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Ich wünschte mir, ich könnte für die Höherstehenden der modernen Gesellschaften ein Gesetz zur Untätigkeit erlassen.
Die Gesellschaft würde sich spontan und selbst regieren, gäbe es in ihr keine sensiblen und intelligenten Menschen. Glauben Sie mir, das einzig gereicht ihr zum Nachteil. Die primitiven Gesellschaften waren glücklich, weil sie mehr oder minder auf diesem Modell beruhten.
Bedauerlicherweise jedoch hätte der Ausschluß der Höherstehenden aus der Gesellschaft ihren Tod zur Folge, da sie nicht wissen, wie man arbeitet. Womöglich würden sie auch vor Langeweile sterben, da bei ihnen für die Dummheit kein Platz ist. Aber mir geht es hier um das menschliche Glück im allgemeinen.
Jeder Höhergestellte, der sich als solcher in der Gesellschaft zu erkennen gäbe, würde auf die Insel der Höherstehenden verbannt. Die Höherstehenden würden von der Durchschnittsgesellschaft wie Tiere im Käfig ernährt.
Glauben Sie mir: Gäbe es nicht intelligente Menschen, die auf die Übel hinwiesen, an denen die Menschheit leidet, sie würde sie nicht bemerken. Und Sensible, die leiden, machen andere leiden: aus Mitleid.
Da wir in ein und derselben Gesellschaft leben, haben die Höherstehenden einstweilen nur eine einzige Pflicht, nämlich ihre Beteiligung am Stammesleben auf ein Mindestmaß zu beschränken. Sie sollten keine Zeitungen lesen, allenfalls um zu erfahren, wieviel Unwichtiges und Uninteressantes doch passiert. Niemand vermag sich vorzustellen, welchen Hochgenuß ich den Kurznachrichten aus der Provinz abgewinne. Allein die Namen öffnen mir Türen in die Leere.
Es gibt nichts Erhabeneres und Ehrenvolleres für einen höherstehenden Menschen, als nicht zu wissen, wer Staatsoberhaupt seines Landes ist oder ob er in einer Monarchie oder einer Republik lebt.
Sein ganzes Trachten sollte darauf zielen, seine Seele derart zu formen, daß nichts von dem, was kommt und geschieht, ihm etwas anhaben kann. Andernfalls wird er sich anderen zuwenden müssen, um sich mit sich selbst befassen zu können.