehe ich das richtig? Entweder hat sie den Zweistundenflug von Peril Strait nach Yakovy in weniger als 45 Minuten geschafft«, sagt Landsman, »oder … oder sie hat ihren Flugplan geändert, als sie schon unterwegs war. Hat einfach die Richtung geändert.«

Die Steaks kommen; die Kellnerin nimmt ihre Zettel entgegen und lässt die schweren Scheiben kanadischen Rindes auf dem Tisch zurück. Sie riechen gut und sehen gut aus. Spiro ignoriert sie. Er hat sein Getränk vergessen. Er geht noch einmal den Papierstapel durch.

»Also, das hier ist der Tag davor. Sie flog mit drei Passagieren von Sitka nach Peril Strait. Um vier startete sie, um halb sieben meldete sie sich ab. Gut, dann war es also dunkel, als sie da ankam. Sie hat vor, über Nacht zu bleiben. Am nächsten Morgen dann …« Er hält inne. »Hm.«

»Was?«

»Hier ist … ich schätze, das war ihr ursprünglicher Flugplan. Sieht aus, als hätte sie vorgehabt, am nächsten Morgen nach Sitka zu fliegen. Ursprünglich. Nicht nach Yakovy.«

»Mit wie vielen Passagieren?«

»Keinem.«

»Aber dann hat sie, nachdem sie eine Weile geflogen ist, vermeintlich Richtung Sitka und allein, aber tatsächlich mit einem geheimnisvollen Passagier an Bord, plötzlich ihr Ziel geändert und Kurs auf Yakovy genommen.«

»So sieht es aus.«

»Peril Strait«, sagt Landsman. »Was gibt es in Peril Strait?«

»Was soll es dort schon geben? Elche, Bären. Rotwild. Fische. Alles, was ein Jude töten will.«

»Das glaube ich nicht«, sagt Landsman. »Ich glaube nicht, dass das ein Angelausflug war.«

Spiro runzelt die Stirn, dann steht er auf und geht hinüber an die Theke. Er schiebt sich an den amerikanischen Piloten heran und unterhält sich mit ihm. Der Pilot wirkt argwöhnisch, vielleicht ist das eine ihm angeborene Eigenschaft. Aber er nickt und folgt Spiro an den Tisch.

»Rocky Kitka«, sagt Spiro. »Detective Landsman.«

Dann setzt er sich und widmet sich seinem Steak.

Kitka trägt eine schwarze Lederhose und eine passende Weste auf der nackten Haut, die von den Handgelenken bis zur Kehle und bis zum Hosenbund mit tätowierten Indianermotiven bedeckt ist. Wale mit großen Zähnen und Biber, am linken Bizeps eine Schlange oder ein Aal mit verschlagenem Blick.

»Sind Sie Pilot?«, fragt Landsman.

»Nein, ich bin Polizist.« Kitka lacht mit rührender Freude über diese Kostprobe seines Witzes.

»Peril Strait«, sagt Landsman. »Waren Sie da schon mal?«

Kitka schüttelt den Kopf, aber Landsman ist sich sofort sicher, dass das nicht stimmt.

»Wissen Sie was darüber?«

»Nur wie es von oben aussieht, Detective.«

»Kitka«, sagt Landsman. »Das ist ein Indianername.«

»Mein Vater ist Tlingit. Meine Mutter ist schottischirisch, deutsch und schwedisch. Außer jüdisch ist bei mir so gut wie alles vertreten.«

»Gibt es viele Indianer in Peril Strait?«

»Ausschließlich.« Kitka sagt es mit schlichter Autorität und erinnert sich dann an seine Behauptung, nichts über Peril Strait zu wissen. Sein Blick weicht Landsman aus, fällt auf das Steak. Er wirkt extrem hungrig.

»Keine Weißen?«

»Ein oder zwei vielleicht, versteckt in den Buchten.«

»Und Juden?«, fragt Landsman.

Kitka bekommt einen harten Gesichtsausdruck, einen sich schützenden Blick.

»Wie gesagt. Ich kenne es nur vom Vorbeifliegen.«

»Ich mache eine kleine Ermittlung«, sagt Landsman. »Es sieht aus, als gebe es da was, das einen Juden aus Sitka interessieren könnte.«

»Da ist man in Alaska«, sagt Kitka. »Ein jüdischer Bulle, bei allem Respekt, Detective, aber der kann dort den ganzen Tag Fragen stellen. Da ist keiner, der darauf antworten müsste.«

Landsman macht Platz auf der Bank.

»Komm, mein Schejner«, sagt er auf Jiddisch. »Nimm es. Es gehört dir. Ich habe es nicht angefasst.«

»Wollen Sie es nicht essen?«

»Ich habe keinen Appetit, weiß auch nicht, warum.«

»Das ist das New York Steak, oder? Das New York mag ich besonders gerne.«

Kitka setzt sich, und Landsman schiebt ihm den Teller zu. Er trinkt seinen Kaffee und beobachtet, wie die beiden Männer ihr Essen vertilgen. Als Kitka fertig ist, sieht er deutlich glücklicher aus und weniger argwöhnisch, weniger besorgt, hereingelegt zu werden.

»Verdammt, ist das Fleisch gut«, sagt er und trinkt einen großen Schluck Eiswasser aus einem roten Plastikhumpen. Er sieht Spiro an, dann zur Seite, dann Landsman, dann wieder zur Seite. Er starrt in das Wasserglas.

»Preis des Essens«, sagt er bitter. Dann: »Es gibt da so eine Art Besserungsanstalt. Habe ich gehört. Für gläubige Juden, die abhängig von Drogen oder wer weiß was sind. Ich schätze, selbst die mit den langen Bärten geraten manchmal an Drogen und Alkohol und begehen Bagatelldelikte.«

»Leuchtet ein, dass sie es irgendwo weitab vom Schuss machen«, sagt Spiro. »So etwas ist eine ziemlich große Schande.«

»Ich weiß nicht«, sagt Landsman. »Es ist nicht einfach, die Erlaubnis zu bekommen, jenseits der Grenze ein jüdisches Unternehmen aufzuziehen. Nicht mal eine wohltätige Einrichtung.«

»Wie gesagt«, sagt Kitka. »Ich hab nur dies und das gehört. Ist wahrscheinlich Blödsinn.«

»Seltsam«, sagt Spiro. Er ist wieder in der Welt des Dossiers versunken, blättert vor und zurück.

Landsman sagt: »Was ist seltsam?«

»Hm, ich guck das hier durch, und wissen Sie, was ich nicht finde? Ich finde nicht den Flugplan für … für den tödlichen Flug. Von Yakovy zurück nach Sitka.« Er holt sein Shoyfer hervor und drückt auf zwei Tasten, wartet. »Ich weiß, dass sie ihn abgegeben hat. Ich kann mich erinnern, ihn gesehen zu haben. Bella? Hier Spiro. Hast du kurz Zeit? Hm, ja. Gut. Hör zu. Kannst du kurz etwas für mich nachsehen? Du müsstest mir einen Flugplan aus dem Computer holen.« Er nennt der diensthabenden Kollegin Naomis Namen sowie Datum und Uhrzeit ihres letzten Fluges. »Kannst du das eingeben? Ja.«

»Kannten Sie meine Schwester, Mr. Kitka?«, fragt Landsman.

»Kann man so sagen«, sagt Kitka. »Hat mir mal in den Arsch getreten.«

»Willkommen im Club«, sagt Landsman.

»Das kann nicht sein«, sagt Spiro in angespanntem Tonfall. »Kannst du noch mal gucken?«

Jetzt spricht keiner mehr. Sie sehen nur noch zu, wie Spiro Bella am anderen Ende der Leitung lauscht.

»Da stimmt was nicht, Bella«, sagt Spiro schließlich. »Ich komme rüber.«

Spiro legt auf. Er sieht aus, als würde ihm das gute Steak wieder hochkommen.

»Was ist?«, fragt Landsman. »Spiro, was ist los?«

»Sie kann den Flugplan im Computer nicht finden.« Er steht auf und sammelt die verstreuten Blätter von Naomis Akte ein. »Aber ich weiß, dass das nicht sein kann, weil die Nummer hier im Absturzbericht steht.« Er hält inne. »Oder auch nicht.«

Wieder schlägt er die eng betippten Blätter des dicken, geklammerten Bündels vor und zurück, das die Ermittlungsergebnisse der Flugaufsichtsbehörde im Fall von Naomis tödlicher Begegnung mit dem Nordwesthang von Mount Dunkelblum umfasst.

»Da ist einer dran gewesen«, sagt er schließlich, zuerst unwillig, sein Mund ein Schlitz. Als die Schlussfolgerung sich in seinem Kopf ausbreitet, entspannt er sich ein wenig. Wird lockerer. »Jemand ganz oben.«

»Ganz oben«, sagt Landsman. »So weit oben, wie man beispielsweise sein muss, um die Genehmigung für ein jüdisches Rehabilitationszentrum auf Indianerland zu bekommen?«

»Zu weit oben für mich«, sagt Spiro. Er schlägt die Akte zu und schiebt sie sich unter den Arm. »Ich kann nicht länger bleiben, Landsman. Tut mir leid. Danke für das Steak.«

Als er gegangen ist, holt Landsman sein Mobiltelefon hervor und wählt eine Nummer mit der Vorwahl von Alaska. Als sich am anderen Ende eine Frau meldet, sagt er: »Wilfred Dick, bitte.«

»Heiliger Josef!«, sagt Kitka. »Passen Sie auf!«

Aber Landsman bekommt nur einen Sergeant an den Apparat.

»Der Inspector is’ nicht da«, sagt der Sergeant. »Worum geht’s, Detective Landsman?«

»Haben Sie vielleicht mal was gehört, keine Ahnung, über eine Besserungsanstalt draußen in Peril Strait?«, sagt Landsman. »Ärzte mit Bärten?«

»Beth Tikkun?«, sagt der Sergeant, als handele es sich um ein amerikanisches Mädchen, dessen Nachname sich auf »chicken« reimt. »Kenne ich.«

Dieses Wissen, verrät sein Ton, hat ihm bisher keine Freude beschert und wird es auch in nächster Zeit wohl nicht tun.

»Ich will denen vielleicht einen kleinen Besuch abstatten«, sagt Landsman. »Sagen wir, morgen. Meinen Sie, das wäre in Ordnung?«

Der Sergeant scheint keine angemessene Erwiderung auf diese offenbar einfache Frage zu finden.

»Morgen«, sagt er schließlich.

»Ja, ich dachte, ich könnte rüberfliegen. Mich da mal umsehen.«

»Hm.«

»Was ist los, Sergeant? Dieses Beth Tikkun, ist das eine ehrliche Sache?«

»Um die Frage zu beantworten, müsste ich eine Meinung haben, Detective«, sagt der Sergeant. »Aber das will Inspector Dick nicht. Ich sag ihm auf jeden Fall, dass Sie angerufen haben.«

»Haben Sie ein eigenes Flugzeug, Rocky?«, fragt Landsman und beendet das Gespräch mit dem Mittelfinger.

»Hab ich verloren«, sagt Kitka. »Beim Pokern. Deshalb arbeite ich für einen jüdischen Besitzer.«

»Nichts für ungut.«

»Stimmt«, sagt Kitka. »Nichts für ungut.«

»Sagen wir mal, ich würde diesem Tempel der Heilung da draußen in Peril Strait einen Besuch abstatten wollen.«

»Ich muss morgen jemanden abholen«, sagt Kitka. »Drüben in Freshwater Bay. Auf dem Weg dahin könnte ich einen kleinen Abstecher nach rechts machen. Aber ich bleibe nicht mit laufender Uhr stehen und warte auf Sie.« Er grinst ein Biberzahngrinsen. »Und es kostet Sie eine ganze Stange mehr als ein Steak.«

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