96. KAPITEL

Silas fuhr aus dem Schlaf hoch.

Er wusste nicht, wovon er wach geworden war, noch, wie lange er geschlafen hatte. Hast du geträumt? Er setzte sich auf seiner Schlafmatte auf und lauschte dem ruhigen Atem des Ordenshauses, dessen Stille durch das leise heraufklingende Beten aus dem Zimmer unter ihm noch unterstrichen wurde. Die leisen, vertrauten Klänge hatten Silas eigentlich beruhigen müssen.

Doch er spürte eine jähe Anspannung.

Er stand auf und ging zum Fenster, nur mit der Unterhose bekleidet. Ist jemand dir gefolgt? Der Hof unten war verlassen, so, wie er ihn vorgefunden hatte, als er gekommen war. Er lauschte. Stille. Was macht dich so unruhig? Silas hatte vor langer Zeit gelernt, auf seine innere Stimme zu achten. Ohne sie hätte er in den Straßen von Marseille als Halbwüchsiger nicht überlebt. Das war lange, bevor man ihn ins Gefängnis gesteckt hatte … lange, bevor er von Bischof Aringarosa wieder geboren worden war. Erneut spähte er zum Fenster hinaus. Er sah einen Wagen, der vor dem Gebäude stand, von einer Hecke fast völlig verdeckt. Auf dem Dach des Wagens war ein Blaulicht montiert. Draußen auf dem Flur knarrte eine Diele. Ein Riegel wurde zurückgeschoben.

Silas reagierte instinktiv. Er huschte durchs Zimmer in den toten Winkel hinter der Tür, die im selben Moment auch schon aufgestoßen wurde. Die Pistole im Anschlag, stürmte ein Polizist herein und zielte mit der Waffe nach rechts und links in das scheinbar leere Zimmer. Ein zweiter Polizist folgte. Bevor einer der beiden begriffen hatte, wo Silas steckte, warf der riesige Mönch sich von hinten mit der Schulter gegen die Tür und schmetterte sie dem zweiten Polizisten ins Gesicht. Während der erste herumfuhr, die Waffe im Anschlag, hechtete Silas schon nach seinen Knien. Als der Schuss krachte und die Kugel über Silas hinwegpfiff, riss er den Polizisten von den Beinen. Der Mann schlug mit dem Kopf auf den Boden. Beim Hinausrennen rammte Silas dem zweiten Beamten, der sich im Türrahmen aufzurappeln versuchte, das Knie zwischen die Beine und sprang über den sich in Schmerzen windenden Mann in den Flur.

Silas rannte die Treppe hinunter. Jemand musste ihn verraten haben, aber wer? Als er das Erdgeschoss erreichte, stürmten weitere Polizisten durch die Haustür in den Eingangsflur. Silas machte kehrt und rannte halb nackt tiefer ins Gebäude hinein. Der Fraueneingang! Jedes Gebäude des Opus Dei hat einen separaten Fraueneingang! Nachdem er mehrere verwinkelte Gänge passiert hatte, stürmte Silas durch eine Küche, an entsetzt kreischendem Küchenpersonal vorbei, das erschrocken vor dem nackten, riesigen Albino zurückprallte, während Töpfe, Schüsseln und Besteck auf den Boden schepperten. Silas rannte am Heizungsraum vorbei durch einen dunklen Gang. Ganz hinten sah er die gesuchte Tür. Ein Fluchtweglämpchen wies ihm den Weg.

Silas sprang durch die Tür hinaus in den Regen – und prallte mit einem Polizisten zusammen, der herangestürmt kam. Silas' nackte Schulter rammte mit voller Wucht die Brust des Beamten. Der Polizist schlug rückwärts aufs Pflaster. Seine Dienstpistole schlitterte klappernd davon. Silas, der auf den Polizisten gestürzt war, hörte Geschrei im Haus; dann kamen Männer herbeigerannt. Silas rollte sich zur Seite und griff nach der herrenlosen Waffe, als vom Türabsatz auch schon ein Schuss knallte. Silas spürte einen stechenden Schmerz unterhalb der Rippen. Brüllend vor Zorn und Schmerz feuerte er zurück. Drei Beamte gingen blutend zu Boden.

Plötzlich ragte ein dunkler Schatten wie aus dem Nichts drohend hinter ihm auf. Die Hände, die Silas' nackte Schultern packten und wütend, schüttelten, fühlten sich wie die Klauen des Teufels an. Der finstere Schatten schrie Silas ins Ohr. NEIN! SILAS, NICHT!

Silas fuhr herum und feuerte. Sein Blick traf sich mit dem des Mannes hinter ihm. Kreischend vor Entsetzen sah Silas, wie Bischof Aringarosa zusammenbrach.

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