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29. 8. 1933
Hin und wieder herrscht in Lissabon ländliche Ruhe. Manchmal, insbesondere zur Mittagszeit im Sommer, kommt das Land wie ein Windstoß in die lichterfüllte Stadt. Und sogar hier in der Rua dos Douradores schlafen wir dann einen ruhigen Schlaf.
Wie wohltuend für die Seele, unter einer hohen stillen Sonne diese strohbeladenen Fuhrwerke, diese unverpackten Kisten, diese uneiligen Passanten einer dörflich gewordenen Stadt verstummen zu sehen! Ich selbst, der ich sie vom Fenster des verwaisten Büros aus betrachte, befinde mich an einem anderen Ort: einem stillen Marktflecken in der Provinz, lebe dahin in einem kleinen, unbekannten Dorf und bin glücklich, weil ich ein anderer bin.
Ich weiß: Wenn ich aufsehe, sind da die schmutzigen Häuserzeilen, die ungeputzten Fenster aller Büros der Unterstadt, die widersinnigen Fenster der oberen Etagen, wo noch immer Leute wohnen, und ganz oben, zwischen den Giebelfenstern, zwischen Blumentöpfen und Pflanzen, in der Sonne, die ewig flatternde Wäsche. Ja, ich weiß, aber das Licht, das all dies vergoldet, ist so sanft, so ohne Sinn die stille Luft, die mich umgibt, daß ich nicht einmal einen »sichtbaren« Grund habe, auf mein Potemkinsches Dorf zu verzichten, meinen kleinen Marktflecken, wo der Handel ein Ausruhen ist.
Ich weiß, ich weiß … Es ist in der Tat die Stunde des Mittagessens, der Entspannung oder des Nichtstuns. Alles geht gut an der Oberfläche des Lebens. Ich selbst schlafe, auch wenn ich mich über das Balkongeländer lehne wie über die Reling eines Schiffes, das mir eine neue Landschaft erschließt. Selbst ich lasse meine Gedanken ruhen, als lebte ich in der Provinz. Aber mit einem Mal taucht etwas anderes auf, hüllt mich ein und befiehlt mir: Und schon sehe ich hinter dem Mittag des Marktfleckens alles Leben in dieser kleinen Stadt; ich sehe das große stumpfsinnige Glück des Familienlebens das große stumpfsinnige Glück des Lebens auf dem Lande, das große stumpfsinnige Glück der Ruhe inmitten von Schmutz. Ich sehe, weil ich sehe. Aber ich habe nicht gesehen und wache auf. Ich schaue umher, lächle und klopfe als erstes den Staub von den Ellbogen meines leider dunklen Anzugs, der sich auf dem nie gesäuberten Balkongeländer angesammelt hat, und weiß noch nicht, daß dieses Geländer eines Tages, wenn auch nur für Augenblicke, die staubfreie Reling eines Schiffes auf einer endlosen Kreuzfahrt werden soll.