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Ich träume nicht davon, dich zu besitzen. Wozu auch? Ich würde meinen Traum nur herabwürdigen. Einen Körper zu besitzen heißt banal sein. Davon träumen, einen Körper zu besitzen, ist vielleicht noch schlimmer, sofern dies überhaupt möglich ist: denn dies hieße, davon träumen, banal zu sein – der Horror schlechthin.
Und da wir unfruchtbar sein wollen, laß uns auch keusch sein, denn nichts ist abscheulicher und niedriger als dem Fruchtbaren der Natur zu entsagen und hinterrücks am Genuß festzuhalten, den uns unser Entsagen verschafft. Es gibt kein halbherzig edles Verhalten.
Laß uns keusch sein wie Eremiten, rein wie geträumte Leiber, und uns damit abfinden, nicht anders zu sein, närrische Betschwestern …
Möge unsere Liebe uns Gebet sein … Salbe mich mit deinem Anblick, und ich werde die Augenblicke, in denen ich dich träume, in einen Rosenkranz verwandeln, und mein Überdruß wird das Paternoster sein und meine Angst das Ave-Maria …
Laß uns so bleiben bis in alle Ewigkeit: eine Männergestalt in einem Kirchenfenster von Angesicht zu Angesicht mit einer Frauengestalt in einem anderen Kirchenfenster … Zwischen uns Schatten, kalt hallende Schritte, die vorüberziehende Menschheit … Gebetsgemurmel, geheimnisvolles […], bisweilen erfüllt Weihrauch- […] die Luft. Dann wieder versprengt eine Statue Weihwasser … und wir, die Kirchenfenster, sind die immergleichen, in den Farben, wenn die Sonne auf uns fällt, in den Umrissen, wenn die Nacht hereinbricht … Die Jahrhunderte werden nicht an unserer gläsernen Stille rühren … Draußen werden Zivilisationen vorüberziehen, Revolten ausbrechen, Feste rauschen, friedliche, alltägliche Völkerschaften vorübereilen … Und wir, meine unwirkliche Liebe, werden in der immergleichen nutzlosen Bewegung verharren, in der immergleichen falschen Existenz, der immergleichen […]
Bis eines Tages, Jahrhunderte und Reiche werden vergangen sein, die Kirche einstürzt und alles endet …
Wir aber, die wir nichts wissen von ihr, werden weiter, ich weiß nicht wie, nicht in welchem Raum noch wie lange, fortdauern als bunte Glasfenster, Stunden naiver Linienführung, Pinselstriche eines Künstlers, der lange schon unter einer gotischen Grabplatte schläft, auf der zwei Engel mit gefalteten Händen die Vorstellung vom Tod in Marmor erstarren lassen.