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3. 3. 1931


Viele haben den Menschen definiert, zumeist im Vergleich zum Tier. Daher beinhalten Definitionen des Menschen häufig Sätze wie »Der Mensch ist ein Tier …«, begleitet von einem Adjektiv, oder »Der Mensch ist ein Tier, das …«, und man sagt uns welches. »Der Mensch ist ein krankes Tier«, sagte Rousseau, was teils stimmt. »Der Mensch ist ein mit Vernunft begabtes Tier«, sagt die Kirche, was teils stimmt. »Der Mensch ist ein Tier, das Werkzeuge benutzt«, sagt Carlyle, was ebenfalls zum Teil stimmt. Doch diese und ähnliche Definitionen sind immer unzulänglich und nicht ganz treffend. Aus einem einfachen Grund: es ist nicht leicht, den Menschen vom Tier zu unterscheiden, es gibt kein sicheres Kriterium. Menschliches wie tierisches Leben vollzieht sich gleichermaßen unbewußt. Die gleichen grundlegenden Gesetze, die von außen die Instinkte des Tieres steuern, steuern – ebenfalls von außen – die Intelligenz des Menschen, die nicht mehr zu sein scheint als ein sich entwickelnder Instinkt, so unbewußt wie jeder Instinkt, doch weniger vollkommen, da er noch nicht voll entwickelt ist.

»Alles rührt von der Unvernunft«, heißt es in der Griechischen Anthologie. Und in der Tat, alles rührt von der Unvernunft. Mit Ausnahme der Mathematik, die nur mit toten Zahlen und leeren Formeln zu tun hat und daher vollkommen logisch sein kann, ist die übrige Wissenschaft nur ein Kinderspiel in der Dämmerung, ein Versuch, die Schatten von Vögeln einzufangen und die im Wind wehenden Gräser stillstehen zu lassen.

Seltsamerweise ist es zwar schwer, den Unterschied zwischen Mensch und Tier klar zu definieren, nicht aber, zwischen einem überlegenen und einem gewöhnlichen Menschen zu unterscheiden.

Nie habe ich einen Satz des Biologen Haeckel[29] vergessen, den ich in der Kindheit meiner Intelligenz las, der Zeit populärwissenschaftlicher Werke und von Schriften gegen die Religion. Der Satz besagt mehr oder weniger, daß der überlegene Mensch (ein Kant oder ein Goethe, wenn ich mich recht entsinne) vom gewöhnlichen Menschen sehr viel weiter entfernt ist als der gewöhnliche Mensch vom Affen. Ich habe diesen Satz nie vergessen, denn er ist wahr. Zwischen mir, der ich nur wenig bin in den Reihen der Denkenden, und einem Bauern aus dem Lissabonner Hinterland besteht ohne Zweifel ein größerer Unterschied als zwischen dem Bauern und, ich sage nicht einmal einem Affen, sondern einer Katze oder einem Hund. Keiner von uns, angefangen von der Katze bis hin zu mir, lebt tatsächlich das Leben, das ihm auferlegt, oder das Schicksal, das ihm bestimmt ist; wir alle stammen gleichermaßen von etwas anderem ab, sind schattenhafte Gesten eines anderen, verkörperte Wirkungen, fühlende Folgen. Doch zwischen mir und dem Bauern gibt es einen Qualitätsunterschied, zurückzuführen auf die Existenz abstrakten Denkens in mir und uneigennützige Gefühle; zwischen ihm und der Katze hingegen besteht in geistiger Hinsicht nur ein gradueller Unterschied.

Der überlegene Mensch unterscheidet sich vom niederen Menschen und den ihm verschwisterten Tier schlicht durch das Merkmal der Ironie. Die Ironie ist das erste Anzeichen dafür, daß unser Bewußtsein bewußt geworden ist und zwei Stadien durchläuft: das durch Sokrates geprägte Stadium, als er sagte: »Ich weiß, daß ich nichts weiß«, und das durch Sanches[30] geprägte Stadium, als er sagte: »Ich weiß nicht einmal, ob ich nichts weiß.« Während des ersten Stadiums zweifeln wir dogmatisch an uns selbst, und an diesen Punkt gelangt jeder überlegene Mensch. Während des zweiten Stadiums zweifeln wir nicht nur an uns selbst, sondern auch an unserem Zweifel, und an diesen Punkt sind nur wenige gelangt in dieser kurzen und schon so langen Zeitspanne, während der wir, die Menschheit, Sonne und Nacht an der vielfältigen Oberfläche der Erde gesehen haben.

Sich kennen heißt sich irren, und das Orakel, das da sagte: »Erkenne dich selbst!«, hat dem Menschen eine schwierigere Aufgabe zugewiesen als die des Herkules und ein schwärzeres Rätsel aufgegeben als das der Sphinx. Sich bewußt nicht kennen – das ist der Weg! Und sich gewissenhaft nicht kennen ist praktische Ironie. Ich kenne nichts Größeres, nichts, was einem wahrhaft großen Menschen besser anstünde, als unser Uns-nicht-Kennen geduldig und ausdrucksstark zu analysieren und die Unbewußtheit unseres Bewußtseins bewußt aufzuzeichnen, die Metaphysik der autonomen Schatten, die Poesie des Dämmerlichts der Ent-Täuschung.

Doch immer wieder täuscht uns etwas, verliert eine Analyse an Schärfe, wartet die – wenn auch falsche – Wahrheit hinter der nächsten Straßenecke. Und dies ermüdet mehr als das Leben, sofern es denn ermüdet, und mehr als alles Erkennen und Betrachten des Lebens, das uns immer ermüdet.

Ich stehe auf von dem Tisch, an dem ich mir diese ungeordneten Eindrücke in Gedanken erzählt habe. Ich erhebe mich, stütze meinen Körper auf sich selbst und trete ans Fenster, höher als die umliegenden Dächer, und unter mir die Stadt, die in der langsam beginnenden Stille schlafen geht. Der große, weißweiße Mond erhellt traurig das vielfältig terrassierte Häusermeer. Es ist, als beleuchte sein Licht eisig das Geheimnis der Welt. Es scheint alles zu zeigen: und alles ist Schatten, hie und da ein Einsprengsel von Licht, falsche, uneben absurde Zwischenräume, Ungereimtheiten des Sichtbaren. Nicht ein Windhauch, und das Geheimnis scheint größer. Mein abstraktes Denken ekelt mich. Nie werde ich eine Seite schreiben, die mich oder was auch immer erkennen läßt. Eine leichte Wolke schwebt verschwommen über dem Mond, als wolle sie etwas bedecken. Wie diese Dächer weiß ich nichts. Ich bin gescheitert wie die ganze Natur.


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