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10. 3. 1931


So wie manche aus Langeweile arbeiten, schreibe ich zuweilen, wenn ich nichts zu sagen habe. Ich verliere mich in Träumereien, in die sich sonst verliert, wer nicht denkt, ich verliere mich schreibend, da ich in Prosa träumen kann. Und aus diesem Zustand des Nicht-Fühlens schöpfe ich so manch aufrichtiges Gefühl, so manch echte Emotion.

Es gibt Augenblicke, in denen die Leere, in der man sich leben fühlt, die Dichte eines positiven Zustands erreicht. Bei den großen Männern der Tat, insbesondere den Heiligen, die mit all ihren Emotionen handeln und nicht nur mit einem Teil, führt das Gefühl von der Nichtigkeit des Lebens ins Unendliche. Sie bekränzen sich mit Nacht und Sternen und salben sich mit Stille und Einsamkeit. Bei den großen Männern der Tatenlosigkeit, zu deren Zahl ich mich demütig rechne, führt das gleiche Gefühl zum unendlich Kleinen; wir ziehen an den Empfindungen wie an Gummibändern, um die Poren ihrer falschen, elastischen Beständigkeit sehen zu können.

Die einen wie die anderen lieben in solchen Augenblicken den Schlaf wie der gewöhnliche Mensch, der als bloßer Reflex der Gattung Mensch weder handelt noch nicht handelt. Schlaf ist die Verschmelzung mit Gott, das Nirwana, wie immer man es auch nennen mag; Schlaf ist die langsame Analyse der Empfindungen, ob man sie nun wie eine atomare Wissenschaft von der Seele einsetzt oder wie eine Musik des Willens, ein träges Anagramm der Eintönigkeit durchschläft.

Während ich schreibe, verweile ich bei den Worten wie vor Schaufenstern, in denen ich nichts sehe; nur Halbbedeutungen, Ausdrucksfetzen verbleiben mir wie die Farben nicht gesehener Stoffe, harmonische Ausstellungsstücke, zusammengestellt aus mir unbekannten Objekten. Ich schreibe und wiege mich in den Schlaf, wie eine über den Tod ihres Kindes irre gewordene Mutter.

Eines Tages, wann genau, weiß ich nicht, fand ich mich in dieser Welt; bis dahin hatte ich von Geburt an augenscheinlich fühllos gelebt. Wenn ich fragte, wo ich mich befände, führten mich alle in die Irre, und jeder widersprach dem anderen. Wenn ich fragte, was ich tun solle, waren alle unaufrichtig, und jeder sagte etwas anderes. Wenn ich unschlüssig stehenblieb, waren alle verwundert, daß ich den Weg, von dem keiner wußte, wohin er führte, nicht weiterging oder aber nicht umkehrte – ich, der ich, am Kreuzweg aufgewacht, nicht wußte, woher ich kam. Ich sah, daß ich auf der Bühne stand und die Rolle nicht beherrschte, die alle anderen sogleich aufsagten, ohne sie deshalb besser zu kennen. Ich sah, daß ich als Page gekleidet war, doch die Königin enthielt man mir vor und gab mir die Schuld. Ich sah, daß ich in meinen Händen eine Botschaft hielt, die es zu übermitteln galt, und als ich ihnen sagte, das Blatt sei unbeschrieben, lachten sie mich aus. Und noch immer weiß ich nicht, ob sie lachten, weil alle Blätter unbeschrieben sind oder alle Botschaften erraten werden müssen.

Zu guter Letzt setzte ich mich auf den Stein am Kreuzweg wie an den Herd, den ich nie hatte. Und allein mit mir, begann ich, Papierschiffchen aus der Lüge zu falten, die man mir aufgetischt hatte. Niemand wollte an mich glauben, nicht einmal als Lügner, und kein See war da, um meine Glaubwürdigkeit unter Beweis zu stellen.

Müßige, verlorene Worte, wahllose Metaphern, die eine unbestimmte Angst schattenhaft verknüpft … Spuren besserer Stunden, verbracht, ich weiß nicht auf welchen Alleen … Lampe, deren Gold im Dunkel glänzt, in der Erinnerung an das erloschene Licht … Worte, nicht in den Wind geredet, sondern in den Boden, kraftlosen Fingern entglitten, wie die welken Blätter eines unsichtbar unendlichen Baums … Sehnsucht nach den Teichen ferner Güter … Zärtlichkeit für nie Geschehenes …

Leben! Leben! Und zumindest die Frage, ob es sich vielleicht nicht doch gut schlafen ließe auf Proserpinas Lager …


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