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18. 9. 1917
In allen Bereichen des Lebens, in allen Situationen, wann immer ich mit anderen zusammen war, betrachteten mich alle stets als Eindringling. Zumindest als Fremden. Unter Verwandten wie unter Bekannten sah man in mir stets den Außenseiter. Ich sage nicht, daß dies auch nur ein einziges Mal bewußt geschah. Ich denke, es war stets eher eine spontane Reaktion der fremden Temperamente meiner Umgebung.
Alle behandelten mich immer und überall freundlich. Ich glaube, es gibt kaum jemanden, dem gegenüber so wenige je laut wurden, die Stirn runzelten oder Streit suchten. Doch die Freundlichkeit, die ich erfuhr, entbehrte stets der Zuneigung. Für jene, die mir von Natur aus am nächsten standen, war ich immer nur Gast und wurde als solcher gut behandelt, doch mit einer Aufmerksamkeit, wie man sie Fremden zuteil werden läßt, und jenem Mangel an Zuneigung, wie sie einem Eindringling gebührt.
Ich bezweifle nicht, daß dieses Verhalten meiner Mitmenschen zum Großteil auf obskure Weise mit meinem eigenen Verhalten zu tun hat. Vielleicht bin ich im Umgang mit anderen derart kühl, daß ich sie, ohne es zu wollen, veranlasse, über meine Gefühlskälte nachzudenken.
Ich bin jemand, der rasch Bekanntschaften schließt. Und so läßt die fremde Freundlichkeit nicht auf sich warten. Doch die Zuneigung bleibt aus. Hingabe habe ich nie erfahren. Daß man mich lieben könnte, hielt ich stets für ebenso unmöglich, wie von einem Fremden geduzt zu werden.
Ich weiß nicht, ob ich darunter leide oder es gleichgültig wie ein Schicksal hinnehme, das es weder zu erleiden noch hinzunehmen gilt.
Ich habe immer gefallen wollen. Es schmerzte mich immer, wenn man mir gegenüber gleichgültig blieb. Ein Waisenkind des Glücks, verlangt es mich wie alle Waisen, das Objekt der Zuneigung eines anderen Menschen zu sein. Ein Verlangen, ein Hunger, der nie gestillt wurde. Und ich habe mich so sehr an diesen unvermeidlichen Hunger gewöhnt, daß ich zuweilen nicht weiß, ob mich wirklich nach Nahrung verlangt.
Wie dem auch sei, das Leben schmerzt mich.
Andere haben jemanden, der ganz für sie da ist. Ich hatte nie jemanden, der auch nur im Traum daran gedacht hätte, ganz für mich dazusein. Anderen tut man alles: Mich behandelt man gut.
Ich weiß, ich vermag Achtung zu erregen, nicht aber Zuneigung. Unglücklicherweise habe ich nie etwas getan, das diese Achtung in den Augen derer, die sie anfänglich empfanden, rechtfertigen könnte, daher achten sie mich nie wirklich.
Bisweilen denke ich, Leid sei für mich eine Lust. Doch in Wahrheit hätte ich es gern anders.
Ich habe weder die Begabung zum Chef noch die zum Untergebenen. Ja, nicht einmal Talent zur satten Zufriedenheit, das, in Ermangelung anderer Talente, durchaus seinen Wert hat.
Andere, mit weniger Verstand als ich, sind stärker.
Sie richten ihr Leben besser ein unter den Menschen; sie verwalten ihre Intelligenz geschickter. Ich besitze alle Voraussetzungen, um Einfluß auszuüben, bis auf die Kunstfertigkeit, dies auch zu tun, und den Willen, es auch nur zu wollen.
Sollte ich je lieben, ich würde nicht wiedergeliebt.
Ich muß nur etwas wollen, und schon ist es todgeweiht. Mein Schicksal jedoch hat im allgemeinen keinerlei tödliche Kraft, wohl aber die Schwäche, in allem, was mich betrifft, tödlich zu sein.