Peristyl
In den Stunden, in denen die Landschaft eine Aureole des Lebens ist und der Traum nur ein Sich-Träumen, habe ich in der Stille meiner Unruhe, Liebste, dieses seltsame Buch errichtet wie die offenen Tore eines verlassenen Hauses.
Um es zu schreiben, habe ich die Seelen aller Blumen gepflückt und aus den flüchtigen Augenblicken aller Gesänge aller Vögel Ewigkeit und Stillstand gewebt. Wie eine Weberin […] setzte ich mich ans Fenster meines Lebens, vergaß, daß ich dort wohnte und war, und webte Laken, um meinen Überdruß in das keusche Linnen für die Altäre meiner Stille zu hüllen […] Und ich schenke dir dieses Buch, weil ich weiß, es ist schön und unnütz. Es lehrt nichts, macht nichts glauben und nichts fühlen. Es fließt zu einem Abgrund aus Asche, die der Wind verweht und die nicht fruchtbar ist noch schädlich […] Ich habe es mit meiner Seele geschrieben und schreibend ans Schreiben gedacht, nur an mich, der ich traurig bin, und an dich, der du niemand bist.
Und weil dieses Buch absurd ist, liebe ich es; weil es unnütz ist, möchte ich es weitergeben, an dich, dir geben …
Bete für mich, indem du es liest, segne mich, indem du es liebst, und vergiß es, wie die Sonne heute die Sonne von gestern vergißt (und wie ich jene Frauen aus den Träumen vergesse, die ich nie zu träumen verstand).
Turm der Stille meines Sehnens, möge dieses Buch das Mondlicht sein, das dich zu einer anderen machte in der Nacht des Alten Mysteriums!
Fluß der schmerzlichen Unvollkommenheit, möge dieses Buch das Boot sein, das mit deinen Wassern abwärts treibt, als Traummeer zu enden.
Landschaft der Entfremdung und Verlorenheit, möge dieses Buch dein sein wie deine Stunde und nicht begrenzt sein von dir oder der Stunde falschen Purpurs.
*
Flüsse, ewige Flüsse fließen unter dem Fenster meiner Stille. Stets habe ich das andere Ufer vor Augen und weiß nicht, warum ich mich nicht dorthin träume – als ein anderer und glücklich. Vielleicht, weil allein du tröstest, allein du in den Schlaf wiegst, allein du salbst und Messen liest.
Welch weiße Messe unterbrichst du, um mir den Segen deines Erscheinens zuteil werden zu lassen? In welcher Schlangenbewegung deines Tanzes stehst du plötzlich still und mit dir die Zeit, um aus diesem Stillstand eine Brücke zu meiner Seele zu schlagen und aus deinem Lächeln den Purpur meines Glanzes zu zaubern?
Schwan rhythmischer Unruhe, Lyra unsterblicher Stunden, leise Harfe mythischen Kummers – du bist die Erwartete und die Gegangene, die liebkost und verletzt, die Freude mit Schmerz vergoldet und Trauer mit Rosen krönt.
Welch ein Gott hat dich erschaffen, welch ein Gott, gehaßt von dem, der sich die Welt erschuf?
Du weißt es nicht, weißt nicht, daß du es nicht weißt, und möchtest es weder wissen noch nicht wissen. Du hast dein Leben aller Ziele entledigt, hast dein Erscheinen mit dem Nimbus des Unwirklichen umgeben, dich in Vollkommenheit und Unberührbarkeit gekleidet, damit selbst die Horen dich nicht küssen, noch die Tage dir ein Lächeln schenken, noch die Nächte kommen, dir den Mond, wie eine Lilie, in die Hände zu legen.
Streu aus über mir, Liebste, die Blätter der schönsten Rosen, der lieblichsten Lilien, Chrysanthemenblätter, duftend nach der Melodie ihres Namens.
Mein Leben werde ich sterben in dir[87] , o Jungfrau, von keinem Arm erwartet, von keinem Kuß gesucht, von keinem Gedanken entjungfert.
Vorhof (Vorhof nur) aller Hoffnungen, Türschwelle aller Wünsche, Fenster zu allen Träumen, […]
Belvedere auf alle Landschaften nächtlicher Wälder und ferner Flüsse, schimmernd in verschwenderischem Mondlicht …
Verse, Prosa, nicht einmal im Traum geschrieben, nur erträumt.
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Du existierst nicht, ich weiß es genau, doch weiß ich mit Gewißheit, ob ich existiere? Ich, durch den du in mir existierst, habe ich mehr wirkliches Leben als du, als dieses Leben[88] , das dich lebt?
Flamme, Strahlenkranz jetzt, abwesende Gegenwart, Stille, rhythmisch und weiblich, Zwielicht unbestimmbaren Fleisches, Pokal, vergessen für das Bankett, Kirchenfenster, gemalt von eines Malers Traum im Mittelalter einer anderen Erde.
Kelch und Hostie von keuscher Schönheit, Altar, verlassen von einer lebenden Heiligen, Blütenkrone einer geträumten Lilie des unberührten Gartens …
Einzige Gestalt, derer man nie überdrüssig wird, du veränderst dich mit unseren Gefühlen, küßt unsere Freude, wiegst unseren Schmerz ein und unseren Überdruß, bist ihnen das lindernde Opium, der erfrischende Schlaf, der die Hände zusammenführt und kreuzt.
Engel […], aus welchem Stoff ist deine geflügelte Substanz? Welches Leben bindet dich an welche Erde, dich, du allzeit gefangener Flug, stillstehende Himmelfahrt, Geste der Verzückung und der Ruhe?
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Mein Dich-Träumen wird meine Stärke sein, und spreche ich von deiner Schönheit, wird meine Prosa melodisch in der Form und schwingend in den Strophen, plötzlicher Glanz unsterblicher Verse.
Laß uns, du Nur-Meine, eine nie dagewesene Kunst schaffen aus deiner Existenz und aus meinem Dich-existieren-Sehen.
Auf daß ich die Seele neuer Verse aus deinem nutzlosen Amphorenkörper schöpfe und meine zitternden Finger in deinem langsam stillen Wellenrhythmus die hinterhältigen Linien einer noch jungfräulichen, nie gehörten Prosa finden.
Dein melodisch verlöschendes Lächeln sei mir Symbol, sichtbares Sinnbild, wenn sich die Welt mit stillem Seufzer als Irrtum und Unvollkommenheit erkennt.
Mögen deine Harfenspielerinnenhände mir die Lider schließen, wenn ich mein Leben sterbe beim Dir-Leben-Geben. Und du, Hohe Frau, die du niemand bist, wirst für immer die geliebte Kunst der Götter sein, die nie waren, und die jungfräulich unfruchtbare Mutter der Götter, die nie sein werden.