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22. 8. 1931
In jener warmen Zwischenzeit, bevor der Sommer endet und der Herbst kommt, in der die Luft schwer ist und die Farben verblassen, kleiden sich die späten Nachmittage in fühlbar falschen Glanz. Vergleichbar jenen trügerischen Phantasien, in denen Sehnsüchte aus dem Nichts entstehen und sich so unendlich fortsetzen wie die Schlangenlinien aus dem Kielwasser der Schiffe.
An diesen Nachmittagen kommt, wie die Flut im Meer, ein Gefühl in mir auf, schlimmer als Überdruß, für das es dennoch keinen anderen Namen gibt – ein Gefühl nicht zu ortender Verzweiflung, eines Schiffbruchs der ganzen Seele. Ich fühle, daß ich einen nachsichtigen Gott verloren habe und die Substanz aller Dinge gestorben ist. Das fühlbare Universum ist wie ein Leichnam für mich, den ich liebte, als er das Leben war; in dem noch warmen Licht aber der letzten farbigen Wolken hat sich alles in Nichts aufgelöst.
Mein Überdruß wird zum Entsetzen; meine Langeweile ist Angst. Mein Schweiß ist nicht kalt, wohl aber mein Bewußtsein von ihm. Es ist kein körperliches Unwohlsein, sondern ein Unwohlsein der Seele, so groß, daß ich es aus allen Poren schwitze und mein Körper fröstelt.
So immens ist der Überdruß, so beherrschend das Entsetzen, am Leben zu sein, daß ich mir kein Beruhigungsmittel, kein Gegengift, keinen Balsam und kein Vergessen vorstellen kann, die Abhilfe brächten. Vor dem Schlafen graut mir wie vor allem. Vor dem Sterben graut mir wie vor allem. Gehen und Stehen sind mir gleichermaßen unmöglich. Hoffen und nicht glauben sind einander gleich wie Kälte und Asche. Ich selbst bin wie ein Gestell voll leerer Flaschen.
Und doch, welche Sehnsucht nach der Zukunft, wenn ich meine Alltagsaugen den toten Gruß des licht verlöschenden Tages entgegennehmen lasse! Welch großer Trauerzug der Hoffnung zieht durch die noch immer goldene Stille der reglosen Himmel, welch ein Gefolge aus Leere und Nichts schwärmt aus in glutrotem Blau, verblassend auf den weiten Ebenen des weißen Raumes!
Ich weiß nicht, was ich will oder nicht will. Ich weiß nicht mehr zu wollen, ich weiß nicht mehr, wie man will, ich kenne die Emotionen oder Gedanken nicht mehr, an denen man für gewöhnlich erkennt, daß wir etwas wollen oder wollen wollen. Ich weiß nicht, wer ich bin noch was ich bin. Wie einer, der unter einer eingestürzten Mauer begraben liegt, liege ich unter der über mich hereingebrochenen Leere des gesamten Universums. Und so gehe ich, meinen eigenen Spuren folgend, bis die Nacht kommt und etwas von dem zärtlichen Gefühl, anders zu sein, wie ein Windhauch durch meine beginnende Ungeduld mit mir weht.
Und dieser hohe, größere Mond dieser sanften Nächte, lau vor Angst und Unruhe! Dieser düstere Friede der himmlischen Schönheit, diese kalte Ironie der warmen Luft, diese schwarze Bläue, neblig vor Mondschein und schüchtern vor Sternenglanz!