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1. 2. 1931
Nach all den Regentagen holt der Himmel erneut sein Blau zurück aus dem Versteck in die hohen weiten Räume. Zwischen den Straßen, auf denen Pfützen schlafen wie ländliche Tümpel, und der klaren, kühlen Heiterkeit in den Lüften herrscht ein Gegensatz, der die schmutzigen Straßen angenehm und den winterlich banalen Himmel frühlingshaft erscheinen läßt. Es ist Sonntag, und ich habe nichts zu tun. Selbst das Träumen lockt mich nicht, so schön ist der Tag. Ich genieße ihn aufrichtig und mit all meinen Sinnen, denen sich mein Verstand ergibt. Ich gehe spazieren wie ein befreiter Kassierer. Ich fühle mich alt, nur um mich freudig jünger werden zu fühlen.
Auf dem großen sonntäglichen Platz herrscht die feierliche Stimmung einer anderen Art Tag. In der Kirche von Santo Domingo ist soeben eine Messe zu Ende gegangen, und gleich beginnt die nächste. Einige Leute kommen heraus, andere sind noch nicht hineingegangen, warten auf Leute, die nicht sehen, wer herauskommt.
Alle diese Dinge sind unwichtig. Sie sind, wie alles im normalen Leben, ein Schlaf der Geheimnisse und der Zinnen, von denen ich, wie ein Herold nach erfülltem Auftrag, hinab auf die weite Ebene meiner Betrachtungen blicke.
Früher, als Kind, besuchte ich die gleiche Messe oder vielleicht auch eine andere, aber es wird wohl diese gewesen sein. Pflichtbewußt zog ich meinen einzigen besseren Anzug an und genoß alles – selbst wenn es nichts zu genießen gab. Ich lebte äußerlich, und mein Anzug war sauber und neu. Was kann einer mehr verlangen, der an der Hand seiner Mutter geht, sterben muß und es nicht weiß?
Früher habe ich all dies genossen und verstehe deshalb vielleicht erst jetzt, wie sehr ich es genossen habe. Ich ging in die Messe wie in ein großes Geheimnis und aus ihr wie auf eine Lichtung. So war es wirklich und ist es wirklich noch immer. Nur ein Wesen, das nicht mehr glauben kann und erwachsen ist, mit einer Seele, die sich daran erinnert und weint, kennt Erfindung und Verstörung, Verwirrung und kalten Stein.
Jawohl, was ich bin, wäre unerträglich, könnte ich mich nicht erinnern, was ich war. Und all die fremden Menschen, die noch immer aus der Messe strömen, und all die möglichen Menschen, die sich für die nächste Messe einstellen, sind wie Schiffe, die auf einem trägen Fluß unter den geöffneten Fenstern meines Hauses am Ufer vorüberziehen.
Erinnerungen, Sonntage, Messen, Freude, gewesen zu sein, Wunder der Zeit, die blieb, da sie bereits vergangen war, und nie in Vergessenheit gerät, weil sie mein war … Absurde Diagonale gewöhnlicher Sinneswahrnehmungen, plötzliches Geräusch einer Droschke, deren Räder widerhallen im lärmenden Schweigen der Automobile, irgendwie besteht sie dank eines mütterlichen Paradoxons der Zeit heute hier fort zwischen dem, was ich bin, und dem, was ich verlor, im zurückgewandten Blick dessen, der ich bin …