»Du kennst den Gannef«, stellt Landsman Berko halb die Frage, als sie hinter dem Grenz-Mejwen durch den Sabbatschnee zur Tür des Rebbes stapfen. Für die Expedition über den Platz hat sich Zimbalist in einem Spülbecken hinten in der Werkstatt Gesicht und Achselhöhlen gewaschen. Er machte einen Kamm nass und harkte seine sechzehn Haare zu einem Moire auf seinem Kopf. Dann zog er einen braunen Kordmantel, eine orangefarbene Daunenweste und schwarze Gummischuhe an, über alles gürtete er einen Bärenfellmantel, der wie ein sieben Meter langer Schal den Geruch von Mottenkugeln hinter sich herzieht. Von einem Elchgeweih neben der Tür nahm der Mejwen einen Fußball oder eine Ottomane aus dem Pelz eines Vielfraßes und setzte sich das Ding auf den Kopf. Nun watschelt er, nach Naphthalin stinkend, vor den beiden Polizeibeamten her. Er sieht aus wie ein kleiner Bär, der von grausamen Herren gezwungen wird, erniedrigende Kunststücke zu vollführen. Keine Stunde mehr bis zum Sonnenuntergang, und der fallende Schnee gleicht Splittern gebrochenen Tageslichts. Der Himmel über Sitka sieht aus wie schnell anlaufendes, trübes Silber.
»Ja, ich kenne ihn«, sagt Berko. »Als ich meine Stelle auf dem 5. Revier antrat, wurde ich direkt zu ihm beordert. Es gab eine Zeremonie in seinem Büro, über dem Lehrhaus in der S. Ansky Street. Er hat mir etwas an die Dienstmütze geheftet, ein kleines goldenes Blatt. Danach schickte er mir zu Purim immer einen hübschen Obstkorb. Wurde mir nach Hause geliefert, obwohl ich nie meine Adresse herausgegeben hatte. Jedes Jahr Pfirsiche und Apfelsinen, bis wir raus nach Shvartser-Yam zogen.«
»Man sagt, er gehört eher zur kräftigen Fraktion.«
»Er ist süß. Herzallerliebst.«
»Was der Mejwen uns eben über Mendel erzählt hat. Die Wunder und Mirakel. Berko, glaubst du das?«
»Du weißt doch, dass es bei mir nicht um Glauben geht, Meyer. Ging es noch nie.«
»Aber hast du — ich bin nur neugierig —, hast du wirklich das Gefühl, du wartest auf Messias?«
Berko zuckt mit den Schultern, eine uninteressante Frage. Er hält den Blick auf die Spur schwarzer Gummischuhe im Schnee gerichtet.
»Ist halt Messias«, sagt er. »Was soll man sonst tun außer warten?«
»Und wenn er kommt, was ist dann? Friede auf Erden?«
»Friede, Wohlstand. Genug zu essen. Niemand ist mehr krank oder einsam. Niemand verkauft mehr was. Weiß nicht.«
»Und Palästina? Gehen alle Juden dahin zurück, wenn Messias kommt? Ins Gelobte Land? Biberfellmützen und so?«
»Ich habe gehört, dass Messias einen Deal mit den Bibern gemacht hat«, sagt Berko. »Gibt keinen Pelz mehr.«
Im glühenden Schein einer großen eisernen Gaslampe, die mit einem Eisenträger an der Hausfassade des Rebbes angebracht ist, vertreibt sich ein loses Knäuel von Männern den Rest der Woche — Parasiten, Rebbe-Hörige, der eine oder andere regelrechte Tölpel. Und das übliche improvisierte Durcheinander von Möchtegern-Schweizergardisten, die den zu beiden Seiten der Haustür aufragenden Biks die Arbeit erschweren. Jeder sagt jedem, er solle nach Hause gehen und mit der Familie das Licht segnen, solle den Rebbe in Ruhe sein Sabbatessen genießen lassen, schojn. Niemand bricht wirklich auf, niemand bleibt wirklich stehen. Die Männer tauschen glaubwürdige Lügen über die jüngsten Wunder und Zeichen aus, über neue Tricks, wie man nach Kanada auswandert, und es gibt vierzig Versionen der Geschichte über den hammerschwingenden Indianer; er habe das Alenu-Gebet gesagt und dabei einen indianischen Patschtanz vollführt.
Als die Männer das Knirschen und Quäken von Zimbalists Gummischuhen hören, die sich ihnen über den Platz nähern, stellen sie nacheinander ihre Äußerungen ein, wie eine schwächer werdende Dampforgel. Seit fünfzig Jahren lebt Zimbalist nun in ihrer Mitte, doch ist er durch ein undurchschaubares Gemenge aus Zwang und freier Wahl Außenseiter geblieben. Er ist ein Zauberer, ein Voodoo-Mann, so wie er die Fäden in den Händen hält, die den Distrikt umgrenzen und seine Handflächen am Sabbat das Brackwasser ihrer Seelen umschließen. Wenn seine Leute oben auf den Masten hocken, können sie in jedes Fenster blicken, jedes Telefongespräch belauschen. Zumindest glauben die Männer das.
»Platz da, bitte«, sagte der Mejwen und steuert auf die Haustreppe mit ihrem hübsch geschnörkelten schmiedeeisernen Geländer zu. »Freund Belsky, zur Seite.«
Die Männer machen Platz, als würde Zimbalist mit etwas Brennendem in der Hand auf einen Wassereimer zustürzen. Bevor sie die für Zimbalist geschaffene Lücke wieder schließen können, sehen sie Landsman und Berko näher kommen. Sie dunsten ein so schweres Schweigen aus, dass Landsman spürt, wie es seitlich gegen seinen Kopf drückt. Er hört, wie der Schnee zischt, er hört jede Schneeflocke knistern, die auf die Gaslampe fällt. Die Männer stellen böse Blicke, unschuldige Blicke und so leere Blicke zur Schau, dass alle Luft aus Landsmans Lungen gesogen zu werden droht. Jemand sagt: »Ich sehe kein Kriegsbeil.«
Detective Landsman und Detective Shemets wünschen den Männern die Freude des Sabbats. Dann wenden sie ihre Aufmerksamkeit den Biks an der Tür zu, zwei untersetzten, rothaarigen, glotzäugigen Kerlen mit Stupsnase und einem dichten Wollbart vom rostigen Gold einer Rinderbrustsoße. Zwei rote Rudashevskys, Biks aus einer langen Ahnenreihe von Biks, gezüchtet auf Einfalt, Dummheit, Kraft und Leichtfüßigkeit.
»Professor Zimbalist«, sagt der Rudashevsky links der Tür. »Einen schönen Sabbat Ihnen!«
»Ihnen auch, Freund Rudashevsky. Ich bedauere, dass wir Ihren Wachdienst an diesem friedvollen Nachmittag stören müssen.« Der Grenz-Mejwen drückt die pelzige Ottomane fester auf seinen Kopf. Er setzt zu einer blumigen Eröffnung an, aber als er sich anschickt, die Schubladen seines Gesichts zu leeren, fallen keine weiteren Münzen heraus. Landsman greift in seine Jackentasche. Zimbalist steht einfach nur da, mit hängenden Armen, denkt vielleicht, es sei alles sein Fehler, es sei das Schachspiel, das den Jungen vom gottgewiesenen Pfad seines Ruhms abbrachte, und jetzt muss Zimbalist auch noch dort hinein und dem Vater das traurige Ende der Geschichte schildern. Landsman streift Zimbalists Schulter, die Finger um den glatten, kalten Hals der Flasche kanadischen Wodkas in seiner Tasche geschlossen. Er pocht mit der Flasche gegen Zimbalists knochige Klaue, bis der alte Knacker sie ergreift und streichelt.
»Nu, Yossele, ich bin Detective Shemets«, übernimmt Berko die Einsatzleitung und blinzelt mit einer Hand über den Augen in das zerstreute Gaslicht. Die Horde von Männern hinter ihnen beginnt zu murmeln, sie spüren, dass sich hier mit Geschwindigkeit etwas Schlechtes, Unglaubliches entwickelt. Der Wind schlägt die Schneeflocken an hundert Haken hin und her. »Was ist, Jid?«
»Detective«, sagt der Rudashevsky auf der rechten Seite, vielleicht Yosseles Bruder, vielleicht sein Cousin. Vielleicht beides. »Wir haben gehört, dass Sie in der Gegend sind.«
»Das ist Detective Landsman, mein Kollege. Könnten Sie bitte Rabbi Shpilman ausrichten, dass wir ihn gerne einen Moment sprechen würden? Glauben Sie uns bitte, wir würden ihn nicht zu dieser Stunde stören, wenn es nicht sehr wichtig wäre.«
Schwarzhüte, selbst Verbover, stellen normalerweise nicht das Recht oder die Autorität von Polizeibeamten in Frage, die in Harkavy oder auf Verbov Island ihrer Arbeit nachgehen. Sie kooperieren nicht, aber sie behindern normalerweise auch niemanden. Andererseits braucht man schon einen wirklich guten Grund, um so kurz vor dem heiligsten Moment der Woche das Heim des mächtigsten Rabbis im Exil zu betreten. Da muss man schon gekommen sein, um ihm beispielsweise zu sagen, dass sein einziger Sohn tot ist.
»Einen Moment mit dem Rebbe?«, sagt ein Rudashevsky.
»Und wenn Sie eine Million Dollar hätten, Detective Shemets, bei allem Respekt, und verzeihen Sie, wenn ich das sage«, sagt der andere, breiter an Statur und von stärker behaarter Haut als Yossele, und legt die Hand aufs Herz, »aber das kann nie genug sein.«
Landsman fragt Berko: »Hast du so viel Geld dabei?«
Berko stößt Landsman mit dem Ellenbogen in die Seite. Landsman ist in seinen ersten Dienstjahren nie bei den Schwarzhüten Streife gegangen, musste sich nie über einen trüben Meeresgrund aus Schweigen und leeren Blicken tasten, die ein U-Boot zerstören können. Landsman weiß einfach nicht, wie man angemessen Respekt erweist.
»Komm, Yossele! Shmerl, mein Lieber«, schmeichelt Berko. »Ich muss nach Hause an den Tisch. Lasst uns rein!«
Yossele zupft an dem kalbsbratenfarbenen Polster unter seinem Kinn. Dann beginnt der andere mit gedämpfter, gleichmäßiger Stimme zu sprechen. Der Bik trägt, verborgen hinter einer kastanienbraunen gekringelten Schläfenlocke, ein Headset mit Mikro und Knopf im Ohr.
»Ich soll mich höflichst erkundigen«, sagt der Bik nach einer Weile, und die Macht des Befehls huscht über seine Züge, macht sie weich und seine Ausdrucksweise gleichzeitig steif, »in welcher Angelegenheit die ehrenwerten Herren so spät am Freitagnachmittag zum Haus des Rebbes möchten.«
»Idioten!«, sagt Zimbalist — er hat einen Schluck Wodka intus — und jagt die Treppe hinauf wie ein närrischer Bär auf einem Einrad. Er greift nach den Aufschlägen von Yossele Rudashevskys Mantel und tanzt mit ihnen, links und rechts, Zorn und Trauer. »Sie sind wegen Mendele hier!«
Die Männer vor Shpilmans Haus haben den Auftritt murmelnd kommentiert und kritisiert, doch nun sind alle still. Das Leben pfeift aus den Lungen der Umstehenden, rasselt im Rotz ihrer Nasen. Die Hitze der Laterne lässt den Schnee verdampfen. Mit hellem Klirren scheint die Luft zu zersplittern wie eine Welt aus winzigen Fenstern. Und Landsman spürt etwas, das in ihm den Wunsch aufkommen lässt, sich die Hand in den Nacken zu legen. Er ist ein Händler für Entropie und ein Ungläubiger aus Neigung und von Berufs wegen. Für ihn ist der Himmel Kitsch, Gott ein Wort und die Seele höchstens eine Aufladestation für die eigenen Batterien. Doch in der dreisekündigen Stille, die auf den von Zimbalist laut ausgerufenen Namen vom verlorenen Sohn des Rebbes folgt, hat Landsman das Gefühl, etwas flattere zwischen ihnen herunter. Senke sich über die Männerschar, streife sie mit einem Flügel. Vielleicht ist es nur die von einem zum anderen springende Erkenntnis, warum diese beiden Beamten der Mordkommission zu dieser Uhrzeit aufgetaucht sein müssen. Oder es ist die alte Zauberkraft eines Namens, auf dem einst die kühnsten Hoffnungen ruhten. Oder vielleicht braucht Landsman einfach nur eine ordentliche Mütze Schlaf in einem Hotel ohne tote Juden.
Yossele dreht sich zu Shmerl um, die teigige Stirn in Falten gelegt, und hält Zimbalist mit der hirnlosen Zärtlichkeit eines brutalen Mannes fest. Shmerl spricht noch ein paar Silben mehr ins Herz des Hauses vom Verbover Rebbe. Er schaut nach Osten, schaut nach Westen. Er stimmt sich mit dem Mandolinenspieler oben auf dem Dach ab; auf dem Dach ist immer ein Mann mit einer halb automatischen Mandoline. Dann schiebt er langsam die schwere Holztür auf. Yossele setzt den alten Zimbalist mit einem Klimpern der Schuhschnallen ab und tätschelt ihm die Wange.
»Bitte sehr, Detectives«, sagt er.
Sie treten in einen getäfelten Flur, am hinteren Ende eine Tür, links eine in den ersten Stock führende Holztreppe. Die Treppe und die Stufen, die Vertäfelung, selbst die Bodendielen sind aus den großen Brettern einer einzigen Kiefernart geschnitten, Butterfarben und astig. Entlang der Wand gegenüber der Treppe zieht sich eine niedrige Bank, ebenfalls aus Astkiefer, auf der ein langes violettes Samtkissen liegt, stellenweise glänzend abgewetzt, sechsmal rund eingedellt von Verbover Hinterbacken.
»Die geschätzten Herren warten bitte hier«, sagt Shmerl.
Er kehrt mit Yossele zurück auf seinen Posten und überlässt Landsman und Berko dem steten, aber gleichgültigen Blick eines dritten klotzigen Rudashevskys, der sich am Treppenabsatz gegen das Geländer lehnt.
»Setzen Sie sich, Professor«, sagt der Innen-Rudashevsky.
»Danke«, erwidert der. »Aber ich möchte mich nicht setzen.«
»Ist alles in Ordnung, Professor?«, fragt Berko und legt die Hand auf den Arm des Mejwens.
»Eine Squashwand«, sagt Zimbalist wie als Antwort auf die Frage. »Wer spielt denn heute noch Squash?«
Da fällt Berko Zimbalists Manteltasche ins Auge. Landsman interessiert sich ganz plötzlich für ein kleines Holzregal an der Wand neben der Tür, gut befüllt mit bunten Hochglanzbroschüren. Eine trägt den Titel Wer ist der Verbover Rebbe? und teilt ihm mit, dass sie sich im offiziellen oder zeremoniellen Eingangsbereich des Hauses befinden und die Familie weiter hinten lebt und kommt und geht, genau wie im Hause des Präsidenten von Amerika. Die zweite Broschüre zum Mitnehmen heißt Fünf große Wahrheiten und fünf große Lügen über den Verbover Chassidismus.
»Ich hab den Film gesehen«, sagt Berko, über Landsmans Schulter spähend.
Die Stufen quietschen. Als würde er den nächsten Gang des Abendessens ankündigen, murmelt der Rudashevsky:
»Rabbi Baronshteyn.«
Landsman kennt Baronshteyn nur vom Namen. Ebenfalls ein Wunderkind, aber zusätzlich zu seiner Smicha mit einem Abschluss in Jura. Er hat eine der acht Töchter des Rebbes geehelicht. Er wird niemals fotografiert und verlässt Verbov Island nie, es sei denn, man glaubt den Geschichten, dass er um Mitternacht in wanzenverseuchte Motels in Süd-Sitka schleicht, um persönliche Vergeltung für einen Lotteriebetrug oder einen Schlosser zu fordern, der einen Auftragsmord verpatzt hat.
»Detective Shemets, Detective Landsman. Ich bin Aryeh Baronshteyn, der Gabbai des Rebbes.«
Landsman ist überrascht, wie jung er ist, nach dem Äußeren zu urteilen, um die dreißig. Eine hohe, schmale Stirn und harte schwarze Augen wie zwei Steine auf einem Grab. Seine mädchenhaften Lippen tarnt er hinter der männlichen Zierde eines König-Salomon-Bartes, gleichmäßig grau meliert gaukelt er Reife vor. Seine Schläfenlocken hängen ordentlich und schlaff herunter. Er gibt sich selbstverleugnend, doch seine Kleidung verrät die alte Verbover Liebe zum Protzen. Seine Waden in den seidigen Sockenhaltern und den weißen Strümpfen sind drall und muskulös. Die langen Füße sind in gebürstete schwarze Slipper aus Baumwollsamt gehüllt. Der Gehrock sieht aus wie frisch maßgefertigt von der Nadel von Moses and Sons auf der Asch Street. Nur das schlichte Strickkäppchen wirkt bescheiden. Darunter schimmert Baronshteyns raspelkurzes Haar, das dem Draht einer Schleifmaschine gleicht. Sein Gesicht zeigt keine Spur von Argwohn, aber Landsman kann sehen, an welchen Stellen sie sorgfältig ausradiert wurde.
»Reb Baronshteyn«, murmelt Berko und nimmt seinen Hut ab. Landsman tut es ihm nach.
Baronshteyn behält die Hände in den Taschen seiner Jacke, einem Satingehrock mit Veloursaufschlägen und Pattentaschen. Er bemüht sich, locker zu wirken, aber manche Männer wissen einfach nicht, wie sie mit den Händen in den Taschen herumstehen und dabei natürlich aussehen sollen.
»Was wollen Sie hier?«, fragt er. Demonstrativ schaut er auf die Uhr, stößt sie gerade lange genug unter der Manschette seines kurzfaserigen Baumwollhemds hervor, dass sie den Namen »Patek Phillipe« auf dem Ziffernblatt lesen können. »Es ist schon sehr spät.«
»Wir sind hier, um mit Rebbe Shpilman zu sprechen, Rabbi«, sagt Landsman. »Wenn Ihre Zeit so wertvoll ist, dann wollen wir sie sicherlich nicht damit verschwenden, mit Ihnen zu reden.«
»Es ist nicht meine Zeit, von der ich befürchte, dass Sie verschwendet wird, Detective Landsman. Und ich kann Ihnen auch sofort sagen, dass Sie nicht lange in diesem Haus bleiben werden, wenn Sie hier die respektlose Haltung und das schändliche Benehmen an den Tag legen möchten, für das Sie berüchtigt sind. Haben wir uns verstanden?«
»Ich glaube, Sie verwechseln mich mit dem anderen Detective Meyer Landsman«, sagt Landsman. »Ich bin derjenige, der nur seine Arbeit macht.«
»Dann sind Sie im Zuge einer Mordermittlung hier? Darf ich fragen, inwiefern das den Rebbe betrifft?«
»Wir müssen wirklich mit dem Rebbe persönlich sprechen«, sagt Berko. »Wenn er wünscht, dass Sie dabei sind, dürfen Sie gerne bleiben. Aber bei allem Respekt, Rabbi, wir sind nicht hier, um Ihre Fragen zu beantworten. Und wir sind nicht hier, um irgendjemandes Zeit zu verschwenden.«
»Ich bin nicht nur sein Berater, Detective, ich bin auch der Anwalt des Rebbes. Das wissen Sie.«
»Das ist uns bekannt, Sir.«
»Mein Büro ist auf der anderen Seite des Platzes«, sagt Baronshteyn, geht zur Haustür und hält sie auf wie ein gnädiger Portier. Durch den Spalt sieht man Schnee fallen, er glüht im Gaslicht wie ein nicht enden wollender Münzregen im Jackpot. »Ich bin überzeugt, dass ich all Ihre Fragen beantworten kann.«
»Baronshteyn, du Schnösel! Aus dem Weg!«
In seinem weiten, räudigen Mantel springt Zimbalist mit seinem Dunst von Mottenkugeln und Trauer auf die Füße, und der Hut rutscht ihm übers Ohr.
»Professor Zimbalist.« Baronshteyns Ton ist warnend, aber sein Blick wird scharf, als er die ruinierte Gestalt des Grenz-Mejwens registriert. Es könnte sein, dass er Zimbalist noch nie zuvor in Zusammenhang mit einer Gefühlsregung gesehen hat. Das Schauspiel weckt erkennbar sein Interesse. »Ich bitte Sie!«
»Sie haben versucht, seinen Platz einzunehmen. Gut, jetzt haben Sie ihn. Was ist das für ein Gefühl?« Zimbalist wankt einen Schritt auf den Gabbai zu. Es müssen alle möglichen Kordeln und Stolperdrähte kreuz und quer durch den Raum gespannt sein. Aber diesmal scheint der Grenz-Mejwen seine Landkarte verlegt zu haben. »Er ist auch jetzt noch lebendiger als Sie es je sein werden, Sie Stint, Sie Wachsfigur!«
Zimbalist stürzt an Berko und Landsman vorbei und greift nach dem Geländer oder nach der Kehle des Gabbais. Baronshteyn zuckt mit keiner Wimper. Berko packt nach dem Gürtel in der Taille des Bärenfellmantels und zieht Zimbalist zurück.
»Wer?«, sagt Baronshteyn. »Von wem reden Sie?« Er schaut Landsman an. »Detective, ist etwas mit Mendel Shpilman passiert?«
Später wird Landsman Baronshteyns Auftritt mit Berko besprechen, aber sein erster Eindruck ist, dass diese Möglichkeit Baronshteyn zu überraschen scheint.
»Professor«, sagt Berko. »Wir wissen Ihre Hilfe zu schätzen. Vielen Dank.« Er zieht den Reißverschluss von Zimbalists Strickjacke hoch und knöpft ihm die Jacke zu. Er klappt eine Seite des Bärenfellmantels über die andere und verknotet den Gürtel fest in der Taille. »Gehen Sie jetzt bitte nach Hause. Yossele, Shmerl, einer von euch bringt den Professor bitte nach Hause, bevor sich seine Frau Sorgen macht und die Polizei ruft.«
Yossele greift Zimbalist unter den Arm, und sie gehen die Treppe hinunter. Berko schließt die Tür gegen die Kälte.
»Bringen Sie uns zum Rebbe, Herr Anwalt«, sagt er. »Unverzüglich.«