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Sosehr ich von der Seele her auch Nachfahre der Romantiker bin, finde ich doch nur Friede bei der Lektüre der Klassiker. Ihre Knappheit, Ausdruck ihrer Klarheit, ist mir auf rätselhafte Weise Trost. Durch sie gewinne ich die heitere Vorstellung von einem allumfassenden Leben, das weite Räume betrachtet, ohne sie zu durchlaufen. Selbst die heidnischen Götter erholen sich dort von ihrem Mysterium.

Die übertrieben wißbegierige Analyse der Empfindungen – mitunter der Empfindungen, die wir zu haben glauben –, die Identifikation des Herzens mit der Landschaft, die anatomische Freilegung sämtlicher Nerven, der Gebrauch des Wunsches als Wille und des Strebens als Gedanke – diese Dinge sind mir allzu vertraut, als daß sie mir bei anderen etwas Neues bieten oder Ruhe verschaffen könnten. Wann immer ich sie fühle, wünschte ich, eben weil ich sie fühle, ich fühlte etwas anderes. Und wenn ich einen Klassiker lese, wird mir dieses andere gegeben.

Ich gestehe es unumwunden und ohne Scham … Keine Passage von Chateaubriand, kein Gesang von Lamartine – Texte, die mir so oft als Stimme dessen scheinen, was ich denke, Gesänge, die mir, scheint es, so oft vorgetragen werden, damit ich erkenne – können mich so in Verzückung versetzen und erbauen wie ein Stück Prosa von Vieira[13] oder die eine oder andere Ode eines unserer wenigen Klassiker, die Horaz treulich gefolgt sind.

Ich lese und bin befreit. Ich erlange Objektivität. Ich höre auf, ich zu sein, dieses vereinzelte Wesen. Und was ich lese, ist – anders als ein Anzug, den ich kaum beachte und der mich gelegentlich beengt – die große, überaus bemerkenswerte Klarheit der äußeren Welt, die Sonne, die alle sieht, der Mond, der die stille Erde mit Schatten sprenkelt, die weiten Räume, die im Meer enden, die schwarze Standfestigkeit der Bäume, deren Wipfel sich grün wiegen, der reglose Friede der Teiche auf den Gütern, die terrassierten Hänge mit ihren weinüberwachsenen Wegen.

Ich lese wie einer, der verzichtet. Und weil Krone und Königsmantel nie solche Größe ausstrahlen wie dann, wenn der scheidende König sie auf dem Boden zurückläßt, lege ich meine Trophäen des Überdrusses und des Traumes auf dem Mosaik meiner Vorzimmer ab und steige die Treppen empor, angetan nur mit dem Adel meines Blickes.

Ich lese wie einer, der vorübergeht. Und bei den Klassikern, den stillen, die schweigend leiden, fühle ich mich als geweihter Passant, bin gesalbter Pilger, grundloser Betrachter der zwecklosen Welt, Prinz des Großen Exils, der, als er fortging, dem letzten Bettler das größte Almosen seiner Untröstlichkeit gab.


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