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15. 9. 1931
Wolken … Heute erlebe ich den Himmel mit Bewußtsein, es gibt Tage, an denen ich ihn nur fühle und nicht betrachte, da ich in der Stadt lebe und nicht in der Natur, die sie einschließt. Wolken … Sie sind heute für mich das Wesentliche der Wirklichkeit und beschäftigen mich so, als ob das Überwachen des Himmels eine der großen Sorgen meines Schicksals sei. Wolken … Sie ziehen von der Flußmündung hin zum Kastell, von West nach Ost, in zerstreutem, nacktem Tumult. Zuweilen erscheinen sie weiß, wenn sie zerfetzt die Vorhut von etwas Unbekanntem bilden; andere, langsamere sind fast schwarz, wenn der hörbare Wind sie mit Verzögerung hinwegfegt; finster und schmutzigweiß, wenn sie, als wollten sie bleiben, eher mit ihrem Aufkommen als mit ihrem Schatten den falschen Raum verdunkeln, den die Straßen zwischen den geschlossenen Häuserreihen öffnen.
Wolken … Ich existiere, ohne es zu wissen, und werde sterben, ohne es zu wollen. Ich bin der Raum zwischen dem, was ich bin, und dem, was ich nicht bin, zwischen dem, was ich träume, und dem, was das Leben aus mir gemacht hat, der abstrakte und körperliche Mittelwert zwischen Dingen, die nichts sind, da ich ebenfalls nichts bin. Wolken … Welche Unruhe, wenn ich fühle, welches Unbehagen, wenn ich denke, welche Zwecklosigkeit, wenn ich will! Wolken … Sie ziehen noch immer vorüber, manche so groß, daß die Häuser nicht erkennen lassen, ob sie nicht kleiner sind als sie scheinen; andere von unbestimmter Größe, vielleicht zwei zusammen oder eine, die sich zweiteilt, sinnlos in den Höhen des erschöpften Himmels; wieder andere, klein wie Spielzeuge mächtiger Dinge, ungleiche Kugeln eines absurden Spiels und jetzt zu nur einer Seite des Himmels hin, in kalter Isolation.
Wolken … Ich frage mich und kenne mich nicht. Was ich getan habe, war unnütz, und was ich tun werde, läßt sich nicht rechtfertigen. Den Teil des Lebens, den ich nicht mit konfusem Interpretieren nicht existenter Dinge vertan habe, habe ich mit dem Schreiben dieser Prosa vergeudet, dank derer ich mir ein unbekanntes Universum zu eigen mache. Ich bin mich leid, objektiv und subjektiv. Bin alles und alle leid. Wolken … Sie sind alles: sich auflösende Höhen, das einzig Wirkliche heute zwischen der nichtigen Erde und dem nicht existenten Himmel; nicht zu beschreibende Fetzen des Überdrusses, den ich ihnen aufzwinge; zu farblosen Drohungen verdichteter Nebel; schmutzige Wattebäusche eines wandlosen Krankenhauses. Wolken … Sie sind wie ich, ein zerstörter Übergang zwischen Himmel und Erde, einem unsichtbaren Impuls folgend, mit oder ohne Donner; weiß erhellend, schwarz verfinsternd; Fiktionen des Zwischenraums und der Abweichung, fern vom Lärm der Erde und doch ohne die Stille des Himmels. Wolken … Sie ziehen noch immer vorüber, ziehen immerzu vorüber, immer auf ewig; wickeln ihre fahlen Stränge auf und ab, treiben ihren falschen, zerrissenen Himmel wirr und weit auseinander.