Die X-33 raste in den Himmel und schwenkte auf Südkurs in Richtung Rom. Langdon saß schweigend auf seinem Sitz. Die letzten fünfzehn Minuten waren verschwommen. Nachdem er Vittoria über die Illuminati und ihre Verschwörung gegen den Vatikan unterrichtet und ein wenig Zeit zum Verschnaufen gehabt hatte, begriff er allmählich die ganze Tragweite der Situation.
Was, zur Hölle, mache ich hier?, fragte er sich. Ich hätte nach Hause fliegen sollen, solange ich eine Gelegenheit dazu hatte! Doch tief im Innern wusste er, dass sich diese Gelegenheit zu keiner Zeit geboten hatte.
Langdons gesunder Menschenverstand schrie förmlich danach, auf der Stelle nach Boston zurückzukehren. Nichtsdestotrotz hatte akademische Neugier irgendwie vernünftige Besonnenheit verdrängt. Alles, was er bisher über den Untergang der Illuminati zu wissen geglaubt hatte, entpuppte sich mit einem Mal als brillanter Schwindel. Ein Teil von ihm verlangte Beweise. Bestätigung. Außerdem war es eine Frage des Gewissens. Kohler war krank und Vittoria auf sich allein gestellt, und Langdon wusste, dass er eine moralische Verpflichtung hatte zu bleiben, wenn sein Wissen über die Illuminati in irgendeiner Weise weiterhelfen konnte.
Doch es steckte noch mehr dahinter. Auch wenn Langdon sich schämte, es sich einzugestehen - sein anfängliches Entsetzen, als er erfahren hatte, dass die Antimaterie im Vatikan gelandet war, hatte nicht allein den gefährdeten Menschenleben gegolten, sondern auch noch etwas anderem.
Kunst.
Die größte Kunstsammlung der Welt saß auf einer Zeitbombe.
Die Vatikanischen Museen beherbergte mehr als sechzigtausend zeitlose Werke in über tausend Räumen - Michelangelo, da Vinci, Bernini, Botticelli. Langdon fragte sich, ob die Kunstwerke überhaupt in Sicherheit gebracht werden konnten, falls nötig. Es war unmöglich. Viele der Stücke waren Skulpturen und wogen Tonnen. Ganz zu schweigen davon, dass die größten Schätze architektonischer Natur waren - die Sixtinische Kapelle, der Petersdom, Michelangelos berühmte Treppe, die in das Museo Vaticano führt - unschätzbare Zeugnisse menschlicher Schöpferkraft. Langdon fragte sich, wie lange es noch dauerte, bis die Batterie des Behälters leer war.
»Danke, dass Sie mitgekommen sind«, sagte Vittoria leise.
Langdon kehrte aus seinen Tagträumen zurück und blickte auf. Vittoria saß auf der anderen Seite des Mittelgangs. Selbst im bleichen, fluoreszierenden Licht der Kabine besaß sie immer noch diese Aura von Gelassenheit - die fast magnetische Ausstrahlung eines Menschen, der in sich selbst ruht. Ihr Atem ging nun gleichmäßiger, als hätte ihr Selbsterhaltungstrieb die Oberhand gewonnen. als sehne sie sich nach Vergeltung und Gerechtigkeit, angetrieben von der Liebe zu ihrem Vater.
Vittoria hatte keine Zeit zum Umziehen gefunden. Sie trug immer noch ihre Shorts und das ärmellose weiße Top, und auf ihren gebräunten Beinen zeigte sich nun wegen der Kälte an Bord unübersehbar eine Gänsehaut. Instinktiv zog Langdon sein Jackett aus und bot es ihr an.
»Amerikanische Ritterlichkeit?« Sie nahm die Jacke entgegen und dankte ihm mit einem stillen Blick.
Das Flugzeug holperte durch ein paar Turbulenzen, und Langdon spürte, wie sein Puls in die Höhe schnellte. Die fensterlose Kabine wirkte mit einem Mal wieder eng, und er versuchte sich ein freies, offenes Feld vorzustellen. Doch dann fiel ihm die Ironie dieser Vorstellung ein. Er war auf freiem Feld gewesen, als es geschehen war. Drückende Dunkelheit. Er
verdrängte den Gedanken aus seinem Kopf. Schnee von gestern.
Vittoria beobachtete ihn. »Glauben Sie an Gott, Mr. Langdon?«
Die Frage verblüffte ihn. Die Ernsthaftigkeit ihrer Frage war noch entwaffnender als ihr Inhalt. Glaube ich an Gott? Er hatte auf ein leichteres Thema gehofft, um die Zeit bis zur Landung totzuschlagen.
Ein spirituelles Rätsel, dachte Langdon. So nennen mich meine Freunde. Er hatte jahrelang Religion studiert, doch er war deswegen kein religiöser Mensch geworden. Er respektierte die Macht des Glaubens, die Wohltätigkeit der Kirchen und die Kraft, die der Glaube so vielen Menschen zu geben schien. und doch, für ihn war die intellektuelle Sperre stets ein zu großes Hindernis gewesen, als dass sein akademischer Verstand den Weg zum Glauben hätte finden können. »Ich würde gerne glauben«, hörte er sich selbst sagen.
In Vittorias Antwort lagen weder Urteil noch Herausforderung. »Und warum glauben Sie nicht?«
Er kicherte. »Nun, es ist nicht ganz einfach. Zu glauben bedeutet, Wunder intellektuell zu akzeptieren, unbefleckte Empfängnis und göttliche Intervention. Und dann sind da auch noch die vielen Verhaltenskodizes. Die Bibel, der Koran, die Schriften der Buddhisten. alle enthalten ähnliche Vorschriften und ähnliche Strafen für diejenigen, die dagegen verstoßen. Denen zufolge werde ich in der Hölle schmoren, weil ich mich nicht an ihre Vorschriften halte. Ich kann mir keinen Gott vorstellen, der auf diese Weise über die Menschen herrscht.«
»Ich hoffe, Sie gestatten Ihren Studenten nicht, derart schamlos Fragen auszuweichen.«
Die Bemerkung traf ihn unvorbereitet. »Was?«
»Mr. Langdon, ich habe nicht gefragt, ob Sie an das glauben, was Menschen über Gott sagen Ich habe gefragt, ob Sie an Gott glauben. Das ist ein Unterschied. Die heiligen Schriften
bestehen aus Geschichten. Legenden und Erzählungen von der Suche des Menschen nach einem Sinn. Ich habe Sie nicht nach Ihrem Urteil über die Schriften gefragt. Ich habe gefragt, ob Sie an Gott glauben. Wenn Sie im Freien unter den Sternen liegen -spüren Sie da das Göttliche? Spüren Sie, dass Sie hinaufsehen auf das Werk Gottes?«
Langdon überlegte eine ganze Weile schweigend.
»Ich bin neugierig. Bitte verzeihen Sie«, entschuldigte sich Vittoria.
»Nein, nein, ich habe nur.«
»Sicher führen Sie mit Ihren Studenten endlose Debatten über den Glauben?«
»Endlose.«
»Und Sie spielen den Advocatus Diaboli, könnte ich mir denken. Sie heizen die Debatte an.«
Langdon lächelte. »Sie sind ebenfalls Lehrer?«
»Nein, aber ich habe von einem Meister gelernt. Mein Väter konnte für die beiden Seiten eines Möbiusbands argumentieren.«
Langdon lachte, als er sich das kunstvolle Gebilde eines Möbiusbands vorstellte - ein ineinander verdrehtes Band, das zu einem Kreis zusammengefügt war und rein technisch betrachtet nur eine Seite besaß. Langdon hatte es zum ersten Mal in einem Bild von M. C. Escher gesehen. »Darf ich Ihnen eine Frage stellen, Miss Vetra?«
»Nennen Sie mich Vittoria. Miss Vetra klingt, als wäre ich alt.«
Er lächelte innerlich, als ihm sein eigenes Alter bewusst wurde. »Nur, wenn Sie mich Robert nennen.«
»Sie hatten eine Frage.«
»Ja. Als Wissenschaftlerin und Tochter eines katholischen Priesters - wie denken Sie über Religion?«
Vittoria zögerte und schob eine Haarsträhne aus den Augen.
»Religion ist wie Sprache oder Kleidung. Wir tendieren zu den Praktiken, mit denen wir aufgewachsen sind. Am Ende jedoch kommt immer das Gleiche heraus. Dass Leben einen Sinn hat. Und dass wir der Macht dankbar sind, die uns erschaffen hat.«
Langdon war fasziniert. »Sie sagen also, dass die Frage, ob man Christ oder Muslim oder was auch immer wird, einfach davon abhängt, wo man aufwächst?«
»Ist das nicht offensichtlich? Sehen Sie sich die Verbreitung der Religionen überall in der Welt an.«
»Also ist Glaube zufällig?«
»Kaum. Glaube ist universell. Unsere spezifischen Methoden zum Verständnis sind zufällig. Einige von uns beten zu Jesus, andere pilgern nach Mekka, dritte studieren subatomare Partikel. Am Ende suchen wir alle einfach nur nach der Wahrheit hinter den Dingen. Nach etwas, das größer ist als wir selbst.«
Langdon wünschte, seine Studenten könnten sich so klar und deutlich ausdrücken. Verdammt, ich wünschte, ich könnte mich selbst so klar ausdrücken! »Und Gott?«, fragte er. »Glauben Sie an Gott?«
Vittoria schwieg eine ganze Weile, bevor sie antwortete. »Die Wissenschaft verrät mir, dass es einen Gott geben muss. Mein Verstand sagt mir, dass ich diesen Gott niemals begreifen werde. Und mein Herz sagt, dass ich ihn niemals begreifen soll.«
So viel zur prägnanten Ausdrucksweise, dachte Langdon. »Also glauben Sie, dass Gott eine Tatsache ist, obwohl Sie wissen, dass Sie Ihn nie verstehen werden?«
»Sie«, entgegnete Vittoria mit einem Lächeln. »Ihre amerikanischen Ureinwohner hatten schon Recht.«
Langdon kicherte. »Mutter Erde.«
»Gaia. Der gesamte Planet ist ein Organismus. Wir alle sind
Zellen mit unterschiedlichen Aufgaben. Und doch sind wir miteinander verflochten. Dienen einander. Dienen dem Ganzen.«
Langdon schaute sie an und merkte, wie sich in ihm etwas regte, das er seit langer Zeit nicht mehr gespürt hatte. In ihren Augen lag eine bezaubernde Klarheit, und ihre Stimme klang so rein. er fühlte sich zu ihr hingezogen.
»Mr. Langdon, lassen Sie mich Ihnen eine andere Frage stellen.«
»Robert«, sagte er. Wenn ich Mr. Langdon höre, fühle ich mich alt. Ich bin alt!
»Wenn mir die Frage erlaubt ist, Robert - wie kamen Sie auf den Illuminati?«
Langdon überlegte. »Offen gestanden - es war Geld.«
Vittoria wirkte enttäuscht. »Geld? Sie meinen, Sie haben für sie gearbeitet?«
Langdon erkannte, wie seine Antwort in ihren Ohren geklungen haben musste, und lachte auf. »Nein, Geld als Währung.« Er griff in seine Jackentasche und zog ein paar Scheine hervor. Er fand eine Ein-Dollar-Note. »Die Bruderschaft erweckte meine Neugier, als ich herausfand, dass die gesamte amerikanische Währung mit Symbolen der Illuminati übersät ist.«
Vittoria kniff die Augen zusammen. Sie war unsicher, ob sie ihn ernst nehmen sollte oder nicht.
Langdon reichte ihr die Note. »Betrachten Sie die Rückseite. Sehen Sie das Großsiegel auf der linken Seite?«
Vittoria drehte die Banknote herum. »Sie meinen die Pyramide?«
»Genau die. Wissen Sie, was Pyramiden mit der Geschichte der USA zu tun haben?«
Vittoria zuckte die Schultern.
»Exakt. Absolut nichts«, sagte Langdon.
Sie runzelte die Stirn. »Und warum ist die Pyramide das zentrale Symbol des Großsiegels?«
»Ein schauriges Stück Geschichte«, erklärte Langdon. »Die Pyramide ist ein okkultes Symbol. Sie repräsentiert eine nach oben gerichtete Konvergenz, in Richtung der ultimativen Quelle der Erleuchtung. Sehen Sie, was über der Pyramide schwebt?«
Vittoria studierte das Siegel. »Ein Auge in einem Dreieck.«
»Man nennt es trinacria. Haben Sie dieses Auge in einem Dreieck vielleicht schon einmal irgendwo gesehen?«
Vittoria überlegte einen Augenblick. »Offen gestanden, ja, aber ich bin nicht sicher.«
»Es ziert die Freimaurerlogen überall auf der Welt.«
»Das Auge ist ein Freimaurersymbol?«
»Eigentlich nicht. Es ist ein Symbol der Illuminati. Sie nannten es ihr feuchtendes Delta<. Ein Ruf nach erleuchteter Veränderung. Das Auge versinnbildlicht die Fähigkeit der Illuminati, zu infiltrieren und alles zu beobachten. Das leuchtende Dreieck repräsentiert die Erleuchtung. Es ist zugleich ein griechischer Buchstabe, das Delta, welches wiederum ein mathematisches Symbol ist für.«
»Veränderung. Übergang.«
Langdon lächelte. »Ich vergaß, dass ich zu einer Wissenschaftlerin spreche.«
»Sie sagen also, dass das Großsiegel der Vereinigten Staaten für einen erleuchteten, alles sehenden Wechsel steht?«
»Manche würden es>Neue Weltordnung Vittoria war verblüfft. Sie betrachtete den Geldschein erneut. »Die Schrift unter der Pyramide sagt Novus... Ordo...« »Novus Ordo Saeculorum«, erläuterte Langdon. »Es bedeutet>Neue säkulare Ordnung<.« »Säkular wie>nichtreligiös« »Ganz genau. Dieser Sinnspruch verdeutlicht nicht nur das Ziel der Illuminati, sondern er steht auch in krassem Widerspruch zu der Phrase daneben, >In God We Trust<.« Vittoria schien verwirrt. »Aber wie kommt es, dass all diese Symbole auf der stärksten Währung der Welt erscheinen?« »Die meisten Wissenschaftler glauben, dass Vizepräsident Henry Wallace dahinter gesteckt hat. Er gehörte einem der oberen Ränge der Freimaurer an und hatte nachgewiesenermaßen Verbindungen zu den Illuminati. Ob er Mitglied war oder uischuldig unter ihrem Einfluss stand, lässt sich aus heutiger Sicht nicht mehr klären. Doch es war Wallace, der dem Präsidenten den Entwurf des Großsiegels vorgestellt hat.« »Aber. warum sollte der Präsident diesem Entwurf zugestimmt haben.?« »Der Präsident war Franklin D. Roosevelt. Wallace musste ihm nur sagen, dass Novus Ordo Saeculorum das Gleiche bedeutet wie New Deal.« Vittoria blieb skeptisch. »Und Roosevelt hat niemandem sonst das Symbol gezeigt, bevor er das Finanzministerium anwies, die neuen Banknoten zu drucken?« »Nicht nötig. Er und Wallace waren sozusagen Brüder.« »Brüder?« »Sehen Sie in Ihren Geschichtsbüchern nach«, entgegnete Langdon lächelnd. »Franklin D. Roosevelt war ein bekannter Freimaurer.«