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10. 4. 1930


Das gesamte Leben der menschlichen Seele ist eine Bewegung im Schatten. Wir leben in einem Zwielicht des Bewußtseins, uns nie dessen sicher, was wir sind, oder dessen, was wir zu sein glauben. In den Besten von uns lebt die Eitelkeit, steckt ein Fehler, den wir nicht klar erkennen. Wir sind etwas, das sich in einem Zwischenakt abspielt; mitunter erspähen wir durch bestimmte Türen hindurch etwas, das vielleicht Kulisse ist. Die Welt wirkt verworren wie Stimmen in der Nacht.

Soeben, beim erneuten Durchlesen dieser Seiten, die ich mit einer Klarheit schreibe, die nur auf ihnen fortdauert, frage ich mich: Was ist das und wozu? Wer bin ich, wenn ich fühle? Was stirbt in mir, wenn ich bin?

Wie jemand, der von weit oben das Leben im Tal auszumachen versucht, betrachte ich mich selbst von einem Gipfel aus und bin zusammen mit allem eine undeutliche, unbestimmbare Landschaft.

Während dieser Stunden, wenn sich in meiner Seele ein Abgrund auftut, bedrückt mich die kleinste Kleinigkeit wie ein Abschiedsbrief.

Ich fühle mich beständig wie kurz vor dem Erwachen, empfinde mich als Hülle meiner selbst, ersticke an Folgerungen, am liebsten schriee ich, verhallte meine Stimme nicht ungehört. Doch mit mir ist ein tiefer Schlaf, der wie Wolken von einer Empfindung zur anderen zieht, Wolken, die vielsonnenfarben und grün das halb beschattete Gras der weiten Felder färben.

Ich bin wie einer, der blindlings sucht, nicht wissend wonach noch wo er es finden könnte. Wir spielen Verstecken mit niemandem. Irgendwo gibt es einen transzendenten Trick, eine ausstrahlende Gottheit, nur vom Hörensagen bekannt.

Ja, ich lese erneut diese Seiten, die vergebliche Stunden verzeichnen, einen kurzen Frieden und kleine Illusionen, große, auf die Landschaft übertragene Hoffnungen, Kümmernisse wie Zimmer, in die man nicht geht, bestimmte Stimmen, große Müdigkeit, das noch nicht geschriebene Evangelium.

Jeder hat seine Eitelkeit, und diese Eitelkeit läßt jeden vergessen, daß auch andere eine ähnliche Seele haben. Meine Eitelkeit sind ein paar Seiten, ein paar Passagen, gewisse Zweifel …

Ich lese sie erneut? Lüge! Ich wage es nicht, kann es nicht. Wozu auch? Der Mensch dieser Seiten ist ein anderer. Ich verstehe bereits nicht mehr recht …


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