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3. 9. 1931
Die Gefühle, die am meisten schmerzen, die Emotionen, die am meisten quälen, sind zugleich die absurdesten – das Verlangen nach Unmöglichem, weil genau es unmöglich ist, die Sehnsucht nach dem, was niemals war, der Wunsch nach dem, was hätte sein können, der Kummer, kein anderer zu sein, Unzufriedenheit mit der Existenz der Welt. All diese Halbtöne des seelischen Bewußtseins schaffen in uns eine schmerzliche Landschaft, einen ewigen Sonnenuntergang dessen, was wir sind. Unser Selbstgefühl ist dann ein verlassenes Feld in der Dämmerung, traurig mit Schilf an einem Fluß ohne Boote, der hell zwischen weiten Ufern dunkelt.
Ich weiß nicht, ob diese Gefühle Ausdruck einer allmählich in Wahnsinn umschlagenden Trostlosigkeit sind oder Nachklänge einer anderen Welt, in der wir vielleicht gelebt haben – sich überlappende, vermischende Nachklänge, wie im Traum erlebte Dinge, die uns absurd erscheinen, es aber nicht wären, könnten wir sie uns erklären. Ich weiß nicht, ob wir nicht andere Wesen waren, deren größere Vollständigkeit wir heute, als ihre Schatten, unvollständig wahrnehmen – sie haben ihre Festigkeit verloren, und wir können sie uns schlecht vorstellen in der Zweidimensionalität des von uns gelebten Schattens.
Ich weiß, diese Gedanken der Emotion wüten schmerzlich in unserer Seele. Die Unmöglichkeit, uns etwas vorzustellen, dem sie entsprechen könnten, die Unmöglichkeit, etwas zu finden, mit dem sie in unserer Vorstellung verbunden wären – all das lastet auf uns wie eine Strafe, von der niemand weiß, von wem oder warum sie über uns verhängt wurde.
Hat man all dies gefühlt, bleibt unweigerlich ein Mißfallen am Leben und all seinen Äußerungen, ein vorweggenommenes Überdrüssigsein aller Wünsche, ein namenloses Mißfallen an allen Gefühlen. In diesen Stunden subtilen Kummers wird es uns unmöglich, selbst im Traum, Liebhaber, Held oder glücklich zu sein. All das ist leer, sogar in unserer Vorstellung von dem, was es ist. All das wird in einer anderen, für uns unverständlichen Sprache gesagt, uns rätselhaft klingenden Silben. Das Leben ist hohl, die Seele ist hohl, die Welt ist hohl. Alle Götter sterben eines Todes, größer als der Tod. Alles ist leerer als die Leere. Alles ist ein Chaos inexistenter Dinge.
Wenn ich dies bedenke und mich umblicke, um zu sehen, ob die Wirklichkeit meinen Durst löschen kann, sehe ich ausdruckslose Häuser, ausdruckslose Gesichter und ausdruckslose Gesten. Steine, Körper und Ideen – alles tot. Alle Bewegungen sind Stillstand. Nichts sagt mir etwas. Nichts ist mir vertraut, nicht weil ich es befremdlich fände, sondern weil ich nicht weiß, was es ist. Die Welt ist mir abhanden gekommen. Und auf dem Grund meiner Seele liegt – als einzige Wirklichkeit dieses Augenblicks – ein tiefer, unsichtbarer Kummer, traurig wie ein Weinen in einem dunklen Zimmer.