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2. 9. 1931
Inkognito habe ich dem stufenweisen Verfall meines Lebens beigewohnt, dem langsamen Schiffbruch all dessen, was ich sein wollte. Ich kann von mir sagen, und dies ist eine jener toten Wahrheiten, die keine Blumen braucht, um sie auszusprechen, daß nichts, was ich je geliebt oder auch nur für einen Augenblick erträumt hätte, mir nicht unter den Fenstern zerfallen wäre wie Staub, der aussah wie ein Klumpen Erde, bevor er von oben aus einem Blumentopf fiel. Es scheint fast, als hätte sich das Schicksal stets bemüht, mich etwas so lieben oder begehren zu lassen, daß es mir am folgenden Tag vor Augen führen konnte, wie aussichtslos dieses Unterfangen war oder wäre.
Ironischer Zuschauer meiner selbst, habe ich jedoch nie mein Interesse am Treiben des Lebens verloren. Und da ich nun von vornherein um die Enttäuschung jeder noch so vagen Hoffnung weiß, erleide ich das besondere Vergnügen, Enttäuschung und Hoffnung gleichermaßen genießen zu können, ihren bitteren und süßen Beigeschmack, süßer noch angesichts alles Bitteren. Ich bin ein finsterer Stratege, der aus all seinen verlorenen Schlachten lernte, sich bereits am Vorabend jeder neu zu schlagenden Schlacht genußvoll und minutiös der Planung seines unvermeidlichen Rückzugs zu widmen.
Wie ein böser Geist hat mich mein Schicksal damit gequält, nur haben zu wollen, was ich wohlweislich nicht haben kann. Sehe ich auf der Straße einen Augenblick lang eine ehetaugliche Mädchengestalt und stelle mir für nur einen Augenblick gänzlich gleichgültig vor, wie es wäre, wenn sie die Meine würde, so trifft dieses Mädchen mit Gewißheit zehn Schritte nach meinem Traum den Mann, der ganz augenfällig ihr Ehemann oder Geliebter ist. Ein Romantiker machte daraus eine Tragödie; ein Fremder empfände dies als Komödie: Ich neige eher zur Tragikomödie, und da ich in meinem Inneren Romantiker bin und mir selbst fremd, blättere ich weiter zur nächsten Ironie.
Einige meinen, ohne Hoffnung sei das Leben undenkbar, andere, mit Hoffnung sei es leer. Für mich, der ich alles Hoffen oder Nichthoffen aufgegeben habe, ist das Leben schlicht ein äußeres Bild, das mich einschließt und das ich mir ansehe wie ein Schauspiel ohne Handlung, inszeniert nur, die Augen zu erfreuen – ein Tanz, dem etwas fehlt, sich bewegende Blätter im Wind, Wolken, in denen das Sonnenlicht die Farbe verändert, ein Gewirr alter Straßen, vorgezeichnet vom Zufall, in verschiedenen Vierteln der Stadt.
Ich bin weitgehend die Prosa, die ich schreibe. Ich entfalte mich in Sätzen und Passagen, ich bin mein Punkt und mein Komma und auf meiner haltlosen Suche nach Bildern ein Kind, das sich in Zeitungspapier wie ein König kleidet, und in dem Maße, in dem ich mit Wortreihen Rhythmen schaffe, kröne ich mich wie ein Verrückter mit verwelkten Blumen, die in meinen Träumen unvermindert blühen. Und bei alledem bin ich still wie eine Stoffpuppe, die, sich ihrer bewußt geworden, hin und wieder den Kopf schüttelt, damit das Glöckchen an ihrer Zipfelmütze (einem wesentlichen Teil des Kopfes) etwas zum Klingen bringt: das Leben eines Toten, als winzigen Hinweis an das Schicksal.
Wie oft aber kommt inmitten dieser friedlichen Unzufriedenheit im Bewußtsein meiner Emotion ein Gefühl der Leere und des Überdrusses auf, so denken zu müssen! Wie oft empfinde ich wie einer, der Stimmen hört hinter verklingenden und erklingenden Lauten, die Bitternis, die diesem, dem menschlichen Leben so fremden Leben zugrunde liegt – einem Leben, das nur im Bewußtsein dieses Lebens lebt! Wie oft erkenne ich nicht, aus meiner inneren Emigration erwachend, die ich bin, wie viel besser es wäre, für alle ein Niemand zu sein, dieser Glückliche, der zumindest die wirkliche Bitterkeit kennt, dieser Zufriedene, der Müdigkeit statt Überdruß verspürt, der leidet, statt zu glauben, er leide, der sich umbringt, ja, sich umbringt, statt dahinzusiechen!
Ich bin eine Romangestalt geworden, ein gelesenes Leben. Was immer ich fühle, fühle ich unwillentlich, damit ich niederschreiben kann, daß ich es gefühlt habe. Was immer ich denke, wird sogleich zu Worten, verbunden mit Bildern, die es auflösen, in Rhythmen aufgehen lassen, die etwas anderes bedeuten. Durch mein beständiges Mich-wieder-Zusammensetzen habe ich mich zerstört. Durch mein beständiges Mich-Denken bin ich meine Gedanken geworden, nicht aber ich selbst. Ich habe mich ausgelotet und das Lot fallen gelassen; und nun frage ich mich Tag für Tag, ob ich tief bin oder nicht, und habe als einziges Lot nur mehr meinen Blick, der mir klar auf schwarzem Grund im Spiegel eines tiefen Brunnens mein Gesicht zeigt, das mich, es betrachtend, betrachtet.
Ich bin wie eine Spielkarte, eine alte, unbekannte Farbe, die einzig verbliebene eines verlorengegangenen Spiels. Ich habe keinen Sinn, ich kenne meinen Wert nicht, ich habe nichts, womit ich mich vergleichen könnte, um mich zu finden, ich habe nichts, was mir helfen könnte, mich zu erkennen. Und so, mich Bild um Bild beschreibend – einmal mehr, einmal weniger wahrheitsgetreu –, bin ich eher in den Bildern als in mir selbst, sage, wer ich bin, bis ich nicht mehr bin, schreibe mit meiner Seele wie mit Tinte, einzig zum Schreiben zu gebrauchen. Doch meine Reaktion läßt nach, und ich resigniere erneut. Ich kehre in mich zurück, zu dem, was ich bin, auch wenn es nichts ist. Und etwas wie nicht geweinte Tränen brennt in meinen starren Augen, etwas wie eine nicht empfundene Angst sitzt mir rauh in der trockenen Kehle. Doch ich weiß nicht einmal, worüber ich geweint hätte, hätte ich es denn getan, noch warum ich es nicht getan habe. Die Fiktion folgt mir wie mein Schatten. Und ich möchte nur noch schlafen.