Kapitel 82.

Sylvie Baudeloque war hungrig und wollte nach Hause. Zu ihrer Bestürzung hatte Maximilian Kohler seinen Abstecher in die Krankenstation von CERN wieder einmal überlebt; er hatte bereits angerufen und verlangt - nicht gebeten, sondern verlangt! -, dass Sylvie am Abend länger bliebe. Ohne jede Erklärung.

Im Lauf der Jahre hatte Sylvie sich an die bizarren Stimmungsumschwünge und das exzentrische Verhalten ihres Chefs gewöhnt. Sie achtete gar nicht mehr darauf. Weder auf seine versteckten Anspielungen noch auf seine entnervende Angewohnheit, sämtliche Treffen mit der in seinen Rollstuhl eingebauten Videokamera zu filmen. Sie hoffte im Stillen, dass er sich eines Tages während eines seiner wöchentlichen Besuche auf dem Pistolenschießstand CERNs umbringen würde, doch offensichtlich war er ein guter Schütze.

Sie saß allein in ihrem Büro am Schreibtisch, und ihr Magen knurrte. Kohler war weder aufgetaucht, noch hatte er ihr weitere Arbeiten für den Abend aufgetragen. Zur Hölle mit dir, wenn du glaubst, ich bleibe hier sitzen und langweile mich zu Tode... das heißt, wenn ich nicht vorher verhungere. Sie schrieb Kohler eine Notiz und machte sich auf den Weg zur Mitarbeiterkantine, um einen Imbiss einzunehmen.

Sie kam nicht so weit.

Als sie an den »Suites de Poisir« vorbeikam, einem langen Gang voller Freizeiträume, bemerkte sie, dass die Fernsehzimmer gedrängt voll waren mit Mitarbeitern, die offensichtlich sogar ihr Abendessen stehen gelassen hatten, um die Nachrichten zu verfolgen. Irgendetwas Großes war im Gange. Sylvie betrat ein Fernsehzimmer voller »Byte-Heads« -wilder junger Computerprogrammierer. Als sie die Schlagzeile

auf dem Bildschirm sah, stieß sie einen leisen erschrockenen Schrei aus.

TERROR GEGEN DEN VATIKAN

Sylvie verfolgte den Bericht. Sie traute ihren Augen nicht. Irgendeine uralte Geheimbruderschaft brachte Kardinale um? Was wollte sie damit beweisen? Ihren Hass? Ihre Überlegenheit? Ihre Ignoranz?

Und doch - die Stimmung in diesem Zimmer schien alles andere als ernst.

Zwei junge Techniker rannten vorbei. Sie schwenkten T-Shirts mit einem aufgedruckten Bild von Bill Gates und dem Spruch darunter: AND THE GEEK SHALL INHERIT THE EARTH!3

Einer der beiden rief: »Illuminati! Ich hab dir gleich gesagt, dass es diese Typen gibt!«

»Unglaublich! Und ich dachte immer, es sei nur ein Spiel.«

»Sie haben den Papst umgebracht, Mann! Den Papst!«

»Ich frage mich, wie viele Punkte man dafür kriegt?«

Sie rannten lachend weiter.

Sylvie stand in betäubtem Staunen da. Als Katholikin, die unter Wissenschaftlern arbeitete, musste sie immer wieder antireligiöses Getuschel ertragen - doch diese Kinder schienen sich zu freuen über den Verlust, den die Kirche erlitten hatte. Wie konnten sie so herzlos sein? Warum all dieser Hass?

Für Sylvie war die Kirche stets eine harmlose Einrichtung gewesen. ein Ort der Gemeinschaft und der Besinnung. und manchmal einfach ein Platz, an dem sie laut singen konnte, ohne dass andere sie anstarrten. Die Kirche markierte die

Meilensteine ihres Lebens - Beerdigungen, Hochzeiten, Taufen, Feiertage -, und sie verlangte im Gegenzug überhaupt nichts. Selbst die Geldspenden waren freiwillig. Sylvies Kinder kamen jede Woche voller neuer Ideen aus dem Religions Unterricht, wie sie anderen helfen konnten und bessere Menschen wurden. Was konnte daran falsch sein?

Sie hatte nie aufgehört zu staunen, dass so viele von CERNs so genannten »brillanten Köpfen« die Bedeutung der Kirche nicht erkannten. Glaubten sie tatsächlich, dass Quarks und Mesonen den durchschnittlichen Menschen inspirieren konnten?

Oder dass mathematische Gleichungen das Bedürfnis der Menschen ersetzten, an etwas Göttliches zu glauben?

Benommen ging Sylvie den Gang hinunter. Jedes Zimmer war voll. Sie dachte über den Anruf nach, den Maximilian Kohler früher am Tag aus dem Vatikan erhalten hatte. Zufall? Vielleicht. Der Vatikan rief von Zeit zu Zeit bei CERN an, aus »Höflichkeit«, bevor er beißende Kommentare veröffentlichte, in denen er die Arbeiten CERNs wegen der sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Gentechnologie verurteilte -in letzter Zeit hauptsächlich CERNs bahnbrechende Entdeckungen auf dem Gebiet der Nanotechnologie. CERN scherte sich nicht darum. Und jedes Mal klingelten Kohlers Telefone nach einer neuen Tirade ununterbrochen: Forschungsgesellschaften und Konzerne riefen an, die CERNs neue Entdeckung lizenzieren wollten. »Es gibt keine schlechte Publicity«, pflegte Kohler zu sagen.

Sylvie überlegte, ob sie Kohler - wo auch immer er zurzeit gerade steckte - mit dem Pager benachrichtigen und ihm sagen sollte, er möge sich die Nachrichten anschauen. Hatte er bereits von den Attentaten gehört? Selbstverständlich hatte er. Wahrscheinlich nahm er den gesamten Fernsehbeitrag mit seinem kleinen Camcorder auf und lächelte zum ersten Mal seit

einem Jahr.

Sylvie ging durch den Korridor und fand endlich einen Kaum, in dem die Stimmung gedrückt war. beinahe melancholisch. Die Wissenschaftler, die hier saßen und die Nachrichten verfolgten, gehörten zu den ältesten und geachtetsten Mitarbeitern von CERN. Sie blickten nicht einmal auf, als Sylvie ins Zimmer trat und sich auf einen freien Platz setzte.

Auf der anderen Seite von CERN, in Leonardo Vetras nüchternem Apartment, las Kohler die letzten Zeilen in dem ledergebundenen Tagebuch, das er aus Vetras Nachttisch genommen hatte. Nun saß er dort und verfolgte die Nachrichten auf dem kleinen Fernsehbildschirm. Nach ein paar Minuten schob er das Tagebuch in den Nachttisch zurück, schaltete den Fernseher aus und rollte aus Vetras Wohnung.

In der Vatikanstadt trug Kardinal Mortati ein weiteres Tablett mit aufgespießten Wahlzetteln zum Kamin der Sixtinischen Kapelle. Er verbrannte sie, und der aufsteigende Rauch war schwarz.

Zwei Wahlgänge. Kein neuer Heiliger Vater.

Загрузка...