363



Wir können nicht lieben, mein Sohn. Die Liebe ist die fleischlichste aller Illusionen. Darum höre: Lieben heißt besitzen. Und was besitzt der Liebende? Einen Körper? Um ihn zu besitzen, müßten wir uns seine Substanz aneignen, ihn verschlingen, ihn uns einverleiben … Und wäre diese Unmöglichkeit möglich, wäre sie nicht von Dauer, denn unser Körper verändert sich und vergeht; ja, wir besitzen nicht einmal unseren eigenen Körper, einzig die Wahrnehmung, die wir von ihm haben, und besäßen wir den geliebten Körper, würde er unser, hörte auf, ein anderer zu sein, und daher verginge mit dem Vergehen des anderen auch die Liebe …

Besitzen wir die Seele? Höre und schweige: Nein, wir besitzen sie nicht. Nicht einmal unsere eigene Seele ist unser. Wie könnte man eine Seele auch besitzen? Zwischen zwei Seelen besteht eine tiefe Kluft: beide sind sie Seelen.

Was aber besitzen wir? Was? Was läßt uns lieben? Die Schönheit? Und besitzen wir sie, wenn wir lieben? Wenn wir einen Körper ganz und gar und besessen besitzen, was besitzen wir dann? Nicht den Körper, nicht seine Seele, ja, nicht einmal seine Schönheit. Wenn wir einen schönen Körper in Besitz nehmen, umfangen wir nicht seine Schönheit, wohl aber sein Fleisch, Zellgewebe und Fett; der Kuß berührt nicht die Schönheit des Mundes, wohl aber das feuchte Fleisch der Lippen, Schleim und Vergänglichkeit; der Koitus selbst ist ein schlichter Kontakt, ein Reiben, dicht an dicht, aber kein wirkliches Durchdringen, nicht einmal das eines Körpers durch einen anderen … Was also besitzen wir? Was?

Wenigstens unsere Gefühle? Ist wenigstens die Liebe ein Mittel, uns selbst zu besitzen in unseren Gefühlen? Ist wenigstens sie eine Möglichkeit, klarer und daher rühmlicher den Traum von unserer Existenz zu träumen? Zumindest aber bleibt uns, wenn das Gefühl erloschen ist, die unauslöschliche Erinnerung, und so besitzen wir wirklich …

Doch weit gefehlt! Nicht einmal unsere Gefühle besitzen wir. Nein, sage nichts! Die Erinnerung ist letzlich nur unser Gefühl für die Vergangenheit … Und jedes Gefühl ist eine Täuschung.

– Höre mich an, höre! Höre mich an, und schaue nicht aus dem Fenster hinüber auf das flache Ufer des Flusses, nicht in die Dämmerung […], nicht hin zum Pfeifen des Zuges, das durch die ferne Leere dringt […]. – Höre und schweige …

Wir besitzen unsere Gefühle nicht … Wir besitzen uns nicht in ihnen.


(Der Krug der Dämmerung gießt […] Öl aus über uns, in dem die Stunden wie Rosenblätter einzeln treiben.)


Загрузка...