Von der Kunst des rechten Träumens I
Grundvoraussetzung hierfür ist, daß du nichts achtest, an nichts glaubst, nichts […]. Doch bekundest du Mißachtung, halte fest an dem Wunsch nach Achtung; zeigst du Mißfallen gegenüber Ungeliebtem, halte fest an dem schmerzlichen Verlangen nach einem geliebten Wesen; verachtest du das Leben, vergiß nicht, daß es schön sein muß, es leben und lieben zu können. Damit legst du die Fundamente für dein Traumgebäude.
Und merke: Was du anstrebst, ist höher als alles andere. Träumen heißt sich finden. Du wirst der Kolumbus deiner Seele sein. Du wirst ihre Landschaften erkunden. Versichere dich also, daß du den richtigen Kurs eingeschlagen hast und deine Instrumente dich nicht in die Irre führen.
Die Kunst des Träumens ist schwer, denn sie ist eine Kunst der Passivität, in der wir unser Bemühen darauf konzentrieren, uns nicht zu bemühen. Die Kunst des Schlafens, sofern es sie gäbe, wäre gewiß nicht wesentlich anders.
Und wisse: Die Kunst des Träumens ist nicht die Kunst, unseren Träumen eine bestimmte Richtung zu geben; denn Richtung geben hieße handeln. Der wahre Träumer überläßt sich sich selbst, läßt sich von sich selbst in Besitz nehmen.
Meide alle materiellen Anreize. Anfangs wirst du versucht sein zu masturbieren, Alkohol zu trinken, Opium zu rauchen, […]. All dies heißt sich bemühen und suchen. Willst du ein rechter Träumer sein, darfst du nur träumen, und nichts sonst. Opium und Morphium kauft man in Apotheken – wie also willst du durch sie träumen können? Masturbation ist etwas Physisches – wie also willst du […]
Träume meinethalben vom Masturbieren, wenn es denn sein muß. Wenn du aber vom Opiumrauchen träumst oder von Morphium, dann laß dich von der Vorstellung an das Opium, […] an das Morphium deiner Träume berauschen – dafür verdienst du Lob: Denn du spielst die ruhmreiche Rolle des vollkommenen Träumers.
Halte dich stets für trauriger und unglücklicher als du bist. Das schadet nicht. Die Einbildung ist ein wenig wie eine Leiter zum Traum.