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27. 7. 1930


Die meisten Leute leiden an dem Unvermögen, zu sagen, was sie sehen und denken. Es heißt, nichts sei schwieriger als eine Spirale mit Worten zu definieren. Dazu, heißt es wiederum, müsse man in der Luft mit der Hand und ohne Literatur eine stetig aufwärts drehende Bewegung beschreiben, durch die sich jene Sprungfedern und manchen Treppen eigene Form dem Auge darstellt. Doch sobald wir uns vergegenwärtigen, daß sagen erneuern heißt, ist es uns ein leichtes, eine Spirale zu definieren: sie ist ein aufsteigender, sich nie schließender Kreis. Ich weiß wohl, die meisten Leute würden eine solche Definition nie wagen, da sie annehmen, definieren hieße sagen, was andere wollen, daß man sagt, und nicht, was man sagen sollte, um zu definieren. Genauer gesagt: Eine Spirale ist ein virtueller Kreis, der sich aufsteigend fortsetzt, ohne je Kreis zu werden. Aber nein, auch diese Definition ist noch immer abstrakt: Ich werde mich des Konkreten bedienen, und alles wird klar sein: Eine Spirale ist eine vertikal um ein Nichts gewundene Schlange, die keine Schlange ist. Alle Literatur ist ein Versuch, das Leben wirklich werden zu lassen. Wie wir alle wissen, auch wenn wir unwissentlich handeln, ist das Leben in seiner unmittelbaren Wirklichkeit absolut unwirklich; Felder, Städte, Ideen sind gänzlich künstliche Dinge, Ausgeburten der komplexen Wahrnehmung unserer selbst. Alle Eindrücke sind unvermittelbar, es sei denn, wir lassen sie Literatur werden. Kinder sind überaus literarische Wesen, denn sie sprechen, wie sie fühlen, und nicht wie fühlen muß, wer wie ein anderer fühlt. Ich hörte einmal ein Kind, das sagen wollte, es sei den Tränen nahe, nicht sagen: »Ich möchte am liebsten weinen«, wie ein Erwachsener, das heißt ein Dummkopf sagen würde, sondern: »Ich möchte am liebsten Tränen.« Und dieser Satz, so literarisch, daß er bei einem berühmten Dichter affektiert wirkte, sofern er zu ihm in der Lage wäre, bezieht sich unmittelbar auf die warme Gegenwart der Tränen, die bitter den Lidern entströmen. »Ich möchte am liebsten Tränen!« Jenes kleine Kind hat seine Spirale bestens definiert!

Sagen! Sagen können! Durch die geschriebene Stimme und das geistige Bild existieren können! Das macht den Wert des Lebens aus; der Rest sind Männer und Frauen, vermeintliche Lieben und gekünstelte Eitelkeiten, Tücken der Verdauung und des Vergessens, Leute, die zappeln wie Geschmeiß – wenn man einen Stein aufhebt – unter dem großen abstrakten Fels des sinnlos blauen Himmels.


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