236



Sich nichts unterwerfen, keinem Menschen, keiner Liebe, keiner Idee, jene distanzierte Unabhängigkeit wahren, die darin besteht, weder an die Wahrheit zu glauben, falls es sie denn gäbe, noch an den Nutzen, sie zu kennen – dies, scheint mir, ist die rechte Befindlichkeit für das geistige, innere Leben von Menschen, die nicht gedankenlos leben können. Angehören bedeutet Banalität. Ein Glaube, ein Ideal, eine Frau, eine Profession – all das heißt Zelle und Fessel. Sein heißt frei sein. Selbst Ehrgeiz ist, sofern wir uns seiner rühmen, eine Last; und wir wären kaum auf ihn stolz, begriffen wir, daß er eine Schnur ist, an der man uns zieht. Nein: keinerlei Bindung, auch nicht an uns selbst! Frei von uns selbst wie von anderen, kontemplativ ohne Ekstase, Denker ohne Schlußfolgerung und befreit von Gott, werden wir auf dem Gefängnishof jene wenigen Augenblicke der Verzückung erleben, die uns die Unachtsamkeit unserer Henker zugesteht. Morgen dann die Guillotine. Wenn nicht morgen, dann übermorgen. Führen wir also in der Sonne unsere Ruhe spazieren vor dem Ende, vergessen wir freiwillig alle Ziele und Zwecke. Die Sonne wird unsere glatten Stirnen vergolden, und der Wind wird frisch wehen für den, der die Hoffnung aufgibt.

Ich werfe meinen Federhalter auf den Schreibtisch, er rollt ungehindert über die Schräge zurück, an der ich arbeite.

Ich fühlte dies alles mit einem Mal. Und meine Freude äußert sich in dieser Geste des Zorns, den ich nicht empfinde.


Загрузка...