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Ich gehöre zu den Seelen, von denen die Frauen sagen, sie liebten sie, und die sie nie erkennen, wenn sie ihnen begegnen; zu den Seelen, die sie, selbst wenn sie sie erkennten, nicht erkennen würden. Ich leide an der Zartheit meiner Gefühle mit verächtlicher Aufmerksamkeit. Ich besitze all jene Eigenschaften, für die man romantische Dichter bewundert, ja selbst das Fehlen dieser Eigenschaften, das einen zum wahrhaft romantischen Dichter macht. In manchen Romanen finde ich mich (zum Teil) als Protagonist mehrerer Handlungen beschrieben; doch in meinem Leben wie in meiner Seele ist mir daran gelegen, nie Protagonist zu sein.
Ich habe keinerlei Vorstellung von mir selbst; nicht einmal eine Vorstellung, die auf der fehlenden Vorstellung von mir beruht. Ich bin ein Nomade des Bewußtseins meiner selbst. Beim ersten Hüten haben sich die Herden meines inneren Reichtums verlaufen.
Die einzige Tragödie ist, daß wir uns nicht als tragisch empfinden können. Ich habe meine Koexistenz mit der Welt immer deutlich wahrgenommen. Nie jedoch deutlich verspürt, daß ich mit ihr koexistieren müßte; deshalb bin ich nie ein normaler Mensch gewesen. Handeln heißt ruhen.
Alle Probleme sind unlösbar. Das Vorhandensein eines Problems setzt das Nichtvorhandensein einer Lösung voraus. Eine Tatsache suchen bedeutet, daß es keine Tatsache gibt. Denken heißt nicht existieren können.
Bisweilen verbringe ich Stunden auf dem Terreiro do Paço[18] , am Fluß, und sinne vergebens. Meine Unrast will mich beständig dieser Ruhe entreißen, und meine Trägheit hält mich beständig in ihr gefangen. In diesem Zustand körperlicher Erschöpfung, der nur so entfernt an Lust erinnert wie das Wispern des Windes an Stimmen, sinne ich nach über die ewige Unstillbarkeit meines unbestimmten Verlangens, über die beständige Unbeständigkeit meiner unerfüllbaren Sehnsüchte. Ich leide vor allem an dem Übel, leiden zu können. Mir fehlt etwas, nach dem mich nicht verlangt, und ich leide, weil dies nicht wirklich leiden ist.
Der Kai, der Nachmittag, der Meeresgeruch, alle fließen sie zusammen ein in die Komposition meiner tiefen Angst. Die Flöten unmöglicher Hirten könnten nicht lieblicher sein als ihr Fehlen hier, das mich genau an sie erinnert. Die fernen Idyllen an den Ufern kleiner Flüsse schmerzen mich in einer Stunde wie dieser, […]