102

27. 6. 1930


Das Leben ist für uns das, was wir in ihm sehen. Für den Bauern, dem sein Feld alles bedeutet, ist dieses Feld ein Imperium. Für den Cäsar, dem sein Imperium nicht genügt, ist dieses Imperium ein Feld. Der Arme besitzt ein Imperium; der Große besitzt ein Feld. Tatsächlich besitzen wir einzig unsere eigenen Wahrnehmungen; auf sie und nicht auf das, was sie sehen, müssen wir demnach die Wirklichkeit unseres Lebens gründen.

Das sage ich in einer bestimmten Absicht.


Ich habe viel geträumt. Ich bin es müde, geträumt zu haben, doch nicht müde zu träumen. Des Träumens wird niemand müde, denn träumen heißt vergessen, und vergessen bedrückt nicht, es ist ein traumloser Schlaf, in dem wir wach sind. In Träumen habe ich alles erreicht. Ich bin auch aufgewacht, aber was macht das schon aus? Wie viele Cäsaren war ich nicht! Und die Ruhmreichen, welche Kleingeister! Cäsar, durch die Großmut eines Piraten vom Tod errettet, ließ diesen Piraten suchen, gefangennehmen und kreuzigen. Als Napoleon auf St. Helena sein Testament machte, setzte er einem Verbrecher, der versucht hatte, Wellington zu ermorden, ein Legat aus. O Größe, wie gleichst du der Seelengröße meiner schielenden Nachbarin! O große Männer der Köchin einer anderen Welt! Wie viele Cäsaren war ich und träume ich noch immer zu sein!

Wie viele Cäsaren war ich, wenngleich nie ein wirklicher! Wahrhaft kaiserlich war ich nur im Traum, weshalb ich auch nie etwas war. Meine Heere wurden geschlagen, aber die Niederlage war eine matte Sache, und niemand verlor dabei sein Leben. Ich habe keine Banner verloren. In meinen Träumen sehe ich nie ein Heer mit Bannern, eine Ecke verstellt mir immer die Sicht. Wie viele Cäsaren war ich nicht hier, in der Rua dos Douradores! Und die Cäsaren, die ich war, leben weiter in meiner Phantasie; aber die einstigen Cäsaren sind tot, und die Rua dos Douradores, das heißt die Wirklichkeit, kann sie nicht kennen.

Ich werfe die leere Streichholzschachtel in den Abgrund der Straße, über das Sims meines hohen balkonlosen Fensters. Ich erhebe mich von meinem Stuhl und lausche. Deutlich, als habe dies etwas zu bedeuten, hallt die Streichholzschachtel auf der Straße wider, und ich weiß, sie ist menschenleer. Kein anderes Geräusch ist vernehmbar, nur der Geräuschpegel der Stadt. Ja, einer ganz und gar sonntäglichen Stadt – so viele Geräusche, nicht einzeln auszumachen, und doch hat es mit allen seine Richtigkeit.

Auf wie wenig stützen sich in der Welt unsere besten Überlegungen! Daß ich zu spät zum Mittagessen gekommen bin, daß mir die Streichhölzer ausgegangen sind, daß ich die Schachtel eigenhändig und mißlaunig auf die Straße geworfen habe, da ich nicht zur gewohnten Zeit gegessen habe, daß der Sonntag die luftige Verheißung eines unschönen Sonnenuntergangs ist, daß ich auf dieser Welt ein Niemand bin, und dazu die ganze Metaphysik.

Doch wie viele Cäsaren war ich nicht!


Загрузка...