Maximen



Feste, eindeutige Meinungen, Instinkte, Leidenschaften und einen zuverlässigen, erkennbaren Charakter haben – all dies macht aus unserer Seele schrecklicherweise etwas Reales, Materielles und Äußerliches. Ein wohliger, fließender Zustand der Unkenntnis aller Dinge und der eigenen Person ist der einzige Zustand, in dem es sich für einen Wissenden angemessen und herzerwärmend leben läßt.


Wer sich fortwährend zwischen sich selbst und die Dinge zu stellen vermag, hat die höchste Stufe der Weisheit und Umsicht erreicht.

Unsere Persönlichkeit sollte unergründbar sein, auch für uns selbst. Träumen wir also und beziehen uns ein in unsere Träume, damit wir uns keine Meinung über uns selbst bilden können.

Insbesondere aber sollten wir unsere Persönlichkeit vor einer Inbesitznahme durch andere schützen. Jedes fremde Interesse an uns ist eine beispiellose Taktlosigkeit. Wäre der banale Gruß »Wie geht es Ihnen?« für gewöhnlich nicht durch und durch unaufrichtig und hohl, wäre er unverzeihlich und geschmacklos.

Lieben heißt der Einsamkeit müde sein, mit anderen Worten, Liebe ist Feigheit, Verrat an uns selbst. (Somit ist es höchst wichtig, nicht zu lieben.)


Einen guten Rat geben heißt, der Fähigkeit zum Irrtum hohnsprechen, die Gott anderen gegeben hat. Im übrigen sollten wir einen Vorteil darin sehen, daß die anderen anders handeln als wir. Es ist nur sinnvoll, andere um Rat zu fragen, um – indem wir genau entgegengesetzt handeln – sicher zu sein, daß wir ganz wir selbst sind, in völligem Mißklang mit allem Anderssein.


Der einzige Vorteil des Lernens liegt in der Freude über all das von anderen nicht Gesagte.


Kunst ist Einsamkeit. Jeder Künstler sollte versuchen, anderen zur Einsamkeit zu verhelfen, in ihren Seelen den Wunsch nach Alleinsein zu wecken. Der höchste Triumph für einen Dichter ist, wenn die Leser seine Werke lieber besitzen als lesen. Solches widerfährt berühmten Dichtern zwar nicht zwangsläufig, doch ist es der höchste Tribut […]


Klar sehen heißt uneins sein mit sich selbst. Der richtige Geisteszustand für die nach innen gerichtete Beobachtung ist der […], den man beim Beobachten der eigenen Nerven und Unschlüssigkeiten empfindet.


Die einzige eines überlegenen Menschen würdige Geisteshaltung ist ein ruhiges, kaltes Mitgefühl für alles, was nicht er selbst ist. Zwar ist diese Haltung nicht im geringsten berechtigt und richtig, doch immerhin so beneidenswert, daß man sie unbedingt einnehmen sollte.


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