9

Als Lucy mit dem linken Zeigefinger die Schaltwippe berührt, schaltet der Motor mit einem Dröhnen auf tausend Umdrehungen, und der Wagen wird langsamer. Ihr Sonarradar zirpt, und der Radarwarner blinkt rot, ein Hinweis darauf, dass irgendwo auf der Strecke Polizisten mit einem Radargerät lauern.

»Ich rase nicht«, sagt sie zu Rudy Musil, der auf dem Beifahrersitz neben dem Feuerlöscher sitzt und den Tacho beobachtet. »Nicht mal zehn Kilometer schneller als erlaubt.«

»Ich hab doch gar nichts gesagt«, erwidert er und wirft einen Blick in den Seitenspiegel.

»Lass mich sehen, ob ich Recht habe.« Sie bleibt im vierten Gang und fährt nur etwas über sechzig Kilometer pro Stunde. »An der nächsten Kreuzung lauert ein Streifenwagen auf uns Provinzler, die es nicht erwarten können, zum Strand zu kommen, um uns zu zeigen, was eine Harke ist.«

»Was ist mit Marino los? Lass mich raten«, spricht Rudy weiter. »Ich soll meinen Koffer packen.«

Beide beobachten weiter aufmerksam die Umgebung, schauen in sämtliche Spiegel, mustern andere Autos und nehmen jede Palme, jeden Fußgänger und jedes Gebäude in dieser brettebenen, von Ladenzeilen mit angrenzenden Parkplätzen geprägten Landschaft wahr. Auf dem Atlantic Boulevard in Pompano Beach, nördlich von Fort Lauderdale, ist der Verkehr im Moment spärlich und verhältnismäßig ruhig.

»Ja«, entgegnet Lucy. »Und auf geht’s.« Sie passieren einen blauen Ford LTD, der gerade von der Powerline Road rechts abgebogen ist; an der Kreuzung befinden sich ein Eckerd’s-Drogeriemarkt und eine Discount-Metzgerei. Der Ford, ein ziviles Polizeifahrzeug, fädelt sich hinter ihr in die linke Spur ein.

»Du hast ihn neugierig gemacht«, meint Rudy.

»Tja, für Neugier wird er aber nicht bezahlt«, entgegnet sie gereizt, als der Ford ihr folgt. Sie weiß genau, dass der Cop nur darauf wartet, einen Grund zu bekommen, das Blaulicht einzuschalten und den Wagen und das junge Paar darin zu kontrollieren. »Schau dir das an. Die Leute überholen mich schon rechts, und bei dem Auto da vorne ist die Inspektionsplakette abgelaufen.« Sie zeigt mit dem Finger darauf. »Aber der Cop interessiert sich mehr für mich.«

Sie hört auf, im Rückspiegel Ausschau nach ihm zu halten, und wünscht, Rudy wäre nicht so bedrückter Stimmung. Seit sie ein Büro in Los Angeles eröffnet hat, wirkt er niedergeschlagen. Sie weiß zwar nicht, warum, aber offenbar hat sie seinen Ehrgeiz und seine Bedürfnisse im Leben falsch eingeschätzt. Sie hat angenommen, dass Rudy ein Hochhaus am Wilshire Boulevard gefallen würde, wo die Aussicht so phantastisch ist, dass man an klaren Tagen Catalina Island erkennen kann. Aber sie hat sich in ihm geirrt, so sehr geirrt wie bis jetzt noch nie in ihrem Leben.

Von Süden zieht eine Gewitterfront heran. Der Himmel ist in Schichten aufgeteilt, die von dichtem Dunst zu sonnendurchflutetem Perlgrau changieren. Kühlere Luft schiebt den Regen fort, der heute hin und wieder vom Himmel geprasselt ist und Pfützen hinterlassen hat, die lautstark gegen den Unterboden von Lucys tief liegendem Wagen schwappen. Dicht vor ihnen schwirrt ein Schwarm umherziehender Möwen über die Straße. Die Vögel stieben wild durcheinander in alle Richtungen. Lucy fährt weiter, den zivilen Polizeiwagen beharrlich hinter sich.

»Marino hatte nicht viel zu sagen«, beantwortet sie Rudys Frage von vorhin. »Nur, dass in Richmond etwas im Busch ist. Wie immer ist meine Tante voll ins Fettnäpfchen getreten.«

»Ich habe mitgekriegt, wie du angeboten hast zu kommen. Ich dachte, sie sollte die Leute dort nur in einem Fall beraten. Was ist denn los?«

»Keine Ahnung, ob wir etwas unternehmen müssen. Das wird sich zeigen. Der dortige Chef, ich kann mir seinen Namen einfach nicht merken, hat sie gebeten, ihm bei einem Fall zu helfen. Ein Kind, ein Mädchen, ist plötzlich gestorben, und er hat keine Ahnung, warum. Seine Mitarbeiter kommen auch nicht weiter, keine große Überraschung also. Er ist noch nicht einmal vier Monate im Amt und versucht, das erste große Problem, mit dem er konfrontiert wird, abzuwälzen. Also ruft er meine Tante an. Hey, was halten Sie davon, herzukommen und sich mit diesem Mist rumzuschlagen, damit ich mir die Hände nicht schmutzig machen muss? Verstehst du? Ich habe ihr geraten, die Finger davon zu lassen, und jetzt scheint es tatsächlich Ärger zu geben. Große Überraschung. Ich weiß nicht. Ich habe ihr gesagt, sie soll einen Bogen um Richmond machen, aber sie hört einfach nicht auf mich.«

»Sie hört ungefähr genauso auf dich wie du auf sie«, merkt Rudy an.

»Weißt du was? Ich mag diesen Typen nicht.« Lucy betrachtet den zivilen Ford im Rückspiegel.

Er klebt ihr immer noch an der Stoßstange. Hinter dem Steuer sitzt eine dunkelhäutige Person, vermutlich ein Mann. Doch Lucy kann das nicht richtig sehen, und sie will nicht den Eindruck erwecken, dass sie sich für den Fahrer interessiert oder ihn überhaupt wahrnimmt. Dann fällt ihr etwas auf.

»Verdammt, bin ich blöd!«, ruft sie ungläubig. »Mein Radar gibt kein Signal. Wo habe ich nur meinen Kopf? Das Ding hat keinen Mucks gemacht, seit der Wagen hinter uns herfährt. Es ist kein Zivilauto mit Radar. Und es verfolgt uns trotzdem.«

»Immer mit der Ruhe«, erwidert Rudy. »Fahr einfach weiter, und achte nicht auf ihn. Wahrscheinlich nur irgendein Typ, der sich dein Auto anschauen will. Das hat man davon, wenn man in solchen Kisten rumkurvt. Das predige ich dir ja immer wieder. Mist.«

Früher hat Rudy ihr nie Vorträge gehalten. Vor vielen Jahren haben sie sich an der FBI-Akademie kennen gelernt und sind erst Kollegen, dann Partner und schließlich Freunde geworden. Damals hat er sie persönlich und beruflich so geschätzt, dass er kurz nach ihr den Feds den Rücken gekehrt und in ihrer Firma Das Letzte Revier angeheuert hat, die man als international operierende Privatdetektei bezeichnen könnte.

»Überprüf das Nummernschild«, sagt Lucy.

Rudy holt seinen Palmtop heraus und geht ins Netz. Doch er kann die Nummer nicht eingeben, weil er sie nicht sieht. Der Wagen hat nämlich, wie in Florida üblich, vorne kein Nummernschild. Lucy kommt sich reichlich dämlich vor, weil sie nicht daran gedacht hat.

»Lass dich überholen«, fordert Rudy sie auf.

Sie berührt die rechte Schaltwippe und schaltet in den zweiten Gang. Nun fährt sie deutlich langsamer, als erlaubt ist, doch der andere Wagen bleibt weiter hinter ihr. Der Fahrer scheint kein Interesse daran zu haben, sie zu überholen.

»Okay. Lass das Spiel beginnen«, sagt sie. »Da hast du dich mit der Falschen angelegt, Arschloch.« Ohne Vorwarnung biegt sie scharf in den Parkplatz eines Einkaufszentrums ein.

»Oh, Mist. Was zum Teufel …? Jetzt weiß er, dass du ihn ärgern willst«, schimpft Rudy.

»Schreib dir die Nummer auf. Jetzt müsstest du sie lesen können.«

Er dreht sich im Sitz um, kann aber das Nummernschild trotzdem nicht sehen, denn der Ford LTD ist mit ihnen abgebogen, klebt weiter an ihrer Stoßstange und folgt ihnen über den Parkplatz.

»Bleib stehen!«, befiehlt Rudy. Er hat eine Stinkwut auf sie. »Halt sofort das Auto an!«

Als sie vorsichtig auf die Bremse tritt und in den Leerlauf schaltet, stoppt der Ford direkt hinter ihr. Rudy steigt aus und geht auf den Wagen zu, während der Fahrer das Fenster hinunterlässt. Lucys Fenster ist ebenfalls offen. Die Pistole auf dem Schoß, beobachtet sie das Geschehen im Seitenspiegel und versucht, ihre Gefühle in den Griff zu bekommen. Sie kommt sich dumm vor, ist verlegen und wütend und hat ein wenig Angst.

»Haben Sie ein Problem?«, hört sie Rudy zu dem Fahrer, einem jungen Latino, sagen.

»Ob ich ein Problem habe? Ich hab doch nur geschaut.«

»Vielleicht wollen wir das aber nicht.«

»Es ist ein freies Land. Ich kann schauen, so viel ich will. Verdammt. Du bist derjenige, der ein Problem hat, du Scheißer.«

»Suchen Sie sich was anderes zum Anglotzen. Und jetzt hauen Sie endlich ab!«, meint Rudy, ohne die Stimme zu heben. »Wenn Sie uns weiter verfolgen, stecke ich Sie höchstpersönlich in den Knast.«

Albernerweise würde Lucy am liebsten laut loslachen, als Rudy seinen gefälschten Dienstausweis zückt. Sie schwitzt, das Herz klopft ihr bis zum Halse, und sie möchte lachen und aussteigen und den jungen Latino abknallen. Auf der anderen Seite würde sie am liebsten weinen, weil sie ihre Gefühle einfach nicht versteht. Sie sitzt hinter dem Steuer des Ferrari, ohne sich zu rühren. Der Latino erwidert etwas, das sie nicht hören kann, und fährt wütend und mit quietschenden Reifen davon. Rudy kehrt zum Ferrari zurück und steigt ein.

»Spitzenleistung«, sagt er, während sie sich wieder in den Verkehr auf dem Atlantic Boulevard einfädelt. »Nur ein Penner, der sich für dein Auto interessiert hat, und du machst eine Staatsaffäre daraus. Erst glaubst du, dass dich ein Cop verfolgt, weil der Wagen ein blauer LTD ist. Dann merkst du, dass dein Radar kein gottverdammtes Signal auffängt, und denkst sofort … was? Was hast du gedacht? Die Mafia? Ein bezahlter Killer, der dir mitten auf einem belebten Highway die Rübe wegpusten will?«

Sie macht es Rudy nicht zum Vorwurf, dass er die Geduld mit ihr verliert. Allerdings darf sie es nicht zulassen. »Schrei mich nicht an«, sagt sie.

»Weißt du was? Du hast dich nicht mehr im Griff. Du bist ein Sicherheitsrisiko.«

»Es geht um etwas anderes«, erwidert sie so selbstbewusst wie möglich.

»Da hast du verdammt Recht«, gibt er zurück. »Es geht um sie. Du lässt jemanden bei dir wohnen – und schau dir an, was passiert. Sie hätte tot sein können. Und du auch. Wenn du dich nicht zusammenreißt, wird noch etwas viel Schlimmeres passieren.«

»Sie wurde verfolgt, Rudy. Tu nicht so, als wäre das meine Schuld. Ich kann nichts dafür.«

»Verfolgt. Du hast verdammt Recht. Natürlich wurde sie verfolgt, verflucht, und das ist nur deine Schuld. Wenn du zum Beispiel einen Jeep aus der Firma fahren würdest … oder den Explorer. Warum nimmst du nicht hin und wieder den? Warum hast du ihr deinen verdammten Ferrari überlassen, damit Miss Hollywood den großen Star spielen kann? Mein Gott. Du mit deinen bescheuerten Ferrari.«

»Sei nicht eifersüchtig. Ich hasse …«

»Ich bin nicht eifersüchtig!«, brüllt er.

»Seit wir sie eingestellt haben, benimmst du dich aber so.«

»Es geht nicht darum, dass du sie eingestellt hast. Wozu eigentlich? Soll sie etwa unsere Klienten in Los Angeles schützen? Das ist doch wohl ein Scherz! Für welche Aufgaben hast du sie also angeheuert?«

»Ich erlaube dir nicht, so mit mir zu reden«, sagt Lucy ruhig. Sie ist erstaunlich gelassen, aber ihr bleibt auch gar nichts anderes übrig. Wenn sie zurückschreit, werden sie wirklich in Streit geraten, und dann könnte Rudy etwas Schreckliches tun. Kündigen zum Beispiel.

»Ich lasse mir nicht in mein Leben hineinpfuschen. Ich fahre, welches Auto ich will, und wohne, wo es mir gefällt.« Sie starrt zornig geradeaus auf den Atlantic Boulevard und auf die Autos, die in Seitenstraßen und Parkplätze einbiegen. »Ich kann großzügig sein, zu wem es mir passt. Den schwarzen Ferrari durfte sie nicht fahren, das weißt du genau. Aber sie hat ihn trotzdem genommen, und damit hat es angefangen. Er hat sie gesehen und sie verfolgt, und dann ist es passiert. Aber sie ist nicht schuld daran. Schließlich hat sie ihn nicht dazu aufgefordert, mein Auto zu beschädigen, ihr nachzufahren und zu versuchen, sie umzubringen.«

»Sehr gut. Du lebst, wie du willst«, erwidert Rudy. »Und so werden sich Situationen wie vorhin auf dem Parkplatz weiter wiederholen. Nur dass ich beim nächsten Mal möglicherweise irgendeinen unschuldigen Fremden zusammenschlage, der einfach nur deinen blöden Ferrari angaffen wollte. Verdammt, vielleicht kriege ich sogar die Chance, jemanden zu erschießen. Oder ich werde selbst erschossen. Das wäre doch noch besser. Dass ich wegen einem bescheuerten Auto abgeknallt werde.«

»Beruhig dich«, entgegnet Lucy und stoppt an einer roten Ampel. »Bitte beruhig dich. Ich hätte das besser regeln sollen, einverstanden.«

»Regeln? Ich habe nicht bemerkt, dass du überhaupt was geregelt hättest. Du hast einfach nur idiotisch reagiert.«

»Rudy, hör auf. Bitte.« Sie will nicht so wütend auf ihn werden, dass sie einen Fehler macht. »Zwing mich nicht, auf meine Stellung zu pochen.«

Sie biegt am Highway A1A links ab und fährt langsam den Strand entlang. Einige Jugendliche fallen fast von ihren Rädern, als sie sich umdrehen, um ihr Auto anzustarren. Rudy schüttelt den Kopf und zuckt die Achseln, als wolle er »Ich geb’s auf« sagen. Allerdings geht es bei dem Gespräch längst nicht mehr um den Ferrari. Wenn Lucy ihre Lebensweise änderte, würde sie ihn gewinnen lassen. Sie glaubt, dass die Bestie ein Mann ist. Henri ist zumindest überzeugt davon, und Lucy teilt ihre Ansicht. Zum Teufel mit der Wissenschaft, zum Teufel mit Beweisen, zum Teufel mit dem ganzen Rest. Sie weiß genau, dass die Bestie ein Mann ist.

Entweder ist er eine übertrieben selbstbewusste oder eine dumme Bestie, weil er zwei bruchstückhafte Fingerabdrücke auf der Glasplatte des Nachttischs hinterlassen hat. Das war leichtsinnig von ihm. Bis jetzt gab es aber keine Übereinstimmung zwischen diesen Fingerspuren und den Abdrücken im Integrierten Automatisierten Fingerabdruck-Identifikations-System IA-FIS. Das kann heißen, dass seine Abdrücke nicht in einer Datenbank registriert wurden, weil er möglicherweise nie verhaftet wurde. Vielleicht war es ihm auch gleichgültig, dass er drei Haare, drei schwarze Kopfhaare, auf dem Bett zurückgelassen hat. Warum sollte ihn das auch interessieren? Selbst bei einem wichtigen Fall wie diesem dauert die Analyse der Mitochondrien-DNS dreißig bis neunzig Tage. Dabei gibt es keine Garantie für verwertbare Ergebnisse, denn eine zentralisierte Datenbank für Mitochondrien-DNS, die einen weiterbringen würde, existiert nicht, und anders als bei der Nukleus-DNS, die man aus Blut und Gewebe gewinnt, gibt die Mitochondrien-DNS aus Haaren und Knochen keinen Aufschluss über das Geschlecht des Täters. Also spielen die von der Bestie hinterlassenen Spuren keine Rolle. Möglicherweise kommen sie ja nie zum Tragen, außer man findet einen Verdächtigen und kann direkte Vergleiche anstellen.

»Zugegeben, ich bin durcheinander und nicht ich selbst. Es hat mich ein bisschen aus der Bahn geworfen«, sagt Lucy und konzentriert sich voll aufs Fahren. Sie macht sich Sorgen, dass sie sich wirklich nicht mehr im Griff und dass Rudy Recht haben könnte. »So wie gerade eben hätte ich mich nie verhalten dürfen. Niemals. Für so einen Mist bin ich eigentlich viel zu professionell.«

»Du schon. Sie nicht.« Rudy hat den Kiefer störrisch vorgeschoben. Seine Augen sind hinter der verspiegelten Sonnenbrille verschwunden. Er will nicht, dass Lucy ihm in die Augen schauen kann, und das gefällt ihr gar nicht.

»Ich dachte, wir reden über den Latino von eben«, erwidert sie.

»Du weißt, was ich dir von Anfang an gepredigt habe«, fährt Rudy fort. »Über die Gefahr, die es bedeutet, jemanden bei dir wohnen zu lassen. Jemanden, der dein Auto und deine Sachen benutzt. Jemanden, der solo in deinem Luftraum fliegt. Jemanden, der deine und meine Regeln nicht kennt und, zum Teufel nochmal, nicht unsere Ausbildung hat. Und der auch nicht an denselben Dingen hängt wie wir. An unserem Leben zum Beispiel.«

»Es darf doch nicht immer alles von der Ausbildung abhängen«, entgegnet Lucy. Es ist einfacher, über das Thema Ausbildung zu sprechen, als darüber, ob man dem Menschen, den man liebt, wirklich etwas bedeutet. Ein Gespräch über den Latino ist unkomplizierter als eines über Henri. »Ich hätte mich vorhin niemals so verhalten dürfen, und ich entschuldige mich dafür.«

»Vielleicht hast du vergessen, wie es im Leben wirklich zugeht«, gibt Rudy zurück.

»Bitte, nein, verschon mich mit deinen Weisheiten«, zischt sie, tritt aufs Gas und fährt nach Norden in Richtung Hillsboro, wo ihre lachsfarben verputzte Villa im mediterranen Stil steht. »Ich glaube nicht, dass du die Situation objektiv beurteilen kannst. Du schaffst es ja nicht mal, ihren Namen auszusprechen, und redest immer nur von ›jemand‹.«

»Objektiv! Dass ich nicht lache! Das sagst ausgerechnet du.« Sein Tonfall klingt fast schon böse und schneidend. »Die blöde Kuh hat alles kaputtgemacht. Und dazu hattest du nicht das Recht. Du hattest nicht das Recht, mich zum Mitspielen zu zwingen.«

»Rudy, wir müssen aufhören, uns zu streiten«, versucht Lucy ihn zu beruhigen. »Warum gehen wir so miteinander um?« Sie blickt ihn an. »Es ist nicht alles kaputt.«

Er antwortet nicht.

»Warum brüllen wir uns an? Ich finde es zum Kotzen«, versucht sie es weiter.

Früher haben sie sich nie gestritten. Er hat zwar ab und zu geschmollt, sie aber nie offen kritisiert, bis sie das Büro in Los Angeles eröffnet und Henri vom LAPD abgeworben hat. Ein dumpfer Sirenenton kündigt an, dass die Zugbrücke gleich geöffnet wird. Lucy schaltet herunter und stoppt. Diesmal reckt ein Mann in einer Corvette den Daumen beifällig in die Höhe.

Mit einem traurigen Lächeln schüttelt sie den Kopf. »Ja, ich kann ganz schön dämlich sein«, meint sie. »Liegt wohl in den Genen. Von dem durchgeknallten Latino, meinem leiblichen Vater. Hoffentlich habe ich nicht auch was von meiner Mutter mitgekriegt, das wäre nämlich noch schlimmer. Und zwar um einiges.«

Rudy schweigt und starrt auf die Brücke, die hochklappt, um eine Jacht durchzulassen.

»Lass uns nicht streiten«, fährt sie fort. »Es ist nicht alles kaputt. Komm schon.« Sie greift nach seiner Hand und drückt sie. »Waffenstillstand? Neuanfang? Müssen wir Benton anrufen, damit er die Geiselverhandlungen moderiert? Denn inzwischen bist du nicht nur mein Freund und Partner, sondern auch meine Geisel. Und ich bin wahrscheinlich auch deine, richtig? Du, weil du den Job brauchst oder ihn zumindest behalten willst, und ich, weil ich ohne dich aufgeschmissen wäre. So ist es nun mal.«

»Ich brauche überhaupt nichts«, entgegnet er, und seine Hand rührt sich nicht. Sie fühlt sich an wie tot, sodass Lucy loslässt und ihre Hand wegnimmt.

»Das weiß ich sehr wohl«, erwidert sie, gekränkt, dass er ihre Berührung nicht erwidert. Sie legt die zurückgewiesene Hand wieder aufs Lenkrad. »Mit dieser Angst lebe ich inzwischen ständig. Damit, dass du sagen könntest, ich verschwinde, goodbye und viel Spaß noch.«

Er starrt auf die Jacht, die durch die offene Brücke hinaus aufs Meer segelt. Die Menschen an Deck tragen Bermudas und bewegen sich mit dem Selbstbewusstsein der wenigen wirklich Reichen. Lucy ist sehr reich. Sie glaubt es nur nicht. Beim Anblick dieser Jacht fühlt sie sich weiterhin arm. Und als sie Rudy ansieht, kommt sie sich sogar noch ärmer vor.

»Kaffee?«, fragt sie. »Trinkst du einen Kaffee mit mir? Wir können uns an den Pool setzen, den ich nie benutze, und aufs Wasser hinausschauen, das ich nie wahrnehme, in diesem Haus, von dem ich wünschte, ich hätte es nie besessen. Ich kann sehr dumm sein«, meint sie. »Trink einen Kaffee mit mir.«

»Ja, okay.« Er schaut aus dem Fenster wie ein schmollender kleiner Junge, als Lucys Briefkasten in Sicht kommt. »Ich dachte, den wollten wir abnehmen«, sagt er und deutet darauf. »Du kriegst doch zu Hause keine Post. In diesem Ding findest du höchstens etwas Unerwünschtes. Vor allem jetzt.«

»Ich werde den Gärtner bitten, ihn abzumontieren, wenn er das nächste Mal kommt«, antwortet sie. »Ich war in letzter Zeit kaum hier. Die Eröffnung des Büros und so weiter. Ich fühle mich wie die Lucy aus Hoppla Lucy. Erinnerst du dich an die Folge, in der sie in einer Bonbonfabrik arbeitet und völlig überfordert ist, weil die Bonbons so schnell vom Fließband purzeln?«

»Nein.«

»Wahrscheinlich hast du dir in deinem ganzen Leben nie Hoppla Lucy angeschaut«, meint sie. »Meine Tante und ich haben immer zusammengesessen und uns Jackie Gleason, Bonanza und Hoppla Lucy angesehen, die Sendungen, die sie schon aus ihrer Kindheit in Miami kannte.« Sie rollt im Schritttempo an dem Anstoß erregenden Briefkasten am Ende der Auffahrt vorbei. Verglichen mit Lucy wohnt Scarpetta sehr bescheiden, und sie hat ihre Nichte davor gewarnt, in dieses Haus zu ziehen.

Es ist eindeutig zu protzig für dieses Viertel, hat Scarpetta zu ihr gesagt. Es war eine falsche Entscheidung, es zu kaufen, und Lucy bereut es inzwischen. Sie nennt das zweistöckige Haus mit den vierhundert Quadratmetern Wohnfläche ihr Neun-Millionen-Dollar-Stadthäuschen, weil es auf zwölfhundert Quadratmetern Grund steht. Die Rasenfläche ist so klein, dass sie nicht einmal ein Kaninchen ernähren würde. Der restliche Garten besteht aus Plattenwegen, einem kleinen eingelassenen Pool, einem Brunnen und ein paar Palmen und anderen Pflanzen. Hat ihre Tante Kay ihr nicht genügend Vorhaltungen gemacht, weil sie dort eingezogen ist? Weder Privatsphäre noch Sicherheitsvorkehrungen, dafür aber frei zugänglich für jedermann, der ein Boot besitzt, hat Scarpetta gemeint. Aber Lucy war zu beschäftigt und geistesabwesend, um ihrem Zweitwohnsitz die gebührende Aufmerksamkeit zu widmen, da sie nichts anderes im Kopf hatte, als Henri glücklich zu machen. Du wirst es noch bedauern, hat Scarpetta gewarnt. Lucy ist vor knapp drei Monaten hier eingezogen, und sie bedauert es wie noch nie etwas in ihrem Leben.

Sie betätigt die Fernbedienung, um das Tor zu öffnen, und dann eine zweite, die ihr die Zufahrt zur Garage ermöglicht.

»Warum die Mühe?« Rudy deutet auf das sich öffnende Tor. »Die verdammte Auffahrt ist ja nur drei Meter lang.«

»Das brauchst du mir nicht auch noch unter die Nase zu reiben«, erwidert Lucy gereizt. »Ich hasse diese Scheißbude.«

»Jemand könnte sich von hinten heranschleichen und wäre in deiner Garage, bevor du nur einen Mucks machst.«

»Dann muss ich denjenigen eben umlegen.«

»Das ist kein Scherz.«

»Ich scherze nicht«, entgegnet Lucy, während sich das Garagentor langsam hinter ihnen schließt.

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