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Die Isolation hat mich nach ihrem Bild und Gleichnis geformt. Die Gegenwart einer anderen Person – wer auch immer sie sein mag – verlangsamt sogleich mein Denken, und während für einen normalen Menschen der Kontakt mit anderen wie ein Stimulus auf seine Ausdrucksweise und sein diskursives Denken wirkt, ist dieser Kontakt für mich ein Gegen-Stimulus, falls dieses zusammengesetzte Wort überhaupt sprachlich zulässig ist. Allein mit mir, bin ich zu unzähligen geistreichen Bemerkungen imstande, zu raschen Antworten auf nie Gesagtes, zu funkelnden Geistesblitzen eines intellektuellen Austausches mit Herrn Niemand; aber all dies löst sich in nichts auf, wenn mir jemand körperlich gegenübertritt; ich vermag nicht mehr zu denken, weiß mich nicht mehr zu äußern und fühle mich nach einiger Zeit nur noch müde. Jawohl, mit anderen reden macht mich schläfrig. Nur meine gespenstischen, imaginären Freunde, nur meine im Traum geführten Gespräche erweisen sich als wirklich, wahrhaftig und profiliert, in ihnen ist Geist gegenwärtig wie ein Bild in einem Spiegel.

Zudem belastet mich der Gedanke, mit jemand anderem in Kontakt treten zu müssen. Eine schlichte Einladung zu einem Abendessen mit einem Freund versetzt mich in eine schwer zu beschreibende Angst. Der Gedanke an eine gesellschaftliche Verpflichtung, welcher Art auch immer, sei es die Teilnahme an einer Beerdigung, ein geschäftliches Gespräch oder ein Gang zum Bahnhof, um dort jemanden, den ich kenne oder nicht kenne, in Empfang zu nehmen – allein der Gedanke daran bringt mich einen Tag lang, bisweilen bereits am Abend zuvor, aus dem Konzept; ich schlafe schlecht, und wenn es dann wirklich soweit ist, verläuft alles völlig problemlos, und die Aufregung erweist sich als absolut unnötig; aber jedes Mal ist es wieder dasselbe, ich werde nie lernen, etwas daraus zu lernen.

»Meine Gewohnheiten werden von der Einsamkeit bestimmt, nicht von den Menschen«; ich weiß nicht, ob Rousseau dies gesagt hat oder Senancour. Jedenfalls war es ein Denker meines Schlags – um nicht zu sagen meiner Rasse.


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