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1. 12. 1931
Heute habe ich etwas Absurdes und dennoch Untrügliches wahrgenommen. Mich durchfuhr wie ein Blitz, daß ich niemand bin. Niemand, abolut niemand. Als der Blitz aufleuchtete, lag dort, wo ich eine Stadt vermutete, eine verlassene Ebene; und das düstere Licht, das mir mich zeigte, enthüllte mir keinen Himmel über ihr. Noch ehe die Welt war, nahm man mir die Möglichkeit zu sein. Wenn ich Mensch werden mußte, dann ohne mich, ohne mein Ich.
Ich bin die Umgebung einer inexistenten Stadt, der weitschweifige Kommentar zu einem nie geschriebenen Buch. Ich bin niemand, niemand. Ich vermag nicht zu fühlen, vermag nicht zu denken, vermag nicht zu wollen. Ich bin eine Figur aus einem noch zu schreibenden Roman, die vorüberweht, verstreut in alle Winde, ohne je gewesen zu sein, einer der Träume von jemandem, der mich nicht zu vollenden verstand.
Ich denke immer, fühle immer; doch mein Denken enthält keine Gedanken, mein Gefühlsleben keine Gefühle. Ich falle oben aus der Falltür durch den ganzen unendlichen Raum, in einem Sturz ohne Richtung, unendlichfach und leer. Meine Seele ist ein schwarzer Mahlstrom, ein weites Taumeln rings um die Leere, Bewegung eines endlosen Ozeans rund um ein Loch im Nichts, und in den Gewässern, die eher ein Kreisen als Gewässer sind, treiben die Bilder all dessen, was ich gesehen und gehört habe auf der Welt – strudeln Häuser, Gesichter, Bücher, Kisten, Spuren von Musik und Silben von Stimmen in einem düsteren, unauslotbaren Wirbel.
Und in all dem bin ich, wahrhaft ich, der Mittelpunkt, der einzig in der Geometrie des Abgrunds existiert: Ich bin das Nichts, umkreist um des Kreisens willen, und existiere nur, weil jeder Kreis einen Mittelpunkt besitzt. Ich, wahrhaft ich, bin der Brunnen ohne Wände – doch glitschig, wie Brunnenwände sind –, der Mittelpunkt von allem, umgeben von Nichts.
Er steckt in mir, nicht wie der lachende Dämon im Menschen, sondern das Gelächter der Hölle selbst, der krächzende Wahnsinn des toten Weltalls, der kreisende Leichnam des physischen Raumes, das Ende aller Welten, schwarz wehend im Wind, formlos, zeitlos, ohne einen Gott, der ihn schuf, ohne sich selbst und in finsterster Finsternis kreisend, unmöglich, einzigartig, alles.
Denken können! Fühlen können!
Meine Mutter starb sehr früh, und ich habe sie nicht kennengelernt …