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11. 6. 1932
Nachdem die Hitze nachgelassen hatte und ein leichter, zunehmend vernehmbarer Regen einsetzte, entstand in der Luft eine Stille, die der Luft in der Hitze nicht eigen war, ein neuer Friede, in den das Wasser seine eigene Brise mischte. So hell war die Freude dieses Regens ohne Sturm oder Finsternis, daß jene, die weder einen Schirm noch einen Mantel mit sich trugen, und das waren fast alle, bei ihrem raschen Gang über die regennasse Straße lachend miteinander sprachen.
Während eines müßigen Augenblicks trat ich ans offene Fenster meines Büros – man hatte es wegen der Hitze geöffnet, nicht aber während des Regens geschlossen – und betrachtete wie immer mit intensiv gleichgültiger Aufmerksamkeit, was ich soeben genau beschrieben habe, noch bevor ich es in Augenschein nahm. Ja, da lief fröhlich die banale Zweisamkeit, lächelnd und sich unterhaltend im Nieselregen, eher schnellen als eiligen Schritts durch den nunmehr verhangenen, klaren lichten Tag.
Jetzt aber erschien in meinem Blickfeld hinter einer Straßenecke unversehens ein alter abgerissener Mann, arm und nicht ergeben, unter dem nachlassenden Regen ungeduldig ausschreitend. Er, der mit Sicherheit kein Ziel hatte, war zumindest ungeduldig. Und schon betrachtete ich ihn nicht mehr mit jener unachtsamen Aufmerksamkeit, wie man sie Dingen schenkt, sondern mit jener, die Symbole erkennt. Er war das Symbol eines Niemands, deshalb hatte er es eilig. Er war das Symbol eines Menschen, der nichts war, deshalb litt er. Er gehörte nicht zu denen, die lächelnd die unbequeme Freude des Regens spürten, sondern zum Regen selbst – ein unbewußt Lebender, so sehr fühlte er die Wirklichkeit.
Doch nicht das wollte ich eigentlich sagen. Zwischen meine Beobachtung des Passanten, den ich letztlich rasch aus den Augen verlor, weil ich ihm nicht länger nachschaute, und den Zusammenhang dieser Beobachtungen schob sich ein Geheimnis der Unaufmerksamkeit, ein gefährlicher Augenblick der Seele, der meinen Gedankengang unterbrach. Und inmitten meiner Abwesenheit höre ich nun, ohne zu hören, die Stimmen der Packer hinten im Büro, dort, wo das Warenlager anfängt, und sehe, ohne zu sehen, die doppelt geschlungenen Verpackungsschnüre der Postpakete; zweifach, unter Scherzen und Scheren, werden die Knoten geknüpft um das graue Papier der Pakete auf dem Tisch am Fenster zum Hinterhof.
Sehen heißt gesehen haben.