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2. 2. 1931
Je höher ein Mensch aufsteigt, desto mehr muß er sich versagen. Auf dem Gipfel ist Platz nur für ihn allein. Je vollkommener er ist, desto mehr ist er er selbst; und je mehr er er selbst ist, desto weniger ist er ein anderer.
Diese Gedanken kamen mir, nachdem ich in einer Zeitung einen Artikel über das große vielfältige Leben eines berühmten Mannes gelesen hatte, eines amerikanischen Millionärs, der fast alles gewesen war. Was immer er erstrebt hatte, er hatte es erreicht – Geld, Liebschaften, Zuneigung, Hingabe, Reisen, Sammlungen. Geld vermag nicht alles, die persönliche Anziehungskraft hingegen, mittels derer man zu viel Geld kommen kann, vermag tatsächlich fast alles.
Als ich die Zeitung im Kaffeehaus auf den Tisch legte, dachte ich, daß der Handelsvertreter, den ich flüchtig kenne und der wie alle Tage auch heute hinten an einem Ecktisch zu Mittag ißt, innerhalb seiner Sphäre dasselbe von sich behaupten könnte. Alles, was der Millionär hatte, hat auch dieser Mann; in geringerem Maße, gewiß, doch seiner Statur entsprechend. Diese beiden Männer haben das gleiche erreicht, und auch in ihrem Bekanntheitsgrad stehen sie sich in nichts nach, denn auch hier sorgt das unterschiedliche Milieu für Gleichheit. Jeder auf der Welt kennt den Namen des amerikanischen Millionärs; aber auch in Lissabons Kaufmannschaft kennt jeder den Namen des Mannes, der hier zu Mittag ißt.
Diese Männer haben letztlich alles erreicht, was eine Hand erreichen kann, wenn man den Arm ausstreckt. Nur waren ihre Arme verschieden lang; in allem übrigen aber waren sie einander gleich. Ich habe es nie fertiggebracht, Menschen dieser Art zu beneiden. Ich war immer der Ansicht, es sei erstrebenswert, zu erreichen, was außerhalb jeder Reichweite liegt, zu leben, wo man nicht ist, und nach dem Tod lebendiger zu sein als im Leben, kurz, etwas Unmögliches zu erreichen, etwas Absurdes, die Wirklichkeit der Welt wie ein Hindernis überwinden zu können.
Sollte man mir je sagen, das Vergnügen fortzudauern, nachdem man aufgehört hat zu sein, sei null und nichtig, antwortete ich zuallererst, daß ich dies nicht weiß, da ich nicht wirklich weiß, wie es um das menschliche Überleben bestimmt ist; und als nächstes, daß die Freude am künftigen Ruhm eine gegenwärtige Freude ist, denn allein der Ruhm ist Zukunft. Zudem ist es eine stolze Freude, eine Freude, wie sie kein materieller Besitz zu schenken vermag. Dies mag illusorisch klingen, aber wie dem auch sei, diese Freude ist weit größer, als nur freudig zu genießen, was hier ist. Der amerikanische Millionär kann sich nicht vorstellen, daß die Nachwelt seine Gedichte würdigen wird, zumal er nicht eines geschrieben hat; der Lissabonner Handelsvertreter kann sich nicht vorstellen, daß die Nachwelt sich an seinen Bildern erbauen wird, da er nicht eines gemalt hat.
Ich hingegen, der ich in diesem Übergangsleben nichts bin, kann beim Lesen dieser Seite die Zukunft im voraus genießen, denn ich schreibe tatsächlich; ich kann auf meinen künftigen Ruhm stolz sein wie ein Vater auf seinen Sohn, denn zumindest habe ich etwas, womit ich ihn erlangen könnte. Und während ich dies denke und vom Tisch aufstehe, erhebe ich mich mit innerer Majestät und in meiner ganzen Größe unsichtbar über Detroit, Michigan und die gesamte Kaufmannschaft von Lissabon.
Doch ich muß feststellen, daß ich anfangs anderen Überlegungen nachhing. Anfangs dachte ich darüber nach, wie klein man im Leben sein muß, um zu überleben. Die eine Überlegung ist so gut wie die andere, beide laufen auf dasselbe hinaus. Der Ruhm ist kein Orden, sondern eine Münze; auf der einen Seite die Figur, auf der anderen die Wertangabe. Für höhere Werte gibt es keine Münzen, nur Papier, dessen Wert immer gering ist.
Mit dieser metaphysischen Psychologie trösten sich schlichte Geister wie ich.