Zweiundvierzig Meilen südlich der Stadtgrenze von Sitka schwankt ein Haus aus alten Brettern und grauen Schindeln auf zwei Dutzend Pfählen über dem Morast. Ein namenloses Sumpfgebiet, strotzend vor Bären, das zu Methanblähungen neigt. Ein Friedhof für Ruderboote, Ausrüstung, Pick-ups und, irgendwo tief unten, ein Dutzend russischer Pelzjäger mit ihren aleutischen Hundesoldaten. An einem Ende des Sumpfes, hinten im Gestrüpp, steht ein herrliches Langhaus der Tlingit, das von Brombeerrose und Teufelskeule zerpflückt wird. Auf der anderen Seite erstreckt sich ein steiniger Strand, übersät mit Tausenden schwarzer Kiesel, in die ein altes Volk die Formen von Tieren und Sternen ritzte. Es war an diesem Strand im Jahr 1854, wo jene zwölf promyshlenniki und Aleuten unter Jewgeni Simonow ihr blutiges Ende durch die Hände eines Tlingit-Häuptlings namens Kohklux fanden. Über ein Jahrhundert später wurde die Ururenkelin von Häuptling Kohklux, eine Mrs. Pullman, die zweite indianische Frau eines ein Meter fünfundsechzig großen jüdischen Schachspielers und Meisterspions namens Hertz Shemets.
Im Schach wie in der geheimen Staatskunst war Onkel Hertz bekannt für sein Zeitgefühl, seine übertriebene Vorsicht und seine peinlich genaue Vorbereitung. Er besorgte sich Informationen über seinen Gegner, fertigte eine tödliche Studie von ihm an. Er suchte ein Muster von Schwächen, den nicht zu lösenden Komplex, den Tick. Fünfundzwanzig Jahre lang führte er einen geheimen Feldzug gegen die Menschen auf der anderen Seite der Grenze, versuchte, ihre Macht über das Indianerland zu schwächen, und mit der Zeit wurde er zu einer anerkannten Kapazität in Bezug auf ihre Kultur und Geschichte. Er lernte, die Tlingit-Sprache mit ihren bonbonlutschenden Vokalen und zähen Konsonanten zu genießen. Gründlich erforschte er den Duft und das Gewicht von Tlingit-Frauen.
Als er Mrs. Pullman heiratete (niemand nannte die Dame jemals Mrs. Shemets, möge sie in Frieden ruhen), entwickelte er ein Interesse am Sieg ihres Ururgroßvaters über Simonow. Stundenlang saß er in der Bibliothek der Bronfman University und brütete über Landkarten aus der Zarenzeit. Er kommentierte die Interviews von methodistischen Missionaren mit neunundneunzigjährigen Tlingit-Weibern, die sechs Jahre alt gewesen waren, als die Kriegsbeile auf die russischen Quadratschädel einschlugen. Er entdeckte, dass das Massakerfeld in der Erhebung des Geologischen Dienstes von 1949, jener Erhebung, die die Grenzen des Distrikts Sitka festlegte, aus irgendeinem Grund als Tlingit-Land ausgewiesen war. Obwohl es westlich der Baranof-Kette liegt, gehört das Massakerfeld den Ureinwohnern, ein grünes Symbol des Indianertums auf der jüdischen Seite von Baranof Island. Als Hertz diesen Fehler entdeckte, sorgte er dafür, dass Berkos Stiefmutter das Land aufkaufte. Das Geld dafür stammte, wie Dennis Brennan später nachwies, aus Hertz’ Schmiergeldfonds der COINTELPRO. Auf dieses Land baute er sein spinnenbeiniges Haus. Und als Mrs. Pullman starb, erbte Hertz Shemets das Simonow-Massakerfeld. Er erklärte es zum lausigsten Indianerreservat der Welt und sich selbst zum lausigsten Indianer.
»Arschloch«, sagt Berko weniger grollend, als Landsman erwartet haben könnte, und betrachtet durch die Windschutzscheibe des Super Sport die gebrechliche Unterkunft seines Vaters.
»Wann hast du ihn zum letzten Mal gesehen?«
Berko wendet sich mit verdrehten Pupillen seinem Kollegen zu, als gehe er im Kopf eine Akte über Landsman durch, um eine Frage zu finden, auf die eine Antwort noch weniger nötig gewesen wäre.
»Ich will dich mal was fragen, Meyer. Wenn du ich wärst, wann hättest du ihn dann zum letzten Mal gesehen?«
Landsman parkt den Super Sport hinter dem Buick Roadmaster des Alten, ein schlammverkrustetes blaues Monstrum mit falschem Holz und einem Aufkleber, der auf Jiddisch und Englisch das WELTBERÜHMTE SIMONOW-MASSAKERFELD UND ORIGINAL TLINGIT-LANG-HAUS anpreist. Obgleich die Attraktion schon länger nicht mehr am Straßenrand existiert, ist der Sticker strahlend neu. Im Langhaus stapelt sich ein Dutzend Kartons voller Aufkleber.
»Gib mir einen Tipp«, sagt Landsman.
»Witze über Beschneidung.«
»Ah so.«
»Jeder einzelne je erzählte Witz über Beschneidung.«
»Ich wusste gar nicht, dass es so viele gibt«, sagt Landsman. »Da hast du ja was gelernt.«
»Komm«, sagt Berko und steigt aus dem Auto. »Bringen wir es hinter uns.«
Landsman mustert das gewaltige Originallanghaus im trockenen Dickicht von Brombeerrosenranken und Teufelskeule, eine bunt bemalte Ruine. Tatsächlich ist nichts an dem Langhaus original. Hertz Shemets baute es mit Hilfe von zwei indianischen Schwägern, seinem Neffen Meyer und seinem kleinen Sohn Berko im Sommer, nachdem der Junge auf die Adler Street gezogen war. Er baute es aus Spaß, ohne den Plan, es zu einem Ausflugsziel zu machen. Das versuchte er erst nach seiner Enteignung, leider vergeblich. In jenem Sommer war Berko fünfzehn und Landsman zwanzig. Der Jüngere formte jede Seite seiner Persönlichkeit so, dass sie den Vorgaben Landsmans entsprach. Zwei volle Monate widmete er der Aufgabe, die Stichsäge so wie Landsman zu betätigen, mit einer auf der Lippe hüpfenden Papiros, deren Rauch ihm in den Augen brannte. Damals hatte sich Landsman schon entschlossen, die Aufnahmeprüfung bei der Polizei zu machen, und in jenem Sommer erklärte Berko dieses ebenfalls zu seiner Ambition. Wenn Landsman davon gesprochen hätte, eine Schmeißfliege zu werden, hätte auch Berko eine Möglichkeit gefunden, den Dung zu lieben.
Wie die meisten Polizisten segelt Landsman doppelwandig gegen das Unglück an, geschützt gegen Seegang und Sturm. Es sind die Untiefen, um die er sich sorgen muss, die Haarrisse, die kleinen Launen des Drehmoments. Die Erinnerung an jenen Sommer beispielsweise, oder der Gedanke, dass er schon längst die Geduld eines Jungen erschöpft hat, der einst tausend Jahre gewartet hätte, um eine Stunde lang mit ihm gemeinsam mit dem Luftgewehr Büchsen vom Zaun zu schießen. Der Anblick des Langhauses bricht eine kleine, bisher noch ungebrochene Facette in Landsmans Herz. Alles, was sie hier in jener kurzen Minute in diesem Winkel der Welt gemacht haben, hat sich im Dorngestrüpp von Brombeerrose und Vergessen aufgelöst.
»Berko«, sagt er, als sie durch den halb gefrorenen Morast des lausigsten Indianerreservats der Welt knirschen. Er fasst seinen Cousin am Ellenbogen. »Tut mir leid, dass ich so durch den Wind war.«
»Du musst dich nicht entschuldigen, Meyer«, sagt Berko. »Das ist nicht deine Schuld.«
»Mir geht’s jetzt besser. Ich bin wieder da«, sagt Landsman, und kurz klingen die Worte in seinen Ohren wahr. »Ich weiß nicht, wie das kam. Vielleicht durch die Unterkühlung. Oder durch diese ganze Sache mit Shpilman. Oder, gut, vielleicht auch dadurch, dass ich die Finger vom Sprit gelassen habe. Aber ich bin wieder so wie früher.«
»Hm.«
»Glaubst du das nicht?«
»Doch, Meyer.« Berko könnte genauso gut einem Kind oder einem Irren beipflichten. Er könnte genauso gut gar nicht beipflichten. »Du kommst mir ganz normal vor.«
»Ausdrückliche Unterstützung.«
»Ich will jetzt nicht darüber sprechen, ja, macht das was? Ich will da jetzt einfach nur rein, dem Alten unsere Fragen vorsetzen und dann schnell zurück zu Ester-Malke und den Jungs. Kommst du damit klar?«
»Sicher, Berko. Natürlich.«
»Danke.«
Sie stapfen über erstarrten Schlick aus Schlamm, Schotter und gefrorenen Pfützen, mit einem dünnen Trommelfell aus Eis bespannt. Eine Comictreppe, zersplittert und wackelig, führt zu einer wettergrauen Zedernholztür. Sie hängt schief in den Angeln und ist mit dicken Gummistreifen provisorisch auf den Winter vorbereitet.
»Als du meintest, es wäre nicht meine Schuld«, fängt Landsman an.
»Mann! Ich muss pissen.«
»Das bedeutet doch, dass du mich für verrückt hältst. Für geisteskrank. Dass ich nicht verantwortlich bin für das, was ich tue.«
»Ich klopfe jetzt an diese Tür, Meyer.«
Dann klopft er zweimal, heftig genug, um die Angeln zu gefährden.
»Ungeeignet, eine Dienstmarke zu tragen«, sagt Landsman und wünscht sich von Herzen, das Thema fallen lassen zu können. »In anderen Worten.«
»Das hat deine Exfrau gesagt, nicht ich.«
»Aber du widersprichst ihr nicht.«
»Was weiß ich denn über Geisteskrankheiten?«, sagt Berko. »Ich bin nicht derjenige, der festgenommen wurde, weil er drei Stunden entfernt von zu Hause nackt durch den Wald lief, nachdem er einem Mann mit einem eisernen Bettrahmen den Schädel eingeschlagen hat.«
Hertz Shemets kommt an die Tür, sein Unterkiefer ist so frisch rasiert wie ein Blutstropfen. Er trägt einen grauen Flanellanzug über einem weißen Hemd und einer mohnroten Krawatte. Er riecht nach Vitamin B, Sprühstärke, geräuchertem Fisch. Er ist winziger denn je, zappelig wie eine Holzfigur an einem Stock.
»Alter Junge!«, ruft er Landsman zu und bricht ein paar Knochen in der Hand seines Neffen.
»Siehst gut aus, Onkel Hertz«, sagt Landsman. Bei näherem Hinschauen entdeckt er, dass der Anzug an den Ellenbogen und Knien glänzt. Die Krawatte legt Zeugnis von einer Suppe ab und wurde nicht über den weichen Kragen eines Hemdes geschlungen, sondern um ein weißes Pyjamaoberteil, hastig in die Hose gestopft. Aber Landsman hat gut kritisieren. Er trägt seinen Notfallanzug, herausgerissen aus der Spalte hinten im Kofferraum und glattgezogen, ein schwarzes Teil aus Viskose-Wollgemisch mit Goldknöpfen, die wie römische Münzen aussehen sollen. Einmal lieh er sich den Anzug in letzter Minute für eine Beerdigung, an der teilzunehmen er vorgehabt, aber vergessen hatte, lieh ihn sich von einem unglückseligen Spieler namens Glucksman. Der Anzug bringt es zustande, begräbnisfähig und fröhlich zugleich auszusehen, er hat hartnäckige Falten und riecht nach Detroiter Kofferraum.
»Danke für die Warnung«, sagt Onkel Hertz und lässt Landsmans ruinierte Hand los.
»Der da hätte dich lieber überrascht«, sagt Landsman und nickt Berko zu. »Aber ich weiß, dass du gerne nach draußen gehst und etwas für uns erlegst.«
Onkel Hertz legt die Handflächen zusammen und verbeugt sich. Wie ein wahrer Einsiedler nimmt er seine Pflichten als Gastgeber sehr ernst. Wenn es nicht viel zu jagen gab, wird er etwas schön Marmoriertes aus der Tiefkühltruhe geholt und es mit Möhren, Zwiebeln und einer zerdrückten Handvoll Kräuter, die er anbaut und in der Hütte hinter dem Holzhaus trocknet, auf den Herd gestellt haben. Er wird dafür gesorgt haben, dass Eis für den Whisky und kaltes Bier für den Schmortopf da sind. Vor allem wird er sich rasiert und eine Krawatte umgebunden haben.
Der alte Mann sagt Landsman, er solle ins Haus gehen, und Landsman gehorcht ihm, sodass Hertz seinem Sohn allein gegenübersteht. Landsman schaut zu, ein interessierter Dritter, wie alle jüdischen Männer seit dem Moment, als Abraham Isaak hieß, sich auf den Berg zu legen und seinen pochenden Brustkorb vor dem Himmel zu entblößen. Der alte Mann streckt die Hand aus und greift nach dem Ärmel von Berkos Holzfällerhemd. Er rollt den Stoff zwischen den Fingern. Berko lässt die Prüfung mit aufrichtiger Leidensmiene über sich ergehen. Es muss ihn umbringen, das weiß Landsman, in etwas anderem als seinem besten italienischen Zwirn vor seinen Vater zu treten.
»Und, wo ist deine Holzfälleraxt?«, sagt der alte Mann schließlich.
»Keine Ahnung«, sagt Berko. »Vielleicht da, wo auch deine Schlafanzughose ist.«
Berko streicht die Falte glatt, die sein Vater in den Ärmel gekniffen hat. Er geht an dem alten Mann vorbei und tritt ins Haus.
»Arschloch«, sagt er fast lautlos. Innen kündigt er an, die Toilette besuchen zu müssen.
»Sliwowitz«, sagt der alte Mann und geht zu den Flaschen, eine gedrängte Skyline auf einem schwarzen Lacktablett wie eine Miniaturnachbildung von Shvartser-Yam. »Stimmt’s?«
»Wasser«, sagt Landsman. Als sein Onkel eine Augenbraue hebt, zuckt er mit den Achseln. »Hab einen neuen Arzt. Inder. Will, dass ich mit dem Trinken aufhöre.«
»Und seit wann hörst du auf Ärzte oder Inder?«
»Tue ich nicht«, gibt Landsman zu.
»Selbstbehandlung ist eine Landsman-Tradition.«
»Judesein auch«, sagt Landsman. »Und du siehst ja, was wir davon haben.«
»Seltsame Zeiten für Juden«, stimmt der alte Mann zu. Er wendet sich von der Bar ab und reicht Landsman ein Highballglas mit einer Zitronenscheibe als Jarmulke. Dann schenkt er sich ein großzügiges Glas Sliwowitz ein und hält es Landsman mit einem Ausdruck humorvoller Grausamkeit hin, den Landsman gut kennt und in dem er schon lange keinen Humor mehr erkennen kann.
»Auf seltsame Zeiten«, sagt der Alte.
Er trinkt das Glas aus, und als er Landsman ansieht, glüht er wie ein Mann, der gerade etwas Geistreiches gesagt hat, über das der ganze Raum lacht. Landsman weiß, wie sehr es Hertz wehtun muss zu sehen, dass das Schiff, das er so viele Jahre mit all seinem Geschick und all seiner Kraft durch den Fluss gesteuert hat, nun immer näher an die Wasserfälle der Reversion herantreibt. Er gießt sich schnell ein zweites Glas ein und kippt es ohne jedes Zeichen von Vergnügen hinunter. Jetzt ist es an Landsman, die Augenbraue zu heben.
»Du hast deinen Arzt«, sagt Onkel Hertz. »Und ich habe meinen.«
Onkel Hertz’ Hütte ist ein einziger großer Raum mit einer Galerie, die sich über drei Wände zieht. Der Raum lässt einen über die Anatomie und Verletzlichkeit alles Lebenden grübeln; die gesamte Einrichtung und Dekoration besteht aus Horn, Bein, Sehnen, Fell und Pelz. Die Galerie erreicht man über einen steilen Aufstieg hinten, neben der Küchenzeile. In einer Ecke ist das Bett des alten Mannes, sauber gemacht. Neben dem Bett steht auf einem kleinen runden Tisch ein Schachbrett. Die Figuren sind aus Rosenholz und Ahorn. Einem der weißen Ahornspringer fehlt das linke Pferdeohr. Einer der schwarzen Rosenholzbauern hat eine helle Macke am Kopf. Das Brett wirkt vernachlässigt, chaotisch; zwischen den Figuren steht ein Inhalierstift von Wick, eine mögliche Bedrohung für den weißen Springer auf e 1.
»Ich sehe, du spielst die Menthol-Verteidigung«, sagt Landsman und dreht das Brett, um besser sehen zu können. »Fernschach?«
Hertz bedrängt Landsman, verströmt seinen Zwetschgenbrandatem, und die Unternote von Hering ist so ölig und stechend, dass man die kleinen Gräten regelrecht schmecken kann. Angerempelt kippt Landsman das Schachbrett um. Es klappert wie Knochen auf einem Teller.
»Diesen Zug hast du immer schon meisterhaft beherrscht«, sagt Hertz. »Die Landsman-Eröffnung.«
»Scheiße, Onkel Hertz, tut mir leid.«
Landsman kauert sich hin und tastet unter dem Bett des alten Mannes nach den Figuren.
»Mach dir keine Sorgen«, sagt sein Onkel. »Ist schon gut. Das war keine Partie, ich hab nur rumprobiert. Ich spiele kein Fernschach mehr. Ich lebe und sterbe für das Opfer. Ich blende meinen Gegenspieler gerne mit einer verrückten, wunderschönen Kombination. Ganz schön schwer auf einer Postkarte. Kennst du diese Figuren?«
Hertz hilft Landsman, die Figuren in die Schachtel zurückzulegen, die ebenfalls aus Ahorn ist, ausgeschlagen mit grünem Samt. Den Inhalierstift schiebt er in seine Tasche.
»Nein«, sagt Landsman. Er war derjenige, der vor vielen Jahren bei einem Wutanfall die Meyer-Verteidigung spielte, die den weißen Springer das Ohr kostete. »Was glaubst du denn? Du hast sie ihm geschenkt.«
Auf dem Nachttisch neben dem Bett liegen fünf Bücher. Eine jiddische Übersetzung von Chandler. Eine französische Biographie von Marcel Duchamp. Ein Taschenbuchangriff auf die verschlagenen Pläne der Dritten Russischen Republik, im letzten Jahr in den USA erfolgreich. Ein Peterson-Handbuch für Meeressäuger. Und ein Buch namens Kampf original auf Deutsch von Emanuel Lasker.
Die Toilette wird gespült, dann folgt das Geräusch von Wasser, das über Berkos Hände rinnt.
»Auf einmal lesen alle Lasker«, sagt Landsman. Er nimmt das Buch in die Hand, schwer, schwarz, der Titel in vergoldeter Frakturschrift geprägt, und ist leicht überrascht zu sehen, dass es nichts mit Schach zu tun hat. Keine Zeichnungen, keine stilisierten Damen oder Springer, nur Seite um Seite dornige deutsche Prosa. »Also war der Mann auch Philosoph?«
»Das hielt er für seine wahre Berufung. Obwohl er ein Genie in Schach und höherer Mathematik war. Leider muss ich sagen, als Philosoph war er vielleicht doch kein so großes Genie. Warum, wer liest denn noch Emanuel Lasker? Den kennt doch inzwischen keiner mehr.«
»Das ist heute sogar noch wahrer als vor einer Woche«, sagt Berko, der seine Hände am Handtuch abtrocknet. Es zieht ihn zum Esstisch. Der große Holzblocktisch ist für drei Personen gedeckt. Die Teller sind aus emailliertem Blech, die Gläser aus Plastik, und die Messer haben Griffe aus Knochen und angsteinflößende Klingen, mit denen man die noch zuckende Leber aus dem Bauch eines Bären schneiden könnte. Auf dem Tisch stehen ein Krug Eistee und eine emaillierte Kaffeekanne. Das Mahl, das Hertz Shemets bereitet hat, ist reichhaltig, heiß und eindeutig elchlastig.
»Elchchili«, sagt der Alte. »Letzten Herbst habe ich das Fleisch durch den Wolf gedreht. Es war in einem Gefrierbeutel in der Tiefkühltruhe. Den Elch habe ich natürlich selbst erlegt. Eine Kuh, ein Tausendpfünder. Das Chili habe ich heute gemacht, es sind Kidneybohnen drin, ich hab auch noch eine Dose schwarze Bohnen reingetan, die ich herumliegen hatte. Dann war ich unsicher, ob es genug wäre, deshalb hab ich noch ein paar andere Sachen warm gemacht, die ich im Kühlschrank hatte. Das da ist Quiche Lorraine, das sind natürlich Eier mit Tomaten und Schinken, der Schinken ist vom Elch. Habe ich selbst geräuchert.«
»Die Eier sind auch vom Elch«, sagt Berko, den aufgeblasenen Tonfall seines Vaters perfekt nachahmend.
Der alte Mann weist auf eine weiße Glasschale, in der sich gleichförmige Fleischklöpse in einer rötlich braunen Soße drängeln.
»Schwedische Klopse«, sagt er. »Aus Elchfleisch. Das da ist kalter Elchbraten, falls jemand ein Sandwich möchte. Das Brot hab ich natürlich auch selbst gebacken. Und die Mayonnaise ist selbst gemacht. Mayonnaise aus dem Glas kann ich nicht ausstehen.«
Sie setzen sich, um mit dem einsamen Alten zu essen. Vor vielen Jahren war sein Esszimmer ein lebendiger Ort, der einzige Tisch auf diesen geteilten Inseln, an dem Indianer und Juden regelmäßig zusammensaßen, wo sie ohne Groll miteinander tafelten. Es gab kalifornischen Wein zu trinken, der wortreich vom alten Mann gerühmt wurde. Stille Typen, Glücksritter und der eine oder andere Geheimagent oder Lobbyist aus Washington mischten sich unter Totemschnitzer, schachspielende Penner und eingeborene Fischer. Der alte Hertz setzte sich den Sticheleien von Mrs. Pullman aus. Er war der Typ des tyrannischen alten Halsabschneiders, der sich eine Frau sucht, die ihn vor seinen Freunden ein wenig herunterputzt. Irgendwie ließ ihn das nur noch stärker erscheinen.
»Ich habe ein, zwei Anrufe getätigt«, sagt Onkel Hertz nach einigen Minuten schachspielähnlicher Konzentration auf das Essen. »Nachdem ihr angerufen und euch angemeldet habt.«
»Ja?«, sagt Berko. »Ein, zwei Anrufe.«
»Genau.« Der Alte hat so ein Grinsen oder eine grinsähnliche Mimik, bei der er allein die Oberlippe auf der rechten Seite hebt, nur eine halbe Sekunde, und einen gelben Schneidezahn blitzen lässt. Es sieht aus, als hätte er einen Angelhaken in der Lippe und jemand risse einmal kurz und kräftig an der Schnur. »Und ich habe erfahren, dass du anderen gehörig auf die Nerven gegangen bist, Meyerle. Unprofessionelles Verhalten. Unberechenbares Benehmen. Ausweis und Waffe verloren.«
Was Onkel Hertz auch sonst noch gewesen sein mag — vierzig Jahre lang war er vereidigter Gesetzesvertreter und hatte einen Bundesausweis in der Brieftasche. Auch wenn er seinen vorwurfsvollen Ton unter Wert verkauft, ist er unverkennbar. Er wendet sich seinem Sohn zu.
»Und ich weiß nicht, was du da gerade so tust«, sagt er. »Noch acht Wochen bis zum großen schwarzen Loch. Zwei Kinder und — Masel-tow und Keijnehore — ein drittes unterwegs.«
Berko macht sich nicht die Mühe zu fragen, woher sein Vater weiß, dass Ester-Malke schwanger ist. Das würde nur die Eitelkeit des Alten befriedigen. Er nickt einfach und verdrückt noch ein paar Fleischklöpse. Sie sind gut, die Klopse, saftig mit einem Hauch von Rosmarin und Rauch.
»Du hast recht«, sagt Berko. »Es ist Wahnsinn. Und ich kann nicht behaupten, dass ich diesen Büffel da liebe oder mich um ihn sorge, sieh ihn dir an, ohne Ausweis, ohne Pistole, belästigt er Leute und läuft mit abgefrorenen Kniescheiben rum, nicht mehr als ich mich um meine Frau oder meine Kinder sorge, denn das tue ich nicht. Oder dass ich es irgendwie logisch finde, seinetwegen die Zukunft meiner Familie aufs Spiel zu setzen, denn das finde ich nicht.« Beim Anblick der Schüssel mit den Klopsen gibt sein Körper einen abgekämpften Laut von sich, einen jiddischen Laut, irgendwas zwischen einem Rülpser und einer Klage. »Aber wenn wir über schwarze Löcher reden, was soll ich sagen, das sind Dinge, mit denen ich nicht ohne Meyer an meiner Seite zu tun haben will.«
»Siehst du, wie treu«, sagt Onkel Hertz zu Landsman. »Genauso ging es mir mit deinem Vater, möge sein Name zum Segen sein, aber der Feigling hat mich so richtig im Stich gelassen.«
Es soll leicht klingen, aber das beschämte Schweigen nach dieser Bemerkung verdunkelt sie nachträglich. Sie kauen das Essen, das Leben fühlt sich lang und schwer an. Hertz steht auf und schenkt sich noch einen Schnaps ein. Er geht ans Fenster, betrachtet den Himmel, der einem aus den Scherben von tausend Spiegeln zusammengesetzten Mosaik gleicht, jede Scherbe hat einen anderen Grau ton. Der Winterhimmel im südöstlichen Alaska ist talmudgrau, ein unerschöpflicher Thorakommentar aus Regenwolken und ersterbendem Licht. Onkel Hertz war immer der tüchtigste, selbstsicherste Mann, den Landsman kannte, präzise wie ein Origami-Flugzeug, ein flinker Papierflieger, mit Akribie gefaltet, unempfindlich gegenüber Turbulenzen. Akkurat, methodisch, leidenschaftslos. Immer schon gab es Hinweise auf Schatten, auf Irrationales und Gewalt, aber sie waren hinter den Mauern von Hertz’ geheimnisvollen indianischen Abenteuern verborgen, versteckt auf der anderen Seite der Grenze, mit dem klugen Scharren eines Tieres überdeckt, das seine eigene Fährte verwischt. Aber jetzt steigt in Landsman eine Erinnerung aus den Tagen nach dem Tod seines Vaters auf, an Onkel Hertz, der zerknüllt wie ein Papiertaschentuch in einer Ecke der Küche auf der Adler Street sitzt, Hemd über der Hose, unordentliches Haar, falsch geknöpftes Hemd. Der schwindende Inhalt einer Flasche Sliwowitz auf dem Küchentisch neben ihm zeigt wie ein Barometer die sinkende Atmosphäre seiner Trauer an.
»Wir hätten da ein Rätsel, Onkel Hertz«, sagt Landsman. »Deshalb sind wir hier.«
»Und wegen der Mayonnaise«, sagt Berko.
»Ein Rätsel.« Der Alte wendet sich vom Fenster ab, sein Blick ist wieder hart und wachsam. »Ich hasse Rätsel.«
»Wir bitten dich ja nicht, es zu lösen«, sagt Berko.
»Sprich nicht in diesem Ton mit mir, John Bear!«, fährt der alte Mann ihn an. »Der gefällt mir nicht.«
»Ton?«, sagt Berko, und seine Stimme ist wie eine Notenlinie mit einem halben Dutzend Tönen befrachtet, ein Kammermusikensemble aus Frechheit, Groll, Sarkasmus, Provokation, Unschuld und Überraschung. »Ton?«
Landsman wirft Berko einen Blick zu, der ihn nicht an sein Alter und seine Stellung im Leben, sondern daran erinnern soll, dass es völlig uncool ist, mit den eigenen Verwandten zu zanken. Es ist ein alter, abgetragener Gesichtsausdruck, der auf die Zeit von Berkos ersten streiterfüllten Jahren bei den Landsmans zurückgeht. Wenn sie zusammen sind, dauert es immer nur wenige Minuten, bis jeder in seinen Urzustand zurückfällt, wie die Überlebenden eines Schiffswracks. Genau das ist eine Familie, denkt Landsman. Und eine Familie ist der Sturm auf See, das Schiff und das unbekannte Ufer. Und die Hütte und das Werkzeug, um aus Bambus und Kokosnüssen Whisky zu destillieren. Und das Feuer, das man entzündet, um wilde Tiere fernzuhalten.
»Wir würden da gerne etwas erklären«, beginnt Landsman von Neuem. »Eine Situation. Und diese Situation hat Aspekte, die uns an dich erinnert haben.«
Onkel Hertz schenkt sich noch einen Sliwowitz ein, trägt ihn zum Tisch und setzt sich.
»Fangt von vorne an«, sagt er.
»Es fängt mit einem toten Junkie in meinem Hotel an.«
»Aha.«
»Du weißt Bescheid.«
»Ich habe so was im Radio gehört«, sagt der alte Mann. »Vielleicht habe ich auch etwas in der Zeitung gelesen.« Er gibt immer den Zeitungen die Schuld an dem, was er weiß. »Er war der Sohn von Heskel Shpilman. Der, auf den sie so große Hoffnung setzten, als er noch klein war.«
»Er wurde umgebracht«, sagt Landsman. »Entgegen dem, was du gelesen haben magst. Als er starb, war er auf der Flucht. Er hat sich den größten Teil seines Lebens vor diesem und jenem versteckt, aber als er starb, hat er, glaube ich, versucht, einigen Männern zu entgehen, die er im Stich gelassen hatte. Ich konnte seine Bewegungen zurückverfolgen bis zum Flugplatz Yakovy im letzten April. Da tauchte er an dem Tag vor Naomis Tod auf.«
»Hat das hier was mit Naomi zu tun?«
»Diese Männer, die Shpilman suchten. Und die ihn auch umbrachten, wie wir annehmen. Letztes Jahr im April engagierten sie Naomi, um den Typ zu ihrer Farm rauszufliegen, das ist so eine Art Therapieeinrichtung für kaputte junge Leute. Draußen in Peril Strait. Aber als er da ankam, bekam er Schiss. Er wollte wieder weg. Er wandte sich an Naomi um Hilfe, und sie brachte ihn heraus, flog ihn in die Zivilisation zurück. Nach Yakovy. Am nächsten Tag starb sie.«
»Peril Strait?«, sagt der alte Mann. »Dann sind das also Indianer? Willst du damit sagen, die Indianer haben Mendel Shpilman umgebracht?«
»Nein«, sagt Berko. »Diese Männer vom Rehazentrum, die wohnen auf gut fünfhundert Hektar nördlich dieses Dorfes. Es sieht aus, als wäre das Zentrum von dem Geld amerikanischer Juden gebaut worden. Die Leute, die es leiten, sind Jids. Und soweit wir sagen können, ist das Ganze nur eine Fassade für eine andere Organisation.«
»Nämlich was? Marihuanaanbau? Das wäre geschickt. Eine als Besserungsanstalt getarnte Marihuanafarm.«
»Also, zum einen gibt es dort eine Herde Ayreshire-Rinder«, sagt Berko. »Vielleicht hundert Stück.«
»Zum einen.«
»Zum anderen scheint es so eine Art paramilitärische Ausbildungseinrichtung zu sein. Der Führer könnte ein alter Jude sein. Wilfred Dick hat ihn gesehen, er war da. Aber Dick kannte den Mann nicht. Wer auch immer es ist, er scheint Verbindungen zu den Verbovern zu haben, zumindest zu Aryeh Baronshteyn. Aber wir wissen nicht, warum und zu welchem Zweck.«
»Ein Amerikaner war auch da«, sagt Landsman. »Er wurde zu einem Treffen mit Baronshteyn und diesen anderen mysteriösen Juden eingeflogen. Sie machten sich alle ein bisschen Sorgen um den Ami. Sie glaubten wohl, er könnte unzufrieden mit ihnen und ihrem Führungsstil sein.«
Der Alte steht vom Tisch auf und geht zu einer Vitrine, die den Essbereich vom Schlafbereich trennt. Aus einem Humidor holt er eine Zigarre und rollt sie zwischen den Handflächen. Lange rollt er sie, vor und zurück, bis sie scheinbar in Vergessenheit geraten ist.
»Ich hasse Rätsel«, sagt er schließlich.
»Das wissen wir«, sagt Berko.
»Das wisst ihr.«
Onkel Hertz hält sich die Zigarre unter die Nase und bewegt sie hin und her, atmet tief ein, die Augen geschlossen, erfreut sich nicht nur des Geruchs, so scheint es Landsman, sondern auch der Kühle des glatten Blattes an der Haut seiner Nase.
»Das ist meine erste Frage«, sagt Onkel Hertz und öffnet die Augen. »Vielleicht auch meine einzige.«
Sie warten auf die Frage, während er die Zigarre abknipst und sie seinen schmalen Lippen anpasst, die sie prüfend umschließen. »Welche Farbe hatten die Kühe?«, sagt er.