Aus dem Metzler Lexikon Weltliteratur:
Fernando António Nogueira Pessoa
Geb. 13.6.1888 in Lissabon;gest. 30.11.1935 ebd.
Der größte portugiesische Dichter des 20. Jahrhunderts war eine geniale, vielschichtige, in sich gespaltene, widersprüchliche Persönlichkeit. In ihm vollzog sich, in seinen eigenen Worten, ein »Drama em gente«, ein Drama in Menschen, in Persönlichkeiten. Dessen Ausdruck besteht darin, dass er im Laufe seines Lebens rund 70 verschiedene Namen benutzte. Er begann damit – noch spielerisch – bereits als Kind. Als junger Mann verfasste Fernando Pessoa Lyrik in englischer Sprache unter dem Pseudonym Alexander Search. Für sein erst postum veröffentlichtes Hauptwerk O livro do Desassossego por Bernardo Soares (1982; Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, 1985) benutzte er den im Titel genannten Namen als literarische Maske, beschrieb Bernardo Soares aber nicht näher. Daneben schuf er mehrere Persönlichkeiten, denen er seine Feder lieh: Nur schemenhaft bildete er die des Philosophen António Mora aus, andere dagegen – die sogenannten Heteronyme – stehen für eigenständige fiktive Autoren, die P. mit einem jeweils besonderen Stil, Charakter und Lebenslauf sowie eigener Handschrift ausstattete. Die wichtigsten von ihnen sind Alberto Caeiro, Álvaro de Campos und Ricardo Reis. P. publizierte aber auch unter seinem eigenen Namen.
P.s Vater, unter anderem Musikkritiker bei einer Lissabonner Zeitung, starb 1893. Zwei Jahre später heiratete seine Mutter den portugiesischen Konsul in Südafrika. Nach der Übersiedlung besuchte P. die Convent School in Durban und später die Durban High School, deren Leiter W. H. Nicholas, ein großer Humanist und Literaturliebhaber, beeinflusste ihn nachhaltig. Dies mag erklären, warum P. auf Englisch zu schreiben begann. Im Juni 1901 bestand er sein Examen mit Auszeichnung. Nach einem längeren Heimaturlaub kehrte er nach Durban zurück, besuchte Abendkurse an der Commercial School, bereitete sich aber gleichzeitig auf die Aufnahmeprüfung an der Universität des Kaps der Guten Hoffnung vor. Für einen Essay in englischer Sprache wurde er mit dem Queen Victoria Memorial Prize ausgezeichnet, 1904 schloss er seine Ausbildung in Durban mit einem weiteren Examen an der High School ab, erhielt aber, wohl weil er nicht britischer Staatsbürger war, nicht das ersehnte Stipendium für ein Studium in England. P. setzte seine Ausbildung in Portugal fort, brach sein Universitätsstudium jedoch 1907 ab. Nachdem er ein Erbe von seiner Großmutter durch die Investition in eine Druckerei, die bald bankrottging, verloren hatte, begann er als Fremdsprachenkorrespondent zu arbeiten. Von 1912 an veröffentlichte er in der Zeitschrift A Águia, dem Organ der literarischen Bewegung Renascença Portuguesa, eine Reihe von Essays, mit denen er Aufsehen erregte, 1913 begründete er eine neue literarische Strömung, den Paulismo, so genannt nach seinem Gedicht »Pauis« (»Sümpfe«). Von da an beteiligte sich P. mit Essays und Gedichten, die er in verschiedenen Zeitschriften wie Teatro und der einzigen Nummer der Renascença publizierte, am literarischen Leben Portugals, auch nahm er intensiv an Treffen, Gesprächen und Diskussionen mit anderen jungen Künstlern teil.
Am 8. März 1914 hatte er ein sein Leben und Schaffen prägendes Erlebnis, das er später als seinen »dia triunfal« (Tag des Triumphes) bezeichnete. In jener Nacht offenbarte sich in ihm Alberto Caeiro, und P. schrieb als dieser, angeblich in einem Zuge, die über 30 Gedichte des Buches O Guardador dos rebanhos (1925; Der Hüter der Herden, 2004). Noch in derselben Nacht verfasste er, um zu sich zurückzufinden, als P. die sechs Gedichte von Chuva oblíqua (Schräger Regen), mit denen er eine weitere literarische Strömung, den Intersecconismo, einleitete. Im selben Jahr schrieb er auch ein Gedicht unter dem Heteronym Ricardo Reis. 1915 erschienen die beiden einzigen Nummern der Zeitschrift Orpheu, des Schlüssels zur portugiesischen Moderne. P. war daran maßgeblich beteiligt und legte unter seinem eigenen Namen sowie als Álvaro de Campos Gedichte vor. Zur Publikation der dritten Nummer, für die er mehrere Beiträge verfasste, kam es nicht mehr, er veröffentlichte jedoch bis 1917 auf Portugiesisch mehrere Gedichte und Aufsätze in verschiedenen Zeitschriften unter den Namen Pessoa und de Campos.
Daneben beteiligte P. sich an der Gründung einer Firma, die ihre Geschäfte aber bereits 1918 wieder einstellen musste. Im Selbstverlag publizierte er zwischen 1918 und 1921 zwei broschierte Bücher mit in englischer Sprache verfassten Sonetten und anderen Gedichten, darunter Antinous (1918). In dieser Zeit schrieb er die Poemas inconjuntos (Verstreue Gedichte) des Heteronyms Alberto Caeiro, die er jedoch zurückdatierte, da er Caeiro 1915 hatte sterben lassen. Außerdem fuhr er fort, Gedichte und Aufsätze in portugiesischer und englischer Sprache in verschiedenen Zeitschriften zu veröffentlichen. Im März 1920 lernte er Ophélia Queiroz kennen, die einzige Frau, zu der er eine (keusche) Liebesbeziehung hatte, trennte sich jedoch bereits im November wieder von ihr. Später nahm er diese Beziehung noch einmal auf, brach sie aber nach noch kürzerer Dauer 1931 endgültig ab. 1921 gründete er zusammen mit zwei Freunden den Verlag Olisipo, publizierte dort neben eigenen Werken Arbeiten von António Botto und Raul Leal und provozierte mit diesen Publikationen einen Skandal, der 1922 zur Beschlagnahme der beiden Werke und zum Zusammenbruch des Unternehmens führte.
In der ersten Nummer der Zeitschrift Contemporânea erschien P.s Erzählung O banqueiro anarquista (1922; Ein anarchistischer Bankier, 1988). In Contemporânea veröffentlichte er auch – auf französisch – Trois chansons mortes (1923; Drei tote Lieder), die jedoch von der französischen Kritik bis heute als nicht besonders gelungen eingestuft werden. Von Oktober 1924 bis Februar 1925 gab P. zusammen mit dem Maler Ruy Vaz die Zeitschrift Athena heraus, in der er unter anderem Apontamentos para uma estética não-aristotélica (1924; Aufzeichnungen zu einer nicht-aristotelischen Ästhetik) von de Campos und Gedichte von Reis herausbrachte. 1925 verstarb P.s Mutter, die 1920 mit seinen Halbgeschwistern nach Portugal zurückgekehrt war und zu der er eine besonders innige Beziehung hatte. 1927 wurde P. in Presença, der bedeutendsten portugiesischen Zeitschrift jener Epoche, als der Meister der neuen Generation bezeichnet; bald darauf begann er selbst in Presença zu schreiben. Nach der Ernennung des späteren Diktators Salazar zum Finanzminister schrieb P. das Pamphlet O interregno (1928; Das Interregnum), mit dem er eine Militärdiktatur in Portugal verteidigte, von dem er sich indessen später distanzierte; am 4. Februar 1935 verteidigte er mit seinem in der Tageszeitung Diário de Lisboa abgedruckten Artikel Associações secretas (Geheimbünde) die Freimaurer öffentlich gegen die Diktatur.
1929 erschien aus der Feder von João Gaspar Simões eine erste literaturkritische Arbeit über die Dichtung P.s. Der Dichter hatte sich schon seit Jahren, angeregt durch Übersetzungen theosophischer Texte, die man bei ihm in Auftrag gegeben hatte, mit okkultistischen Lehren beschäftigt und bezeichnete sich selbst als gnostischen Christen, treu der geheimen Überlieferung des Christentums, die enge Beziehungen zur heiligen Kabbala und zum okkulten Wesen der Freimaurerei unterhielt. Als Folge davon bekam er 1930 Besuch von Aleister Crowley, der sich auch die Bestie 666 des Order of the Golden Dawn nannte und auf geheimnisvolle Weise an der Boca do Inferno verschwand. 1932 bewarb sich P. aus Finanznot – vergeblich – um die Stelle des Konservators an der Museumsbibliothek Condes de Vastro Guimarães in Cascais. Das mit Unterstützung von Freunden veröffentlichte Buch Mensagem (1934; Botschaft, 1989) reichte er zu einem Wettbewerb des Nationalen Propagandasekretariats um den Antero-de-Quental-Preis ein, erhielt jedoch nur den zweiten Preis. In einer autobiographischen Notiz, die kurz vor seinem Tode entstand, führte er als seine Werke nur 35 Sonets (in englischer Sprache), English Poems I–III und Mensagem auf. Alles andere verschwieg er, weil er es entweder unter dem Namen eines seiner Heteronyme veröffentlicht hatte oder weil es noch in der berühmten »arca« (Truhe/Arche) in seinem Haus lag, deren Inhalt erst postum nach und nach publiziert wurde. Dazu gehören auch O livro do Desassossego und Fausto. Tragédia subjectiva (1988; Faust, 1990) – beides Werke, zu denen er sein ganzes Leben lang Fragmente schrieb, die er jedoch nie vollendete oder auch nur ordnete, so dass es keine von ihm autorisierte Fassung gibt.
In seinem Todesjahr erläuterte P. dem Kritiker Adolfo Casais Monteiro brieflich die Entstehung und Bedeutung seiner Heteronyme. Alberto Caeiro wurde von ihm als sein Meister sowie der seiner Heteronyme Álvaro de Campos und Ricardo Reis bezeichnet. P. nannte als sein Geburtsdatum den 16. April 1889 und ließ ihn bereits mit 26 Jahren an Tuberkulose sterben. Er sah ihn als den Begründer eines bukolischen Neuheidentums an und beschrieb ihn als Mann von mittlerem Wuchs, mattblondem Haar und blauen Augen, der menschenscheu, nachdenklich, zurückhaltend gewesen sei und ein unauffälliges Leben geführt habe. Sonderbar griechisch und von innen bestimmt sei er gewesen, legt er de Campos in den Mund. Caeiros Dichtung umfasst außer O Guardador dos rebanhos vor allem O Pastor amoroso (1946; Der verliebte Hirte). Sie ist kontemplativ und eben dadurch, dass Caeiro die Welt als solche akzeptierte, wurde er zum Meister der anderen. Ricardo Reis schuf P. als den ersten Schüler von Caeiro. Er wurde, wie P. sich ausdrückte, am 19. Januar 1914 um elf Uhr nachts in seiner Seele geboren – nach ausgedehnten Debatten über die Auswüchse der modernen Kunst, die P. am Vortag geführt hatte. Als Geburtsdatum gab er indessen den 19. September 1887 an, als Geburtsort Porto, und seine Erziehung ließ er in einer Jesuitenschule stattfinden. Reis wurde Arzt, aber es ist offen, ob er diesen Beruf je ausübte. P. nannte ihn einen überzeugten Monarchisten und ließ ihn infolgedessen aus Protest gegen die Ausrufung der Republik in Portugal nach Brasilien auswandern, wo er bis zu seinem Tode im Jahre 1935 geblieben sei. P. sah auch in ihm einen Neuheiden und schrieb ihm ein trauriges Epikureertum als Lebensphilosophie zu. Der heidnische Mensch solle die Stille suchen und sich von Anstrengung und nützlicher Tätigkeit enthalten, solange die Barbaren, als die er die Christen empfand, herrschten. Bezeichnend für Reis’ Werk sind die an Horaz erinnernden Oden. Álvaro de Campos war der zweite Schüler Caeiros. Er wurde nach P.s Darstellung am 15. Oktober 1890 in Tavira in Südportugal geboren. Von seinem Onkel, einem Priester, habe er Latein gelernt, später in Glasgow Schiffbau studiert, diesen Beruf aber nicht ausgeübt. Nach Lissabon zurückgekehrt, wo er am 30. November 1935 starb, führte er ein untätiges Leben. Er war ungestüm, leidenschaftlich und enthusiastisch. Er wurde von metaphysischen Ängsten geplagt und neigte einerseits zu Temperamentsausbrüchen, andererseits zu bitterer Ironie. Er bekannte sich sowohl zu Liebschaften mit zwei verschiedenen Frauen als auch zu homoerotischen Neigungen. In seinem Schaffen gibt es zwei verschiedene Phasen: Zur ersten, in der er unter dem Einfluss des italienischen Futurismus stand, gehören die zwischen 1914 und 1917 entstandenen großen Oden, vor allem die Ode triunfal (1915; Triumph-Ode), die Ode marítima (1915; Meeresode) und Opiário (1915; Opiumhöhle). Seine ekstatische Dichtung enthält für seine Zeit schockierende, anstößige Elemente. Ganz anders galt die zweite Phase eher einer Poesie des existentiellen Scheiterns – typisch dafür ist Tabacaria (1928; Tabakladen). Werkausgabe: Werke. 7 Bde. Zürich 1997.Kurt ScharfAus: Metzler Lexikon Weltliteratur. Herausgegeben von Axel Ruckaberle (ISBN 978-3-476-02093-2). © 2006 J. B. Metzler’sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH, Stuttgart