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19. 6. 1934


Wenn wir beständig im Abstrakten leben, sei es in abstrakten Gedanken, sei es in gedachten Empfindungen, werden uns bald, ohne daß wir dies wollten oder empfänden, all jene Dinge des wirklichen Lebens zu Trugbildern, selbst jene, die wir, im Einklang mit uns, besonders intensiv empfinden müßten.

So eng und aufrichtig ich auch mit jemandem befreundet bin, erfahre ich, daß er krank oder gestorben ist, beeindruckt mich dies nur milde, mäßig, ja, schwach, und ich schäme mich. Einzig ein unmittelbarer Einblick in die Angelegenheit, ein direkter Kontakt könnte meine Gefühle bewegen. Wenn man beständig in der Vorstellung lebt, ermüdet die Vorstellungskraft, insbesondere, was die Wirklichkeit angeht. Wer im Geist mit dem lebt, was nicht ist noch sein kann, ist am Ende außerstande, sich vorzustellen, was alles sein könnte.

Heute erfuhr ich, ein alter Freund, den ich seit langem nicht mehr gesehen habe, an den ich aber offen gestanden immer, wie ich meine, sehnsüchtig denke, sei ins Krankenhaus gekommen, um sich einer Operation zu unterziehen. Das einzige, was ich bei dieser Nachricht klar und deutlich empfand, war der Ärger, daß ich ihn wohl oder übel würde besuchen müssen, samt der ironischen Alternative, dies zu unterlassen und mich schuldig zu fühlen. Das war alles … Durch meinen häufigen Umgang mit Schatten bin ich selbst zu einem Schatten geworden, einem Schatten all dessen, was ich denke, fühle, bin. Die Sehnsucht nach dem normalen Menschen, der ich niemals war, hat mich bis in die Substanz meines Seins durchdrungen. Dies, und nur dies, empfinde ich. Ich bedauere den Freund, der operiert wird, nicht wirklich. Auch all die anderen nicht, die dies vor sich haben oder an Leib und Seele leiden in dieser Welt. Ich bedauere lediglich, daß ich nicht jemand bin, der Bedauern empfinden kann.

Und von einem Augenblick zum anderen denke ich unweigerlich an etwas anderes – welchem Impuls folgend, weiß ich nicht. Und wie im Delirium vermischt sich, was ich nicht habe fühlen und nicht habe sein können, mit einem Rauschen von Bäumen, einem Plätschern von Wasser in Becken, einem inexistenten Landgut … Ich bemühe mich zu fühlen, aber weiß schon nicht mehr, wie man fühlt. Ich bin zum Schatten meiner selbst geworden, einem Schatten, dem ich mein Sein ausgeliefert habe. Anders als jener Peter Schlemihl aus der deutschen Erzählung[73] habe ich dem Teufel nicht meinen Schatten, sondern meine Substanz verkauft. Ich leide, daß ich nicht leide, nicht leiden kann. Lebe ich, oder gebe ich vor zu leben? Schlafe ich, oder bin ich wach? Ein leichter Lufthauch, ein frisches Wehen aus der Hitze des Tages läßt mich alles vergessen. Meine Lider sind angenehm schwer … Mir ist, als vergoldete diese Sonne jene Gefilde, in denen ich nicht bin und auch nicht sein möchte … Von den Stimmen der Stadt geht eine große Stille aus … Wie sanft sie ist! Doch wieviel sanfter wäre sie, vielleicht, könnte ich nur fühlen! …


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