91
15. 5. 1930
Ein kurzer Blick aufs freie Feld über eine Mauer am Stadtrand ist für mich befreiender als für einen anderen eine lange Reise. Jeder Blickpunkt ist die Spitze einer umgekehrten Pyramide mit unbestimmbarer Grundfläche.
Es gab eine Zeit, in der mich Dinge ärgerten, über die ich heute lächle. Dazu gehörte, und ich erlebe sie weiterhin täglich, die Beharrlichkeit, mit der im Alltag verwurzelte Tatmenschen Dichter und Künstler belächeln. Anders als unsere Zeitungsphilosophen glauben, tun sie dies nicht immer aus einem Gefühl der Überlegenheit heraus, sondern oftmals recht wohlmeinend. Doch stets so, als meinten sie es gut mit einem Kind, jemandem, der den Anforderungen des praktischen Lebens fremd gegenübersteht.
Dies ärgerte mich früher, da ich wie die Einfältigen annahm – und ich war einfältig –, das Belächeln derer, die sich mit Träumen und deren literarischer Umsetzung beschäftigten, entspränge einem Gefühl der Überlegenheit. Es ist aber nur ein Widerhall auf etwas anderes. Während ich dieses Lächeln früher als Beleidigung empfand, da ich es für einen Ausdruck von Überlegenheit hielt, sehe ich in ihm heute eher einen unbewußten Zweifel; so wie Erwachsene Kindern oftmals eine Geistesschärfe zuerkennen, die der ihren überlegen ist, so erkennen sie uns, die wir träumen und unsere Träume in Worte fassen, ein gewisses Anderssein zu, das sie jedoch mißtrauisch stimmt, da es sie befremdet. Ich glaube fast, daß die Intelligenteren dieser Zunft unsere Überlegenheit bisweilen durchaus wahrnehmen, dies dann aber mit einem überlegenen Lächeln vertuschen.
Unsere Überlegenheit besteht nicht in dem, was so viele Träumer für Überlegenheit schlechthin hielten. Der Träumer ist dem Tatmenschen nicht etwa überlegen, weil der Traum der Wirklichkeit überlegen wäre. Die Überlegenheit des Träumers besteht vielmehr darin, daß träumen praktischer ist als leben und er aus dem Leben einen viel umfassenderen und vielfältigeren Genuß zieht als der Tatmensch. Besser und genauer gesagt: der Träumer ist der eigentliche Tatmensch.
Da das Leben im wesentlichen ein geistiger Zustand ist und alles, was wir tun oder denken, die Gültigkeit besitzt, die wir ihm zugestehen, hängt die Wertung von uns ab. Der Träumer ist ein Verteiler von Banknoten, und die Banknoten, die er verteilt, laufen in der Stadt seines Geistes auf die gleiche Weise um wie die Banknoten der Wirklichkeit. Was kümmert es mich, daß, wenn es kein Gold gibt in der künstlichen Alchimie des Lebens, das Papiergeld meiner Seele nicht in Gold konvertierbar ist? Nach uns allen kommt die Sintflut, aber erst nach uns allen. Wohl denen, die erkennen, daß alles Fiktion ist, und ihren Roman schreiben, bevor ihn ein anderer für sie schreibt, und wie Machiavelli Hofstaat anlegen, um insgeheim schreiben zu können.