Vittoria Vetra saß bei einem Glas Wasser und aß abwesend von dem Teegebäck, das einer der Gardisten hingestellt hatte. Sie hatte keinen Appetit, auch wenn es klüger gewesen wäre, etwas zu essen. Das Amtszimmer des Papstes war voller Menschen, die angespannt durcheinander redeten. Hauptmann Rocher, Oberst Olivetti und ein halbes Dutzend Schweizergardisten bewerteten die Lage und debattierten über ihren nächsten Zug.
Robert Langdon stand abseits am Fenster und starrte hinaus auf den Petersplatz. Er sah niedergeschlagen aus. Vittoria ging zu ihm. »Und? Haben Sie eine Idee?«
Robert schüttelte den Kopf.
»Gebäck?«
Seine Stimmung schien sich aufzuhellen, als er das Gebäck sah. »Ja, gerne. Danke sehr.« Er schlang das Teegebäck in sich hinein.
Die Unterhaltungen hinter ihnen verstummten plötzlich, und zwei Gardisten eskortierten Camerlengo Ventresca in das Zimmer. Der Camerlengo hatte vorher schon erschöpft ausgesehen, nun wirkte er völlig ausgebrannt.
»Was ist geschehen?«, fragte er Olivetti, doch nach seinem Gesicht zu urteilen, wusste er das Schlimmste bereits.
Olivettis offizielles Communique klang wie ein Kriegsbericht. Mit nüchterner Effizienz nannte er die Fakten. »Kardinal Ebner wurde kurz nach acht Uhr tot in der Kirche Santa Maria del Popolo gefunden. Er wurde erstickt und mit einem Ambigramm des Wortes>Erde englischen Wort für>Luft Der Camerlengo durchquerte den Raum und setzte sich hinter den Schreibtisch des Papstes. Er senkte den Kopf. »Die Kardinale Guidera und Baggia sind noch am Leben.« Der Kopf des Camerlengos ruckte hoch. Schmerz stand auf seinem Gesicht. »Und das soll ein Trost sein? Zwei Kardinale wurden ermordet, Herr Oberst! Und die beiden noch lebenden werden ebenfalls sterben, falls es Ihnen nicht gelingt, sie vorher zu finden!« »Wir werden sie finden!«, versicherte Olivetti. »Ich bin zuversichtlich, dass wir sie finden.« »Zuversichtlich? Woher nehmen Sie diese Zuversicht, Oberst? Bisher hatten wir nichts als Fehlschläge!« »Das stimmt nicht, Monsignore. Wir haben zwei Schlachten verloren, aber wir werden den Krieg gewinnen. Die Illuminati wollten diesen Abend zu einem Ereignis für die Medien machen. Bisher ist es uns gelungen, ihren Plan zu durchkreuzen. Wir haben die Leichname der beiden Kardinale ohne jeden Zwischenfall geborgen. Darüber hinaus«, schloss Oberst Olivetti, »berichtet Hauptmann Rocher, dass er bei der Suche nach der Antimaterie gute Fortschritte macht.« Der Hauptmann trat vor. In Vittorias Augen sah er menschlicher aus als die anderen Gardisten - streng, doch nicht so unnahbar und steif. Rochers Stimme klang leidenschaftlich und klar wie eine Violine. »Ich bin guter Dinge, dass wir den gesuchten Behälter innerhalb der nächsten Stunde finden, Monsignore.« »Hauptmann«, entgegnete der Camerlengo, »bitte entschuldigen Sie, wenn ich mich nicht Ihrem Optimismus anzuschließen vermag, doch ich hatte den Eindruck, dass eine gründliche Durchsuchung der gesamten Vatikanstadt mehr Zeit in Anspruch nehmen würde, als uns zur Verfügung steht.« »Eine gründliche Suche, das trifft zu, Monsignore. Doch nachdem wir die Situation analysiert haben, gehe ich davon aus, dass der Behälter irgendwo in den weißen Zonen versteckt sein muss den Bereichen des Vatikans, die für die Öffentlichkeit zugänglich sind, beispielsweise der Petersdom selbst und die Museen. Wir haben bereits den Strom in den entsprechenden Bereichen abgeschaltet und sind dabei, sie zu durchsuchen.« »Sie wollen nur einen kleinen Bereich der Vatikanstadt absuchen?« »Jawohl, Monsignore. Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass sich ein Eindringling Zutritt in die inneren Bereiche der Vatikanstadt verschaffen konnte. Die Tatsache, dass die verschwundene Kamera aus einem öffentlich zugänglichen Bereich gestohlen wurde - aus einem Treppenhaus in einem der Museumsgebäude - untermauert die Vermutung, dass der Täter nur beschränkten Zugang besaß. Daher kann er die Kamera nur innerhalb der öffentlich zugänglichen Bereiche versteckt haben, womit auch der Behälter dort zu suchen ist. Und genau auf diese Bereiche konzentrieren wir unsere Suche, Monsignore.« »Aber der Eindringling hat vier unserer Kardinale entführt! Dazu muss er tiefer in Vatikanstadt eingedrungen sein, als es auf den ersten Blick scheint.« »Nicht notwendigerweise, Monsignore. Wir sollten nicht vergessen, dass die Kardinale einen großen Teil des Tages in den Vatikanischen Museen und im Petersdom verbracht haben -zu den Zeiten, als es keinen Publikumsverkehr gab. Höchstwahrscheinlich wurden die vier preferiti bei einer dieser Gelegenheiten entführt.« »Aber wie wurden sie aus den Mauern der Vatikanstadt geschafft?« »Das wissen wir noch nicht, Monsignore.« »Ich verstehe.« Der Camerlengo atmete tief durch und erhob sich. Er ging zu Oberst Olivetti. »Herr Oberst, ich würde gerne erfahren, wann und wie Sie die Evakuierung durchzuführen gedenken.« »Wir arbeiten noch daran, Monsignore. Allerdings bin ich fest davon überzeugt, dass Hauptmann Rocher diesen Behälter rechtzeitig finden wird.« Der Hauptmann schlug angesichts dieser Vertrauensbezeugung seines Vorgesetzten die Hacken zusammen. »Meine Männer haben bereits zwei Drittel der weißen Zonen abgesucht. Wir sind zuversichtlich, Monsignore.« Der Camerlengo teilte diese Zuversicht ganz offensichtlich nicht. In diesem Augenblick betrat der Gardist mit der Narbe unter dem Auge das Amtszimmer. Er trug einen Stadtplan und ein Klemmbrett bei sich und kam damit zu Langdon. »Signore Langdon? Ich bringe die Informationen über West Ponente, um die Sie gebeten haben.« Langdon schluckte den letzten Bissen seines Gebäcks hinunter. »Sehr gut. Dann wollen wir mal einen Blick darauf werten.« Die anderen redeten weiter, während Vittoria sich zu Langdon und dem Gardisten gesellte. Sie breiteten den Stadtplan auf dem päpstlichen Schreibtisch aus. Der Gardist deutete auf den Petersplatz. »Wir befinden uns hier. Die mittlere Linie der Windgestalt von West Ponente deutet genau nach Osten, weg von der Vatikanstadt.« Der Gardist zog eine Linie vom Petersplatz über den Tiber und in das Herz des alten Rom. »Wie Sie sehen, führt die Linie beinahe durch ganz Rom hindurch. Es gibt fast zwanzig katholische Kirchen in unmittelbarer Nähe dieser Linie.« Langdon ließ die Schultern hängen. »Zwanzig?« »Vielleicht auch mehr.« »Und wie viele davon befinden sich direkt auf dieser Linie?« »Einige scheinen näher daran als andere«, erwiderte der Gardist, »doch die exakte Richtung von West Ponente aus lässt einigen Spielraum für Fehler.« Langdon wandte sich ab und schaute einen langen Augenblick auf den Petersplatz hinunter. Dann strich er sich übers Kinn und runzelte die Stirn. »Wie steht es mit Feuer? Gibt es in einer dieser Kirchen Bernini-Kunstwerke, die mit Feuer zu tun haben?« Schweigen. »Was ist mit Obelisken?«, fragte Langdon. »Gibt es einen Obelisken in der Nähe einer dieser Kirchen?« Der Gardist suchte auf dem Stadtplan. Vittoria bemerkte einen neuen Hoffnungsschimmer in Langdons Augen und wusste, was er dachte. Er hat Recht! Die beiden ersten Wegweiser hatten sich ganz in der Nähe von Obelisken befunden! Vielleicht waren Obelisken ein wichtiger Hinweis! Hoch erhobene Pyramiden, die den Weg der Illuminati markierten! Je länger Vittoria darüber nachdachte, desto schlüssiger kam ihr der Gedanke vor - vier hoch über das umgebende Rom aufragende steinerne Male als Zeichen für die Altäre der Wissenschaft. »Es ist vielleicht ein wenig weit hergeholt«, sagte Langdon, »aber ich weiß, dass zahlreiche römische Obelisken während der Zeit Berninis aufgerichtet oder an einen anderen Platz geschafft wurden. Bernini hat ohne jeden Zweifel Einfluss auf ihre Positionierung genommen.« »Vielleicht hat Bernini seine Wegweiser in der Nähe existierender Obelisken aufgestellt«, bot Vittoria eine weitere Möglichkeit an. Langdon nickte zustimmend. »Schlechte Neuigkeiten«, sagte der Gardist. »Keine Obelisken entlang der Linie.« Er fuhr mit dem Finger über die Karte. »Nicht einmal in der Nähe. Nichts.« Langdon seufzte. Vittoria ließ die Schultern hängen. Sie hatte den Gedanken für vielversprechend gehalten. Offensichtlich würde es nicht so einfach, wie sie gehofft hatten. Sie bemühte sich, optimistisch zu klingen. »Denken Sie nach, Robert. Sie müssen eine Bernini-Skulptur kennen, die mit Feuer zu tun hat. Irgendeine.« »Glauben Sie mir, darüber denke ich schon die ganze Zeit nach, Vittoria. Aber Bernini war unglaublich produktiv. Hunderte von Arbeiten. Ich hatte eigentlich gehofft, dass West Ponente auf eine einzelne Kirche deutet. Irgendetwas, das eine Glocke zum Klingen bringt.« »Fuoco«, drängte Vittoria. »Feuer. Fire. Keine Idee, Robert?« Langdon zuckte die Schultern. »Natürlich gibt es die berühmten Feuerwerksbilder, aber es sind keine Skulpturen, und sie befinden sich in Deutschland, in Leipzig.« Vittoria runzelte die Stirn. »Und Sie sind sicher, dass es der Atem ist, der die Richtung weist?« »Sie haben das Relief selbst gesehen, Vittoria. Es war völlig symmetrisch. Die einzige Andeutung einer Richtung waren die fünf Windstrahlen.« Er hatte Recht. »Außerdem«, fügte Langdon hinzu, »erscheint es nur angemessen, der Richtung des Windes zu folgen. Immerhin symbolisiert West Ponente das Element Luft.« Vittoria nickte. Also folgen wir dem Wind. Aber wohin? Olivetti kam zu ihnen. »Was haben Sie herausgefunden?« »Zu viele Kirchen, Herr Oberst«, antwortete der Gardist, Zwei Dutzend oder mehr. Ich schätze, wir könnten vier Mann zu jeder Kirche schicken.« »Vergessen Sie’s«, erwiderte Olivetti. »Dieser hinterhältige Mörder ist uns zweimal entwischt, obwohl wir genau wussten, wo wir ihn finden konnten. Wenn wir uns zu sehr verteilen, ist die Vatikanstadt ungeschützt. Außerdem könnten wir diese Antimaterie nicht mehr suchen.« »Wir brauchen ein Werkbuch«, sagte Vittoria. »Ein Verzeichnis von Berninis Arbeiten. Wenn wir die Namen durchgehen, finden wir vielleicht einen Hinweis.« »Ich weiß nicht«, widersprach Langdon. »Wenn es ein Werk ist, das Bernini speziell für die Illuminati geschaffen hat, ist es vielleicht völlig unbekannt. Möglicherweise ist es in keinem Werkverzeichnis aufgeführt.« Vittoria weigerte sich, so schnell aufzugeben. »Die beiden anderen Skulpturen waren ziemlich berühmt. Sie kannten beide.« Langdon zuckte die Schultern. »Na und?« »Wenn wir die Namen auf das Schlüsselwort>Feuer Langdon schien überzeugt, dass es zumindest einen Versuch wert war. Er wandte sich an Olivetti. »Ich brauche eine Liste von Berninis Arbeiten. Ihre Männer haben wahrscheinlich keinen Hochglanzband zur Hand, oder?« »Hochglanzband?« Olivetti schien den Begriff noch nie gehört zu haben. »Macht nichts. Eine Liste. Wie steht es mit dem Vatikanischen Museum? Dort muss es doch eine Liste von Berninis Werken geben!« Der Gardist mit der Narbe runzelte die Stirn. »Der Strom im Museum ist abgeschaltet, und der Raum mit den Werkverzeichnissen ist riesig. Ohne das Bibliothekspersonal als Hilfe.« »Die fraglichen Arbeiten von Bernini.«, unterbrach ihn der Oberst. »Wurden sie geschaffen, während Bernini vom Vatikan angestellt war?« »So gut wie sicher«, antwortete Langdon. »Bernini hat fast sein ganzes Leben für den Vatikan gearbeitet. Ganz bestimmt jedenfalls während der Zeit des Konflikts zwischen Kirche und Galileo.« Olivetti nickte. »Dann gibt es noch ein anderes Verzeichnis. Vittoria spürte neuen Optimismus. »Wo?« Der Kommandant der Schweizergarde antwortete nicht. Er nahm den Gardisten beiseite und sprach in gedämpftem Tonfall mit ihm. Der Gardist schien unschlüssig; dann aber nickte er gehorsam. Als Olivetti fertig war, kam der Gardist zu Langdon. »Hier entlang bitte, Mr. Langdon. Es ist einundzwanzig Uhr fünfzehn. Wir müssen uns beeilen.« Langdon folgte dem Gardisten zur Tür. Vittoria wollte hinterher. »Ich helfe Ihnen.« Olivetti hielt sie am Arm fest. »Nein, Signorina Vetra. Ich mochte mit Ihnen reden.« Sein Tonfall duldete keinen Widerspruch. Langdon und der Gardist verließen das Amtszimmer. Olivettis Miene war ausdruckslos, als er Vittoria beiseite nahm, Doch was auch immer er ihr hatte sagen wollen, es kam nicht dazu. Das Walkie-Talkie an seinem Gürtel knackte laut. »Comandante?« Alles im Raum drehte sich zu Olivetti um. Die Stimme aus dem Lautsprecher klang grimmig. »Ich glaube. Sie sollten besser den Fernseher einschalten.«