Kapitel 94.

Kardinal Mortati saß in der Sixtinischen Kapelle inmitten seiner sprachlosen Brüder vom Kollegium und konnte kaum begreifen, was er hörte.

Vor ihnen, beim Altar und im Schein der Kerzen, hatte der Camerlengo soeben eine Geschichte erzählt - eine Geschichte von so viel Hass und Verrat, dass Mortati am ganzen Leib zitterte. Der Camerlengo hatte von entführten Kardinalen gesprochen, von gebrandmarkten Kardinalen, von ermordeten Kardinalen. Er hatte von dem alten Geheimbund der Illuminati gesprochen - der Name allein beschwor uralte Ängste herauf -und von ihrem Wiederauferstehen und ihrem Racheschwur gegen die Kirche. Mit schmerzerfüllter Stimme hatte er berichtet, dass der tote Papst von den Illuminati ermordet worden war. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern gewesen, als er schließlich die schlimmste Neuigkeit verkündet hatte: Dass eine neue Technologie, Antimaterie genannt, in weniger als zwei Stunden die ganze Vatikanstadt zu zerstören drohe.

Als der Camerlengo endete, schien es Mortati, als hätte Satan selbst die Luft zum Atmen aus der Kapelle gesogen. Niemand war zu einer Regung imstande. Die Worte des Camerlengos hingen in der Dunkelheit.

Das einzige Geräusch, das Mortati nun hörte, war das Summen einer Fernsehkamera im hinteren Bereich - ein unerhörter Vorgang, wie er in der Geschichte der katholischen Kirche während des Konklaves beispiellos war. Doch der Camerlengo hatte darauf bestanden. Er war mit zwei Reportern der BBC in die Kapelle gekommen - einem Mann und einer Frau -, was die fassungslosen Kardinale hatte erkennen lassen, dass sie seine ernste Ansprache live in die ganze Welt

ausstrahlen würden.

Nun trat der Camerlengo vor und sprach direkt in die Kamera. »An die Adresse der Illuminati«, begann er, und seine Stimme wurde eindringlich, »und an die Adresse derjenigen, die sich den Wissenschaften verschrieben haben, sage ich.« Er zögerte. »Sie haben den Krieg gewonnen.«

Die Stille, die diesen Worten folgte, war allumfassend. Mortati hörte das verzweifelte Pochen seines eigenen Herzens.

»Das Rad der Geschichte ist seit langer Zeit in Bewegung«, fuhr der Camerlengo fort. »Ihr Sieg war letzten Endes unausweichlich. Nie zuvor war das so offensichtlich wie zu diesem Zeitpunkt. Die Wissenschaften sind der neue Gott.«

Was sagt er da, dachte Mortati. Hat er den Verstand verloren? Die ganze Welt hört zu!

»Medizin, elektronische Kommunikation, Raumfahrt, genetische Manipulation. das sind die Wunder, von denen wir von heute an unseren Kindern erzählen. Es sind die Wunder, die wir als Beweis dafür ansehe n, dass die Wissenschaften uns alle Antworten geben. Die alten Geschichten von der unbefleckten Empfängnis, von brennenden Sträuchern und sich teilenden Ozeanen sind bedeutungslos geworden. Gott selbst ist obsolet geworden! Die Wissenschaft hat den Kampf gewonnen. Wir kapitulieren.«

Verwirrtes Gemurmel und befremdete Gesichter in der Kapelle.

»Doch der Sieg der Wissenschaft«, fuhr Camerlengo Ventresca fort, und seine Stimme wurde noch eindringlicher, »hat uns alle einen Preis gekostet. Einen sehr hohen Preis.«

Stille.

»Die Wissenschaft mag das tägliche Elend und die Arbeit erleichtert und gelindert und uns eine Vielzahl von Geräten gebracht haben, die uns das Leben bequem und unterhaltsam gestalten, doch sie hat uns zugleich eine Welt ohne jede Ordnung beschert. Unsere Sonnenuntergänge bestehen nur noch aus Wellenlängen und Frequenzen. Die Komplexität unseres Universums ist aufgeteilt in eine Reihe mathematischer Gleichungen. Sogar unser Selbstwert als menschliche Wesen wurde zerstört. Die Wissenschaft behauptet, dass die Erde und die Menschen darauf nichts weiter sind als ein bedeutungsloser Fleck in einem viel größeren Ganzen. Ein kosmischer Unfall.« Er schwieg einen Augenblick; dann fuhr er fort: »Die Technologie, die uns zu vereinen versprach, teilt uns. Jeder von uns ist heutzutage elektronisch mit der ganzen Welt verbunden, und doch fühlen wir uns unsäglich einsam. Wir werden bombardiert mit Gewalt, Zwist, Teilung und Betrug. Skeptizismus hat sich zu einer Tugend entwickelt. Zynismus und die ständige Forderung nach Beweisen sind zu aufgeklärtem Gedankengut avanciert. Ist es ein Wunder, dass die Menschen heute mutloser und niedergeschlagener sind als je zuvor in der Geschichte? Gibt es irgendetwas, das für die Wissenschaft heilig ist? Sie sucht nach Antworten, indem sie mit ungeborenen Föten experimentiert. Sie maßt sich sogar an, die Erbsubstanz des Menschen zu manipulieren. Sie zerschmettert Gottes Welt in immer kleinere Bruchstücke, auf der Suche nach dem Sinn. und alles, was sie findet, sind weitere Fragen.«

Mortati starrte den Camerlengo voll Ehrfurcht an. Seine Worte besaßen eine fast hypnotische Eindringlichkeit. Seine Bewegungen und seine Stimme waren von einer physischen Kraft, wie der alte Kardinal sie noch niemals vor einem vatikanischen Altar erlebt hatte, geschmiedet aus tiefster Überzeugung und Traurigkeit.

»Der alte Krieg zwischen Wissenschaft und Religion ist vorbei«, sagte der Camerlengo. »Sie haben gewonnen. Aber Ihr Sieg war nicht fair. Sie haben nicht gewonnen, indem Sie Antworten geliefert hätten. Sie haben gewonnen, weil Sie die menschliche Gesellschaft so radikal verändert haben, dass die

Wahrheiten, die wir einst als leuchtende Wegweiser betrachteten, heute als unzutreffend dastehen. Die Religion kann nicht mithalten. Die Wissenschaft wächst explosionsartig und vermehrt sich wie ein Virus. Jeder neue Durchbruch öffnet Türen für weitere Durchbrüche. Die Menschheit benötigte Jahrtausende, um vom Rad zum Automobil fortzuschreiten, doch vom Automobil zur Weltraumfahrt waren es nur ein paar Jahrzehnte. Heute messen wir den wissenschaftlichen Fortschritt in Wochen. Wir geraten außer Kontrolle. Der Abgrund zwischen uns einzelnen Menschen wird tiefer und tiefer - und weil die Religion auf der Strecke bleibt, finden wir uns in einem spirituellen Nichts wieder. Wir sehnen uns nach einer Bedeutung, wir schreien danach. Glauben Sie mir, wir schreien! Wir glauben Ufos zu sehen, nehmen an spiritistischen Sitzungen teil, schlucken bewusstseinserweiternde Drogen - all diese exzentrischen Ideen unter dem Deckmantel der Wissenschaft und doch schamlos irrational. Dies sind die verzweifelten Rufe der modernen Seele, einsam und gequält, verkrüppelt durch ihre eigene Erleuchtung und ihre Unfähigkeit, Bedeutung in irgendetwas zu erkennen, das abseits von Technologie zu finden ist.«

Mortati beugte sich unwillkürlich in seinem Sitz vor. Die anderen Kardinale hingen wie er an den Lippen des Camerlengos - und nicht nur sie, sondern die ganze Welt. Der Camerlengo sprach ohne jede Hinweise auf die Heilige Schrift oder Jesus Christus. Er sprach in aufgeklärten Begriffen, unverblümt und klar. Irgendwie gelang es ihm, die moderne Sprache zu treffen, als würden ihm die Worte von Gott selbst in den Mund gelegt, als verkündete er die uralte Botschaft. In diesem Augenblick erkannte Mortati einen der Gründe dafür, dass der verstorbene Papst so große Stücke auf den jungen Geistlichen gehalten hatte. In einer Welt voller Apathie, Zynismus und Vergötterung der Technologie waren Männer wie Camerlengo Ventresca - Realisten, die so zu ckn Seelen der

Menschen sprachen, wie er es gerade tat -, die einzige Hoffnung der Kirche.

Der Camerlengo wurde energisch. »Die Wissenschaftler, sagen Sie, werden uns retten. Die Wissenschaft, sage ich, hat uns zerstört. Seit den Tagen Galileos war die Kirche bemüht, den unbarmherzigen Vormarsch der Wissenschaften zu verlangsamen. Manchmal mit den falschen Mitteln, doch stets mit der besten Absicht. Dennoch waren die Versuchungen zu groß für die Menschen, um zu widerstehen. Ich warne Sie nachdrücklich - sehen Sie sich um. Die Wissenschaft hat ihre Versprechen nicht eingelöst. Diese Versprechen haben nichts weiter hervorgebracht als Umweltverschmutzung und Chaos. Wir sind eine zerrüttete und hektische Spezies, und wir bewegen uns auf einem Weg, der zu unserer eigenen Zerstörung führt.«

Der Camerlengo schwieg für einen langen Augenblick und schaute mit festem Blick direkt in die Kamera.

»Wer ist dieser Gott der Wissenschaft? Was ist das für ein Gott, der seinem Volk Macht anbietet, aber kein moralisches Rahmenwerk, das ihm sagt, wie diese Macht benutzt werden soll? Was ist das für ein Gott, der seinem Kind Feuer in die Hand drückt, ohne es zu warnen, dass es sich verbrennen kann? Die Sprache der Wissenschaft ist frei von Wegweisern; es gibt keine Abgrenzung von Gut und Böse. Wissenschaftliche Bücher zeigen uns, wie man eine nukleare Reaktion in Gang setzt, doch es gibt kein Kapitel, in dem wir gefragt werden, ob es eine gute oder eine schlechte Idee ist!

An die Adresse der Wissenschaftler sage ich: Die Kirche ist müde. Wir sind erschöpft von dem Versuch, Ihnen den Weg zu weisen. Unsere Ressourcen sind verbraucht von unseren Anstrengungen, eine Stimme des Ausgleichs zu sein, während Sie blindlings weitereilen auf Ihrer Suche nach immer kleineren Chips und immer größerem Profit. Wir fragen nicht, warum Sie nicht selbst die Verantwortung für Ihr Tun übernehmen - aber wie könnten Sie auch? Ihre Welt dreht sich so schnell, dass Sie nicht eine Sekunde anhalten können, um über die Folgen Ihres Tuns nachzudenken. Sie entwickeln Massenvernichtungswaffen, doch es war der Papst, der durch die Welt reisen und die nationalen Führer um Zurückhaltung anflehen musste. Sie klonen lebende Wesen, doch es ist die Kirche, die uns alle daran erinnert, die moralischen Folgen solchen Handelns nicht aus den Augen zu verlieren. Sie ermutigen die Menschen, an Videoschirmen und Computern zu kommunizieren, doch wieder ist es die Kirche, die ihre Türen öffnet und uns anhält, persönlich miteinander zu reden, wie es unserer Natur entspricht. Sie ermorden Ungeborene im Namen einer Wissenschaft, die Leben retten soll. Und allein die Kirche wehrt sich dagegen.

Trotzdem behaupten Sie, die Kirche sei ignorant. Wer ist unwissender, frage ich Sie? Der Mensch, der nicht weiß, wie ein Blitz zustande kommt, oder derjenige, der die furchtbare Kraft des Blitzes nicht respektiert? Die Kirche hat Ihnen stets die Hand entgegengestreckt. Sie hat jedem die Hand entgegengestreckt - und doch, je mehr wir helfen wollen, desto mehr schieben Sie uns von sich weg. Zeigen Sie uns den Beweis, dass es einen Gott gibt, fordern Sie von uns. Ich antworte Ihnen: Nehmen Sie Ihre Teleskope und schauen Sie hinauf zu den Sternen, und dann sagen Sie mir, wie es keinen Gott geben kann!« Der Camerlengo hatte Tränen in den Augen. »Sie fragen uns, wie Gott aussieht. Ich antworte, woher kommt diese Frage? Sehen Sie Gott denn nicht in Ihrer Wissenschaft? Wie können Sie ihn übersehen? Sie verkünden, dass die kleinste Änderung in der Gravitation oder dem Gewicht eines Atoms unser Universum zu einem leblosen Nebel gemacht hätte statt zu einem endlosen Meer aus Himmelskörpern, und doch können Sie darin die Hand Gottes nicht sehen? Ist es tatsächlich so viel einfacher zu glauben, dass wir zufällig die eine richtige aus Abermillionen Karten gezogen haben? Sind wir spirituell bankrott gegangen, dass wir lieber an eine mathematische

Unmöglichkeit glauben als an eine Macht, die größer ist als wir?

Ob Sie an Gott glauben oder nicht«, sagte der Camerlengo mit einer Stimme, die ganz leise und beschwörend wurde, »eines müssen Sie glauben. Wenn wir als Spezies den Glauben an eine Macht aufgeben, die über uns steht, geben wir zugleich unser Verantwortungsgefühl auf. Glaube. jeder Glaube ist eine Mahnung, dass es dort draußen etwas gibt, das wir nicht verstehen, etwas, dem gegenüber wir verantwortlich sind. Solange wir glauben, empfinden wir Verantwortung füreinander

- und gegenüber einer höheren Wahrheit. Die Religion ist fehlerhaft, doch das liegt nur daran, dass der Mensch nicht vollkommen ist. Wenn die Welt dort draußen die Kirche sehen könnte, wie ich sie sehe. wenn sie hinter die Rituale in diesen Mauern sehen könnte. würde sie ein modernes Wunder erblicken. eine Bruderschaft einfacher, unvollkommener Seelen, die nichts weiter sein wollen als eine Stimme des Mitgefühls in einer Welt, die außer Kontrolle gerät.«

Der Camerlengo deutete auf das Kardinalskollegium, und die Kamerafrau folgte ihm instinktiv in einem weiten Schwenk.

»Sind wir überflüssig geworden?«, fragte der Camerlengo. »Sind diese Männer wie Dinosaurier? Braucht die Welt wirklich jemanden, der für die Armen, die Schwachen, die Unterdrückten und die ungeborenen Kinder Partei ergreift? Brauchen wir Seelen, die, obwohl sie unvollkommen sind, ihr ganzes Leben damit verbringen, die Wegweiser der Moral zu studieren, damit wir anderen uns nicht verirren?«

Mortati wurde bewusst, dass der Camerlengo, ob es nun bewusst geschah oder nicht, einen brillanten Schachzug machte. Indem er die Kardinale gezeigt hatte, machte er die Kirche menschlich. Die Vatikanstadt war nicht länger ein anonymes Gemäuer, es waren Menschen - Menschen wie der Camerlengo oder die Kardinale, die ihr Leben dem Dienst an Gott gewidmet hatten.

»Heute Nacht stehen wir vor dem Abgrund«, sagte der Camerlengo. »Keiner von uns kann es sich leisten, untätig zuzusehen. Ob Sie das alles als satanisch, korrupt oder unmoralisch betrachten. die Macht des Bösen ist lebendig und wächst jeden Tag. Ignorieren Sie diese Tatsache nicht.« Der Camerlengo senkte die Stimme zu einem Flüstern, und die Kamera zoomte ganz nah heran. »Das Böse ist mächtig«, sagte er, »doch es ist nicht unbesiegbar. Das Gute kann siegen. Hören Sie auf Ihre Herzen. Hören Sie auf Gott. Gemeinsam können wir von diesem Abgrund zurücktreten.«

Jetzt verstand Mortati. Das also war der Grund. Das Konklave war verletzt worden, doch es war die einzige Möglichkeit. Es war eine dramatische, eine verzweifelte Bitte um Hilfe. Der Camerlengo sprach zu seinen Feinden und seinen Freunden zugleich. Er flehte alle Menschen an, das Licht zu sehen und mit dem Irrsinn aufzuhören. Irgendjemand würde vortreten und dem Wahnsinn dieser Verschwörung Einhalt gebieten.

Der Camerlengo kniete vor dem Altar. »Beten Sie mit mir.«

Das Kollegium der Kardinale kniete nieder und folgte seinem Beispiel. Draußen, auf dem Petersplatz, in Rom und überall auf der Welt taten andere Menschen es ihnen gleich.

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