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2. 7. 1931
Nach einer schlecht geschlafenen Nacht kann uns niemand recht ausstehen. Der flüchtige Schlaf hat etwas von unserer Menschlichkeit mit sich genommen. Eine latente Gereiztheit scheint sogar in der uns umgebenden leblosen Luft zu liegen. Letztlich sind wir selbst es, die nicht mit uns einverstanden sind und zwischen uns die stille Schlacht der Diplomatie austragen.
Heute habe ich meine Füße und meine Erschöpfung durch die Straßen geschleppt. Meine Seele ist zu einem wirren Knäuel geschrumpft, und was ich bin und war, mein Ich, hat seinen Namen vergessen. Sollte es für mich ein Morgen geben, so weiß ich nur, daß ich nicht geschlafen habe, und das Durcheinander verschiedener Zeitspannen erlegt meiner inneren Rede tiefes Schweigen auf.
Ach, ihr großen Parkanlagen der anderen, ihr Gärten für so viele Benutzer, ihr wundervollen Alleen all derer, die nie Notiz von mir nehmen werden! Ich lebe dahin zwischen durchwachten Nächten wie einer, der es nie gewagt hat, überflüssig zu sein, und das, worüber ich nachdenke, schrickt mit einem abschließenden Traum aus dem Schlaf.
Ich bin ein verwaistes, klösterliches Haus, verschattet von scheu huschenden Gespenstern. Und stets bin ich im Zimmer nebenan, es sei denn, sie sind dort, und um mich her das große Rauschen der Bäume. Ich träume und finde; ich finde, weil ich träume. Meine Kindertage! Sogar ihr tragt eine Spielschürze!
Und bei alledem gehe ich durch die Straßen, schläfrig, ein vagabundierendes Blatt. Ein langsamer Wind hat mich vom Boden gefegt, und ich irre wie das Ende einer Dämmerung zwischen dem Geschehen in der Landschaft einher. Die Schwere meiner Augenlider geht über auf meine schlurfenden Füße. Ich möchte schlafen, weil ich gehe. Mein Mund ist geschlossen, als seien meine Lippen versiegelt. Mein Umherschweifen kommt einem Schiffbruch gleich.
Ja, ich habe nicht geschlafen, aber ich bin mir meiner gewisser, wenn ich weder geschlafen habe noch schlafe. Ich bin wirklich ich in dieser zufälligen und symbolischen Ewigkeit des halbseelischen Zustands, in dem ich mich täusche. Der eine oder andere Passant schaut mich an, als kenne er mich, aber scheint befremdet. Ich fühle, daß ich sie gleichfalls ansehe aus Augenhöhlen, die ich unter meinen Lidern spüre, aber ich will nichts wissen von der Welt.
Ich bin müde, so müde, todmüde.