Langdon erreichte das schreiende Kind als Erster.
Die verängstigte Kleine stand wie erstarrt und deutete auf die Basis des Obelisken, wo ein heruntergekommener, altersschwacher Trunkenbold zusammengesunken auf der Treppe saß. Der Mann bot einen erbärmlichen Anblick. offensichtlich dner von Roms Obdachlosen. Das graue Haar hing ihm in fettigen Strähnen ins Gesicht, und er war ganz in eine Art schmutziges Tuch gehüllt. Das Mädchen schrie und schrie, »während es davonrannte und zwischen den Touristen verschwand.
In Langdon stiegen dunkle Vorahnungen auf, als er zu dem Obdachlosen rannte. Auf den Lumpen des Mannes breitete sich ein dunkler feuchter Fleck aus.
Frisches Blut.
Dann geschah alles auf einmal.
Der Alte schien zusammenzusacken und kippte vornüber, Langdon sprang hinzu, doch es war zu spät. Der Mann fiel die Treppe hinunter und schlug mit dem Gesicht nach unten auf dem Pflaster auf. Er rührte sich nicht. Langdon ließ sich auf die Knie nieder. Vittoria erschien neben ihm. Um sie herum bildete sich rasch eine Menschenmenge.
Vittoria legte dem Alten von hinten den Finger auf die Kehle. »Ich spüre seinen Puls!«, sagte sie. »Rasch, drehen Sie ihn
Langdon war bereits in Bewegung. Er hatte den Alten bei den Schultern gepackt und rollte ihn herum. Dabei löste sich das Tuch und fiel von ihm ab wie totes Fleisch. Der Mann fiel ganz auf den Rücken. Genau in der Mitte seiner Brust war eine große verbrannte Wunde.
Vittoria ächzte und wich zurück.
Langdon fühlte sich wie betäubt - ein Gefühl irgendwo zwischen Übelkeit und Ehrfurcht. Das Symbol besaß eine beängstigende Einfachheit.
»Air!«, keuchte Vittoria. »Luft! Er. war es!«
Aus dem Nichts erschienen Schweizergardisten, riefen Befehle, jagten dem unsichtbaren und ungesehenen Mörder hinterher.
Neben Langdon erklärte ein Tourist, dass erst ein paar Minuten zuvor ein dunkler, arabisch aussehender Mann dem armen Obdachlosen über die Piazza geholfen und sich sogar ein paar Minuten neben ihn auf die Treppe gesetzt habe, bevor er wieder in der Menge verschwunden sei.
Vittoria riss die Lumpen von der Brust des Mannes. Er hatte zwei tiefe Stichwunden, eine auf jeder Seite des Brandmals, unmittelbar unterhalb des Brustkorbs. Sie legte den Kopf des Mannes in den Nacken und begann mit einer Mundzu-Mund-Beatmung. Langdon war nicht vorbereitet auf das, was nun geschah. Als Vittoria dem Alten ihren Atem einblies, zischten die Wunden rechts und links neben dem Brandmal, und Blut spritzte aus ihnen wie aus dem Atemloch eines Wals. Die salzige rote Flüssigkeit traf Langdon ins Gesicht.
Vittoria stockte entsetzt. »Seine Lungen.«, stammelte sie. »Seine Lungen sind durchbohrt!«
Langdon wischte sich über die Augen und starrte auf die
Stichwunden. Die Löcher gurgelten. Die Lungen des Kardinals waren zerstört. Er war tot.
Vittoria deckte den Leichnam zu, als die Schweizergardisten heran waren.
Langdon stand völlig orientierungslos da, wie betäubt. Und plötzlich sah er sie. Die Frau, die ihnen vorhin bereits gefolgt war, kauerte ganz in der Nähe. Sie hatte die BBC-Kamera auf der Schulter, und das rote Aufnahmelicht blinkte. Sie schaute Langdon in die Augen, und er wusste, dass sie alles aufgenommen hatte. Dann sprang sie geschmeidig wie eine Katze auf und rannte los.