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25. 7. 1932
Die Klassifikatoren von Dingen, also jene Wissenschaftler, deren Wissenschaft nur im Klassifizieren besteht, wissen im allgemeinen nicht, daß das Klassifizierbare unendlich ist und also nicht klassifiziert werden kann. Was mich dabei aber in Erstaunen versetzt, ist, daß sie die Existenz von klassifizierbaren Unbekannten außer acht lassen, Vorgänge der Seele und des Bewußtseins, die in den Zwischenräumen der Erkenntnis geschehen.
Weil ich vielleicht zuviel denke oder träume, mache ich keinen Unterschied zwischen der Realität, die existiert, und dem Traum, der Realität, die nicht existiert. Und so schiebe ich in meine Betrachtungen über Himmel und Erde Dinge ein, die nicht in der Sonne glitzern oder mit Händen zu greifen sind – schwer faßbare Wunder der Einbildungskraft.
Ich vergolde mich mit vorgestellten Sonnenuntergängen, aber auch das Vorgestellte ist in der Vorstellung lebendig. Ich freue mich über imaginäre Brisen, das Imaginäre aber lebt, wenn man es sich vorstellt. Verschiedenen Hypothesen zufolge habe ich eine Seele, aber diese Hypothesen haben ihre eigene Seele, und die schenken sie mir.
Das einzige Problem ist das Realitätsproblem, es ist so unlösbar wie lebendig. Was weiß ich vom Unterschied zwischen einem Baum und einem Traum? Ich kann den Baum berühren: Ich weiß, ich träume den Traum. Was bedeutet diese Wahrheit?
Was bedeutet dies? Ich kann allein in dem menschenleeren Büro in meiner Phantasie leben, ohne daß mein Verstand Schaden nimmt. Meine Gedanken werden weder von den verlassenen Schreibpulten noch von den Warenpacken mit dem zugehörigen Papier und den Bindfadenknäueln unterbrochen. Ich sitze nicht auf meiner hohen Bank, sondern lehne mich auf dem runden Armstuhl Herrn Moreiras zurück, als ob ich meine Beförderung vorwegnähme. Vielleicht ist es der Einfluß des Ortes, der mich mit Geistesabwesenheit salbt. Hitzetage machen schläfrig; ich schlafe, ohne zu schlafen, aus Mangel an Energie. Daher diese Gedanken.