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Abermals habe ich eine Aufzeichnung von mir gefunden, auf Französisch, die bereits fünfzehn Jahre zurückliegt. Ich bin nie in Frankreich gewesen, habe nie näheren Umgang mit Franzosen gehabt und bin daher niemals in dieser Sprache so geübt gewesen, als daß ich aus der Übung hätte kommen können. Ich lese heute so viel Französisch wie eh und je. Ich bin älter geworden, praktischer im Denken; ich muß Fortschritte gemacht haben. Und jene Aufzeichnung aus meiner fernen Vergangenheit zeigt eine Sicherheit im Gebrauch des Französischen, die ich heutzutage nicht besitze; der Stil ist so flüssig, wie er mir heute in dieser Sprache nicht zu Gebote steht; es gibt da ganze Abschnitte, vollständige Sätze, Formen und Ausdrucksweisen, die eine Sprachbeherrschung erkennen lassen, die mir abhanden gekommen ist, ohne daß ich mich erinnern könnte, sie je besessen zu haben. Wie erklärt sich das? Wer ist in mir an meine Stelle getreten?
Ich weiß wohl, es ist ein leichtes, eine Theorie vom Verfließen der Dinge und Seelen zu entwerfen, zu begreifen, daß wir ein innerer Lebenslauf sind, sich vorzustellen, daß wir durch uns selbst hindurchgehen, daß wir viele waren … Doch wir haben es hier mit etwas anderem zu tun, nicht mit dem bloßen Dahinströmen der Persönlichkeit zwischen ihren eigenen Ufern; hier ist es das andere Absolute, ein fremdes Wesen, das meines war. Mit fortschreitendem Alter Phantasie, Gefühl, eine bestimmte Intelligenz, eine bestimmte Art des Empfindens verlieren zu müssen – dies alles täte mir weh, ohne mich sonderlich zu verwundern. Aber was erlebe ich, wenn ich mich wie einen Fremden lese? An welchem Rand stehe ich, wenn ich mich selbst in der Tiefe sehe?
Andere Male wieder finde ich Notizen, die ich mich nicht nur nicht erinnern kann, geschrieben zu haben – was kaum erstaunlich ist –, sondern die ich mich nicht einmal erinnere, geschrieben haben zu können – was mich erschreckt. Gewisse Sätze verraten eine andere Mentalität. Es ist, als fände ich ein altes Bild, von dem ich weiß, es ist meines, mit anderer Statur und unbekannten Gesichtszügen – und dennoch unleugbar meines, schreckenerregend ich.