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18. 9. 1933
Es heißt, der Überdruß sei eine Krankheit der Trägen oder ereile nur Leute, die nichts zu tun haben. Diese Plage der Seele aber ist subtiler: Sie sucht all jene heim, die dafür anfällig sind, und verschont weniger die Arbeitsamen oder die vorgeben, es zu sein (was in diesem Fall auf das gleiche herauskommt), als die wirklich Untätigen.
Nichts ist schlimmer als der Gegensatz zwischen dem natürlichen Glanz des inneren Lebens mit seinen natürlichen Indien und seinen unbekannten Ländern, und dem Schmutz – obgleich er nicht wirklich schmutzig ist – der Alltäglichkeit des Lebens. Der Überdruß wiegt schwerer, wenn es keine Entschuldigung für die Trägheit gibt. Der Überdruß der angestrengt Arbeitenden ist der schlimmste von allen.
Überdruß ist nicht etwa der krankhafte Ärger über mangelndes Tun, sondern das sehr viel krankhaftere Gefühl, daß es nicht lohnt, auch nur irgend etwas zu tun. Und dies bedeutet, je mehr zu tun ist, um so deutlicher macht sich der Überdruß bemerkbar.
Wie oft, wenn ich von meiner Arbeit im Hauptbuch aufsehe, ist mein Kopf weltleer! Es wäre besser für mich, passiv zu sein, nichts zu tun, nichts zu tun zu haben, denn diesen wenn auch echten Überdruß könnte ich zumindest genießen. Mein gegenwärtiger Überdruß entbehrt jeglicher Ruhe, jeglicher Noblesse und jeglichen Wohlseins gepaart mit Unwohlsein: Er ist ein umfassendes Verlöschen dessen, was ich getan habe, und nicht etwa eine denkbare Müdigkeit, die herrührt von dem, was ich nie tun werde.